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"Mit diesem Buch ist etwas Neues entstanden, auf das wir schon lange gewartet haben." Die Zeit
"Ein bestechender Roman, der bis in die kleinsten Verästelungen hinein Zeichen der Hoffnungen und Erschütterungen dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts trägt." Die Weltwoche
"Der beste Roman von Marlene Streeruwitz: zwei Frauen aus Wien, eine aus der Vergangenheit, die andere aus der Gegenwart, in einer schmucklos glänzenden Sprache, eindringlich gestammelte Wirklichkeit von einst und jetzt und künftigem." Neue Zürcher Zeitung …mehr

Produktbeschreibung
"Mit diesem Buch ist etwas Neues entstanden, auf das wir schon lange gewartet haben."
Die Zeit

"Ein bestechender Roman, der bis in die kleinsten Verästelungen hinein Zeichen der Hoffnungen und Erschütterungen dieses zu Ende gehenden Jahrhunderts trägt."
Die Weltwoche

"Der beste Roman von Marlene Streeruwitz: zwei Frauen aus Wien, eine aus der Vergangenheit, die andere aus der Gegenwart, in einer schmucklos glänzenden Sprache, eindringlich gestammelte Wirklichkeit von einst und jetzt und künftigem."
Neue Zürcher Zeitung
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.15046
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Seitenzahl: 416
  • Erscheinungstermin: November 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 192mm x 126mm x 27mm
  • Gewicht: 306g
  • ISBN-13: 9783596150465
  • ISBN-10: 3596150469
  • Artikelnr.: 09504855
Autorenporträt
Streeruwitz, Marlene
Marlene Streeruwitz, in Baden bei Wien geboren, studierte Slawistik und Kunstgeschichte und begann als Regisseurin und Autorin von Theaterstücken und Hörspielen. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter zuletzt den Bremer Literaturpreis und den Franz-Nabl-Preis. Ihr Roman »Die Schmerzmacherin.« stand 2011 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Zuletzt erschienen der Roman »Yseut.« und die Vorlesungen »Das Wundersame in der Unwirtlichkeit.«.Literaturpreise:u.a.Mara-Cassens-Preis 1996Österreichischer Würdigungsstaatspreis für Literatur 1999Hermann-Hesse-Literaturpreis 2001 (für "Nachwelt")Walter-Hasenclever-Literaturpreis 2002Bremer Literaturpreis 2012Franz-Nabl-Preis 2015
Rezensionen
Besprechung von 30.11.1999
Mit den Kräften einer Zauberfrau
Doppelte Verlustanzeige: Marlene Streeruwitz reist durch die Neue Welt / Von Ulrich Weinzierl

Sie war und ist vor allem das Objekt der Erinnerung von kulturgeschichtsmächtigen Persönlichkeiten. Die Mutter, berühmt und berüchtigt als Österreichs Muse des zwanzigsten Jahrhunderts, nannte das Kind bis ins Erwachsenenalter "Gucki", weil es einst so große veilchenblaue Augen hatte. Elias Canetti, der das grandiose Muttertier verachtete, war ihnen auf den ersten Blick verfallen: "Wie soll man dieses Ungeheuerliche wahrhaben: dass Augen geräumiger sind als der Mensch, dem sie zugehören", heißt es emphatisch im Schlussband seiner autobiographischen Trilogie unter beziehungsreichem Titel: "Das Augenspiel". Und Ernst Kreneks Monumentalmemoiren "Im Atem der Zeit" erwähnen eine kurze Ehe mit der Nachfahrin "des hochverehrten Meisters", die durch seine "beträchtlichen sexuellen Möglichkeiten" überfordert gewesen sei. Auch wenn Krenek sonst von ihr sprach, sprach er naturgemäß von sich selbst. Beide heirateten sie übrigens gern und häufig. Aber Anna Mahler, die Bildhauerin, blieb trotz wechselnder Gatten für sich und andere immer nur Anna Mahler, die Tochter Gustav Mahlers. Und aus dem Bannbezirk von Alma Mahler-Werfel, von ihren - so Hans Wollschläger - "Kräften als Zauberfrau", vermochte sie sich lange nicht zu lösen. Wenige Wochen vor der Ausstellung ihrer Skulpturen bei den Salzburger Festspielen 1988 ist sie verstorben.

Kein Zweifel, sie hätte ein eigenes Porträt verdient. Das denkt auch Margarethe Doblinger, eine gelernte Wienerin in den besten, den seelisch gefährlichen Jahren. Die Enddreißigerin, als Dramaturgin ohne besonderen Erfolg, reist nach Kalifornien, um das Leben der geheimnisvollen Unbekannten bei Freunden und Nachbarn zu recherchieren. Das dachte einst auch die österreichische Dramatikerin und Erzählerin Marlene Streeruwitz, die auf den Spuren der ewigen Mahler-Tochter nach Los Angeles gepilgert war. Allein, das Projekt zerschlug sich, zumindest mangelte ihr der Glaube an die Kraft, ein stimmiges Bild zu zeichnen. "Eine Biografie zu schreiben", sagte sie in einem Interview, "ist immer eine Anmaßung." So erfand sie Margarethe Doblinger, eine Frau, mit der sie sich wohl identifizieren kann. Diese beginnt am 1. März 1990 ihr Arbeitstagebuch. Ungeachtet der gewaltigen Entfernung zwischen der amerikanischen Westküste und der Heimat fühlt sie sich nie wirklich von zu Hause befreit. Kummer und neurotische Verstrickungen sind ein Gepäck, das sich auf Flughäfen kaum verlieren lässt. Der geliebte Mann - wann wird er sie verlassen? - ist nicht mitgekommen. Um die Tochter macht sie sich Sorgen.

Oft gleitet Margarethe, hier nennt man sie schicker und unverfänglicher Margaux, im Auto über die Freeways und Boulevards, durch die Sonnenscheinwelt von Palmen, Pools und Passanten in vermeintlich permanenter Urlaubsstimmung. Zwanghaft registriert sie Gerüche - von Krankheit, Abfall, welker Haut. Da wird die Morgentoilette zum Schutz- und Stützritual: "Einseifen, Waschen, Eincremen, Fußcremen, Deodorieren, Wimperntuschen, Make-up-Auflegen, Pudern und das Die-frische-Unterwäsche-Anziehen." Der "Geruch aus frischem Selbst und guten Düften" soll ihr die Sicherheit geben, die ihr fehlt.

Marlene Streeruwitz wählte die Form eines Reiseberichts in der dritten Person, indes führt die Reise in den Bewusstseinsstrom eines inneren Monologs. Vergangenheitsbrocken schwimmen darin und immer wieder ein "Klumpen Sehnsucht". Keine spektakulären Katastrophen belasten ihre Existenz, bloß Durchschnittswunden, enttäuschte Hoffnungen. Künstlich verknappte, manchmal bis auf ein einziges Wort abgemagerte Sätze erzeugen eine Sogwirkung, die stärkere Effekte zu bieten hat als einen leise trauernden Tonfall: Die Gefühle brechen buchstäblich in die Syntax ein und brechen sie zuweilen brutal ab. Ein verletztes, nicht mehr intaktes Deutsch ist es auch, in dem sich Anna Mahlers Zeitzeugen mitteilen. Denn die Emigranten sprechen eine mit Amerikanismen durchsetzte und zudem versehrte Sprache, gerade auch in jenem Sinn, der Adorno seine aphoristisch zugespitzten Kurzessays aus der Exilzeit, "Minima Moralia", als "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" bezeichnen ließ.

Beides fügt die Romanautorin geschickt zusammen und ineinander: die schmerzüberempfindliche Labilität ihrer Hauptfigur und die Erzählungen der meist greisen Überlebenden, die in ihren Gedanken schon beim Sterben angelangt sind. Darum wird "Nachwelt" auf unaufdringliche und bewegende Weise zugleich ein Buch über den Verlust schlechthin, über das Altern und den Tod. In den Tonbandprotokollen mit dem unverwechselbaren Rededuktus steckt bezwingende atmosphärische Wahrhaftigkeit. Doch auch das stets freundliche amerikanische "Take care"-Klima samt dem leicht nervenden Drang zum Positiven gibt Marlene Streeruwitz in ihren optisch-akustischen Momentaufnahmen authentisch wieder. Wer zur selben Zeit in den Vereinigten Staaten war, meint bei der Lektüre lauter wundersame Déjà-vu-Erlebnisse zu haben.

Merkwürdig: All die Zeugnisse, stammten sie nun von Anna Mahlers engster Freundin Manon oder von einem ihrer Schüler, vom mittlerweile selbst "hochverehrten Meister" Krenek oder von ihrem letzten Mann, dem Werfel-Sekretär Albrecht Joseph - sie scheinen trotz einiger Widersprüche gar nicht so disparat zu sein. Gewiss besteht der Spiegel der Nachwelt nur aus Scherben. Andererseits fängt jedes dieser Bruchstücke Details genug ein, damit wir Konturen eines Charakters und Ansätze zu einem Psychogramm erkennen können. Am zehnten Tag beendet Margaux ihre Nachforschungen. Sie wird keine Biografie verfassen. Der Abflug zurück nach Europa gleicht einer Flucht zurück in die alte, in ihre alte Welt. Vielleicht ist Margarethe Doblinger vor den gesammelten historischen Splittern erschrocken. Im Werfel-Archiv der UCLA, dessen Dokumente sie durchstöberte, kamen ihr aus "stygischem Dämmer" die Gespenster des Einst entgegen, die Wiedergänger der Opfer des Naziregimes. Dort aber waren sie aus Papier. Leibhaftig, im grellen kalifornischen Tageslicht, sind sie noch unheimlicher. "War es nicht das Schwierigste zu begreifen, dass einem die Auslöschung gewollt war. Die vollkommene Auslöschung. Von allen. Dass der Hass einen betroffen. Wie war dem zu entkommen, auch wenn man entkommen war." Und vor dem tapferen, dem großartigen Scheitern der Anna Mahler muss Margarethe Doblingers sehr privates, fast kleinmütiges Unglück sogar für sie wie ein Zerrbild wirken.

"Nachwelt": Zwei überblendete Skizzen, zwei Frauenschicksale - ein gelungener Roman. Der schönste der Prosaistin Marlene Streeruwitz.

Marlene Streeruwitz: "Nachwelt". Ein Reisebericht. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1999. 400 S., geb., 39,80 DM.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Der unverdeckte Blick, das Ausgeliefertsein an Gefühle im Alleinsein, bildet die Substanz des Romans "Nachwelt", meint Katharina Döbler: Margarethe ist unerwartet allein nach Amerika gereist und stellt nun fest, wie massiv durch das ungewohnte Alleinsein ungefilterte Einflüsse und Eindrücke auf sie einstürmen. Zwar verlange diese Buch ein Sichhineinlesen, da Streeruwitz` Sprache oft atemlos, assoziativ und ungeschmeidig sei. Allerdings sei der Autorin das Kunststück gelungen, Alltägliches zu erzählen, ohne langweilig zu sein. Im Gegenteil: Streeruwitz habe ein Buch geschrieben "...auf das wir schon lange gewartet haben".

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