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Mit seinem "Handbuch der politischen Poesie" entwirft Joachim Sartorius eine Weltkarte der Katastrophen und Aufbrüche, die das vergangene Jahrhundert prägten - vom armenischen Genozid bis zum Vietnamkrieg, von der Belagerung Sarajewos bis zur grünen Utopie. Er präsentiert über 110 Lyriker und Lyrikerinnen aus über 50 Ländern. Seine Auswahl ist subjektiv und doch vorherbestimmt von den großen Zäsuren der Geschichte. Gerade in dem von extremen Ideologien heimgesuchten 20. Jahrhundert war das Verhältnis von Politik und Poesie besonders prekär. Es gab Dichter, die Mitläufer waren oder Partei für…mehr

Produktbeschreibung
Mit seinem "Handbuch der politischen Poesie" entwirft Joachim Sartorius eine Weltkarte der Katastrophen und Aufbrüche, die das vergangene Jahrhundert prägten - vom armenischen Genozid bis zum Vietnamkrieg, von der Belagerung Sarajewos bis zur grünen Utopie. Er präsentiert über 110 Lyriker und Lyrikerinnen aus über 50 Ländern. Seine Auswahl ist subjektiv und doch vorherbestimmt von den großen Zäsuren der Geschichte. Gerade in dem von extremen Ideologien heimgesuchten 20. Jahrhundert war das Verhältnis von Politik und Poesie besonders prekär. Es gab Dichter, die Mitläufer waren oder Partei für das Schlimmste ergriffen. In einer "Schreckenskammer" am Ende des Buches versammelt der Herausgeber Gedichte von Despoten. Die Dichter aber, um die es ihm geht, sind unbestechlich und können, besser als andere, die Umbrüche der Geschichte nachzeichnen. Ihre Gedichte stehen im denkbar größten Gegensatz zur Macht. Als Herausgeber führt Joachim Sartorius mit einem ausführlichen Vorwort in diese Sammlung ein und stellt jedem einem politischen Ereignis gewidmeten Kapitel einen eigenen Text voran.
  • Produktdetails
  • Verlag: Kiepenheuer & Witsch
  • Seitenzahl: 347
  • 2014
  • Ausstattung/Bilder: 2014. 348 S. 243 mm
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 167mm x 27mm
  • Gewicht: 600g
  • ISBN-13: 9783462046915
  • ISBN-10: 3462046918
  • Best.Nr.: 40811735
Autorenporträt
Joachim Sartorius, geboren 1946, wuchs in Tunis auf und lebt heute - nach langen Aufenthalten in New York, Istanbul und Nicosia - in Berlin. Seit 2001 leitet er die Berliner Festspiele. Sein lyrisches Werk wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er veröffentlichte mehrere, in Zusammenarbeit mit Künstlern entstandene Bücher und ist Herausgeber der Werkausgaben von Malcolm Lowry und William Carlos Williams sowie verschiedener Anthologien. Auszeichnung 1998 für seine Übersetzung amerikanischer Lyrik von John Ashbery und Wallace Stevens mit dem Paul-Scheerbart-Preis sowie mit zahlreichen Stipendien ausgezeichnet.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Eigentlich ist Peter Hamm ein Freund der Arbeit von Joachim Sartorius und kann auch dessen Begeisterung für Anthologien nachvollziehen. Die neueste, "Niemals eine Atempause", weist allerdings einige Schwachstellen auf, findet der Rezensent. Sie soll exemplarisch die politische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts entlang einschneidender politischer Ereignisse zusammentragen, wobei Sartorius hier nur jene Gedichte als politisch gelten, die explizit einen konkreten politischen Anlass hatten, erklärt Hamm. Diese Engführung des Politischen kann man kritisieren, weiß der Rezensent, der dann allerdings die Auslassungen innerhalb der engen Definition umso schmerzlicher vermisst. Es fehlt zum Beispiel Lyrik aus dem rechten Lager, es fehlen die Achtundsechziger und die Frauenbewegung, es fehlen zahlreiche Amerikaner und einzelne zentrale Figuren wie Pasolini, Bachmann oder Majakowskis, bedauert Hamm, der dafür einige Entdeckungen Sartorius' aus seltener vertretenen Ländern wie Armenien oder Vietnam besonders lobt. Ingesamt hätte sich der Rezensent wohl einen größeren Umfang gewünscht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 04.12.2014
Eine Internationale für sich

Joachim Sartorius versammelt in "Niemals eine Atempause" politische Gedichte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Ingeborg Bachmann erzählte einmal, sie habe aufgehört zu dichten, als ihr der Verdacht kam, sie "könne" jetzt Gedichte schreiben, auch "wenn der Zwang, welche zu schreiben, ausbliebe". Vom Zwang oder auch von der Not im Dichten spricht nicht nur Ingeborg Bachmann. Das Gedicht in seiner "leidenschaftlichen Jagd nach dem Wirklichen" (Czeslaw Milosz) kann etwas, was andere Gattungen nicht können. Dabei wird der Schreibende mitunter verfolgt von dem, was ihn umgibt, weshalb Milosz 1945 in "Warschau" schrieb: "Ich kann nichts / Schreiben weil gleich fünf Hände / Nach meiner Feder greifen / Und ihre Geschichte zu schreiben befehlen / Die ihres Lebens und die ihres Todes."

In dem von Joachim Sartorius herausgegebenen Band "Niemals eine Atempause - Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert" finden sich keine Verse der Bachmann, wohl aber die genannten Zeilen von Milosz. Die Dringlichkeit, schreiben zu müssen - und sei es, um sich die Angst von der Seele zu schreiben -, schwingt in vielen der versammelten Gedichte mit, daneben liest man von den Hoffnungen der demokratischen Aufbrüche. Doch was eigentlich ist das, politische Lyrik? Die einen behaupten, Lyrik sei per se politisch, nicht zuletzt, weil sie der medialen Wörterflut Widerstand entgegensetze und die Wirklichkeit aufsprenge. Andere behaupten, politische Lyrik sei keine Lyrik, da sie auf Wirkung ziele. Sartorius zufolge kennzeichnet "politische Poesie", dass die Verse, "aus politischem Anlass oder Kontext entstanden, politische Geschichte reflektieren, aber in der ganz unverwechselbaren Manier des Gedichts". Folglich hat er Tendenzdichtung gemieden, denn diese nimmt der Gegenwart ihre Widersprüche.

Nach dem Ende der einstmals "engagiert" genannten Literatur, der nur wenige wirklich nachtrauern, fristete politische Lyrik lange Jahre ein Mauerblümchendasein. Dabei sind Schriftsteller auch Kinder ihrer Zeit, und ihre Zeit ist politisch. Es ist somit ein großes Verdienst, dass und wie Sartorius das Politische in der Wortkunst neu in den Blick nimmt. Und er ist für ein solches Anthologie-Vorhaben prädestiniert: Er ist Lyriker, hat über viele Jahre Dichterkollegen übersetzt und ediert, hat 1994 mit dem "Atlas der neuen Poesie" Stimmen aus aller Welt grandios zusammengeführt; in seinem Arbeitsalltag war und ist er seit Jahrzehnten ein herausragender Diplomat der Schönen Künste, zuletzt als Intendant des Hauses der Festspiele in Berlin, wo sich Künstler aus aller Welt begegnen.

Sein "Handbuch" folgt nicht formalen, gestalterischen oder ästhetischen Setzungen, sondern dem historischen Ordnungsprinzip der Katastrophen und Aufbrüche im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts - vom Völkermord in Armenien über den Ersten Weltkrieg, die Russische Revolution, den Spanischen Bürgerkrieg, die Todeslager, Exil und Emigration bis zum Widerstand in Osteuropa, dem postkolonialen Afrika, der Revolution in Kuba und dem Krieg in Vietnam; es folgen China, Jugoslawien und die Konflikte im Nahen Osten. Im Vorwort bemerkt Sartorius zu Recht, dass sein Blick ein europäischer sei; ein Inder hätte andere Schwerpunkte gesetzt. Außerdem weiß er: Indem er die Dichterworte in thematische Überschriften hineinzitiert und ihnen sachliche und biographische Erläuterungen voranstellt, nimmt er dem jeweiligen Gedicht etwas von seiner Offenheit. Ein kleiner Fluch der guten Tat.

Doch politische Gedichte brauchen solche Erläuterungen zum Entstehungskontext, und letztlich kann die thematische Überschrift den kraftvollen unter ihnen nicht viel anhaben, weder dem bosnischen Dichter Adin Ljuca noch Eluard oder Nelly Sachs. Sie bleiben bei sich. Jede Entscheidung für ein Ordnungssystem hat ihre Logik und ihren Preis, und so finden sich im Handbuch auch Gedichte, die mit der Zeit ihre politische Haltbarkeit eingebüßt haben und sprachlich nicht überzeugen. Außerdem fehlen Gedichte zu politischen Alltagsfragen wie Migration oder Parlamentarismus.

Eindrücklich beschreibt Wislawa Szymborska in ihrem Gedicht "Der Koreakrieg" (übersetzt von Karl Dedecius), was es mit dem aus einem Nelly-Sachs-Gedicht entliehenen Titel "Niemals eine Atempause" auf sich hat:

Sie stachen dem Jungen die Augen aus, das Augenpaar.

Weil dieses Augenpaar so schräg und zornig war.

- Ihm sei jetzt Tag wie Nacht -

der Oberst hatte selbst am lautesten gelacht,

er steckte einen Dollar in die Faust dem Büttel

und strich aus seiner Stirn das Haar,

zu sehen, wie der Junge, wie geblendet

davonging, Ausschau haltend mit den Händen.

Im Jahre Fünfundvierzig, Monat Mai, da habe

ich meinen Haß zu früh begraben

/... /

ich brauche seine Glut wohl wieder bald.

Wie in einer immensen Ausstellung wandert der Leser durch das Jahrhundert - von Stimme zu Stimme, von Ton zu Ton. Jedes Gedicht hat seine eigene Gestalt: Hymne, Ballade, Langgedicht, Sonett, Kontemplation, Introspektion, Zweizeiler, Stammeln, Schrei. Durch die formale und thematische Auswahl, Kombination und Konstellation tun sich im Band zwischen den Werken immer neue Beziehungen auf. Metaphern ("Meer", "Mauer", "Die Stunde Null") und Begriffe ("Verzeihen") ziehen sich durch die Zeiten und von Kontinent zu Kontinent.

Jeder Dichter nährt sich immer auch aus anderen Dichtungen und Erinnerungen und treibt seinerseits neue Bilder und neue Erinnerungen aus sich hervor, denn nichts entsteht allein. Sartorius hat wie beiläufig neben dem Netzwerk von Bildern und Begriffen auch zahllose Korrespondenzen und Dialoge geschaffen. So liest man etwa in Ossip Mandelstams "Epigramm gegen Stalin": "Und wir leben, doch die Füße, sie spüren keinen Grund." Ob die Schriftstellerin Hilde Domin Mandelstams Gedicht kannte oder nicht, ihr Vers aus dem Exil "Und ich setzte meinen Fuß in die Luft, und sie trug" scheint wie ein Echo auf die Zeile des fernen Dichters, der im Lager starb.

Besonders gelungen ist Sartorius' Entscheidung, das Kapitel "Todeslager" mit Dan Pagis' doppelbödigem Gedicht "Wiedergutmachungsabkommen" zu beenden: der Saubermann-Rede eines Nazi-Schergen an seine Opfer, in der es heißt: "Schon gut meine Herren" und "seht doch, ihr werdet leben, im Wohnzimmer sitzen, die Abendzeitung lesen". So rekonstruiert Sartorius die gespenstische Leere, mit Wahnworten gefüllt. Zu den vielen kleinen, großartigen Entdeckungen gehören die Gedichte "Der Pirol" von René Char, "Exil" von Amdjad Nâsir und "Als das Volk sich erhob von seinen harten Käserinden" des Chinesen Duo Duo. Daneben begegnet man alten Bekannten - etwa Kästners Verszeile "Was man auch baut, es werden stets Kasernen" oder Biermanns "Du, lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit".

Dichter bilden eine Internationale für sich, weshalb nicht nur der Vietnamkrieg in verschiedensten Sprachen bedichtet wurde. Dass im Epilog Bob Dylan mit "Masters of War" das letzte Wort hat, schließt den Kreis, denn in aller Welt wird Bob Dylan als Wunschkandidat für den Nobelpreis gehandelt, und das nicht unbedingt der politischen Lieder wegen.

So überzeugend dem Herausgeber das Handbuch gelungen ist, so interessant die Auswahl und so gut die Übersetzungen - es bleiben Fragezeichen, was in der Natur der Sache liegt: Wie eigentlich überdauert das Politische in der politischen Lyrik? Überfrachtet man die Gedichte, wenn man die Anmerkungen zu Autor und Entstehungskontext den Versen voranstellt? Und: Gibt es wirklich so viel weniger politisch dichtende Frauen? Aber der Band "Niemals eine Atempause" zeigt auch: Politische Poesie kann viel, wo sie im Bachmannschen Sinne zwingend ist.

MARIE LUISE KNOTT

Joachim Sartorius:

"Niemals eine Atempause". Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert.

Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 348 S., geb., 22,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 03.01.2015
Poesie statt Leitartikel
„Niemals eine Atempause“ – Joachim Sartorius versammelt politische Dichtung aus dem zwanzigsten Jahrhundert
„We live in a political world“, schrieb einst Bob Dylan. Bei der großen polnischen Dichterin Wislawa Szymborska hört sich das so an: „Wir sind Kinder der Zeit, / die Zeit ist politisch.“ Während Dylan in seinem Song zu umkreisen versucht, was das Wort „politisch“ unter den Bedingungen der Gegenwart bedeuten kann, spielt Szymborska auf die ihr eigene ironische Art mit der Vorstellung, alles „politisch“ zu nennen – und damit den Begriff auszuhöhlen: „Sogar wenn du gehst, im Wald und auf der Heide, / setzt du politische Schritte / auf politischen Boden. // Die apolitischen Verse sind auch politisch, / und oben scheint der Mond, / ein Objekt, nicht mehr lunatisch.“
  Die Vorstellung, dass jede Erscheinung, jede Idee und jede Handlung immer auch politisch sein kann, verdankt sich einem Denken jenseits von bloßen Gegensätzen, einem Denken, das in seinem Kern dialektisch ist. Übertragen auf Gedichte hieße es: Jeder Vers, ob er nun die Windungen der Liebe reflektiert oder Momente der Landschaft, enthält eine Deutung von Gesellschaft und ihren Machtstrukturen, allein dadurch etwa, dass er eine andere Sprache benutzt, als sie in diesen Sphären vorkommt. Der Dichter, Übersetzer und Herausgeber Joachim Sartorius setzt die Sammlung politischer Lyrik, die er vorlegt, einem solchen Verständnis entgegen. Für ihn ist ein Gedicht nur dann politisch, „wenn es ein politisches Thema hat . . . oder wenn der Autor mit dem Gedicht eine politische Absicht verfolgen und es in einen politischen Kontext stellen will“.
  Ein politisches Gedicht soll sich also direkt mit politischen Ereignissen beschäftigen und „Nachrichten über politische Realität enthalten“. Das ist eine nachvollziehbare Idee, die ihren Stoff klug eingrenzt und konturiert – die aber auch ihren Preis hat. Das Gedicht wird so an eine Gegenständlichkeit, an sein Thema und weniger an seine formalen Bestimmungen gebunden. Aus dem Blick geraten jene Gedichte, die ihre Reflexionen in die Struktur einlagern, die das „Verstehen“ von Gedichten hinterfragen oder die der Sprache in ihrer Materialität nachspüren.
  Dafür entsteht die Möglichkeit, im Gedicht „Welt“ erlebbar zu machen, sie auszubreiten in all ihren Einzelheiten und Verbindungen und diese in den Versen zu reflektieren. Joachim Sartorius hat diese Möglichkeit beim Wort genommen und Verse aus allen Gegenden der Welt ausgesucht, die Gedichte für seine Sammlung zeitlich angeordnet und um thematische Kristallisationspunkte gruppiert, die Stoffe wie den Ersten und den Zweiten Weltkrieg, Flucht und Exil oder auch die kubanische Revolution umfassen. Dabei mischen sich Verse von Dichtern, die jene Ereignisse selbst erlebt haben, mit Versen, die aus der Distanz oder von späteren Schreibenden imaginiert werden.
  Die Toten, schreibt der englische Dichter Robert Graves, lassen sich nicht auf dem Friedhof finden, auch nicht im Himmel oder in der Hölle. Einzig „im Grab / Der Verse, die ich euch zu lesen gab“ sind die Stimmen der Toten anwesend. Für den Leser erwächst daraus eine Aufgabe: „Wenn ich also getötet bin, weint nicht um mich – / Erschossen, armer Kerl, jung und gesund, / Getötet und dahin – weint nicht um mich. / Mein Leben hängt an eurem Mund: / Ihr könnt, Freunde, Geliebte – ihr allein / Den Spielgefährten aus dem Grab befrein.“ Und Joachim Sartorius tut genau dies. Er geht in die Archive und holt die Stimmen der Toten für uns ans Licht. Er befreit sie aus den staubigen Erinnerungsgräbern und lädt sie in den Konstellationen seiner Kapitel neu auf.
  Und es gelingt ihm noch mehr. Immer wieder zeigt er uns Gedichte, die fern von großen Meinungen sind oder einer aufdringlichen Moral. Vielmehr falten die Verse die Konflikte und die Katastrophen in all ihren Details vor uns auf, machen sie in ihrer Sprache, in ihrem Rhythmus und in ihren Bildern erfahrbar. Da lässt gleich zu Beginn der armenische Dichter Siamanto Szenen aus dem armenischen Genozid in die Sprache ausstrahlen, Frauen, die mit Öl übergossen und angezündet werden – der australische Dichter Les Murray wird diese Bilder fast hundert Jahre später für seinen Versroman „Fredy Neptune“ nutzen. Oder der Engländer Wilfred Owen skizziert einen „Schläfer“ und dreht das vertraute Motiv in eine neue Richtung: „Gelehnt an den Tornister, helmbedeckt,/ Nach so vielen Tagen Wacht und Placken, / Hat Schlaf ihn an der Stirn gefasst und hingestreckt.“
  An Stellen wie diesen wird deutlich, was der schwedische Dichter Gunnar Ekelöf einmal als die eigentliche Fähigkeit des Dichters bezeichnet hat. Gemeinhin fällt die Erforschung der Vergangenheit den Historikern zu. Doch für Ekelöf ist die Erinnerungssuche, das „Gedächtnis“, wie er es nur nennt, das Metier der Dichter. Den Toten widmet der Dichter sein Schreiben, er bewahrt die Erinnerung an sie und erweckt sie bisweilen zum Leben. Dabei sind die Erlebnisse, die sein Interesse wecken, nicht die Staatsaktionen, nicht die Jahreszahlen und nicht die „Stiefel von Königen“, wie Ekelöf schreibt.
  Was den Dichter anzieht, ist vielmehr das Ensemble der alltäglichen Begebenheiten und Dinge. Und so führen uns die Gedichte von den Funksignalen des Ersten Weltkriegs zu den Fabriken und Kanälen des Zweiten, zeigen uns Ziegelwände und Hospitalbetten im Südafrika der Apartheid oder den Kreidestaub in einem bosnischen Fußballstadion.
  Am beeindruckendsten sind vielleicht die Nachkriegsgedichte, die den Resten der „Stunde Null“ mit einer radikal kargen Sprache antworten. Günter Eichs „Inventur“, Mascha Kalékos „Inventar“, erst recht aber ein Gedicht wie Tadeusz Rózewicz’ „Fremd“, das mit knappsten sprachlichen Mitteln die vertrauten Denkmuster dreht: „Die mutter von der / man mich trennte / nach der geburt / ist wie stein. // Einst trug sie mich / nun trägt sie – die fremde frau – / ein ärmliches bündel karotten / . . . der regen ist einsam und rein / er fällt und steigt immer höher.“
  Freilich kitzelt eine solch umfassende Anthologie auch Fragen hervor. Braucht man ganze Kapitel mit Lobeshymnen zu Revolutionen, die über parolenhafte Sätze oft nicht hinauskommen? Wo sind die weiblichen Stimmen zur Zeit des Ersten Weltkriegs, Emmy Hennings etwa oder Else Lasker-Schüler? Wo sind die ästhetisch feineren Stimmen zu den „Befreiungsbewegungen in Lateinamerika“, sei es Juan Gelman oder Haroldo de Campos? Dafür entschädigen die in unterschiedliche Richtungen ausstrahlenden, vielzüngigen Verse anderer Kapitel, die genaue Anordnung und vor allem die spürbare Lust des Herausgebers, auch scheinbar vertrauten Autoren unbekannte Töne zu entlocken.
  Es gibt aber Gedichte und ästhetische Richtungen, die man wirklich vermisst – zumal sie sich gut in die vorhandenen Kapitel hätten einfügen lassen. Die Texte der Wiener Avantgarde etwa, die ihre kritische Analyse der Sprache des Dritten Reiches aus dem Wortmaterial selbst hervortreiben. Inger Christensens „Alfabet“, ein strukturstarkes Langgedicht, dessen Impulse sich der atomaren Bedrohung verdanken. Thomas Klings oder Marcel Beyers Gedichte zum Ersten Weltkrieg, die all die historischen und medialen Schichten in den Konstellationen der Sprache durchspielen.
  Es ist ein Poesiekoloss, den Joachim Sartorius für uns zusammengestellt hat. Wenn man die weit über 200 Gedichte gelesen, verschiedenste Schauplätze, historische Räume und Sprachen durchquert hat, muss man sich erst einmal eine kleine Atempause verschaffen. Doch es lohnt sich, ganz und gar, den poetischen Tastbewegungen der Gedichte zu folgen. Nicht nur, weil man sich über viele Entdeckungen und zum Teil sehr gute Übersetzungen freuen darf. Sondern weil am Ende die Geschichte des 20. Jahrhunderts in vielen kleinen Splittern spürbar wird und ihre Klangfächer entfaltet. Der syrische Dichter Adonis beschreibt es so: „Ein Buch / in die Eingeweide eines Raben geschrieben / Eine Bestie / Die eine Blume bringt / Ein Felsen / Der in den Lungen eines Verrückten atmet. // Das / Das ist das zwanzigste Jahrhundert.“
NICO BLEUTGE
„die mutter von der / man
mich trennte / nach der
geburt / ist von stein“
          
    
Joachim Sartorius (Hrsg.): Niemals eine Atempause. Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert. Kiepenheuer & Witsch
Verlag, Köln 2014.
348 Seiten, 22,99 Euro.
E-Book 19,99 Euro.
„Für Pablo“, 2013 – der chinesische Künstler Ai Weiwei ehrt den Dichter Neruda an der Mauer des ehemaligen Gefängnisses von Valparaiso. Foto: AFP
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"Mit seinem "Handbuch der politischen Poesie" hat Joachim Sartorius eine Weltkarte aus Gedichten erstellt, die von den Aufbrüchen und Katastrophen erzählen, die unser Leben [...] prägen." WDR5 Scala 20150205
»[...] der Band Niemals eine Atempause zeigt [...]: Politische Poesie kann viel, wo sie im Bachmannschen Sinne zwingend ist.«