Gesamtausgabe. 4 Abteilungen / Anmerkungen I-V - Heidegger, Martin
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Die "Anmerkungen I-V" entstanden zwischen 1942 und 1948 (der Band enthält auch jenes "Schwarze Heft", das bis vor Kurzem noch als verschollen galt). Wie schon in den "Überlegungen" (GA 94-96) bieten sie ein einzigartiges Feld verschiedener Gedanken und Einsichten, die zuletzt ein eindrucksvolles Gewebe des Denkens ergeben. Heideggers Gedanke einer Geschichte des Seins beginnt zu verblassen zu Gunsten eines beruhigten Denkens des "Gevierts". Dennoch setzen sich die in den "Überlegungen" auftauchenden problematischen Deutungen des Judentums im Rahmen des geistigen Untergangs der Deutschen fort.…mehr

Produktbeschreibung
Die "Anmerkungen I-V" entstanden zwischen 1942 und 1948 (der Band enthält auch jenes "Schwarze Heft", das bis vor Kurzem noch als verschollen galt). Wie schon in den "Überlegungen" (GA 94-96) bieten sie ein einzigartiges Feld verschiedener Gedanken und Einsichten, die zuletzt ein eindrucksvolles Gewebe des Denkens ergeben. Heideggers Gedanke einer Geschichte des Seins beginnt zu verblassen zu Gunsten eines beruhigten Denkens des "Gevierts". Dennoch setzen sich die in den "Überlegungen" auftauchenden problematischen Deutungen des Judentums im Rahmen des geistigen Untergangs der Deutschen fort. Die Nachkriegszeit wird als Selbstverrat des deutschen Auftrags, den "anderen Anfang" der Seinsgeschichte zu stiften, erfahren. Damit verbunden beginnt Heidegger, nicht nur das Scheitern seines universitätspolitischen Vorhabens 1933/34, sondern auch das 1946 ausgesprochene Lehrverbot zu verarbeiten. Die Aufzeichnungen erlauben einen bisher unbekannten Einblick in die schmerzhafte Neuorientierung des Denkers.
  • Produktdetails
  • Verlag: Klostermann
  • 1. Aufl.
  • Seitenzahl: 527
  • Erscheinungstermin: Februar 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 152mm x 38mm
  • Gewicht: 720g
  • ISBN-13: 9783465038696
  • ISBN-10: 346503869X
  • Artikelnr.: 41175310
Autorenporträt
Dr. phil. habil. Peter Trawny, geb. 1964 in Gelsenkirchen, lehrte zuletzt an den Universitäten Wuppertal, Wien und Shanghai. Er ist Mitherausgeber der Martin Heidegger-Gesamtausgabe und Autor einiger Bücher.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Rezensent Micha Brumlik lässt in seiner Kritik die krude Prosa Heideggers mehr oder weniger für sich sprechen. Ganz klar geht daraus hervor, dass Heidegger ein krasser Antisemit war, dass er aber das Christentum und die Demokratie mindestens ebenso verabscheute. Gleichzeitig macht Brumlik deutlich, dass Heidegger seine Begeisterung für die Nazis im nachhinein als misslich empfunden haben muss, denn in den Schwarzen Heften entwickelt der Philosoph Brumliks Auskunft nach vor allem Strategien, "seinen 'Irrtum' von 1933" als einen "nachsichtig zu behandelnden Schritt" darzustellen, etwa mit der Behauptung, die Deutschen seien nach dem Krieg Verfolgungen ausgesetzt, gegen die der Holocaust harmlos erscheine.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 21.03.2015
Denken am Frontverlauf
Martin Heideggers „Schwarze Hefte“ aus den Jahren 1942 bis 1948 zeigen, wie unbeirrt der Philosoph nach Kriegsende an seinen Überzeugungen festhielt
Dass alles Große im Sturm steht, das glaubte zeitlebens keiner besser als Martin Heidegger zu wissen. Als er seine Rektoratsrede 1933 in der Freiburger Universitätsaula mit diesen Worten schloss, durften sich die anwesenden Männer der „Sturmabteilung“ ebenso angesprochen fühlen wie die vorwärtsstürmende Jugend, der Heideggers besondere Fürsorge galt. Doch das Zitat aus Platons „Staat“ war in erster Linie eine Probe von Heideggers Esoterik: denn nicht nur das Dritte Reich war im Aufbruch, sondern auch der Philosoph.
  Deshalb mussten die alten Übersetzungen der jedem Schüler bekannten Stelle verschwinden: „Alles Große ist hinfällig bzw. gefährdet.“ Solche Sätze passten zur Weimarer Republik, aber nicht zu einem, der „auf einen Stern zugehen“ wollte. Heidegger nahm den Schwung aus dem Jahr 1933 mit. Zwar scheiterte sein Rektorat schon nach einem Jahr, doch die kalkulierte Gewalt, mit der er gegen die Tradition anging, um das Eigentliche freizulegen, entfaltete sich ungebremst. Der Durchbruch gelang dann 1936, von da an sprach er sich selbst nicht mehr als Philosoph, sondern als Denker an.
  Seit dem Frühjahr vergangenen Jahres liegt nun auch die tiefste Schicht von Heideggers Versuch vor, die gesamte abendländische Philosophie durch das, was er „Denken“ nannte, gewaltsam zu ersetzen. In vierzehn „Schwarzen Heften“ schrieb er zwischen 1931 und 1941 seine „Überlegungen“ nieder, die einerseits das Ende der bisherigen Philosophie verkündeten und andererseits einen „anderen Anfang“ beschworen (SZ vom 25. März 2014).
  Was die „Überlegungen“ in erster Linie auszeichnet, ist ihre exakte Verwobenheit mit dem, was Heidegger in seinen Veröffentlichungen, Vorlesungen und in umfangreichen Manuskripten ausgeführt hatte. Im ausdrücklichen Zusammenspiel mit den Notaten hatte er sich einen Rahmen geschaffen, in dem jedes Ereignis, jede Regung ohne Probleme ihren längst festgelegten Platz und ihre Bedeutung erhielten. Das bezog sich ebenso auf die Erfolge der Wehrmacht wie auf die beginnende Vernichtung der europäischen Juden. Die „Überlegungen“ folgten ungehemmt dem Frontverlauf, wenn auch schon damals klar war, dass die Geschehnisse noch ein Drama der alten Metaphysik aufführten. Erst wenn alles vorüber war, konnten „Besinnung“ und das „Denken“ möglich werden. Heidegger fühlte sich inmitten eines gigantischen Reinigungsprozesses, den es aus denkerischer Perspektive zu deuten galt. Im Sommer 1941 schloss Heidegger seine „Überlegungen“ daher mit einem wohlwohlenden Blick auf das „Russentum“ ab.
  Wer jetzt die neue Lieferung „Schwarzer Hefte“ mit dem Titel „Anmerkungen“ liest, sollte das im Hinterkopf haben, denn ansonsten droht hinter all den unsäglichen Bemerkungen, die sich auch jetzt wieder finden lassen, die eigentliche Intention Heideggers aus dem Blick zu geraten. Denn anders als die „Überlegungen“ folgen die neuen Aufzeichnungen aus den Jahren 1942 bis 1948 einem anderen Kompositionsprinzip.
  Dafür steht bereits der erste Satz, der ohne Datumsangabe scheinbar mitten in Heideggers „Kitsch-Seele“ (so Leo Strauss) führt: „Ein leichter Nordost trägt die langsamen Schneeflocken in sanfter Verstreuung über die braunen Äcker. Fast ist Feiertag.“ Eine zweite Lektüre legt offen, dass Heidegger den Leser mit Präzision lenkt. Der „Nordost“-Wind ist Hölderlins Gedicht „Andenken“ entliehen, das „Fast ist Feiertag“ spielt direkt auf „Wie wenn am Feiertage“ des Dichters an. Und in der Mitte steht das selten benutzte Wort „Verstreuung“, das Heidegger im Wintersemester 1941/42 an zentraler Stelle verwendete, als er seine Vorlesung eben über Hölderlins „Andenken“ hielt.
  Und so könnte man mit den folgenden gut 500 Seiten verfahren. Wer glaubt, dass dort auch nur ein Satz zufällig steht, der will sich und seine Leser täuschen. Nach und nach wird der in die Hölderlin-Stimmung versetzte Leser mithilfe der selbstgestrickten Begrifflichkeit („Hütten und Wachen“) in die flache Wirklichkeit geführt, in der es nur noch Philologen, Philosophen, Literaten und Journalisten gibt, die Raubbau am Denken üben.
  Anders als in den „Überlegungen“ spielt nun der Frontverlauf keine Rolle mehr. Das Große hat offensichtlich dem Sturm der Alliierten nachgeben müssen. Doch Heidegger wäre nicht Heidegger, wenn er auf den etwa fünfzig Seiten, die er bis zur Kapitulation am 8. Mai 1945 benötigt, diese „Tagen der Schmach und des Schmerzes“ nicht einfach weiterdächte. Nichts bringt ihn aus dem Rhythmus der Sorge um das „Denken“. Im Gegenteil. Die erste genaue Datumsangabe gilt dem Einzigen, der allen Stürmen getrotzt hat: ihm selbst. „Der Geburtstag 1945: die nächtliche Helle über dem Weg.“ Es führt also ein gerader Weg von Hölderlin zu Heidegger, ganz in der Gewissheit um die besondere Mission.
  Anders als in den „Überlegungen“ fehlen im Folgenden die Bezüge auf andere Schriften. Stattdessen bereiten die „Anmerkungen“ den Heidegger vor, der im Nachkriegsdeutschland ungehindert reüssieren konnte. Es ist der, der die „Technik“ als Verhängnis begreift. Es ist der Heidegger, der die Sanftheit des „Seynsdenkens“ verkündet, und schließlich jener, den nichts und niemand mehr mit menschlichem Maß zu messen vermag. Daher finden weder der physische und psychische Zusammenbruch nach dem Krieg eine Erwähnung noch die Auseinandersetzung mit Anaximander, die für Heideggers Stilisierung der Vorsokratiker so entscheidend ist.
  Auf die ununterbrochene Selbstauslegung weisen auch die zahlreichen Erinnerungsstücke hin, die der eigenen Familiengeschichte, aber auch seinem Vorgänger auf dem Freiburger Lehrstuhl, Edmund Husserl, gewidmet sind. Das mag überraschen, war Husserl doch „jüdisch versippt“, und als solcher für Heidegger persona non grata. Doch darum geht es nicht. Stattdessen widmet er sich ganz der Frage, warum es notwendig war, Husserls „Phänomenologie“ zu überwinden. Und hier wählt Heidegger immer wieder Formulierungen, die er bereits 1932/33 in Briefen an die Witwe des Philosophen Max Schelers benutzte. Das heißt: Nicht die Ereignisse – Husserl verstarb 1938 – sind es, die Erinnerungen in Gang setzen; was ihn antreibt, ist der Wunsch, einmal getroffene Entscheidungen ins Recht zu setzen. Nichts soll sich ändern. Das gilt für die Kritik an Ernst Jünger oder Karl Jaspers ebenso wie für die Ausfälle gegen das Christentum, das aus Sicht des Denkers ein einziges Lügengebäude ist. Es ist kein Zufall, dass sich ausgerechnet Heideggers Wahrheitsbegriff in diesen Jahren beständig ändert, wie Ernst Tugendhat und Rainer Marten schon in den Sechzigerjahren nachweisen konnten. Heidegger wiederum konnte das leicht zugeben, erschrieb er sich doch hinter dem Rücken von Freund und Feind ein weitaus untergründigeres Denken, das auf etwas wie Wahrheit nicht mehr angewiesen war.
  All das sollte nicht ideologiekritisch gedeutet werden. Auch nicht, wenn Heidegger über die „Kz“ schreibt, die nun als „Tötungsmaschinerien“ in Deutschland von den „Besatzungsmächten“ errichtet werden. Es hieße, Heidegger ins bloß Biografische flüchten lassen, wenn man solche und ähnliche Stellen als Verlust seiner Urteilskraft bewertet. Nein, Heidegger hat sich gerade dort unter Kontrolle, wo er Perversitäten mit der Lockerheit des Denkers ausspricht. Denn sie stehen übergangslos neben den sich unerschüttert gebenden Einsichten. „Anders wäre inmitten der rasenden Vernichtungsmöglichkeiten von allem die nur in einer einzigen Niederschrift verwahrte Bemühung des Denkens auf das Äußerste gefährdet.“ Die „Anmerkungen“ sind vielmehr der vollständige Zusammenfall und Zusammenbruch von Autobiografie und Denken.
THOMAS MEYER
  
Martin Heidegger: Gesamtausgabe. IV. Abteilung: Hinweise und Aufzeichnungen. Bd. 97: Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte 1942-1948). Hrsg. von Peter Trawny. Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2015. 527 Seiten, 68 Euro (Leinen), 58 Euro (Karton).
Philosophen-Kitsch
„Ein leichter Nordost trägt
die langsamen Schneeflocken
in sanfter Verstreuung
über die braunen Äcker.“
Mit Anleihen bei Hölderlin
versetzt Heidegger seine Leser
in eine lyrische Stimmung,
um die schnöde Wirklichkeit
der Kleingeister scharf
davon abgrenzen zu können.
Mit menschlichem Maß wollte er nicht gemessen werden.
Martin Heidegger (1889–1976) sah sich
als Denker, der über die Wahrheit erhaben ist.
Foto: imago/Leemage
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Besprechung von 03.03.2015
Die Alliierten - schlimmer als Hitler?
In den "Schwarzen Heften" der Jahre 1942 bis 1948 erleidet Martin Heidegger den kompletten Verlust seiner Urteilskraft

Heidegger und kein Ende? Mancher Leser dieser und anderer Zeitungen mag sich fragen, worin eigentlich seit Jahrzehnten das öffentliche Interesse an Martin Heidegger besteht. An seinem Leben (Rüdiger Safranski: "Ein Meister aus Deutschland", 1994), an seinem politischen Verhalten (Victor Farias: "Heidegger und der Nationalsozialismus", 1989), an seinem Familienleben ("Mein liebes Seelchen!", Briefe Martin Heideggers an seine Frau Elfride, 2005), seinen Liebschaften (Catherin Clément: "Martin and Hannah", 2001), seinem Bruder (Hans Dieter Zimmermann: "Martin und Fritz Heidegger. Philosophie und Fastnacht", 2005), seinem Antisemitismus (Peter Trawny: "Heidegger und der Mythos der jüdischen Weltverschwörung", 2014).

Heidegger selbst hat die Beschäftigung mit der Person eines Philosophen zurückgewiesen. "Aristoteles wurde geboren, arbeitete und starb" - das, so setzt eine seiner frühen Vorlesungen ein, genüge an biographischer Mitteilung. Doch so einfach ist es nicht. Von Beginn der Lehrtätigkeit Heideggers an waren es nämlich nicht nur seine Interpretationen und Argumente, die viele der besten jungen Philosophen um 1925 zu seinen Schülern machten. Es waren auch seine Gesten, sein Auftritt, seine stilisierte Sprache, seine Verkörperung eines vom Denken durchdrungenen Lebens.

Überdies hat Heidegger selbst viel von seinen persönlichen Festlegungen hergemacht, von seiner ländlichen Herkunft, der Verachtung des modernen Daseins, seiner Bereitschaft, alle Halbheiten und insbesondere die meisten Kollegen zum Teufel zu wünschen, seiner Ideal-Bibliothek, die nur aus einer Ausgabe der Vorplatoniker und Hölderlin bestand, seinen Griechenland-Reisen. Wenn Intellektuelle Leute sind, die zu einer starken Integration ihres beruflichen Tuns mit ihren politischen Meinungen und ihren Freizeitgewohnheiten neigen, dann war Martin Heidegger ein mustergültiger Intellektueller.

Das zeigt auch der vorliegende vierte Band der sogenannten Schwarzen Hefte, in die Heidegger mit postumer Publikationsabsicht zwischen 1942 und 1948 Gedanken notiert hat. Ende Januar 1946 beispielsweise wird ihm mündlich mitgeteilt, dass er, der erste nationalsozialistische Rektor der Freiburger Universität, nach seiner Emeritierung dort nicht mehr lehren dürfe. Zunächst findet Heidegger das Verfahren nur geschmacklos und teilt dem amtierenden Rektor nur mit, er werde sich weder in die Öffentlichkeit drängen noch "als der Verärgerte" zurückziehen.

Fünfzehn Seiten später erkennt er für sich das Exemplarische des Vorgangs. Es handele sich um einen "Verrat am Denken" und damit an der geschichtlichen Bestimmung des - ergänze: deutschen - Volkes. Und dieser Verrat sei blindwütiger und zerstörerischer "als die weithin sichtbare Verwüstung" und die Greuel in den Konzentrationslagern, deren er gerade auf Plakaten der Alliierten ansichtig geworden war. Darauf, dass man so wichtig ist, kommt nicht jeder. Heidegger fügt darum noch hinzu, dass jenen Verrat nur erkennen könne, wer dem Sein zugewandt denke. Soll heißen: nur Heidegger selbst.

Wendungen wie diese sind nur ein Beispiel für die Selbstverkapselung dieses Denkers. Während der Philosoph die Philosophie verabschiedet und nur noch von Denken sprechen will, entwickelt er in immer neuen Variationen eine Privatsprache, die ihn zu Formulierungen wie "Der Schied als die fügende Fuge der äußersten Freye zur Innigkeit des Selben Selber" führt oder zu unfreiwilliger Lyrik: "Alles Gesicht ruht im Gedicht". Wenn es an einer Stelle heißt "Das Denken ist die Sage des Brauchs", meint man die Absicht zu erkennen, eine Mythologie aus Begriffen zu schaffen. Aber es handelt sich um den Widersinn einer privaten Mythologie.

Mitunter entsteht so der Leseeindruck, an einer merkwürdigen Religionsgründung teilzuhaben, in der die Gemeinde, der Prophet, der Kirchenvorstand und der Halbgott jeweils ein und dieselbe Person sind, die konsequenterweise zumeist nur mit und zu sich selbst spricht.

In die entsprechenden Meditationen über Denken, Sage, Sein, Gott und Stille kommt Heidegger hinein, nachdem er in den ersten Heften die Geschichtslage erörtert hat. Auf Seite 59 fällt das Wort "KZ": "Der Terror des endgültigen Nihilismus ist noch unheimlicher als alle Massivität der Henkerknechte und der Kz." Heidegger beobachtet "die Selbstvernichtung des universal-geschicklichen Wesens der Deutschen als des denkend-dichtenden Volkes, als des Herzens der Völker", findet, dass ein böses Geschick die Deutschen "in ihr Unwesen verwirrte", und notiert, der Terror der wütenden Gewalt sei grausig, aber der eigentliche Schrecken sei der "Terror des Wahrheitsbesitzes". Er vergleicht den "Lärm um das Umkommen der Vielen" mit der Tatsache, dass Leibniz in Vergessenheit geraten sei und Nietzsche unrecht getan werde, mit dem Ergebnis, dass bei der Beurteilung der Verantwortungslosigkeit die Maßstäbe verlorengegangen seien.

Das sind keine nebenbei erfolgenden Mitteilungen, für Heidegger verwandelt sich alles in eine Frage des Geistes. "Schlimmer als daß sie uns ausrauben", heißt es über die Besatzungsmächte, "ist, was sie uns bringen", so, als stoße den Deutschen die Moderne von außen zu. Er sieht eine "Tötungsmaschinerie an den Deutschen angesetzt": die Öffentlichkeit, die zerstöre und dabei den Anschein erwecke, es baue sich durch sie eine Welt auf. Der "Weltjournalismus" rotte das Denken aus. Heidegger findet es darum ungehörig, Goebbels an den Pranger zu stellen und gleichzeitig dummes Zeug zu sagen wie, die Technik müsse dem Menschen dienen.

Darum gilt sein ganzer Zorn dem, was man Ideologien nennen könnte. Dass Hölderlin christlich interpretiert werde, die Deutschen sich etwas von Goethe versprächen, die Griechen als Heiden in die Gesellschaft "der noch unbekehrten Negerstämme" gebracht würden, überall katholische Vortragsreihen stattfänden und dass es jetzt, nach 1945, plötzlich alle besser wüssten, bringt ihn mehr auf als die Katastrophe selbst. Denn für ihn zählen letztlich nur Gedanken und vor allem die eigenen. Sie darauf zu prüfen, wie viele Irrtümer und Phrasen sie enthalten, hindert ihn die komplette Unfähigkeit zur Reflexion, die ihm einst sein Schüler Hans-Georg Gadamer attestiert hat.

Diese Reflexionslosigkeit, eine Art Taubheit gegen die eigene Sprache, hält Heidegger nicht zuletzt davon ab, das Ungeheuerliche, um nicht zu sagen ekelhaft Geistreiche an Formulierungen wie derjenigen von 1942 zu hören, der Höhepunkt der Selbstvernichtung in der Geschichte sei erreicht, wenn "das wesenhaft ,Jüdische' im metaphysischen Sinne gegen das Jüdische" kämpfe. Eine Verfolgung von Juden, die sich moderner Technik, Bürokratie und biologistischer Argumente bedient, erscheint ihm also, weil für ihn Judentum und Moderne Komplizen sind, als eine Selbstvernichtung wahlweise der Technik oder des "Jüdischen".

Dass es Männer, Frauen, Kinder waren und nicht Wesenheiten oder Repräsentanten von Modernität, die ins Gas geschickt wurden, erreicht den durch Denken offenbar erkalteten Denker so wenig wie der Gedanke, dass die Entfaltung seines Syllogismus ihn zu dem aberwitzigen Urteil "Himmler war wesenhaft jüdisch" zwänge. Nicht also, dass Heidegger sich weder vor noch nach 1945 zureichend vom Nationalsozialismus distanziert hätte, ist bemerkenswert. Sondern dass die angebliche Höhe seines Denkens, in die er sich um einer solchen Distanzierung willen schraubte, mit dem kompletten Verlust seiner philosophischen Urteilskraft einherging. Wieder stehen wir vor dem Befund, dass wir nicht nur den Autor von "Sein und Zeit" kennen, sondern auch Martin Heidegger.

JÜRGEN KAUBE

Martin Heidegger Gesamtausgabe, Band 97: Anmerkungen I-V

("Schwarze Hefte" 1942-1948).

Hrsg. von Peter Trawny,

Vittorio Klostermann Verlag, Frankfurt am Main 2015. 560 S., br., 58,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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