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1857 schlägt die Geburtsstunde der modernen Lyrik: Charles Baudelaire veröffentlicht seine »Fleurs du Mal«. Zwei Wochen später hat er einen Prozess wegen Gotteslästerung und Verstoß gegen die öffentliche Moral am Hals. Er wird verurteilt, sechs Gedichte müssen entfernt werden. Diese Ausgabe enthält sämtliche Gedichte der Erstauflage, außerdem die, die Baudelaire in späteren Ausgaben hinzugefügt hat, sowie eine Dokumentation zum Prozess. Die gereimte Versübersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff setzt sich zum Ziel, Baudelaires Text, vor allem seine Bilder, genau wiederzugeben und die Dichte und Eindringlichkeit des Originals zu bewahren.…mehr

Produktbeschreibung
1857 schlägt die Geburtsstunde der modernen Lyrik: Charles Baudelaire veröffentlicht seine »Fleurs du Mal«. Zwei Wochen später hat er einen Prozess wegen Gotteslästerung und Verstoß gegen die öffentliche Moral am Hals. Er wird verurteilt, sechs Gedichte müssen entfernt werden.
Diese Ausgabe enthält sämtliche Gedichte der Erstauflage, außerdem die, die Baudelaire in späteren Ausgaben hinzugefügt hat, sowie eine Dokumentation zum Prozess. Die gereimte Versübersetzung von Monika Fahrenbach-Wachendorff setzt sich zum Ziel, Baudelaires Text, vor allem seine Bilder, genau wiederzugeben und die Dichte und Eindringlichkeit des Originals zu bewahren.
  • Produktdetails
  • Reclams Universal-Bibliothek 14090
  • Verlag: Reclam, Ditzingen
  • Seitenzahl: 650
  • Erscheinungstermin: 7. Mai 2021
  • Deutsch, Französisch
  • Abmessung: 147mm x 96mm x 36mm
  • Gewicht: 289g
  • ISBN-13: 9783150140901
  • ISBN-10: 3150140900
  • Artikelnr.: 60698555
Autorenporträt
Charles Baudelaire (9.4.1821 Paris - 31.8.1867 Paris) ist einer der berühmtesten französischen Schriftsteller. Baudelaire, der bereits mit fünf Jahren seinen leiblichen Vater verliert, wächst in einem gestörten Verhältnis zu seinem Stiefvater auf - einem ehrgeizigen Offizier und späteren Admiral. Wegen eines vorangegangenen Schulverweises muss Baudelaire das Baccalauréat als Externer abschließen. Anstatt dem begonnenen Jura-Studium nachzugehen, gibt sich Baudelaire einem ausschweifenden Leben in der Pariser Literaten- und Künstlerszene hin. Bei einer Prostituierten steckt er sich mit Syphilis an. Während der Revolution 1848 ist er Teil der Aufstände in Paris. Sein Leben ist bis zum Schluss von finanziellen wie gesundheitlichen Problemen geprägt. Charles Baudelaires einziger Gedichtband »Les Fleurs du Mal« (»Blumen des Bösen«) ist Ausdruck seiner morbiden Faszination für das Hässliche und den Verfall, was ihn zu einem Vorläufer der Dekadenz-Dichtung macht. Der Band brachte ihm einen Strafprozess wegen >Beleidigung der öffentlichen Moral< ein. Bekannt war Baudelaire seinen Zeitgenossen als Kunstkenner, Wagner-Enthusiast und Übersetzer der Schauerliteratur Edgar Allan Poes, den er als einen Bruder im Geiste ansah. Mit dem posthum erschienenen »Le Spleen de Paris« (dt. »Der Spleen von Paris«) erschuf Baudelaire eine neue literarische Gattung: das Prosagedicht.
Inhaltsangabe
Les Fleurs du Mal [1861] Die Blumen des Bösen

Au Lecteur An den Leser

Spleen et Idéal Spleen und IdealBénédiction Segen
L'Albatros Albatros
Élévation Erhebung
Correspondances Einklang
J'aime le souvenir de ces époques nues Wie lieb ich dieser nackten Zeiten Bild
Les Phares Leuchtfeuer
La Muse malade Die kranke Muse
La Muse vénale Die käuf liche Muse
Le Mauvais Moine Der schlechte Mönch
L'Ennemi Der Feind
Le Guignon Der Unstern
La Vie antérieure Das frühere Leben
Bohémiens en voyage Zigeuner unterwegs
L'Homme et la mer Der Mensch und das Meer
Don Juan aux enfers Don Juan in der Unterwelt
Châtiment de l'orgueil Züchtigung der Hoffart
La Beauté Die Schönheit
L'Idéal Das Ideal
La Géante Die Riesin
Le Masque Die Maske
Hymne à la Beauté Hymne an die Schönheit
Parfum exotique Exotischer Duft
La Chevelure Das Haar
Je t'adore à l'égal de la voûte nocturne Wie vor dem Sterngewölbe will vor dir ich knien
Tu mettrais l'univers entier dans ta ruelle Du nähmst die ganze Welt ins Bett zum Zeitvertreib
Sed non satiata Sed non satiata
Avec ses vêtements ondoyants et nacrés Mit wogendem und schimmerndem Gewand
Le Serpent qui danse Die tanzende Schlange
Une Charogne Ein Aas
De profundis clamavi De profundis clamavi
Le Vampire Der Vampir
Une nuit que j'étais près d'une affreuse Juive Als ich bei einer Jüdin schlimm die Nacht verbrachte
Remords posthume Zu späte Reue
Le Chat Die Katze
Duellum Duellum
Le Balcon Der Balkon
Le Possédé Der Besessene
Un Fantôme Eine Erscheinung
I Les Ténèbres Dunkelheit
II Le Parfum Der Duft
III Le Cadre Der Rahmen
IV Le Portrait Das Bildnis
Je te donne ces vers afin que si mon nom Dein sind die Verse, falls mein Name je
Semper eadem Semper eadem
Tout entière Ganz und gar
Que diras-tu ce soir, pauvre âme solitaire Einsame arme Seele, was sagst du heute nacht
Le Flambeau vivant Die lebendige Fackel
Réversibilité Stellvertretung
Confession Beichte
L'Aube spirituelle Geistige Morgenröte
Harmonie du soir Harmonie am Abend
Le Flacon Das Flakon
Le Poison Das Gift
Ciel brouillé Trüber Himmel
Le Chat Die Katze
Le Beau Navire Das schöne Schiff
L'Invitation au voyage Einladung zur Reise
L'Irréparable Unwiederbringlichkeit
Causerie Plauderei
Chant d'automne Herbstlied
À une Madone An eine Madonna
Chanson d'après-midi Lied am Nachmittag
Sisina Sisina
Franciscæ meæ laudes Lob auf meine Franziska
À une dame créole An eine kreolische Dame
Moesta et errabunda Moesta et errabunda
Le Revenant Das Gespenst
Sonnet d'automne Herbstsonett
Tristesses de la lune Lunas Schwermut
Les Chats Die Katzen
Les Hiboux Die Eulen
La Pipe Die Pfeife
La Musique Die Musik
Sépulture Begräbnis
Une Gravure fantastique Ein phantastischer Stich
Le Mort joyeux Der famose Tote
Le Tonneau de la Haine Das Fass des Hasses
La Cloche fêlée Die zersprungene Glocke
Spleen (Pluviôse, irrité contre...) Spleen (Der Regenmond, erbost...)
Spleen (J'ai plus de souvenirs...) Spleen (Ich habe mehr Erinnerung...)
Spleen (Je suis comme le roi...) Spleen (Ich bin dem König...)
Spleen (Quand le ciel bas et lourd...) Spleen (Wenn der tiefe Himmel...)
Obsession Obsession
Le Goût du néant Geschmack am Nichts
Alchimie de la douleur Alchimie des Schmerzes
Horreur sympathique Sympathetisches Grauen
L'Héautontimorouménos Der Heautontimoroumenos
L'Irrémédiable Das Unabänderlic
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 05.08.2017

Ruhm, Satan, dir und Preis
Charles Baudelaire hielt die einstige Schönheit im Augenblick ihres Untergangs fest. Simon Werle hat nun den Zyklus „Les Fleurs du Mal“ neu übersetzt
Gedichte sprechen, wie man im Umgang mit Menschen nicht sprechen kann, in Versen. Sie sprechen von Leidenschaften, die sonst der Diskretion unterliegen, von der Liebe, der Verzweiflung. Einen Schritt weiter gehen die Gedichte Baudelaires, sie sprechen, wie schon der Titel „Les Fleurs du Mal“ ankündigt, von ästhetisch und moralisch verwerflichen Dingen, vom Anblick des Widerlichen oder von den Ekstasen der Wollust, selbst der zwischen Frauen. Als der Band 1857 erschien, kam sein Autor sogleich vor Gericht, das ihn zu einer Geldstrafe verurteilte und sechs der Texte verbot. Zwar gewinnt, wer das Journal der Brüder Goncourt aus diesen Jahren liest, den Eindruck, dass sämtliche Spielarten der Sexualität zur Unterhaltung der Pariser Gesellschaft dienten. Doch wenigstens die Poesie sollte das Gute, Schöne, Wahre feiern, das in der Welt nicht zu finden war.
Dieser gutbürgerlichen Erwartung genügten „Die Blumen des Bösen“ nicht. Ihr Dichter scheut sich nicht, Satan inniger noch als Gott anzubeten: „Ruhm, Satan, dir und Preis dort in dem hohen Rund/ Des Himmels, wo du herrschtest, und im tiefen Schlund/ Der Hölle, wo du überwunden träumst in Schweigen!“ In Satan sieht der gläubige Katholik Baudelaire das vergrößerte Spiegelbild des verfluchten Dichters, des „poète maudit“, der vor der hässlichen Gegenwart die Augen nicht verschließt und die verlorene Schönheit allein in der rhetorischen Sprache und dem klassischen Metrum seiner Gedichte wiederherzustellen versucht. Was die Lyrik aus ihrem Reservoir von Themen ausgeschlossen hatte – die Alten, Kranken, Bettler, Kadaver, das Rauschgift, den Lärm der Großstadt –, fasst Baudelaire in zu seiner Zeit längst abgetane Formen, das Sonett mit Vorliebe und den Alexandrinervers. Am Fortschrittsprogramm des 19. Jahrhunderts nimmt er nur die Verluste wahr, die Zerstörung des alten Paris, das Verschwinden des träumerischen Müßiggangs, der Schönheit, die der Dichter im Augenblick ihres Untergangs festhalten möchte.
Baudelaire ist Nachfahr der deutschen Romantik und Vorfahr der deutschen Moderne, Richard Wagner eines seiner Leitbilder. Stefan George, Gottfried Benn, Else Lasker-Schüler, Georg Trakl, fast alle, die um 1900 eine neue Sprache für die deutsche Dichtung suchten, haben aus den „Fleurs du Mal“ gelernt. Die Übersetzungen von Stefan George, Wolf von Kalckreuth, Walter Benjamin und Wilhelm Hausenstein bis zu Carlo Schmid und Friedhelm Kemp gehören zur Geschichte der deutschen Lyrik. Eine neue Übersetzung des Zyklus lädt sich nicht nur die schwere Aufgabe auf, seine Bilderflut aus Mythos, Religion, Erotik, Traum und Fantasie wiederzugeben. Sie muss auch den Vergleich mit jenen Nachdichtungen aushalten, die seit Langem gerühmt und getadelt werden. Die Vielzahl der Versuche zeigt, dass jede das Bedürfnis geweckt hat, es besser zu treffen.
Soll eine Übersetzung der „Fleurs du Mal“ ihre poetische Form, Metrum also und Reim, bewahren oder sich, wie heute üblich, zumal in zweisprachigen Ausgaben, mit der bequemeren Prosa begnügen? Simon Werle hat sich für das ältere, schwierigere Vorgehen entschieden, obwohl die aktuelle Lyrik den Vers fast verlernt hat. Jüngere Autoren allerdings, wie Jan Wagner oder Marion Poschmann, wagen es, ihn, hinter Assonanzen halb verdeckt, wieder einzuschmuggeln.
Die Kosten der Entscheidung, die vorgegebene Form zu retten und dafür manche Genauigkeit der Bedeutung zu opfern, machen sich bereits an den ersten Zeilen von Werles Übertragung bemerkbar. „Au lecteur“ lautet die Überschrift des Eingangsgedichts. Werle bildet sie mit gleicher Silbenzahl nach: „Dem Leser“, als sollte dieser ein Geschenk erhalten. Die korrekte Übersetzung hätte eine Silbe mehr benötigt, „An den Leser“, Anrede, wie sie viele Gedichte verwenden. Der Schluss des Gedichts nimmt sie ausdrücklich wieder auf: „Du heuchlerischer Leser, du mein Bruder, mir so gleichend!“ Der erste Vers des Gedichts an den Leser, „La sottise, l’erreur, le péché, la lésine“ ließe sich in schlichter, gehorsamer Prosa wiedergeben: „Die Dummheit, der Irrtum, die Sünde, der Geiz“. Der Alexandriner, den Werle bildet, „Der Sünde, Blindheit, Dummheit, Knauserei Gebresten“ bringt die Ordnung der wie apokalyptische Reiter daherkommenden Begriffe durcheinander. Baudelaire folgt hier der katholischen Theologie: Was mit den Einbußen der Erkenntnis beginnt, mit Dummheit und Irrtum, endet bei den Vorstufen der Verdammnis, bei Sünde und Todsünde. „Gebresten“, dem Reim auf „mästen“ entgegenstrebend, ist für diese unerbittliche Logik der Höllenstrafe ein allzu schonungsvoller Ausdruck.
Werles kluges Nachwort unterrichtet den Leser über die unterschiedliche Bedeutung des Reims in der französischen und in der deutschen Verskunst. Im Französischen bietet er sich leicht, zu leicht, an. Er gibt sich mit Nachsilben wie in „tapage“ und „carnage“ oder in „guerrière“ und „meutrière“ zufrieden. Im Deutschen ist er schwerer zu finden, da betonte Stammsilben übereinstimmen müssen. Deshalb berührt der Reim ein französisches Ohr nur schwach, ein deutsches lässt er aufhorchen. Gerade die genaue Beachtung der formalen Regeln führt bei der Übertragung unvermeidlich zu einer ästhetischen Diskrepanz. Unter den früheren Übersetzungen der „Blumen des Bösen“ rühmt Werle zu Recht besonders die Wolf von Kalckreuths, die 1907 im Todesjahr des Neunzehnjährigen, erschien. Kalckreuth schwächte das Problem der aufdringlichen Reime ab, indem er viel gebrauchte, blasse den exquisiten vorzog. So reimt er in der letzten Strophe der „Reise“ die Wörter „trinken – Geist – sinken – beweist“, damit sich die Aufmerksamkeit nicht auf das Ende der Verszeile konzentriert. Werle streut Assonanzen und unreine Reime ein – in derselben Strophe: „Zügen – versengt – liegen – schenkt“ –, um der Monotonie des Gleichklangs zu entgehen. Zugleich verschafft ihm der Verzicht auf den exakten Reim größere Freiheit bei der Suche nach dem passenden Wort.
Könnte es nicht eine Ausgabe der „Blumen des Bösen“ geben, die zu jedem Gedicht die jeweils beste Übersetzung auswählte? Viele Beiträge würden von Simon Werle stammen. Seine Übertragung schreckt nicht vor den grellen, Himmel und Hölle bewegenden Bildern der „Fleurs du Mal“ zurück. Lieber übertreibt er das Befremdliche an Baudelaires Lyrik, als es abzuschwächen: Der Abgrund, „où mon cœur est tombé“, wird so zum „Schlund, in den mein Herz fiel tiefen Fall.“ Den wilden, romantischen, manchmal kitschigen Vorstellungen, die Baudelaire sich gestatten durfte, weil er sie der Herrschaft strenger Form unterwarf, hat keine andere Übersetzung so nachgegeben wie die neueste.
Oft gelingt es ihr, alle Hindernisse, die bei einer Übersetzung zwischen Form und Sinn des Gedichts liegen, aus dem Weg zu räumen. Dann klingt die Übersetzung so, als wäre sie das Original. Hätte Baudelaire deutsch gedichtet, so würde das erste Quartett des „Parfum exotique“ vielleicht wie bei Simon Werle lauten: „Wenn mich in heißem Herbst, die Augen fest geschlossen,/ Des Abends deiner warmen Brüste Duft durchströmt,/ Seh ich ein glückliches Gestade, das sich weithin dehnt,/ Von eintöniger Sonnen überhellem Strahl durchflossen“.
HEINZ SCHLAFFER
Charles Baudelaire: Les Fleurs du Mal. Die Blumen des Bösen. Aus dem Französischen von Simon Werle. Rowohlt Verlag, Reinbek. 525 Seiten, 38 Euro. E-Book 29,99 Euro.
Eine Bilderflut aus Mythos,
Erotik, Traum, unterworfen der
Herrschaft strenger Form
Und dann klingt diese
Übersetzung so,
als wäre sie das Original
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