Die Falte - Deleuze, Gilles
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Die Falte ist für Deleuze der Beitrag des Barock zur Kunst, besonders aber der Beitrag des Leibnizianismus zur Philosophie. Bei Leibniz entdeckt er die Wendungen vom "Falten", vom "Ein- und Auswickeln" und rekonstruiert daraus eine barocke Metaphysik. Deleuze macht diese Metaphysik für die Beschreibung der Gegenwart fruchtbar, denn Leibniz' Philosophie führt statt zur Restriktion zur Multiplikation der Prinzipien - damit wird sie zur Alternative einer systematischen Rationalität.…mehr

Produktbeschreibung
Die Falte ist für Deleuze der Beitrag des Barock zur Kunst, besonders aber der Beitrag des Leibnizianismus zur Philosophie. Bei Leibniz entdeckt er die Wendungen vom "Falten", vom "Ein- und Auswickeln" und rekonstruiert daraus eine barocke Metaphysik. Deleuze macht diese Metaphysik für die Beschreibung der Gegenwart fruchtbar, denn Leibniz' Philosophie führt statt zur Restriktion zur Multiplikation der Prinzipien - damit wird sie zur Alternative einer systematischen Rationalität.
  • Produktdetails
  • Suhrkamp Taschenbücher Wissenschaft Nr.1484
  • Verlag: Suhrkamp
  • 7. Aufl.
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: April 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 175mm x 109mm x 18mm
  • Gewicht: 147g
  • ISBN-13: 9783518290842
  • ISBN-10: 3518290843
  • Artikelnr.: 08565875
Autorenporträt
Deleuze, Gilles
Gilles Deleuze wurde am 18. Januar 1925 in Paris geboren und starb am 4. November 1995 ebenda. Er verbrachte fast die gesamte Zeit seines Lebens in Paris. Während des Zweiten Weltkriegs besuchte er das Lycée Carnot sowie für ein Jahr die Eliteschule Henri IV. Deleuze studierte von 1944 bis 1948 Philosophie an der Sorbonne. Während der 1950er Jahre lehrte Deleuze an verschiedenen Gymnasien. 1957 trat er eine Stelle an der Sorbonne an. Er hatte bereits sein erstes Buch über David Hume veröffentlicht. Deleuze beschäftigte sich insbesondere mit der Kritik am Rationalismus und der Wesenslehre. Von 1960 bis 1964 hatte Deleuze eine Anstellung am Centre national de la recherche scientifique. Während dieser Zeit beschäftigte er sich mit Nietzsche und Henri Bergson und veröffentlichte Nietzsche und die Philosophie. Er schloss eine enge Freundschaft mit Michel Foucault und gab mit ihm zusammen die kritische Gesamtausgabe von Friedrich Nietzsche heraus. Von 1964 bis 1969 warer Professor an der Universität von Lyon. Im Jahr des Pariser Mai 1968 reichte er seine Dissertation Differenz und Wiederholung und seine Zweitthese Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie ein. Nachträglich wurden diese Arbeiten als erste und fruchtbarste Versuche erkannt, die Studentenrevolte philosophisch zu begreifen. Von 1969 bis 1987 war er Dozent an der Reformuniversität Paris VIII. Wegen einer schweren Atemwegserkrankung, an der Deleuze seit Jahrzehnten gelitten hatte, beging er am 4. November 1995 Selbstmord.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.12.1995

Die Falten des Geistes
Barock werden mit Gilles Deleuze / Von Thomas Wagner

Ein übernatürlicher Wind", schreibt Gilles Deleuze, "macht aus dem Mantel des Hieronymus des Johann Joseph Christian in der Abteikirche von Zwiefalten ein schwellendes und gewundenes Band, das in der Bildung eines hohen Kamms hinter dem Heiligen ausläuft." Indem die Kunst des Barock zwischen dem Körper und seiner Kleidung etwas Drittes, die vier Elemente, einführt, befreit sie die ausschweifenden, gebauschten, gekräuselten Kleiderfalten davor, bloße Dekoration zu sein. Alles will hinaufgetragen werden in die Sphäre des Geistigen. Wenn bei Gian Lorenzo Bernini der Marmor Falten ins Unendliche trägt, so Deleuze, dann lassen sie sich nicht mehr mit dem Körper erklären, sondern mit einem geistigen Abenteuer, das den Stein durchglühen kann. In seinem Buch "Die Falte. Leibniz und der Barock", das 1988 in Frankreich erschienen ist und jetzt in einer deutschen Ausgabe vorliegt, umspielt der kürzlich verstorbene französische Philosoph Gilles Deleuze eine Definition des Barock, indem er den Begriff der ins Unendliche gehenden Falte expliziert. Im Französischen heißt Falte "le pli", womit ex-pli-zieren sogleich innig mit dem Vorgang der Faltung und Entfaltung verbunden ist. Und Gottfried Wilhelm Leibniz gibt dieser barocken Welt, an der er intensiv Teil hat, die Philosophie, die ihr fehlt.

Die postmoderne Philosophie hat stets versucht, statt einer vernunftgeleiteten Einheit, die sie verdächtigte, nur gewaltsam zustande kommen zu können, eine dem Anspruch auf Herrschaft über das Endliche unverdächtige Vielheit zu denken. Statt nach dem Wesen und nach realen Trennungen zu forschen, was die Fülle der Erscheinungen terrorisieren würde, suchten Denker wie Foucault, Derrida, Lyotard, Serres und Deleuze nur mehr nach Unterscheidungen des Mannigfaltigen, nach Fluchtlinien und Intensitäten. Welche Begriffe dabei favorisiert wurden und auf welche Kronzeugen man sich berief, war oft überraschend.

Gilles Deleuze rekonstruiert nun Leibniz' Monadologie als barocke Metaphysik, an die sich die Postmoderne anschließt und von der sie im Versuch, das Mannigfaltige zu denken, profitieren kann. Denn auch Leibniz entwickelte seine Philosophie als Alternative zur systematischen Rationalität: "Es gibt keine Universalität, sondern Allgegenwart des Lebendigen." Dabei setzte Leibniz gerade nicht auf eine Restriktion der Prinzipien, sondern auf deren Vervielfältigung. Deleuze erkennt im Barock den allerletzten Versuch, eine klassische Vernunft wieder aufzurichten, indem er die Divergenzen auf ebenso viele mögliche Welten verteilt: "Die in einer selben Welt auftretenden Unstimmigkeiten können gewaltsam sein, sie lösen sich in Zusammenklängen auf, weil die einzigen irreduziblen Dissonanzen die zwischen unterschiedlichen Welten sind."

Die Untersuchung verfolgt also nicht in erster Linie eine genealogische Absicht. Denn die ins Unendliche gehende Falte ist keine Wesensbestimmung. Der Begriff verweist vielmehr auf eine operative Funktion, mit der sich philosophisch arbeiten läßt. Deleuze wäre nicht der Denker der Differenz, rekonstruierte und erläuterte er einfach Leibniz' Denken: Er sucht es vielmehr im Nachvollzug seiner Wendungen und Krümmungen, seiner Einstülpungen und Auswölbungen zu entfalten, wieder zusammenzufalten, erneut zu falten, Falte auf Falte. So entsteht ein Denken in Umwegen, ein Denken, das die Arbeit des Begriffs als Erforschung des Geschäfts der Draperie betreibt. Mit Leibniz und gegen Descartes entwirft Deleuze eine "Kryptographie", "die die Natur abzählt und zugleich die Seele entziffert, die in den Faltungen der Materie sieht und in den Falten der Seele liest".

Leibniz stellt sich die Seele als Monade vor, als eine in sich geschlossene Einheit, als ein Haus ohne Türen und Fenster, in dem die äußere Welt nur als innere Vorstellung aktualisiert wird. Die Monade ist Einheit aber nur, "sofern sie eine Mannigfaltigkeit umhüllt, wobei diese Mannigfaltigkeit das Eine nach Art einer ,Reihe' entwickelt". Die Welt wird so zu einer Virtualität, die aktual nur in den Falten der Seele existiert, die sie ausdrückt. Die "Viel-Falt" der Welt erscheint in der Seele in unterschiedlichen Stufen der Klarheit und Deutlichkeit. Nur Gott, keiner Monade, ist die ganze Welt hell erleuchtet präsent.

Der Barock differenziere, so Deleuze, den Begriff der Falte nach zwei Richtungen, "wie wenn das Unendliche zwei Etagen besäße": die Faltungen der Materie und die Falten in der Seele. In den "Neuen Abhandlungen", Leibniz' Versuch einer möglichen Versöhnung seines Denkens mit dem von John Locke, entdeckt Deleuze ein architektonisches Modell, das Bild eines zweigeschossigen Hauses, in dessen unterer Etage die Materie, in dessen oberer die Seele eingeschlossen ist. Eine dunkle Kammer, ein abgeschlossenes Privatzimmer, tapeziert mit einer von Falten untergliederten Leinwand bildet das Obergeschoß. Die untere Etage wird gebildet von einem Gemeinschaftszimmer, das mit einigen kleinen Öffnungen, den fünf Sinnen, versehen ist. Die auf der undurchsichtigen Leinwand der oberen Etage repräsentierten eingeborenen Erkenntnisse aber werden aktiviert durch die Reizungen der Materie. Zwischen den beiden Labyrinthen, zwischen der durch Fenster unterbrochenen unteren und der blinden, verschlossenen Etage darüber, findet eine Kommunikation statt durch eine Art Widerhall, wie in einem "Musiksalon, der die unten sichtbaren Bewegungen in Töne übersetzt."

Realisiert sich das Ereignis der Welt, indem es sich in Gestalt von Faltungen in die Materie einschreibt, so wird es in der Seele lediglich aktualisiert, tritt hier klar und deutlich hervor. Zwischen den beiden Etagen, zwischen Materie und Seele, befindet sich abermals eine Falte. Diese ist aber, wie alle Faltungen, keine reale Trennung, sie markiert nur einen Unterschied, der sich durch weitere Bestimmungen entfalten, nicht aber aufheben läßt. "Was eigentlich barock ist, ist diese Aufteilung zweier Etagen. Man kannte die Unterscheidung zweier Welten in einer platonischen Tradition. Man kannte die Welt mit unzählbaren Etagen, zufolge eines Abstiegs und Aufstiegs, die auf jeder Stufe einer Treppe einander entgegenstehen, einer Treppe, die in der Eminenz des Einen sich verliert und im Ozean des Vielfachen sich auflöst: die Welt als Treppe der neuplatonischen Tradition. Die Welt aber aus nur zwei Etagen, getrennt durch die Falte, welche sich auf beiden Seiten in unterschiedlicher Weise auswirkt, das ist der barocke Beitrag par excellence." Vernünftig werden, das heißt die Etage wechseln.

Deleuze entfaltet also die Leibnizsche Metaphysik, um in ihr ein Sprungbrett zu finden, von dem aus der Absprung zu einer nicht an Einheit orientierten Bestimmung der Mannigfaltigkeit durch ein Denken der Vielfältigkeit möglich wird. Die Faltung wird dabei zu einer Operation oder Konstruktion, die sich auf jeder Ebene, auf jedem Plateau, reproduziert. In einem Interview, das Deleuze nach Erscheinen des Buches in Frankreich gab, sagte er: "Alles faltet sich, entfaltet sich, faltet sich wieder neu bei Leibniz, man nimmt in den Falten wahr, und die Welt ist in jeder Seele gefaltet, die selbst wieder diese oder jene Region der Welt entfaltet, gemäß der Ordnung von Raum und Zeit (Harmonie)."

Deleuze findet also bei Leibniz, was sein eigenes Denken umgetrieben hat: Die Frage nach der Natur des Ereignisses und die Charakterisierung der Philosophie als "Begriffsschöpfung". Wie Leibniz, so fragt auch der Philosoph der Postmoderne nicht mehr, welcher Gegenstand, der gegeben sein könnte, welchem Prinzip entspricht, sondern welches verborgene Prinzip diesem oder jenem Gegenstand entspricht: "Das ist die Hochzeit von Begriff und Singularität", die "Revolution von Leibniz, der Prospero am nächsten kommt, dem manieristischen Helden par excellence".

Gilles Deleuze: "Die Falte". Leibniz und der Barock. Übersetzt von Ulrich Johannes Schneider. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1995. 236 S., geb., 48,- DM.

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Ungewöhnlich, aber anregend findet der Rezensent (Kürzel lx.) Deleuzes Zugang zu Leibniz und dem Barock. Unter seinem "verschobenen Blick" werde das Barock insgesamt wie das Werk des Universalphilosophen zur Produktionsstätte von Krümmungen, von Falten und Ausfaltungen. Einziger Vorbehalt: es sei nicht immer leicht, den "kategorischen Ton" der Deleuzeschen Theoriesprache zu ertragen.

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