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Moira, eine attraktive, junge schwarze Frau, bereitet einen Dokumentarfilm über das Organ Haut vor. Der Dermatologe Gert Gerlach erklärt sich bereit, sie bei dem Projekt zu unterstützen. Sie geht bei ihm ein und aus, und der Arzt verliert rasch jede Distanz. So gerät Moira im Laufe ihrer Recherchen mehr und mehr in die Wirren des Privatlebens des alternden Gerlach und seiner krankhaft eifersüchtigen Frau. Der junge Arzt Viktor Weber will Gerlachs Praxis bei Köln übernehmen und freut sich auf ein harmonisches Leben mit seiner Freundin Klara, die ihm bald aus Frankfurt in die neue Heimat folgen…mehr

Produktbeschreibung
Moira, eine attraktive, junge schwarze Frau, bereitet einen Dokumentarfilm über das Organ Haut vor. Der Dermatologe Gert Gerlach erklärt sich bereit, sie bei dem Projekt zu unterstützen. Sie geht bei ihm ein und aus, und der Arzt verliert rasch jede Distanz. So gerät Moira im Laufe ihrer Recherchen mehr und mehr in die Wirren des Privatlebens des alternden Gerlach und seiner krankhaft eifersüchtigen Frau. Der junge Arzt Viktor Weber will Gerlachs Praxis bei Köln übernehmen und freut sich auf ein harmonisches Leben mit seiner Freundin Klara, die ihm bald aus Frankfurt in die neue Heimat folgen soll. Doch auch das junge Paar schlittert ungewollt in Gerlachs Leben hinein und Klaras Umzug verzögert sich, während Moira sich von Anfang an stark zu Viktor hingezogen fühlt Statt als objektive Beobachterin hinter der Kamera das Geschehen still zu kommentieren, dringt Moira in die Geschichte der beiden Paare ein und bringt sich damit selbst in Gefahr.
  • Produktdetails
  • Verlag: Picus Verlag
  • Seitenzahl: 240
  • 2011
  • Ausstattung/Bilder: 2011. 240 S.
  • Deutsch
  • Abmessung: 210mm x 135mm
  • Gewicht: 415g
  • ISBN-13: 9783854526742
  • ISBN-10: 3854526741
  • Best.Nr.: 36350176
Autorenporträt
Sylvie Schenk, geboren 1944 in Chambery/Frankreichund lebt seit 1966 in Deutschland. Seit 1995 schreibt sie auf Deutsch. Roman-Veröffentlichungen.
Rezensionen
Das sollte es doch sein, das Ticket in die Loge der Alphaautorinnen der deutschen Literatur. Findet zumindest Daniela Strigl, die diesen "ziemlich anderen Ärzteroman" von Sylvie Schenk für so kühn wie witzig und für so spannend wie sprachlich präzise hält. Milieubeschreibung ist die Sache der Autorin ganz und gar, meint sie, jedenfalls, wenn es darum geht, die Verlogenheit bürgerlicher Ordnung darzustellen, hinter der natürlich ein dunkles Geheimnis lauert. Die Autorin, freut sich Strigl, behandelt ihren Stoff aus wechselnden Perspektiven und psychologisch geschult, und zwar als Dauerkriegszustand eines Ehepaars und als Versuch zweier Dermatologen, die eigene Haut zu retten.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 28.02.2012
Keine Freiheit ohne Sünde

In ihrem Roman "Der Gesang der Haut" begibt sich Sylvie Schenk in die Welt der Dermatologen und zeigt abermals, dass sie tatsächlich zu den großen Autoren der Gegenwartsliteratur zählt.

Für den jungen Dr. Viktor Weber ist "die Haut nicht nur ein Sinnesorgan, sondern ein himmlisches Gewölbe": "Viktor war ein betender Dermatologe." Es gehört einige Kühnheit dazu, die Geschichte eines, nein, zweier Dermatologen zu erzählen. Doch die deutsch-französische Autorin Sylvie Schenk ist keine, die Risiko und Eigensinn scheut, das hat sie zuletzt mit ihrem bemerkenswerten Roman "Parksünder" (2009) bewiesen, in dem sie in die Haut eines unleidlichen Pariser Spitzenbeamten schlüpfte.

"Der Gesang der Haut" nun ist mehr als ein ziemlich anderer Ärzteroman: Das Buch stellt die Diagnose eines sanft verlogenen Glaubens an Bürgerlichkeit und Ordnung, auf den man sein Leben tunlichst nicht gründen sollte. Und es tut das auf eine scharfsinnige, witzige, spannende und sprachlich berückend präzise Weise; zudem mit beachtlicher Treue zum Milieu. Was kann auch schiefgehen, wenn man, wie die Autorin, wofür sie sich artig bedankt, einen dermatologischen Ratgeber namens Dr. Lutz Rathschlag hat?

Technisch gesprochen, geht es um das Erzeugen, Verwalten und Umleiten von erotischer Energie und die in diesen Prozessen frei werdenden Sprengkräfte. Viktor, der rechtschaffene Arzt aus gutem Frankfurter Hause, ist ein schlichtes Gemüt, er freut sich auf seinen Umzug nach Köln, auf seine erste eigene Praxis, auf seine Freundin Klara, die bald zu ihm ziehen will. Das besondere Interesse, das sein Vorgänger Dr. Gert Gerlach und seine Frau Henrietta ihm, dem ortsfremden Anfänger, und dann auch seiner Klara entgegenbringen, ist zunächst tröstlich, dann lästig und schließlich unheimlich. Gerlach ("Er kicherte ein einsames Kichern und zeigt dabei sein noch intaktes Gebiss") ist keiner, der leichten Herzens in Pension geht, und seine obsessive Begeisterung für Klaras Gesangstalent scheint nicht ohne Hintergedanken. Vor lauter Entsprechenwollen vergisst der junge Hautarzt mit den magischen Händen, die eigene Haut zu retten.

Als Paar taugen die Gerlachs nicht zum Spiegelbild, in dem sich junge Liebende als gereifte wiedererkennen möchten. Vielmehr befinden sie sich in einem von gelegentlichen Waffenstillständen unterbrochenen Dauerkriegszustand, er rüde und maliziös, sie - aus langjähriger Leidenserfahrung - eifersüchtig. Auch die vertrauliche Mitteilung ist eine Waffe: Ein jeder erzählt vom anderen, der sei leider krank; Henrietta spricht von Gerts beginnendem Alzheimer, Gert von Henriettas drohender Demenz. Wenn ein Mann, der seinen Hund Inkognito nennt, außerdem ein sogenanntes dunkles Geheimnis hat, ist man nicht wirklich überrascht. Dass manche Anspielung in diesem Buch unnötig deutlich ausfällt, lässt sich allenfalls bemängeln.

Angesiedelt irgendwo zwischen Goethes "Wahlverwandtschaften" und Ian McEwans "The Comfort of Strangers", fügt "Der Gesang der Haut" dem zweiachsigen Modell der beiden Paare eine weitere Person hinzu. Wie eine griechische Schicksalsgöttin heißt sie Moira, ist jung, schwarz und schön und dreht einen Dokumentarfilm über die Haut, weshalb sie ursprünglich am alten Dr. Gerlach dran ist, um bald seinen jungen Kollegen ins Visier zu nehmen; Klara, die für Gerlach (natürlich) Schumann singt und bald keine Musiklehrerin mehr sein will, driftet aber ohnehin langsam von ihrem Verlobten weg. Eingeschoben zwischen den "regulären" Kapiteln, die aus wechselnden Perspektiven erzählt werden, kommt Moira als Ich-Erzählerin zu Wort und kommentiert sarkastisch die Story post festum.

Als die fleischgewordene Versuchung raubt sie Viktor die Illusion, Freiheit sei ohne Sünde zu haben: "Freiheit ist die Sünde an sich, sollen wir draußen eine rauchen? Ich rauche nicht, sagte Viktor. Kein Problem, ich bringe es dir bei, man soll mindestens eine Zigarette am Tag rauchen, als homöopathische Dosis gegen die Krankheit Intoleranz, die jeden Menschen irgendwann befällt."

Am Ende gipfelt die psychologische Engführung in Sylvie Schenks kunstvoller Fuge in einem Scherbenhaufen, der seinen Schrecken jedoch bald verliert: "Du bist raus aus deinem kleinen Leben, deiner schön aufgeräumten und satten Welt, weit weg von deinen lauernden Gewissensbissen und der Zwangsjacke der Familie." Aber einer, der Viktor heißt, kann in der Literatur nicht ganz untergehen.

Zwei Strophen aus Chamissos von Schumann vertontem Zyklus "Frauenliebe und -leben" bilden das eine Motto dieses raffinierten Romans, das andere stammt von Roland Barthes und heißt übersetzt: "Der Eifersüchtige leidet vierfach: weil er ausgeschlossen ist, weil er verrückt ist und weil er gewöhnlich ist." Vierfach? Bei Barthes steht noch: weil er aggressiv ist. Gerade die Aggression spielt für den Ausgang der Geschichte eine Rolle. Und wenn "Der Gesang der Haut" für Sylvie Schenk nicht endlich das Eintrittsbillet in die Club-Lounge der deutschen Literatur bedeutet, dann geht es bei der Platzvergabe nicht mit rechten Dingen zu.

DANIELA STRIGL

Sylvie Schenk: "Der Gesang der Haut". Roman.

Picus Verlag, Wien 2011. 240 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Das sollte es doch sein, das Ticket in die Loge der Alphaautorinnen der deutschen Literatur. Findet zumindest Daniela Strigl, die diesen "ziemlich anderen Ärzteroman" von Sylvie Schenk für so kühn wie witzig und für so spannend wie sprachlich präzise hält. Milieubeschreibung ist die Sache der Autorin ganz und gar, meint sie, jedenfalls, wenn es darum geht, die Verlogenheit bürgerlicher Ordnung darzustellen, hinter der natürlich ein dunkles Geheimnis lauert. Die Autorin, freut sich Strigl, behandelt ihren Stoff aus wechselnden Perspektiven und psychologisch geschult, und zwar als Dauerkriegszustand eines Ehepaars und als Versuch zweier Dermatologen, die eigene Haut zu retten.

© Perlentaucher Medien GmbH