US-Truppen und Sowjetarmee in Deutschland - Müller, Christian Th.

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Über vier Jahrzehnte war die Präsenz amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte in Bundesrepublik und DDR fester Bestandteil der Alltags- und Lebenswelt. Systematische und vergleichende Untersuchungen zu diesem Aspekt der deutschen Zeitgeschichte fehlte

Produktbeschreibung
Über vier Jahrzehnte war die Präsenz amerikanischer und sowjetischer Streitkräfte in Bundesrepublik und DDR fester Bestandteil der Alltags- und Lebenswelt. Systematische und vergleichende Untersuchungen zu diesem Aspekt der deutschen Zeitgeschichte fehlte
  • Produktdetails
  • Krieg in der Geschichte (KRiG) Bd.70
  • Verlag: Schöningh
  • Seitenzahl: 397
  • Erscheinungstermin: September 2011
  • Deutsch
  • Abmessung: 239mm x 167mm x 32mm
  • Gewicht: 775g
  • ISBN-13: 9783506771933
  • ISBN-10: 3506771930
  • Artikelnr.: 33369204
Autorenporträt
Christian Th. Müller: Jahrgang 1970, Dr. phil., Wehrdienst als Unteroffizier auf Zeit in der NVA, Studium der Neueren und Neuesten Geschichte, Soziologie und Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin, Promotion an der Universität Potsdam, derzeit Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung. Fachveröffentlichungen.
Rezensionen
Besprechung von 02.04.2012
Mitleid mit den Rotarmisten
Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion als Besatzungsmächte in Deutschland

Aus Feinden seien Freunde, aus Besatzern Verbündete geworden. So lauteten jedenfalls die offiziellen Begründungen dafür, warum sich auch 30 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges immer noch Soldaten der alliierten Siegermächte auf deutschem Territorium aufhielten. In Westdeutschland wurden die Vereinigten Staaten als Schutzmacht der freien Welt und ihre Truppen als Helfer, nicht als Besatzer wahrgenommen. In der DDR mussten die Armeen der Sowjetunion als Befreier und nicht als Eroberer gesehen werden. Die Bundesrepublik war ein demokratischer Staat, der die freie Meinungsäußerung seiner Bürger garantierte, die DDR eine Diktatur, in der nicht gesagt werden konnte, was man über die Sowjetunion gern gesagt hätte.

Was also könnte bei einem Vergleich, der die Erfahrungen mit den Soldaten der Siegermächte in Ost und West kontrastiert, anderes herauskommen als Bekanntes und Eindeutiges? Dass nämlich Amerikaner als Freunde, Russen aber nur als Zumutung empfunden worden seien? Christian Müller blickt auf den Alltag amerikanischer und sowjetischer Soldaten fernab ihrer Heimat und beschreibt, wie Deutsche in Ost und West auf sie reagierten. Welches Image hatten die Soldaten, welche Beziehungen unterhielten sie zu den Einwohnern ihrer Garnisonsstädte? Und welche Bedeutung hatte die offizielle Freundschaftspropaganda für die Akzeptanz der Fremden?

Die Anwesenheit amerikanischer Truppen war für die meisten Westdeutschen in den fünfziger und sechziger Jahren nicht nur eine Folge der Niederlage im Zweiten Weltkrieg. Sie wurde als Versicherung und Schutz vor Bedrohung wahrgenommen. Amerikaner waren Repräsentanten eines neuen Lebensstils, Botschafter des Überflusses in einem Land, in dem unmittelbar nach dem Ende des Krieges noch der Mangel verwaltet wurden. Zehntausende Deutsche fanden Arbeit in den Militäranlagen der US-Armee, erhielten privilegierten Zugang zu begehrten Gütern, gerieten in Kontakt mit einer Lebenswelt, die sie nicht kannten. Müller erwähnt auch die Schattenseiten dieser Begegnung: die Arroganz der Besatzer, die sich über die Rechtsordnung hinwegsetzten, deren Panzer Straßen und Äcker ruinierten, deren Offiziere den deutschen Behörden zu verstehen gaben, dass für sie nicht galt, woran sich jeder Bundesbürger zu halten hatte.

Überall, wo junge Männer für längere Zeit Befehlen gehorchen und auf dichtem Raum miteinander auskommen müssen, kommt es zu Konflikten. So war es auch in den Städten, in denen das US-Militär seine Basen eingerichtet hatte. Am Beispiel Bambergs zeigt Müller, dass Soldaten vor allem dann sichtbar wurden, wenn sie Bordelle und Kneipen besuchten, wenn es zu Prügeleien, Vergewaltigungen oder Verstößen gegen die Verkehrsordnung kam. Die deutsche Polizei durfte nicht eingreifen, musste die Strafverfolgung den amerikanischen Militärbehörden überlassen. Man könnte auch sagen, dass die Bevölkerung Soldaten nur dann wahrnahm, wenn sie ihre Kasernen und Militärsiedlungen verließen.

Anfangs kamen vor allem solche Soldaten nach Westdeutschland, die ihren Wehrdienst ableisten mussten. Die Deutschen lernten Amerikaner aus allen sozialen Schichten und Regionen der Vereinigten Staaten kennen. Und sie wurden mit Menschen konfrontiert, die das Militär nach ihrem Wehrdienst wieder verließen. Aber zu Beginn der siebziger Jahre veränderte sich das Bild von der US-Armee in der Bundesrepublik. Nun kamen vor allem Berufssoldaten aus den Unterschichten, die nur wenig mit dem Land verband, in dem sie ihren Dienst verrichteten. Aus reichen Besatzern wurden arme Freunde, und als der Protest gegen den Vietnam-Krieg seinen Höhepunkt erreichte, verlor die US-Armee Legitimation und Ansehen. Dennoch gehört auch zur Wahrheit, dass deutsche Behörden die amerikanische Armee kritisieren, die deutsche Bevölkerung gegen sie demonstrieren konnte. Niemand sah darin eine tiefe Krise des bilateralen Verhältnisses.

Auch in der DDR sollten die Besatzer Freunde werden, jedenfalls konnte man in der Öffentlichkeit über die sowjetische Armee nur im Modus der Freundschaftspropaganda sprechen. Die Rote Armee aber stand in schlechtem Ruf. Denn jedermann erinnerte sich an die Greueltaten ihrer Soldaten in den letzten Monaten des Weltkrieges. Allein in Berlin waren 100 000 deutsche Frauen vergewaltigt worden. Über diese Wahrheit durfte man nicht sprechen, weil sie der Rhetorik der Befreiung widersprach. Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen - diese Parole war in der DDR überall zu hören. Aber jedermann konnte sehen, dass die sowjetischen Soldaten aus dem Armenhaus kamen, dessen autoritäre Ordnung und konservative Kultur keine Ausstrahlungskraft besaßen.

Jenseits öffentlicher Veranstaltungen gab es nur wenige Gelegenheiten für zwischenmenschliche Kontakte. Denn die Kasernen wurden hermetisch abgeriegelt, und Rekruten durften sie nur in Begleitung von Offizieren verlassen. Es sprach sich herum, dass Soldaten von ihren Vorgesetzten schikaniert und brutalen Disziplinierungsmaßnahmen unterworfen, dass Deserteure auf unmenschliche Weise bestraft wurden. Die Rote Armee war ein großes Gefängnis, in dem Soldaten auf Zeit eingesperrt wurden. Man habe sie nicht gefürchtet, schreibt Müller, sondern bemitleidet. Denn eine Armee, deren Soldaten Gemüse anbauten, Lebensmittel gegen Benzin tauschten und Waffen verkauften, konnte kein Repräsentant einer überlegenen Gesellschaftsordnung sein. Was kann man aus der vergleichenden Untersuchung lernen? Nichts, was man nicht erwartet hätte. Wer den Alltag fremder Soldaten in Friedenszeiten untersucht, erfährt wenig darüber, wie West- und Ostdeutsche die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion sahen. Denn die Soldaten verbrachten Dienst und Freizeit unter ihresgleichen. Das Militär ist eine Institution mit eigenen Regeln und Traditionen. Deshalb darf man sich über die Distanz zwischen Kaserne und ziviler Öffentlichkeit nicht wundern. Ob aus Besatzern Freunde wurden? Was wäre geschehen, wenn es nur das Militär, nicht aber Elvis Presley, Coca-Cola und Hollywood gegeben hätte? Die Antwort liegt auf der Hand. Selbst über die Sowjetunion ließe sich auch Zustimmendes sagen, wenn man sie aus der Perspektive von Wissenschaftlern, Musikern oder Touristen beschriebe.

JÖRG BABEROWSKI

Christian Th. Müller: US-Truppen und Sowjetarmee in Deutschland. Erfahrungen, Beziehungen, Konflikte im Vergleich. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2011. 400 S., 48,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nichts Neues, weder im Westen noch im Osten, so ließe sich Jörg Baberowskis Urteil zu dem Buch von Christian Th. Müller resümieren, das west- und ostdeutsche Erfahrungen mit den Soldaten der Siegermächte miteinander vergleicht. Müllers Blick auf den Alltag der Soldaten, die Reaktionen der Bevölkerung, auf Image und Propaganda und die Beziehungen zwischen den beiden Seiten, der auch die Schattenseiten nicht ausspart, bringt dem Rezensenten keine neuen Erkenntnisse. Die konstatierte Distanz etwa erscheint ihm erwartungsgemäß.

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