Nietzsche - Heidegger, Martin
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"Weil es Heidegger in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche um den Austrag der Frage nach dem Sein geht", so Otto Pöggeler, "muß er auf all das verzichten, was bisher im Vordergrund der Zuwendung zu Nietzsche gestanden hat: auf das Sichanregen- und Aufrüttelnlassen, auf die Schärfung des Blickes für psychologische und moralische Phänomene, auf die Kulturkritik und Kulturpropaganda, auf den Weltanschauungskampf mit, gegen und um Nietzsche."
Die Bände geben die zahlreichen handschriftlichen Randbemerkungen und Querverweise in Heideggers Handexemplar der Ausgabe von 1961 in Fußnoten wieder und sind somit auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand.
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Produktbeschreibung
"Weil es Heidegger in seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche um den Austrag der Frage nach dem Sein geht", so Otto Pöggeler, "muß er auf all das verzichten, was bisher im Vordergrund der Zuwendung zu Nietzsche gestanden hat: auf das Sichanregen- und Aufrüttelnlassen, auf die Schärfung des Blickes für psychologische und moralische Phänomene, auf die Kulturkritik und Kulturpropaganda, auf den Weltanschauungskampf mit, gegen und um Nietzsche."

Die Bände geben die zahlreichen handschriftlichen Randbemerkungen und Querverweise in Heideggers Handexemplar der Ausgabe von 1961 in Fußnoten wieder und sind somit auf dem neuesten wissenschaftlichen Stand.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klett-Cotta
  • 8. Aufl.
  • Seitenzahl: 1154
  • Erscheinungstermin: Dezember 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 144mm x 77mm
  • Gewicht: 1275g
  • ISBN-13: 9783608910865
  • ISBN-10: 3608910867
  • Artikelnr.: 00241312
Autorenporträt
Martin Heidegger (1889-1976) gilt neben Ludwig Wittgenstein als der einflußreichste und bedeutendste Philosoph des 20. Jahrhunderts.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 21.08.2004

Unwille gegenüber dem Ausweglosen
Er kommt von Nietzsche nicht los, er liest mit bohrender Intensität, es macht ihn nervös: Was sucht Martin Heidegger da eigentlich?
Mit der Moderne kommt ein neuer Typ des Philosophen auf: der des Erkunders von Möglichkeiten. Das hat mit dem Wesen der Moderne selbst zu tun: Eine Zeit, deren Grundzug Veränderung und Beschleunigung ist, hat ihre Orientierung auf die Zukunft gestellt; um zu wissen, was ist, muss man wissen, wie es werden kann. Statt nach dem Vorbild der Tradition auf das Immerwährende zu schauen, geht es nun um den Versuch einer Erkundung der bevorstehenden Zeit. Das wiederum prägt auch den Blick auf das Vergangene. Wenn alles sich ändert, und der Boden, auf dem man zuvor stand, sich als unbegehbar erweist, wird das Vergangene zu einer abgeschlossenen Epoche. Es ist das Depot der Unmöglichkeiten, das Arsenal von Lebens- und Verständnisformen, die nicht mehr die unseren sind.
Das Urbild des philosophischen Erkunders von Möglichkeiten ist Nietzsche. Wie kein anderer vor ihm ist er von der Überzeugung bestimmt, in der Schwebe von Nichtmehr und Nochnicht zu denken und dabei die Zukunft des Denkens und Lebens erforschen zu müssen. Sein Denken ist experimentierend: Gedanken werden erprobt, in ihren Konsequenzen und in ihrer Tragweite verfolgt, damit sie sich klären. Die Überzeugung, dass Philosophie in diesem Sinne Versuch und Versuchung sei, hat Nietzsche ausgelebt und durchlitten; er hat sie in Texten von wunderbarer Transparenz ausgemünzt und manchmal auch zur gedanklichen Pose vereinfacht. Und er hat sie zu einem Grundmuster für die Kunst und Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts ausgeprägt. In vielen seiner künstlerischen Einsichten und Lösungen, aber auch seiner Exaltiertheiten ist dieses das Jahrhundert Nietzsches gewesen.
Für die Philosophie war das anders. Nietzsche galt als Randfigur; mit dem Etikett des „Dichterphilosophen” hielt man ihn aus dem akademisch Zulässigen heraus. Erst Martin Heidegger hat Nietzsche aus dieser Rolle befreit und seine philosophische Bedeutung für die Moderne erkannt. Heidegger hat Nietzsche ins Zentrum der akademischen Philosophie geholt und ihm die Würde des Klassikers gegeben; dass man Nietzsche heute in einer Reihe mit Descartes, Leibniz, Kant und Hegel nennen kann, geht auf Heidegger zurück.
Allerdings ist Heideggers klarer Blick für Nietzsches Bedeutung nicht der des neutralen Forschers oder des philosophischen Zeithistorikers gewesen. Was Heideggers Blick auf Nietzsche schärft, ist vielmehr die als problematisch, ja als quälend erfahrene Nähe. Zwar ist Heidegger, anders als der philosophische Autodidakt und Quereinsteiger Nietzsche, ein gründlich ausgebildeter und auf methodische Strenge haltender Philosoph. Aber ein vom Zukünftigen faszinierterDenker ist auch er: einer, der, Aristoteles und Kant zugleich überbietend, mit „Sein und Zeit” (1927) die philosophische Tradition neu zu begründen unternahm und auch später, als er die Unrealisierbarkeit dieses Versuchs einsah, nicht vom Gedanken eines neuen Anfangs jenseits der Tradition loskam.
Dennoch ist Nietzsche für Heidegger kein Vorbild. Er wendet sich ihm zu, um von ihm loszukommen. Allein damit, so glaubt Heidegger, wird er Nietzsche gerecht. Nietzsche wollte über die Tradition hinaus, und also entspreche es ihm, auch über ihn hinaus zu wollen: „Was nützen dicke Bücher ‚über‘ ihn, wenn keiner begreift, dass er sich als Übergang wusste und dass es gilt, mit ihm den Übergang zu vollziehen, d. h. nicht bei ihm als Gegenstand stehen zu bleiben oder gar ihn als Erfüllung zu nehmen und sich bei ihm zu beruhigen.”
So notiert sich Heidegger im Zusammenhang der Arbeit an einer Vorlesung, die er im Sommer 1937 gehalten hat. Es war die Zeit seiner intensivsten Auseinandersetzung mit Nietzsche. Die erste Vorlesung, die ihm gewidmet ist, war ein Semester vorher gewesen, die Vorlesung des letzen Kriegsjahrs, vorzeitig beendet, geht auf Nietzsche ein. Im vorletzten Kriegssemester, Sommer 1944, hatte Heidegger ein Seminar zu „Grundbegriffen des Denkens” gehalten, in dessen Zentrum wieder Nietzsche stand.
Diese Aufzeichnungen sind im Rahmen der Heidegger-Gesamtausgabe jetzt zusammen mit denen aus dem Sommer 1937 veröffentlicht worden. Wer Heideggers Vorlesungen studiert hat, erfährt hier kaum Neues. Doch immer wieder gibt es in den Aufzeichnungen Schlaglichter, genaue Beobachtungen zum Text, Zusammenraffungen im Netz der Begriffe. Und durchweg ist an den Aufzeichnungen - mehr noch als an den Vorlesungen - zu sehen, mit welch bohrender Intensität Heidegger die Texte Nietzsches gelesen hat. Man sieht, wie Heidegger von diesen Texten nicht loskommt; immer wieder, als ob er es nicht oft genug aufschreiben könnte, werden die Befangenheiten Nietzsches, die Grenzen seines Fragens und Denkens festgehalten. Dabei ist der Duktus nicht selten nervös und unwillig.
Es ist Unwille gegenüber dem Ausweglosen: In Nietzsches Denken konzentriert sich für Heidegger die Aporie der Moderne: ihr permanenter Traditionsbruch und ihre Unfähigkeit, sich aus der Tradition zu befreien. Das Neue, das die Moderne will, erreicht sie, wie Heidegger denkt, nur, indem sie sich vom Überkommenen abstößt und darin an es gebunden bleibt. Entsprechend verharrt Nietzsche als Repräsentant der Moderne „in der Haltung des Umkehrers”, und eben dadurch muss er „trotz allem zu tiefst abhängig werden; er ist re-aktiv in einem äußersten Sinne gerade in der Betonung der Aktion - im Sinne des schaffenden Lebens”. Dass Abhängigkeit die Rückseite verabsolutierter Freiheit ist, wird für Heidegger bei Nietzsche offenbar.
Die eigentlichen Dichter
Die Einsicht ist für Heidegger schmerzlich,weil er sie auch auf sich selbst beziehen kann. In Nietzsches programmatischem Aktivismus hat er das Grundmuster des eigenen revolutionären Programms vor Augen. Wie Nietzsche hatte Heidegger geglaubt, dass die Philosophen die „eigentlichen Dichter und Fortdichter” des Lebens sind, und die praktischen Menschen, statt eigenständig zu handeln, nur die philosophischen Sinn-Dramen aufführen - oder aufführen sollten. Im diesem Sinne hatte er die Möglichkeit einer philosophischen „Weltbildung” erwogen und deren Verbindlichkeit für die Politik im „Wissensdienst” festschreiben wollen. Aber das verpflichtete weniger die Politik auf die Philosophie, als es Philosophie an die Politik band.
Allerdings war die Euphorie des „Aufbruchs” von 1933 bei Heidegger schnell verflogen. Erst jetzt, indem er zur Besinnung kommt und verstehen will, was ihm geschehen war, tritt Nietzsche in sein Blickfeld. Die auf grenzenlose Steigerung angelegte Dynamik des „Willens zur Macht” erweist sich für Heidegger als Prinzip der Epoche; in Nietzsches Grundgedanken des „Lebens” sieht er die philosophische Fassung des später zur politischen Ideologie gewordenen Biologismus. Und wie den ebenfalls jüngst veröffentlichten Notizen Heideggers zu Ernst Jüngers Großessay „Der Arbeiter” (1932) zu entnehmen ist, versteht Heidegger auch den technisch-wissenschaftlichen Expansionsdrang der Moderne, ihre Tendenz zum Totalitären und zur technischen Funktionalisierung all dessen, was ist, als eine Ausprägung des Willens zur Macht. In Nietzsches Denken spricht sich für ihn das problematische Wesen der Moderne aus. Heidegger spricht über Nietzsche und meint die eigene Gegenwart, also auch sich, sofern er in dieser Gegenwart befangen war.
Nicht zuletzt darum ist Heideggers Bild von Nietzsche äußerst einseitig. Dass Nietzsches Gegenwartsskepsis ebenso ausgeprägt war wie die seines späteren Lesers, kommt bei diesem nicht vor. Auch für Nietzsches analytische Klarheit und für seine Beschreibungskraft hat Heidegger wenig Sinn; über Nietzsches moralkritische Beobachtungen, seine psychologischen Subtilitäten liest er hinweg. Überhaupt entgeht ihm, dass es Nietzsche im Denken mehr um die „Kunst der Nuance” als um die große Linie zu tun war; der genaue Blick auf die Phänomene in ihrer Vieldeutigkeit war ihm wichtiger als die allgemeine Geltung der Begriffe. Dieser Nietzsche, den Philosophen wie Gilles Deleuze oder Michel Foucault entdecken konnten, blieb Heidegger fremd. Sofern er für Heidegger überhaupt gegenwärtig wird, nennt er ihn „stillos”.
Was Heidegger bei seiner Nietzsche-Lektüre im Weg steht, ist seine eigene Stärke: der ausgeprägte Sinn für „metaphysische Grundstellungen”, für „Grundbegriffe” und „Grundprobleme” lässt ihn immer wieder nach dem inneren Schwerpunkt eines Denkens fragen, dem es nicht um Grundlegungen zu tun war, sondern das die Möglichkeit philosophischer „Lehren” gründlich bezweifelte. Dass Nietzsche mit seinem Helden Zarathustra einen philosophischen Verkünder erfand, um an ihm das Scheitern philosophischer Lehren zu zeigen, hat im Zusammenhang eines grundbegrifflichen und als Aufklärung von Grundbegriffen gemeinten Denkens wie dem Heideggers keinen Platz.
Ja, ja und nochmals ja
Doch Heideggers Nietzsche-Lektüre geht trotzdem nicht in die Irre. Seine Überlegungen erfassen zwar nur ein enges Spektrum von Nietzsches Denken, aber in diesem treffen sie genau. In seiner Auseinandersetzung mit Nietzsche deckt Heidegger die Grenzen des Versuchs auf, alles Leben vom Willen her zu erfassen. Selbst das Ja-Sagen zum vorgegebenen und derart unverfügbaren Leben, das Nietzsche sich gegen die Lebensverneinung Schopenhauers erkämpft hat, ist ihm nur als Wollen denkbar: Anzunehmen was ist, das kann für ihn nur heißen: es noch einmal, in alle Ewigkeit noch einmal zu wollen. Gegen diese voluntaristische Festlegung ist Heidegger skeptisch - wohl nicht zuletzt, weil ihm die Katrastrophenträchtigkeit eines ganz auf den Willen gestellten Lebens deutlicher geworden ist als sie Nietzsche je werden konnte. Heideggers Auseinandersetzung mit Nietzsche findet in dessen Zukunft statt; für sie ist wirklich geworden, was zuvor nur möglich und kaum ausdenkbar war. Die eingetretene Wirklichkeit stellt die früheren Texte in ein anderes Licht. Das Problem ist jetzt nicht mehr die Lebensverneinung, sondern das machtvolle, überwindende, sich selbst übersteigernde Auftrumpfen des Lebens.
Je klarer sich Heidegger darüber wird, desto deutlicher sieht er auch die paradoxe Schwierigkeit in seinem Verhältnis zu Nietzsche: das Denken der Überwindung kann selbst nicht überwunden werden; der Versuch, es zu überwinden, wäre nichts als seine Bestätigung. Aus dieser Paradoxie führt allein der Willensverzicht - nicht als Schicksalsglaube, sondern als Bereitschaft, etwas, das nicht gewollt wurde, da sein zu lassen. Allein so gibt es Zukunft: Offenheit für das Ankommende, Unvorhergesehene, das sich eigenen Wertungen nicht immer schon fügt. „Vielleicht”, so notiert Heidegger, „ist das Werten und die Wertsetzung ‚der Welt‘ ungemäß; vielleicht wird so das Wesen der Wahrheit und die Wahrheit der Welt überhaupt nicht gedacht und erlangt.” Vielleicht ergibt sich, was hier „Wahrheit” genannt wird, stattdessen so wie das Einleuchten eines Textes, dessen Sinn nicht hergestellt und dekretiert werden kann. Der Sinn ergibt sich; wenn es ihn gibt, ist er von selbst da. Das könnte auch für das Vergangene gelten, das dann gegenüber dem Zukünftigen nicht mehr das Unmögliche wäre. Vielleicht leuchtet es ein und fällt uns so wieder zu.
GÜNTER FIGAL
MARTIN HEIDEGGER: Nietzsche. Seminare 1937 und 1944. Gesamtausgabe Band 87, hg. von Peter von Ruckteschell. Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2004. 324 Seiten, 49 Euro.
Wenn du zum Weibe gehst, vergiss den karierten Janker nicht: Martin Heidegger als modebewusster Denker von eigenwilliger Eleganz: War das der „große Stil”, von dem Nietzsche träumte - oder die Uniform eines Arbeiters im Wissensdienst? Das Foto eines unbekannten Fotografen zeigt den Philosophen am Rand eines Feldwegs gegen Ende der dreißiger Jahre, um die Zeit der Nietzsche-Vorlesungen. Foto: Deutsches Literaturarchiv Marbach
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