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In seinem neuen Essay ist Martin Walser ganz Leser und Entdecker, und als solcher bereist er eine sonst kaum beachtete literarische Landschaft - die jiddische Literatur. Einem ihrer großen Autoren und Mitbegründer der modernen jiddischen Literatur, Sholem Yankev Abramovitsh (1835-1917), will er schreibend ein Denkmal setzen: ihm und seinem Werk, das er "ein Lesewunder" nennt und in dem ihm ein Erzählen "unter einem Himmel voller Bedeutungen" begegnet. Martin Walser ist begeistert von der Vielfalt der Sprachwelten, die sich ihm darin eröffnet. Die enthusiastische Leseerfahrung, die in seinem…mehr

Produktbeschreibung
In seinem neuen Essay ist Martin Walser ganz Leser und Entdecker, und als solcher bereist er eine sonst kaum beachtete literarische Landschaft - die jiddische Literatur. Einem ihrer großen Autoren und Mitbegründer der modernen jiddischen Literatur, Sholem Yankev Abramovitsh (1835-1917), will er schreibend ein Denkmal setzen: ihm und seinem Werk, das er "ein Lesewunder" nennt und in dem ihm ein Erzählen "unter einem Himmel voller Bedeutungen" begegnet. Martin Walser ist begeistert von der Vielfalt der Sprachwelten, die sich ihm darin eröffnet. Die enthusiastische Leseerfahrung, die in seinem Essay ihr Echo findet, lässt auch einen Autor in neuem Licht erscheinen, zu dem er seit seinen Anfängen immer wieder zurückgekehrt ist: Franz Kafka.

So ist Martin Walsers Essay nicht nur die Erkundung einer vernichteten Lebenswelt, sondern auch eine emphatische Einladung an das Publikum, sich in diesen wieder entdeckten Landstrich der Literatur zu begeben: "Ich hoffe, es gehe jedem Leser so: Man möchte diese Sprache sprechen."
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Reinbek
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 144
  • Erscheinungstermin: 1. Oktober 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 128mm x 20mm
  • Gewicht: 262g
  • ISBN-13: 9783498073879
  • ISBN-10: 3498073877
  • Artikelnr.: 41202273
Autorenporträt
Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg/Bodensee, lebt heute in Nußdorf/Bodensee. 1957 erhielt er den Hermann-Hesse-Preis, 1962 den Gerhart-Hauptmann-Preis und 1965 den Schiller-Gedächtnis-Förderpreis. 1981 wurde Martin Walser mit dem Georg-Büchner-Preis, 1996 mit dem Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad Homburg und 1998, dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels und dem Corine - Internationaler Buchpreis; Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten 2008 ausgezeichnet. 2015 wurde Martin Walser der Internationale Friedrich-Nietzsche-Preis für sein Lebenswerk verliehen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

In einem sehr überlegten Text widmet sich Lothar Müller ausführlich Martin Walsers Essay "Shmekendike Blumen" über den jiddischen Autor Sholem Yankev Abramovitsh, der so seltsamen Koda zu seinen Einlassungen der vergangenen Jahre. Müller sieht diese emphatische Schrift über die jiddische Literatur jedoch weniger in Verbindung mit der Paulskirchenrede oder dem Roman "Tod eines Kritikers", auch wenn er auf Sätze stößt: "Das Ausmaß unserer Schuld ist schwer vorstellbar. Von Sühne zu sprechen ist grotesk." Müller spannt den Bogen vielmehr zu einem Besuch des jungen, Kafka über alles verehrenden Walser bei Dora Diamant in London, wo er sich schrecklich über ihren religiösen Ton echauffierte. Wenn er nun sein Ohr für ostjüdische Welt öffnet, erkennt Müller hier auch die Einsicht über die damals "lächerlich verpatzte" Gelegenheit. Aber noch etwas anderes wundert Müller: Walser Essay ist im Dialog mit Susanne Klingensteins Abramovitsh-Biografie entstanden, und hätte seiner Meinung nach auch besser in dieses Buch gehört. Doch während der Historikerin nicht im Traum einfallen würde, die jiddische Literatur für einen spontanen Ausdruck ostjüdischen Lebens zu halten, schwärme Walser geradezu enthusiastisch von der Stimme der jüdischen Welterfahrung.

© Perlentaucher Medien GmbH

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 19.11.2014

Das Wetter ist wirr und toll geworden
Immer, wenn Martin Walser über Juden schreibt, gehen die roten Lampen an.
Jetzt hat er die jiddische Literatur entdeckt – kein Skandal, aber ein Missverständnis
VON LOTHAR MÜLLER
Im Februar 1952 reiste Martin Walser nach England, um dort in Zusammenarbeit mit der BBC für den Süddeutschen Rundfunk Stuttgart ein „Hörbild“ über die Stadt Plymouth zu erarbeiten. Er war knapp 25 Jahre alt, seine in Tübingen, bei Professor Friedrich Beißner entstandene Dissertation „Beschreibung einer Form: Versuch über die epische Dichtung Franz Kafkas“ war soeben als Hochschulschrift erschienen.
  In London lebte damals Dora Diamant, die letzte Lebensgefährtin Kafkas, schon schwer gezeichnet von der Nierenkrankheit, an der sie im Sommer 1952 im Alter von 54 Jahren starb. Der Londoner Korrespondent des Süddeutschen Rundfunks ermöglichte es seinem jungen Kollegen, die Kranke in ihrer Wohnung in Chelsea zu besuchen. Fast vierzig Jahre später, im Juli 1991, hat Martin Walser diesen Besuch beschrieben, in seiner Rezension der mit zahlreichen Zusätzen Dora Diamants versehenen Briefe Kafkas an seine Eltern aus den Jahren 1922 bis 1924: „Kaum saß ich, griff sie unter eines der vielen Kissen, vor denen sie mehr saß, als daß sie auf ihnen gelegen hätte. Sie holte eine Art Schulheft hervor und fing an vorzulesen. Es waren ihre Aufzeichnungen über Franz Kafka. Aber sie handelten nicht von dem Franz Kafka, mit dem ich mich seit sechs Jahren beschäftigte, der mich immun gemacht hatte gegenüber fast jeder anderen Lektüre.“
  Walser hielt 1991 strenges Gericht über den Walser des Jahres 1952, den der „Religionston“ abstieß, in dem Dora Diamant von Kafka wie von einem Erlöser sprach, den allein die Literatur, die sprachliche Form Kafkas interessierte, der unfähig war, „die ganz und gar religiös bestimmte Erlebnisart einer aus der ostjüdischen Tradition stammenden Frau als Sprache für ein Kafka-Erlebnis gelten lassen zu können“, der rasch das dunkle Mietshaus in Chelsea verließ und am Piccadilly Circus ins Theater ging: „So habe ich eine einmalige Gelegenheit lächerlich verpatzt.“
  In diesem Herbst 2014 nun ist Martin Walser auf die ostjüdische Welt, für die er als junger Mann kein Ohr hatte, zurückgekommen: in dem Essay „Shmekendike Blumen. Ein Denkmal / A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh“. Das schmale Werk gehört zu der Art von Büchern, die nicht allein stehen können, die schief stehen oder gar umfallen, wenn sie sich von dem Gegenüber ablösen, mit dem sie dialogisieren, aus dem sie schöpfen, dem sie die eigene Existenz verdanken. Dieses Gegenüber des Essays, in dem Walser von seiner späten Entdeckung der jiddischen Literatur berichtet, ist das umfangreiche, keine Verästelung seines Gegenstandes auslassende Buch der amerikanischen Literaturwissenschaftlerin Susanne Klingenstein: „Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. Eine Geschichte der jiddischen Literatur zwischen Berdichev und Odessa, 1835–1917“. Walsers Buch ist Klingenstein gewidmet, Klingensteins Buch Walser, die beiden haben über ihre Lektüre der Romane und Erzählungen von Sholem Yankev Abramovitsh (1835–1917) korrespondiert, und am Ende wäre der beste Erscheinungsort für Walsers Essay zwischen den Deckeln des Klingenstein-Buches gewesen, als Geleitwort seines ersten Lesers.
  Der Essay wäre dadurch schlanker – und selbständiger – geworden, denn Walser hätte auf viele ausführliche Zitate und Paraphrasen aus Klingensteins Text verzichten können, und der Dissens im Dialog wäre plastischer hervorgetreten: Bei Walser ist an die Stelle der einstigen Ignoranz gegenüber der jiddischen Literatur ein nahezu schwärmerischer Enthusiasmus für den Autor Abramovitsh getreten, dessen Werk ihm Susanne Klingenstein eröffnet hat. Er sieht in Abramovitsh die Stimme seines Volkes, die Stimme der jüdischen Welterfahrung, sieht sein Werk organisch aus dieser Erfahrung herauswachsen: „Wenn man Abramovitsh liest, erlebt man erst, wie Juden fühlten, träumten, beteten, wie sie waren.“
  Klingenstein aber ist, als Historikerin, eine vehemente Kritikerin der Reduzierung der jiddischen Literatur auf einen spontanen Ausdruck des ostjüdischen Lebens, misstrauisch gegen alle Projektionen, wie sie im frühen 20. Jahrhundert aufkamen, als manche assimilierte Westjuden das Ostjudentum zu verklären begannen. Sie will dem deutschen Publikum den Sprachkünstler Abramovitsh nahebringen, der mit dem Furor eines Flaubert daran arbeitet, das von der jüdischen Aufklärung seit Moses Mendelssohn verachtete Jiddisch in eine Literatursprache zu verwandeln, die der deutschen, französischen, englischen oder russischen Prosa der Moderne des 19. Jahrhunderts an der Seite steht. Sie ist auf dem Weg zur „Beschreibung einer Form“, Walser sucht nach den Spuren des Lebens.
  Walser und Klingenstein sind in diesem Herbst gemeinsam öffentlich aufgetreten, in Vortragssälen wie im Fernsehen haben sie ihren Dialog über die jiddische Literatur fortgeführt, aber zugleich hat die separate Publikation des Walser-Essays dazu geführt, dass er aus diesem Dialog herausgelöst und allein vor dem Horizont der Skandalbiografie Walsers gelesen wurde. Denn seit Walser in der Erzählung seines Besuchs bei Dora Diamant öffentlich die Leerstelle markierte, in die nun dieser Essay einrückt, ist einiges geschehen: von der Paulskirchen-Rede und dem Streit mit Ignatz Bubis über die unbedachten Äußerungen zum Holocaust-Mahnmal in Berlin bis zum Schlüsselroman „Tod eines Kritikers“ über seinen Lieblingskritiker und Lieblingsfeind Marcel Reich-Ranicki, der dem polnischen Judentum entstammte.
  Schreibt hier, im Essay über den Begründer der jiddischen Literatur im 19. Jahrhundert, ein Wolf im Schafspelz oder jemand, der endlich zur Einsicht kommt und Abbitte leistet? Ach, nein. Die Wut auf den Kritiker Reich-Ranicki entstammte derselben Quelle wie nun der Enthusiasmus für Abramovitsh: der affektiven Energie, mit der der Autor Martin Walser auf alles reagiert, was die Fundamente seiner Autorschaft berührt. Wenn ein Jude daran allzu kritisch klopft, trifft der Rückschlag halt den Juden. Die Empfindlichkeit dieses Autors und seine Begabung zum Enthusiasmus waren schon immer gekoppelt. Walsers Verdacht, am Ursprung seiner Autorschaft, der Kafka-Lektüre, etwas versäumt zu haben, dürfte eine der Hauptquellen dieses Essays sein, in dem es nun über die Dissertation von 1952 heißt: „Ich habe Kafka sozusagen versäumt. Ich habe seine Romane beschrieben wie Architekturen, die nie von Menschen bewohnt werden.“
  Aus der Abramovitsh-Lektüre gehen die Lob- und Trauerlieder auf das Judentum hervor, die Walser in diesem Essay singt, aus der Bekanntschaft mit den Figuren aus den Romanen „Die Mähre“, „Die Fahrten Binjamins des Dritten“, „Schloimale“, „Fischke, der Krumme“ oder „Der Wunschring“ gehen Passagen wie diese hervor: „Das Ausmaß unserer Schuld ist schwer vorstellbar. Von Sühne zu sprechen ist grotesk. Mir ist im Lauf der Jahrzehnte vom Auschwitz-Prozess bis heute immer deutlicher geworden, dass wir, die Deutschen, die Schuldner der Juden bleiben. Bedingungslos. Also absolut. Ohne das Hin und Her von Meinungen jeder Art. Wir können nichts mehr gutmachen. Nur versuchen, weniger falsch zu machen.“ Oder, noch emphatischer: „Ich merke, wenn ich jetzt Abramovitsh lese, dass mich das ungeeignet macht für alles, was ich jetzt tun oder sein müsste. Ich erlebe ein Nicht-mehr-in-Frage-Kommen für das sogenannte Hier und Heute. Eine vollkommene Eingenommenheit. Von ihm. Ich kann nichts dagegen tun, in mir dominiert die Mitteilung, dass wir dieses Volk umbringen wollten und zu Millionen umgebracht haben. Und dieses Volks ist mir jetzt, erst jetzt, wirklich bekannt geworden. Durch Abramovitsh. Durch Mendele, Yisrolik, Binjamin, Senderl und Schloimale.“
  Susanne Klingenstein würde hier, wie sie es oft bei den Selbstaussagen ihres Helden Abramovitsh tut, kritisch auf den rhetorischen Überschuss verweisen, der mit der Entdeckung des „Volkes“ einhergeht, natürlich ist es eine kalkulierte Geste, wenn Walser im Titel seines Essays selber Jiddisch spricht. Und nicht zuletzt: will er im Ernst behaupten, erst durch seine jüngste Lektüre mit dem jüdischen Volk „wirklich bekannt“ geworden zu sein?
  Manche Kritiker haben denn auch Walser vorgehalten, es sei arg peinlich, mit welcher Emphase er seine verspätete Entdeckung der jiddischen Literatur zelebriere. Diese Kritik wäre überzeugender, wenn die darin enthaltene Suggestion zuträfe, Walser vollziehe nun endlich nach, was in Publikum und Kritik längst Allgemeingut sei. Das aber ist durchaus nicht der Fall. Wenn in diesem Text der Name Sholem Yankev Abramovitsh von Beginn an so auftauchte, als sei sein Träger allgemein bekannt, war das eine Fiktion. Eben weil das so ist, muss das Buch von Susanne Klingenstein das sein, was es ist: eine aus dem Kreis der Kenner der jiddischen Literatur an das interessierte Publikum gerichtete Studie, die das Werk dieses Autors erstmals umfassend erschließt. Er war schon einmal angekommen im Nachkriegsdeutschland, in einer zweibändigen Ausgabe des Walter Verlags von 1961 und 1962. Sie enthielt ein konzises Nachwort von Klaus Wagenbach, auch er ein leidenschaftlicher Kafka-Leser. Auf den Buchumschlägen aber stand der Name „Mendele Moicher Sfurim“. In diesem Autor-Namen war Sholem Yankev Abramovitsh bewusst verschwunden. Die Figur des Buchhändlers Mendele, der durchs Land zieht, die Geschichten sammelt und verkauft, die unter den Juden erzählt werden, trat an seine Stelle. Abramovitsh warf seinen eigenen Namen ab, um als Erzähler mit seiner Figur zu verschmelzen.
  Wer den größten Gewinn aus dem Dialog zwischen Walser und Klingenstein ziehen will, besorge sich antiquarisch die alte Walter-Ausgabe. Und beachte, bevor er in die Welt des Buchhändlers Mendele eintaucht, die Warnungstafel, die Franz Kafka errichtet hat, als 1911 in Prag die Schauspieler eines ostjüdischen Wandertheaters die jiddischen Stücke von Abraham Goldfaden oder Jakob Gordin aufführten, Lieder und Gedichte rezitierten. Als Einleitung für einen solchen Vortragsabend entstand seine „Rede zur jiddischen Sprache“, die im Anhang zu Walsers Essay abgedruckt ist. Sie war eine Aufforderung an das Prager jüdische Bürgertum, dem er selbst entstammte, sich der Erfahrung der jiddischen Sprache auszusetzen. Ihr Schlüsselsatz war, man könne den „Jargon“ in alle anderen Sprachen übersetzen, aber nicht ins Deutsche: „Die Verbindungen zwischen Jargon und Deutsch sind zu zart und bedeutend, als daß sie nicht sofort zerreißen müßten, wenn Jargon ins Deutsche zurückgeführt wird, d. h. es wird kein Jargon mehr zurückgeführt, sondern etwas Wesenloses.“
  Das war gegen die Eindeutschungen der jiddischen Legenden und Geschichten vom Baalschem gerichtet, mit denen damals Martin Buber erfolgreich war. Bei Klingenstein erfährt man, wie solchen – oft verklärenden – Eindeutschungen im jungen Gershom Scholem ein scharfzüngiger Antipode erwuchs, der mit Verve den Dritten im Verhältnis von Deutsch und Jiddisch zur Geltung brachte, das Hebräische, das ebenfalls im 19. Jahrhundert als moderne gesprochene Sprache wie als Literatursprache einen neuen Aufschwung erlebte. Für Scholem war der „hebräische Sprachgeist“ der Kern des Jiddischen, Deutsch nur die Materie, in der er sich zur Geltung brachte. Ab den 1880er-Jahren übertrug Abramovitsh seine jiddischen Romane und Erzählungen ins Hebräische.
  Die Wege, auf denen Susanne Klingenstein ihren Helden und seine Figuren bei den Wanderungen durch das Hebräische und Jiddische, entlang der Grenzen des Deutschen und Russischen verfolgt, führen durch die Ukraine, und sie führen immer wieder vorbei an Pogromen. Wer die Wanderungen dieser „Luftmenschen“ verfolgt, der wird von der Frage, was die Entdeckung dieser Welt in der politischen Biografie Walsers bedeutet, fortgezogen, hinein in die Mendele-Welt selber. In die Geschichten vom Bettelsack und vom jüdischen Bad, in die Reisen Binjamins des Dritten, in denen Don Quijote und Sancho Pansa in der Zeit des Krim-Krieges wiederauferstehen, in die Literatenzirkel und Zeitschriften in Odessa und anderswo, in die Loblieder, die seine Nachfolger auf Sholem Yankev Abramovitsh anstimmen, vor allem Sholem Aleichem, der es wegen der Musical-Karriere seines Milchmannes Tevje zu größerer Berühmtheit gebracht hat.
  Ein Leitmotiv Klingensteins ist die Frage nach dem Zusammenhang von Exil und Erzählen. Ihre Antwort: „Die Literatur selbst ist das Gelobte Land im Exil.“ Viele Helden der Mendele-Welt ziehen in die Welt und finden bei der Rückkehr eine Welt vor, in der sie fremd geworden sind. Walser vergleicht das Romanschema Mendeles mit Goethes „Wilhelm Meister“ – und neigt dazu, der kunstvollen Motivbewirtschaftung Goethes Abramovitsh als Autor des nahezu organischen Herauswachsen aus der Erfahrung jüdischen Lebens gegenüberzustellen.
  Aber das literarische Ostjudentum, das Klingenstein bisweilen arg detailverliebt erschließt, ist in der Provinz, der archaischen Welt nicht eingeschlossen, es ist in seinen Bildungskarrieren wie in seinen Reiserouten durchtränkt mit dem Geist der Moderne. Der jüdischen Aufklärung, der Haskala, steht die Mendele-Welt nicht als zu überwindender Widerpart gegenüber. Nur muss die Aufklärung in der Mendele-Welt gelegentlich krumme Wege gehen.
  Natürlich gibt es auf Schritt und Tritt biblische Redewendungen, Sprichworte, Figuren aus Legenden und Dorfgeschichten, aber man muss nur die Naturschilderung am Anfang des autobiografischen Romans „Schloimale“ lesen, um zu bemerken, welch moderne Luft den Luftmenschen um die Nase weht: „Ein besonderes Ungewitter kam plötzlich vom Norden daher. Es wurde dunkel und finster. Schwarze Wolken rundum. Die Menschen wurden von Panik ergriffen und liefen wie von Sinnen umher. In unsern Zeiten hat sich das Klima überhaupt geändert, das Wetter ist wirr und toll geworden, gerade wie die Papiere an der Börse, die an einem Tag zehnmal steigen und fallen, und wie das ganze nette heutige Geschlecht.“
  Walser liest, vielleicht um sein schlechtes Gewissen gegenüber Dora Diamant zu beschwichtigen, die Romane und Erzählungen von Abramovitsh als Zeugnisse jüdischer Weltfrömmigkeit: „Ich kenne keine Literatur, in der die Menschen in jedem Augenblick durchströmt und bewegt werden von einer solchen Gott-Seligkeit. Ich kann mir keinen Atheisten vorstellen, den diese religiöse Innigkeit unberührt ließe.“ Dora Diamant aber, die Kafka kultisch verehrte, war ihrer Herkunftswelt entwachsen, wollte Schauspielerin werden, trat in den späten 1920er-Jahren in die KPD ein und heiratete einen Redakteur der Roten Fahne .
  Bei Susanne Klingenstein sind Abramovitsh – und sein Doppelgänger, der Buchhändler Mendele – säkulare Figuren, getrieben vom literarischen Ehrgeiz wie die Figuren Balzacs in der Metropole Paris. Sie hat ihr Buch nicht nur als Gegenpol zu Walsers Essay, sondern auch zu seiner Novelle „Mein Jenseits“ geschrieben. Bei Walser hat – wie bei jedem Autor – Walser in diesem Disput das letzte Wort. Auch darum tut jeder Leser seines Essays gut daran, ihn in den Dialog mit dem Buch von Susanne Klingenstein einzurücken, dem er entstammt. 
Martin Walser: Shmekendike Blumen. Ein Denkmal / A dermonung für Sholem Yankev Abramovitsh. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 144 Seiten. 14,95 Euro. E-Book 12,99 Euro.
Susanne Klingenstein: Mendele der Buchhändler. Leben und Werk des Sholem Yankev Abramovitsh. Eine Geschichte der jiddischen Literatur zwischen Berdichev und Odessa 1835–1917. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2014. 498 Seiten, 29,80 Euro.
Abramovitsh will mit dem Furor
eines Flaubert das Jiddisch zu
einer Literatursprache machen
Walsers Empfindlichkeit und
Begabung zum Enthusiasmus
waren schon immer gekoppelt
Hier erstehen Don Quijote und
Sancho Pansa in ukrainischer
Kriegslandschaft wieder auf
„Ich kann mir keinen Atheisten
vorstellen, den diese religiöse
Innigkeit unberührt ließe.“
Aus der Gedenkschrift zum 10. Todestag
von Sholem Yankev Abramovitsh, dem Pionier der
jiddischen Literatur.
Foto: Harrassowitz Verlag
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Martin Walser ist in seinem Essay ein stürmischer Prophet. Die ZEIT