Michelangelo - Bredekamp, Horst
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Michelangelo als Vertragsbrecher, als Scheiternder, als souveräner Künstler, den Mächtigen ebenbürtig, portraitiert von Horst Bredekamp, einem der profiliertesten Kunsthistoriker unserer Zeit. Horst Bredekamps unkonventioneller Blick heftet sich nicht nur auf die Skulpturen, Gemälde und Bauwerke Michelangelos, sondern auch auf die Wendungen im Leben des Meisters, der mehrmals auf der Flucht vor seinen mächtigen Auftraggebern war. In seinem Text über das "Juliusgrab" zeigt Bredekamp, wie Michelangelo ein vermeintlich katastrophales Scheitern in einen Triumph verwandelt. "Im Zustand der…mehr

Produktbeschreibung
Michelangelo als Vertragsbrecher, als Scheiternder, als souveräner Künstler, den Mächtigen ebenbürtig, portraitiert von Horst Bredekamp, einem der profiliertesten Kunsthistoriker unserer Zeit.
Horst Bredekamps unkonventioneller Blick heftet sich nicht nur auf die Skulpturen, Gemälde und Bauwerke Michelangelos, sondern auch auf die Wendungen im Leben des Meisters, der mehrmals auf der Flucht vor seinen mächtigen Auftraggebern war.
In seinem Text über das "Juliusgrab" zeigt Bredekamp, wie Michelangelo ein vermeintlich katastrophales Scheitern in einen Triumph verwandelt.
"Im Zustand der Belagerung" ist Michelangelo zwischen seinen Auftraggebern, den aus Florenz vertriebenen Medici, die zugleich den Papst in Rom stellen, und der Florentiner Republik.
"Michelangelos Verträge" portraitiert einen hoffnungslos überlasteten Vertragsschwindler,
der jeden Auftrag annimmt, nur die Hälfte vollendet und daraus eine künstlerische Tugend zu machen versucht.
In "St. Peter" zeigt Bredekamp den grandiosen Architekten Michelangelo, der dort eine durchaus absolutistische Machtfülle beansprucht.
  • Produktdetails
  • Kleine Kulturwissenschaftliche Bibliothek (KKB) Bd.79
  • Verlag: Wagenbach
  • Seitenzahl: 123
  • Erscheinungstermin: 22. September 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 172mm x 19mm
  • Gewicht: 354g
  • ISBN-13: 9783803151797
  • ISBN-10: 3803151791
  • Artikelnr.: 26238974
Autorenporträt
Horst Bredekamp, geboren 1947 in Kiel, studierte Kunstgeschichte an der Universität Marburg. Nach seiner Promotion 1974 absolvierte er zunächst ein Volontariat am Frankfurter Liebighaus, bevor er ans kunsthistorische Institut der Hamburger Universität wechselte. 1992 war er zu Gast am Wissenschaftskolleg Berlin, und seit 1993 ist er Professor für Kunstgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität. Gastaufenthalte führten ihn nach Princeton und ans Getty Center in Los Angeles sowie nach Budapest. 2005 hatte er die Gadamer-Professur an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg inne. Bredekamp, der sich in seinen zahlreichen Studien unter anderem der Renaissance sowie den Neuen Medien widmet, wurde 2000 mit dem Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet, 2005 mit dem Aby-M.-Warburg-Preis der Stadt Hamburg sowie 2006 mit dem Max-Planck-Forschungspreis.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.01.2010

Gebändigt sind die Kräfte

Ganz ohne pathetische Gemeinplätze: Horst Bredekamp revidiert mit sicherer Hand das überkommene Bild von Michelangelo als titanischem Künstler.

Mit kaum einem anderen unter den Künstlern haben sich die Deutschen von jeher schwerer getan als mit Michelangelo. Spätestens seit Winckelmann und noch bis zu Jacob Burckhardt und Heinrich Wölfflin galt er als der große Formverderber, dem jede Grazie und Anmut abgesprochen wurde, dem aber zugleich Größe attestiert werden musste, und sei es seiner schieren Gestaltungskraft wegen: Bewunderndes Entsetzen ist der Grundtenor, mit dem seinem Werk begegnet wurde.

Michelangelos selbstquälerisches Schöpfertum hat ihn auch eher zum Favoriten der Literaten taugen lassen, während sein Antipode Raffael unausgesetzt über Generationen von Künstlern geherrscht hat. Der ästhetische Heroismus des 19. Jahrhunderts hat diese Widersprüchlichkeit zwischen ästhetischem Unbehagen und titanischer Künstlerverehrung zum Mythos verklärt, was die Rezeption Michelangelos in Kunstbetrieb und Forschung gleichermaßen mehr erschwert als befördert hat.

Nur selten hat die deutschsprachige Kunstliteratur diesem Künstler gegenüber aus pathetischen Gemeinplätzen heraus und zu souveräner Haltung und sprachlicher Leichtigkeit gefunden; allen voran hat Goethe Michelangelos moderne Eigenständigkeit begriffen und propagiert - womit er freilich ebenso wenig erfolgreich war, wie in sämtlichen anderen Domänen seiner Kunstpolitik auch. Und allenfalls Herman Grimm und Carl Justi kommt noch zu, diesen Künstler ganz unaufgeregt verstanden und dessen Werk in seiner sinnlichen und konzeptuellen Unvergleichlichkeit angemessen gewürdigt zu haben.

Man zögert nicht, den Band von Horst Bredekamp, der fünf Aufsätze zu Michelangelo vereint, in diese Linie zu stellen. Auch und gerade weil er das in so bescheidener Aufmachung tut. Es handelt sich um konzentrierte Destillate und gleichsam um die vorläufige Summe seiner langjährigen Forschungen.

Bredekamp geht es nicht darum, der vermeintlich transzendierenden Vollendung in Michelangelos OEuvre nachzuspüren. Vielmehr erkennt er als dessen inneren Zusammenhang eine singuläre Häufung von äußeren oder selbstgeschaffenen Zwängen und Schwierigkeiten, die es als wirkliches Spannungsprodukt beschreiben lassen. Überzeugend nüchtern plädiert er dafür, das sogenannte "Non-Finito", die auffallend große Zahl von unfertigen Werken, nicht zum bewusst gewählten Vollendungsgrad zu stilisieren - wie das eine romantische Kunsttheorie folgenreich getan hat -, sondern vielmehr als anschaulichen Beleg von Michelangelos notorischer Arbeitsüberlastung und seiner Selbstüberschätzung der eigenen Kräfte zu nehmen.

Die enorme Zahl der Aufträge in der frühen Schaffensphase zwischen 1498 und 1505, in der der Künstler auf Anerkennung und Durchsetzung drängte, hat die Nichtvollendung geradezu zum physischen Gebot werden lassen. Die unterschiedlichen Vollendungsgrade sind mithin das Resultat einer überbordenden Euphorie und eines hungrigen Kunstmarkts zugleich. Innerer und äußerer Druck erst haben sie zu einer unvermeidlichen Werkform und zum Gestaltungsprinzip gemacht, das dann Kunstgeschichte schreiben sollte.

Auch Bredekamps Charakterisierung der Entstehungsgeschichte und endgültigen Form des "Juliusgrabes" ist von belebender Unvoreingenommenheit. Gemeinhin als Monument von Michelangelos triumphalem Scheitern betrachtet, will er in dem schließlich realisierten Wandgrab, das ursprünglich als freistehende Archiskulptur gedacht war, gleichsam die Simulation des ersten, kühnen und unerhörten Entwurfes erkennen. Die plastische Dimensionierung der Bauteile suggeriert einen Tiefenraum, der nur in der Einbildungskraft existiert, aber nicht weniger wirkungsvoll die Wand über die Begrenzung der Fläche triumphieren lässt - und damit auch Michelangelo selbst über alle Widrigkeiten eines über vierzig Jahre sich hinziehenden Auftrags, an dem er, nach eigener Auskunft, zu verzweifeln drohte.

Was augenphilologische Wissenschaft ihren Gegenständen abzuringen in der Lage ist, führt Bredekamp in seiner Analyse von Michelangelos Entwürfen für Festungsanlagen beispielhaft vor. Ende der zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts für das sich gegen die Medici auflehnende Florenz entstanden, hat dieser Auftrag Michelangelo auch in Loyalitätskonflikte gebracht. Möglich, dass der hier vorgeschlagenen dialektischen Lesart dieser technischen Zeichnungen - die Fortifikationsanlagen selbst sind lange schon weitgehend zerstört oder überformt worden - auch die These des erheblichen psychischen Drucks zugrunde liegt, wie er auf einem Künstler lasten musste, der einem mediceischen Papst in Rom diente, sich aber zugleich dem republikanischen Ansinnen seiner Heimat verpflichtet sah.

Bredekamp beschreibt die Blätter als ein variantenreiches, axonometrisches Modultheater, in dem Verteidigungs- und Angriffsperspektive ein Wechselspiel von nach außen gerichteter Wirkung und invertierter Formphantasie aufführen. Wie alle Kriegsbaukunst waren auch Michelangelos Befestigungsanlagen dazu bestimmt, ebenso Schutz und Sicherheit zu gewähren wie eine Psychologie der Angst zu entfalten, indem die eigene Bedrohung nach außen gekehrt wird. Wolfgang Liebenwein hat vor Jahren auch Michelangelos Gestaltung des römischen Kapitolsplatzes ganz in diesem Sinne gedeutet. Bredekamp sieht Michelangelo dabei die Wahrnehmung des Feindes zum Organ des Werks selbst, zum Bestimmungspotential seiner Entwürfe machen. Was er als wechselseitige Energiezufuhr beschreibt, entfaltet tatsächlich ein nicht abschließbares, abstraktes Formschauspiel von ungeheurer Suggestion.

Als Michelangelo 1547 die Bauleitung von St. Peter in Rom übernahm, ist ihm recht bald durch Papst Paul III. ein Schriftstück zugegangen, das die Umsetzung seines Modells, sämtliche seiner Baumaßnahmen, inklusive des Abrisses der bestehenden Architektur, seine uneingeschränkte Stellung als Architekt und seine Unabhängigkeit von der Baubehörde garantierte. Das Papier umschreibt nichts weniger als eine absolutistische Machtfülle, die dem Künstler die Lizenz zur Zerstörung, die gänzlich autonome Gestaltung, die freie Verfügung über Geldmittel und die Befreiung von der zuständigen Justiz zusicherte. Bredekamps Deutung dieses Dokuments - dessen Versprechungen weitgehend ausblieben - nicht als Zeichen von Stärke, sondern vielmehr als Ausdruck der fortdauernden Gefährdung von Michelangelos Stellung als Bauleiter, erklärt es zum beschwörenden Gegenbild der tatsächlichen Zwänge und Widerstände: Es ist ein utopisches Konzept, das die Bewältigung der größten Baustelle der Kunstgeschichte zu sichern suchte. Noch vor der modernen Gesellschaftstheorie, so argumentiert Bredekamp schlüssig, werden hier Logistik und Organisationsprinzipien definiert, in denen die architektonischen Strukturen des modernen Staates sich abzeichnen.

Es gelingt Bredekamp durchweg, Michelangelos Schaffen als das Produkt immens wirkkräftiger Spannungen zu beschreiben; und es verdichtet sich diese Lesart in einer Figur, dem "Moses" des Juliusgrabmals. Sigmund Freud hat in seinem legendären Aufsatz die Affekthemmung von Michelangelos "Moses", dessen Selbstbeherrschung und Bändigung, als zivilisatorische Leistung und diese Sublimierung als Symbol für Kultur schlechthin gewürdigt. Freud deutete die Figur nicht als Darstellung eines bestimmten Momentes, sondern als dynamische Komprimierung verschiedener Situationen und Zustände, die er zumal im Spiel der Hände und der Strähnen des Bartes wie in angehaltenen Sequenzbildern sich ablösen sah.

Bredekamp vermutet, dass Freud zu einer solchen Beschreibung der Skulptur allein durch seine Beschäftigung mit dem Film hat gelangen können, dessen Strukturprinzipien ihm vertraut waren, dessen Tauglichkeit für das Aufnehmen und den Erhalt von "Dauerspuren" der Seele er allerdings bezweifelte. Der Flüchtigkeit und Zergliederung des Filmbilds stellte er die binnenbewegte Skulptur entgegen, die Moment und Kontinuum zugleich sichtbar zu machen erlaubt. Freud hat, so Bredekamp, den "Moses" als eine dreidimensionale Leinwand der Seele betrachtet, auf der die Bewegung als Gedankenfilm des Betrachters ablaufe.

Mit dieser Interpretation des "Moses" ist aber auch das Sinnbild für eine Michelangelo-Lektüre gefunden, die in den widerstreitenden Kräften, den Zwängen und Spannungen, und in deren Balancierung und Bändigung den eigentlichen Antrieb für die Schöpfung eines Werks erkennt, das zu lieben vielleicht nicht leichtfällt, dessen fundamentale Herausforderung aber ungebrochen ist. Bredekamps "Michelangelo" ist ein lange überfälliger, geglückter Beitrag zur Revision eines gängigen Bildes von Michelangelo.

Nur eine Sammlung von "Essays" sollte man den Band nicht nennen. Was ein Essay ist, darüber hat der in diesem Buch vielfach aufgerufene Herman Grimm methodisch nachgedacht und eine Theorie dazu entwickelt. Die schlanken, gleichwohl mit dem nötigsten wissenschaftlichen Apparat versehenen Aufsätze sind vielmehr Beispiele einer gelungenen Kunstliteratur, der es gelingen sollte, den akademischen Sperrbezirk mühelos zu überwinden.

ANDREAS BEYER

Horst Bredekamp: "Michelangelo". Fünf Essays. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009. 124 S., geb., Abb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 04.05.2011

Mensch mit Makel
Michelangelo als überlasteter Arbeitnehmer, Familienmensch und Glaubenszweifler: Wie Biographen und Historiker das Renaissancegenie erden
An ihm kommt keiner vorbei: Früher oder später stößt jeder Künstler und Kunstautor auf Michelangelo Buonarroti (1475 bis 1564). Selbst wer Rom und Florenz meidet, wird es irgendwann mit ihm als Person zu tun bekommen: dem leicht aufbrausenden Maler und Bildhauer, der sein Kunstverständnis Päpsten und Fürsten aufzwang und so als einer der Ersten und als der Radikalste die Freiheit der Kunst durchsetzte.
Seit dem 16. Jahrhundert arbeitet sich jede Generation an dem Übervater ab; entsprechend lang sind in kunsthistorischen Bibliotheken die Regalwände mit monographischer und biografischer Literatur. Wer sich heute an ein Buch über Michelangelo wagt, muss erst einmal durch dieses Tal der Verzweiflung: Es gibt bereits mehr Informationen, als er lesen kann. Er wird Wichtiges übersehen, sein eigener Text kann gar nicht perfekt werden. Der Autor hat nur die Wahl, diesen Makel in Kauf zu nehmen oder das Manuskript eines Tages seinen Nachlassverwaltern zu überlassen.
Und damit ist er seinem Helden bereits nah, denn dessen Dilemma, wie Horst Bredekamp ausführt, war genau dieses: Michelangelo bekam mehr reizvolle Aufträge, als er ausführen konnte, strebte jedes Mal nach Perfektion und endete allzu oft im Unvollendeten, das so zur eigenständigen Kunstform gerann. Die Cascina-Schlacht, das Konkurrenzfresko zu Leonardo da Vinci, kam nicht über das Entwurfsstadium heraus, eine Reihe Reliefs und Statuen sind nur teilweise behauen. Manche Auftraggeber bekamen nie ein Resultat zu Gesicht.
Zum Glück gibt es immer noch Autoren, die das Risiko einer Michelangelo-Publikation nicht scheuen. Zum Glück, weil jede Epoche einen anderen Michelangelo entdeckt. Liest man die jüngeren Bücher, neben Bredekamps Essayband vor allem die Vasari-Neuausgabe und zwei Biografien von Antonio Forcellino und Volker Reinhardt, so ergibt sich ein neues Bild. Der alte Michelangelo war der, als den ihn der Kunstautor Giorgio Vasari in seiner Vita zeichnete: gottgesandt, nur der Kunst verpflichtet, im Wettkampf mit der Antike nach Höchstem strebend. Vasari, selbst Florentiner Hofbeamter, wollte den Meister aus den römischen Intrigen entrücken, um ihn einerseits als überzeitliche Größe zu etablieren und ihn andererseits mit den Medici zu assoziieren – ausgerechnet Michelangelo, den einstigen militanten Verfechter der medicifreien Republik. Vasaris Zweitausgabe erschien 1568, deutlich nach Ende der Renaissance, die er in der Vita verherrlicht. Zuviel Kontext hätte nur gestört. Das ist bei einer im Unwetter der Gegenreformation verfassten Biografie historisch nur zu verständlich; es hat aber spätere Interpreten zu einem ahistorischen Blick auf Michelangelo verführt.
Diesen Vorwurf kann man den neuen Biografen nicht machen. Reinhardt führt seinen Protagonisten als Familienmenschen vor: einen Mann aus längst abgewetzter Adelsfamilie, der sich für Vater und Brüder verausgabte, um den Ruhm des Clans zu retten. Im gut dokumentierten Briefwechsel mit dem Vater zeichnet sich das Drama des verantwortungsvollen Kindes ab. Früh verprügelte der Vater den Jungen für seine Künstlerflausen. Lange wollte der Sohn den Alten von der Richtigkeit seiner Berufswahl überzeugen und fütterte die erfolglose Familie großzügig durch, begnügte sich selbst aber mit fleischlosen Nudeln auf einem billigen Holztisch. Dafür musste er sich vom Vater noch sagen lassen: „Sich nichts zu gönnen, ist ein Laster vor Gott und den Menschen, und außerdem wird Dir diese Knappheit körperlich und seelisch schaden“.
Im Gegenteil fand Michelangelo gerade im Prinzip der Knappheit seinen Weg zu hohem Alter und Seelenheil. Seine Mischung aus Askese und Arbeitswut ließ ihn in Rom eine gesunde Distanz zum Klerus wahren und brachte ihn später in die Nähe der antiorthodoxen, spiritualistischen Bewegung in Mittelitalien, die zentralen Ideen der Reformation nahesteht. Damit kennt sich Antonio Forcellino aus, der als Restaurator des Papst-Julius-Grabmals direkt beteiligt war an neueren Forschungen zu Michelangelos Glaubenszweifeln (die kontemplativen Figuren des Grabes, inklusive des melancholisch daliegenden Papstes, weisen wohl auf die verwirrte statt auf die militante Kirche hin). Gerade in der zweiten Hälfte seines Buches breitet der Autor die Verflechtungen aus, die Michelangelo mit Protagonisten der innerkatholischen Reformbewegung verbanden. Nun war der Flügelkampf der Kirche in den dreißiger und vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts noch nicht entschieden; Michelangelos fromme Ernsthaftigkeit, seine Abscheu vor repräsentativer Protzerei galten damals noch nicht als ungewöhnlich.
Aus der Rückschau betrachtet fragt man sich aber doch, wie die katholische, nachtridentinische Kirche einen solchen Kritiker – der auch vor Schmähgedichten auf Rom nicht zurückschreckte – eigentlich für Jahrhunderte als Kunstheiligen vereinnahmen konnte.
Beide Biografien haben große Stärken: Reinhardt hat die biografischen Quellen gründlich gelesen, Forcellino beschreibt kenntnis- und detailreich den Arbeitsprozess Michelangelos etwa auf dem Gerüst der Sixtina. Beide Autoren verstricken sich aber immer wieder in Mutmaßungen und Ungenauigkeiten. So ist unbewiesen, dass sich der Bildhauer, wie Reinhardt schreibt, dem Vorbild des Florentiner Bußpredigers Savanarola „lebenslang verpflichtet“ gefühlt habe. Und die „leidenschaftliche Zuneigung“ (Forcellino), die Michelangelo zu dem jüngeren Tommaso Cavalieri empfand, war wohl nicht ganz so unkompliziert, wie der Autor sich denkt – immerhin zählte zur Askese in der Renaissance auch das neuplatonische Ideal der Enthaltsamkeit, das Michelangelo schon in Florenz aufgesogen und später in zahlreichen Sonetten beschworen hatte.
Ein Leser, der es genau wissen will, wird also weiterhin eine gute Bibliothek brauchen, wird die dicken Bände der Sixtina-Restauratoren benötigen, Leo Steinbergs Analyse des Ketzerischen in Michelangelos Malerei, Alexander Nagels Kunsttheorie der innerkatholischen Reformbewegung um Michelangelo und so weiter. Was derweil neben den Lesestücken an Coffeetable-Büchern erscheint, ersetzt all das nicht, auch nicht der neue Prachtband zu Michelangelo als Bildhauer. Der Fotograf Aurelio Amendola will selbst Künstler sein und konkurriert ästhetisch mit seinen Objekten, indem er den Marmor weihevoll beleuchtet und auch vor Nahaufnahmen auf Hintern und Schenkel des David nicht zurückschreckt. So macht er aus Michelangelo wieder ein Genie ohne Raum und Zeit. Demgegenüber sind die handgerechten neuen Lesebücher weiter: Sie lassen Michelangelo einen Menschen sein, mit Schwächen, wie sie Autoren und Leser kennen.
KIA VAHLAND
HORST BREDEKAMP: Michelangelo. Fünf Essays. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009 , 112 S., 22,90 Euro.
GIORGIO VASARI: Das Leben des Michelangelo. Hrsg. von Alessandro Nova. Neu ins Deutsche übersetzt von Victoria Lorini. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, 512 S., 24, 90 Euro
VOLKER REINHARDT: Der Göttliche. Das Leben des Michelangelo. Verlag C.H. Beck, München 2010. 381 S., 24,95 Euro.
ANTONIO FORCELLINO: Michelangelo. Eine Biographie.Aus dem Italienischen von Petra Kaiser, Martina Kempter und Sigrid Vagt. Pantheon Verlag, München 2007. 394 Seiten, 14,95 Euro. CRISTINA ACIDINI LUCHINAT: Michelangelo. Der Bildhauer. Deutscher Kunstverlag, München 2010. 320 S., 148 Euro.
Jede Generation sieht
Michelangelo anders, jede muss
sich an ihm abarbeiten
Die Nachwelt schaut auf Michelangelos Werke und diese schauen zurück: „Die Abenddämmerung“ in der Medicikapelle Florenz. Abb.: aus dem besprochenen Band / Deutscher Kunstverlag
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Andreas Beyer feiert diese Sammlung von fünf Aufsätzen von Horst Bredekamp als "längst überfällige" Überprüfung eines überholten Michelangelo-Bildes und als höchst geglückte Interpretation von dessen Oeuvre. Nicht häufig hat man sich in der Kunstgeschichte mit derart unpathetischer Nüchternheit und Souveränität bei gleichzeitiger "sprachlicher Leichtigkeit" an diesen Ausnahmekünstler gewagt, schwärmt der Rezensent. Wurden spätestens seit der Romantik die vielen unfertigen Werke des Künstlers zum Kunstprinzip stilisiert, interpretiert der Autor sie als augenfälligen Ausdruck der großen "inneren und äußeren" Spannungen, als Produkt der Selbstüberschätzung Michelangelos und der schieren Auftragsüberlastung, referiert Beyer zustimmend. Bredekamps Interpretationen von Michelangelos "Juliusgrab" überzeugen ihn ebenso wie dessen Auslegung der päpstlichen Vollmacht zur Errichtung des Petersdoms als Gegenmittel und Beleg der Widerstände, gegen die Michelangelo arbeiten musste. Und deshalb lautet sein glückliches Resümee: eine sehr gelungener "Beitrag zur Revision" eines veralteten Michelangelo-Bildes.

© Perlentaucher Medien GmbH
»Bredekamps Schriften zeichnet eine glänzende Sprache aus, präzise, geschmeidig, anschaulich, kraftvoll, ganz frei von akademischem Geklingel.« Heinrich Wefing, Frankfurter Allgemeine Zeitung