Asymmetrie - Halliday, Lisa
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Es beginnt mit einer Eiswaffel, auf einer Bank im Central Park. Hals über Kopf stürzt sich Alice in eine Lovestory mit dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Sie ist 25, er in seinen Siebzigern. Ein erotisches, tragikomisches Kammerspiel - doch dann setzt eine ganz andere Erzählung ein. Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand auf dem Weg nach Nahost, wird am Londoner Flughafen in Gewahrsam genommen. Und landet im Vakuum von Wartesälen und endlosen Verhören. Subtil verwebt Lisa Halliday die zwei so ungleichen Geschichten zu einem kühnen, provokanten Roman. Sie schreibt über die…mehr

Produktbeschreibung
Es beginnt mit einer Eiswaffel, auf einer Bank im Central Park. Hals über Kopf stürzt sich Alice in eine Lovestory mit dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Sie ist 25, er in seinen Siebzigern. Ein erotisches, tragikomisches Kammerspiel - doch dann setzt eine ganz andere Erzählung ein. Amar, ein amerikanisch-irakischer Doktorand auf dem Weg nach Nahost, wird am Londoner Flughafen in Gewahrsam genommen. Und landet im Vakuum von Wartesälen und endlosen Verhören. Subtil verwebt Lisa Halliday die zwei so ungleichen Geschichten zu einem kühnen, provokanten Roman. Sie schreibt über die Machtgefälle, die unsere Welt durchziehen, zwischen Jung und Alt, Glück und Talent, dem Persönlichen und Politischen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Originaltitel: Asymmetry
  • Artikelnr. des Verlages: 505/26001
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 315
  • Erscheinungstermin: 23. Juli 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 151mm x 30mm
  • Gewicht: 490g
  • ISBN-13: 9783446260016
  • ISBN-10: 3446260013
  • Artikelnr.: 52360708
Autorenporträt
Lisa Halliday, aufgewachsen in Massachusetts, studierte in Harvard und lebt als freie Lektorin und Übersetzerin in Mailand. 2005 erschien ihre Kurzgeschichte "Stump Louie" in der Paris Review. Für Asymmetrie, ihren ersten Roman, erhielt sie 2017 einen Whiting Award for Fiction.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 22.07.2018

Verrücktheit, Wahnsinn und pure Leichtigkeit

Viel mehr als nur Erinnerung an eine Affäre mit Philip Roth: Über Lisa Halliday und ihr Romandebüt "Asymmetrie". Eine Begegnung in Mailand

Als Studentin ging Lisa Halliday mit einem jüdischen Kommilitonen aus. Sie war sich sicher, sie würden heiraten. Er stellte sie seiner Mutter vor, die gerade "Amerikanisches Idyll" gelesen hatte. Nun schwärmte sie von Philip Roth. Lisa Halliday, die bis zum College nur das Nest in Massachusetts kannte, in dem sie als Tochter einer Arbeiterfamilie aufgewachsen war, hatte noch nie von Roth gehört. Also schenkte die Mutter des Freundes ihr "Portnoys Beschwerden". Die Beziehung der jungen Leute zerbrach. Lisa Halliday beendete das College, ging nach New York und fing an, für die Wylie Agency zu arbeiten, zu deren Klienten Schriftsteller wie Salman Rushdie, Yasmina Reza, Dave Eggers und James Ellroy gehören. Auch Philip Roth ließ sich von der Literaturagentur vertreten. Eines Tages, Halliday war mittlerweile Mitte zwanzig, kam er durch die Tür herein. Sie und Roth gingen Mittagessen. Daraus wurde eine Liebesaffäre. Sie mündete in eine tiefe Freundschaft, die bis zu Roth' Tod im Mai diesen Jahres hielt. Er starb im Alter von 85 Jahren.

"Als ich ihm begegnete, kannte ich natürlich mehr als nur ,Portnoys Beschwerden'", sagt Halliday und lächelt. "Wenn er in die Agentur kam, trat er nie wie eine Berühmtheit auf. Das schätzte ich sehr an ihm. Er hat nie den armen Jungen aus New Jersey vergessen, der er einmal war. Sogar seine Beerdigung war sehr bescheiden." Die 41-Jährige steht in ihrer Wohnung in Mailand, wo sie seit 2011 mit ihrem britischen Mann Theo lebt. Vorsichtig schiebt sie das Spielzeug zur Seite, dem sich ihre elf Monate alte Tochter gerade noch hingebungsvoll gewidmet hat. "Philip liebte die Kleine sehr. Er hat sie bei der Buchpremiere in New York kennengelernt." Kurz darauf starb er, es war ein schwerer Schlag für Lisa Halliday. Zeitungen riefen an und baten um einen Nachruf. Wenige Wochen zuvor hatte die literarische Welt von der Romanze erfahren, auf der ihre Freundschaft gründete. Sie sagte allen ab. Ihre Trauer war zu groß.

"Asymmetrie", Lisa Hallidays großartiges Romandebüt, machte die Affäre publik. Nicht direkt, doch so, dass jeder versteht, wer gemeint ist. "Ich wollte, dass das Buch unsere Beziehung vielleicht kommentiert, aber darüber hinausgeht. Es ist kein autobiographischer Bericht, es ist ein Roman", sagt sie.

Fünf Jahre lang hat sie daran gearbeitet. Die "New York Times" feierte "Asymmetrie" auf der Titelseite ihrer Book Review als Meisterwerk, der bedeutendste New Yorker Buchladen lud Halliday zu einer Lesung ein, der englische "Guardian" schreibt von einem "atemberaubenden Debüt". Es entfaltet sich in drei Akten: "Verrücktheit" ist gespickt mit zärtlichem Witz, atmet aber auch die Wehmut vor der Möglichkeit eines nahenden Todes und liest sich, als schaue man einen Film; "Wahnsinn" entführt in die Gedankenwelt eines irakischen Amerikaners. Und der Schlussakt ist pure Leichtigkeit.

Halliday beginnt mit Alice, einer jungen Lektoratsassistentin, die an der Upper West Side den berühmten Schriftsteller Ezra Blazer kennenlernt. Plötzlich sitzt er neben ihr, mit einer Eistüte von Mister Softee. "Der Mann aß sein Eis, und Alice tat, als wäre sie in ihr Buch vertieft. Eine Joggerin drehte sich im Vorbeilaufen nach ihnen um, dann noch eine. Alice wusste, wer er war - sie hatte es von dem Moment an gewusst, als er sich zu ihr gesetzt hatte und ihre Wangen wassermelonenrot geworden waren -, aber vor Erstaunen konnte sie nur wie ein fleißiger Gartenzwerg in das undurchdringliche Buch starren, das offen in ihrem Schoß lag."

Ezra ist gut vierzig Jahre älter als Alice, trotzdem beginnen sie eine Affäre. Die Ähnlichkeit mit Roth ist unverkennbar. Wie Roth ist Blazer preisgekrönt und wird jedes Jahr als heißer Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Wie Roth hat Blazer in der Army gedient, liebt jüdische Witze, leidet unter chronischen Rückenschmerzen, ist Atheist, Baseballfan, ein Kontrollfreak und überaus großzügig. Er badet Alice, die wenig weiß und insgeheim selbst vom Schreiben träumt, in Werken von Camus, Arendt, Mann und Joyce. Er schenkt ihr einen Daunenmantel für den Winter, Geld für ihren Studienkredit, und als es heiß wird in den Straßenschluchten New Yorks, bekommt sie 600 Dollar für eine Klimaanlage. In ihr Glas gießt er Sancerre, den er selbst wegen seiner Medikamente nicht trinken darf. Sein Körper ist schwach. Er fragt viel, sie hat wenig Selbstvertrauen. Alice schenkt ihm Lust, so gut das eben noch geht: "Dann drückte sie sich hoch, machte einen Katzenbuckel, ließ den Kopf kreisen und grinste verrucht. ,Was ist?' Auf Knien auf ihn zu kriechend: ,Komm, wir machen was richtig Fieses.' Er zuckte ein wenig zusammen. ,Mary-Alice, das ist das Klügste, was du je gesagt hast.'"

Das Kräfteverhältnis fällt nur anfangs zu seinen Gunsten aus. Er hat Macht, Erfolg und einen brillanten Geist, sie hat Gesundheit und das Leben noch vor sich. Ihre Welt erweitert sich, seine schrumpft. Was Alice dabei denkt und fühlt, deutet Halliday nur an, etwa durch die Zärtlichkeit eines Wortwechsels oder durch Beschreibungen. Über die im Pool schwimmende Alice schreibt sie: "Wenn ihre Hände sich beinahe berührten und dann wieder auseinandergingen, sahen sie aus wie die Hände von jemandem, der früher einmal gebetet hat, jetzt aber andere Arten der Selbstberuhigung vorzieht: Jemand Erfahrenes, Liberales, Belesenes. Jemand Aufgeklärtes."

Wodurch hat Philip Roth sie selbst, Lisa Halliday, am meisten geprägt?

"Mit seiner Arbeitsethik. Er schrieb täglich und immer eine bestimmte Anzahl von Stunden. Sogar wenn er Schmerzen hatte, versuchte er es. Er zeigte mir, man darf nicht einfach rumsitzen und darauf warten, dass die Inspiration kommt."

Als ihr Manuskript fertig war, schickte sie es Roth. Er mochte es. Ob man nach der Lektüre meint zu wissen, welche Tabletten und Kekse er schluckt oder welche Stellungen beim Sex noch funktionieren, war ihm egal. Roth spielte in seinen Romanen immer mit Fiktionalem und Autobiographischem. "Was ihn wirklich beschäftigte, war, dass nur der zweite Teil in der ersten Person geschrieben ist", sagt Halliday. "Er hätte alles in der ersten Person verfasst. Ich wollte aber die Distanz ausdrücken, die Alice zu sich selbst einnimmt. Nur so kann sie die Beziehung zu Ezra aufrechterhalten. Sie verliebt sich ja in jemanden, der bald sterben könnte, das ist ein hohes Risiko. Der Stil im zweiten Teil ist eher so, wie Philip ihn bevorzugte. Thematisch war ihm aber der erste Teil viel näher. Diese fehlende Konvergenz hat ihn irritiert und elektrisiert. Es war großartig, mit ihm darüber zu diskutieren."

"Wahnsinn", der zweite Teil, ist weitaus stärker als der Auftakt. Die Asymmetrie liegt hier nicht zwischen Jung und Alt oder Erfolg und Wunsch, sondern zwischen Westen und Nahem Osten, Klischee und muslimischer Realität, staatlicher Macht und Individuum. Es ist 2008, und Bush führt Krieg gegen den Terrorismus. Deshalb sitzt Amar Ala Jaafari, ein amerikanisch-irakischer Doktorand, unter kafkaesken Bedingungen in Heathrow fest. Von Los Angeles ist er nach London geflogen, um einen Freund zu treffen. Danach will er weiter in den Nordirak, wo sein Bruder entführt wurde. Anders als Alice geizt Amar nicht mit Erinnerungen und Emotionen. Während eine Beamtin stundenlang seine Papiere prüft oder ihn befragt, tauchen sie wie impressionistische Flashbacks auf: seine Kindheit in Amerika, die Abtreibung seiner Ex-Freundin, Gespräche mit einem befreundeten Kriegsreporter, Erlebnisse mit seinem Bruder, einem Arzt.

Beim Lesen entwickelt man eine Nähe zu Amar, die man zu Alice nicht unbedingt spürt. Wem von beiden fühlt Lisa Halliday sich näher? "Wollte man mich durch Betrachtung der Figuren kennenlernen, dann gelingt das besser bei Amar. Ich teile viele seiner Ansichten. In meinen Zwanzigern habe ich intensiv verfolgt, was in der Welt geschieht. Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil ich nur mit meinem Job und meinen Romanzen beschäftigt war und nichts tat, um anderen zu helfen. Ich war wütend über die US-Invasion im Irak. Damals erfand ich Amar und schrieb eine Kurzgeschichte darüber, was der Krieg für Auswirkungen auf ihn hat. Es war meine Art, Solidarität zu zeigen."

Im Buch hört Amar gern die Radiosendung "Desert Island Discs" auf BBC4. Sie existiert tatsächlich und läuft sonntagmorgens, es gibt sie seit sechzig Jahren. Lisa Halliday kennt sie aus der Zeit, als sie mit ihrem Mann in London lebte. In Mailand bügelt sie meistens, während sie ein Podcast der Sendung hört. "Die Dauer von 45 Minuten ist ideal, um einen Korb Wäsche leer zu bekommen", sagt Halliday und lacht. Es gibt immer einen berühmten Gast, der sechs Platten, ein Buch und einen Luxusgegenstand auswählt, den er mit auf eine einsame Insel nehmen würde. John Updike war schon im Studio, Judi Dench, Prinzessin Margaret, George Clooney und Stephen Hawking. Philip Roth bekam nie eine Einladung. Halliday sorgte dafür, dass Ezra Blazer eine bekommt. "Ich hatte die Idee beim Bügeln. Ich dachte, es wäre wundervoll, Ezra so noch mal ins Buch zu bekommen und eine neue Sicht auf ihn zu ermöglichen. Es hat riesigen Spaß gemacht, mir vorzustellen, welche Platten er auswählt und was er sagt." Das Transkript der fiktiven Sendung bildet den Schluss des Romans. Es ist 2011, und Blazer hat endlich den Nobelpreis bekommen. Geistreich spricht er über Musik und erzählt von seinem Leben. Die Moderatorin stellt ihn als Autor vor, der die Einsamkeit von Long Island seit Jahren dem "hektischen Schaumschlägertum in der literarischen Welt Manhattans" vorziehe.

Hat es Halliday gutgetan, diese Welt mit ihrem Umzug nach Mailand hinter sich zu lassen? "Es hat mir geholfen, den Roman zu schreiben. Ich konnte eher zu Papier bringen, was ein gutes Buch ausmacht. In New York plagten mich Selbstzweifel. Die Partys, die Lesungen, das alles ist wunderbar. Wenn man aber im Literaturbetrieb arbeitet, hört man dauernd vom Erfolg anderer. Das verursacht Druck. Von hier aus erschien auf einmal alles weniger wichtig." Der Erfolg, den ihr Buch nun jenseits des Atlantiks feiert, erscheint ihr fast abstrakt, so als schaue sie eine Fernsehshow. "Meine Realität ist meine Tochter, Windeln kaufen, Abendessen kochen."

In Italien hat der renommierte Feltrinelli-Verlag, bei dem Hallidays Ehemann arbeitet, "Asymmetrie" gekauft. Feltrinelli ist auch das Verlagshaus des Mafia-Experten Roberto Saviano. Die beiden haben sich bei einer kleinen Dinner-Party kennengelernt. Erst schien es, als seien der unter Polizeischutz stehende Italiener und die blonde Amerikanerin diejenigen im Raum, die am wenigsten gemeinsam haben. Dann sprachen sie den ganzen Abend miteinander. Halliday zeigt auf das gerahmte Schwarz-Weiß-Foto einer eleganten Dunkelhaarigen, das im Bücherregal des Wohnzimmers steht: "Das ist meine italienische Großmutter. Sie stammte aus einem winzigen Ort nahe Neapel, den eigentlich niemand kennt." Saviano aber kannte ihn. Er hat dort früher Fußball gespielt. Ganz in der Nähe stellt eine Molkerei seinen Lieblingsmozzarella her.

Womöglich hat Lisa Halliday eine Begabung dafür, genau das bei einem Menschen zu entdecken und hervorzulocken, was Asymmetrien aushebeln kann.

Ihr Roman ist ein Ereignis und großes Vergnügen. Nicht nur, weil man glaubt, darüber zu lesen, wie es ist, neben Philip Roth im Bett zu liegen und mit ihm Baseball zu schauen. Er ist ein kraftvolles und intelligentes Plädoyer für die Kraft der Imagination und dafür, über die eigene Biographie hinauszugehen und die Perspektive von Menschen einzunehmen, die auf den ersten Blick ganz anders zu sein scheinen als man selbst.

Nach der Lektüre hat man auf einmal wieder Lust, mal wieder ein Buch von Roth zur Hand zu nehmen. Auf eine gewisse Weise fügt "Asymmetrie" seinem Werk etwas hinzu, das einen manches vielleicht mit anderen Augen lesen lässt. Gut möglich, dass Halliday wollte, dass genau das geschieht. Vielleicht ist es ihre Art, sich endgültig von der jungen Frau von damals zu emanzipieren.

KAREN KRÜGER.

Lisa Halliday: "Asymmetrie". Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser, 315 Seiten, 23 Euro

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 24.07.2018

Die wichtigste Instanz der USA
In ihrem meisterhaft komponierten Debütroman „Asymmetrie“ legt die Schriftstellerin
Lisa Halliday die Machtverhältnisse frei, die ihr Buch möglich gemacht haben
VON FELIX STEPHAN
Der amerikanische Lyriker Ezra Pound, der im Zweiten Weltkrieg als Radiopropagandist für Mussolini arbeitete, hat eine besondere Technik zur Herstellung von Bedeutung entwickelt. In seinen Gedichten stellte er Aussagen, die nichts miteinander zu tun hatten, unverbunden nebeneinander, woraufhin sich der interessante Effekt ergab, dass sich doch jedes Mal bestimmte Bedeutungen identifizieren ließen. Pound nannte das Verfahren „Imagismus“, einerseits wegen der Bilder, anderseits wegen der Imagination.
In ihrem Debüt „Asymmetrie“ hat die amerikanische Schriftstellerin Lisa Halliday das Prinzip nun auf die Prosa übertragen. Der Roman besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil geht es um die Beziehung einer jungen New Yorkerin namens Alice zu dem 45 Jahre älteren, weltberühmten Schriftsteller Ezra Blazer. Im zweiten Teil wird die Geschichte eines muslimischen Mannes erzählt, der einen irakischen und einen amerikanischen Pass besitzt und mehrere Tage am Flughafen Heathrow festsitzt. Und der dritte Teil schließlich ist ein Protokoll einer bekannten amerikanischen Radiosendung, in der Prominente sieben Songs spielen dürfen, die sie geprägt haben, wenn sie dazu Geschichten aus ihrem Leben erzählen. In der Folge, die in „Asymmetrie“ protokolliert ist, lautet der Name des prominenten Gastes Ezra Blazer. Ob, und wenn ja, wie diese Teile zusammenhängen, das ist nicht eben offensichtlich.
Der Schlüssel liegt außerhalb des Textes, in der Welt, in der das Buch entstanden ist, und in der Biografie der Autorin. In den frühen Nullerjahren, als Lisa Halliday in ihren Zwanzigern und noch bei der Agentur Wylie tätig war, der einflussreichsten, gefürchtetsten, bedeutendsten Literaturagentur des Planeten, hatte sie eine Beziehung zu dem sehr viel älteren Schriftsteller Philip Roth. Diese Beziehung war nie ein Geheimnis, und auch deshalb ist der Roman von Halliday lange mit einiger Spannung erwartet worden. Die allgemeine Annahme lautete, dass es sich bei diesem Debüt aller Wahrscheinlichkeit um einen Philip-Roth-Schlüsselroman handeln würde, schließlich ist das unbezahlbares literarisches Material und Halliday verfügte in dieser Sache über exklusive Informationen.
Lisa Halliday begegnet dieser leicht entwürdigenden Erwartungshaltung nun, indem sie im ersten Teil des Buches einen Text abliefert, der genau dieser Schlüsselroman sein könnte. Gleich in der ersten Szene lässt sich die Protagonistin von dem berühmten Schriftsteller Ezra Blazer von der Straße weg auflesen. Auf einer Parkbank im Central Park spricht er sie an, sie weiß sofort, wer er ist, die Spaziergänger fangen an zu tuscheln, die Jogger verlangsamen ihre Schritte.
Im Original spricht Blazer die Einladung an die junge Alice mit einer Formulierung aus, die nicht ganz verlustfrei zu übersetzen ist: „Are you game?“ Denkbar wäre die Wendung: „Hast du Lust zu spielen?“ In der Übersetzung von Stefanie Jacobs heißt es: „Sind Sie dabei?“ Alice bejaht beides, sie hat Lust zu spielen und ist dabei. Sie lässt sich auf die Affäre ein und führt fortan eine Beziehung zu einem Mann, der biologisch ihr Großvater sein könnte. In den Passagen, die nun folgen, bedient das Buch gut gelaunt das voyeuristische Interesse der literarischen Öffentlichkeit. Wir erfahren, wie sich die Lippen des berühmten Schriftstellers anfühlen, wie er die untertänigen Briefe der Lektoren kommentiert, die um seinen neuen Roman buhlen, wie viele Medikamente er vor dem Schlafengehen einnimmt, wie er Interesse an Sex anmeldet, dass er Kondome ablehnt, wie er die Spiele der New York Yankees schaut. Alice selbst ist Fan der Red Sox, aber das hält die Beziehung aus.
Zur zeitlichen Orientierung dienen in diesen Passagen die Jahre, in denen Ezra Blazer wieder einmal nicht den Nobelpreis bekommt, die Abschnitte beginnen hier gern so: „Der Nobelpreis für Literatur des Jahres 2003 wurde an den südafrikanischen Schriftsteller John Maxwell Coetzee vergeben, der, in den Worten der Jury, ,in zahlreichen Verkleidungen die überrumpelnde Teilhabe des Außenseitertums darstellt‘. Alice schaltete das Radio aus und ging wieder ins Bett.“ Als der Preis 2004 an eine gewisse Elfriede Jelinek geht, wird die Stimmung in New York gereizter. Im Central Park rufen Passanten Ezra Blazer zu, er sei um den Preis betrogen worden. Alice nimmt in der Beziehung verschiedene Rollen ein. Sie ist eine Mischung aus Bewundrerin, Liebhaberin, bester Freundin, Dienstmädchen und Krankenschwester. Aber sie hegt auch selbst schriftstellerische Ambitionen, was Ezra Blazer auf harmlose Weise amüsant findet. Und auch er spricht sie darauf an, dass er selbst doch glänzendes Material wäre.
Das kurze Gespräch, das sich daraufhin entspinnt, ist der poetologische Zentralmoment des Romans. Als Alice erklärt, dass sich nicht vorhabe, über ihre Beziehung zu schreiben, kann Blazer es kaum glauben: „Worüber schreibst du dann?“ Antwort: „Über andere Menschen. Menschen, die interessanter sind als ich.“ Es käme ihr, sagt Alice, „uninteressant vor, über mich selbst zu schreiben“, statt über „Krieg. Diktaturen. Weltangelegenheiten“. Ein paar Zeilen später denkt sie darüber nach, „ob ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts wohl in der Lage wäre, sich in die Gedankenwelt eines männlichen Muslims hineinzuversetzen“, woraufhin Blazer einwendet: „Mach dir um wichtig oder unwichtig keine Gedanken. Wenn etwas gut gemacht ist, gewinnt es ganz von allein Bedeutung.“
Dieser kurze Austausch baut die Brücke zum zweiten Teil des Buches, der Ich-Erzählung des muslimischen Mannes, die einen grellen Gegensatz zur poetischen Strategie des ersten bildet. Es ist eine klassisch politische Erzählung, der Protagonist ist vor allem deshalb bedeutsam, weil er aufgrund seiner Religion, seiner Ethnie, seiner irakischen Herkunft die amerikanische Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte von der anderen Seite erzählen kann: die Golfkriege, die Flucht in die USA, der Neuanfang, das Misstrauen, das ihm im Westen trotz seiner vorbildlichen Bildungsgeschichte noch immer entgegenschlägt. Er sitzt tagelang in Heathrow fest, weil ihm die britischen Behörden die Einreise aufgrund rein rassistischen Argwohns verweigern. Sie glauben ihm nicht, dass er nur ein paar Tage im Land bleiben möchte, sondern unterstellen ihm, in Großbritannien Sozialhilfe beziehen zu wollen, wofür es außer seiner arabischen Herkunft keinerlei Indizien gibt.
Allerdings geht dieser gesellschaftlich relevanten Erzählung ein identitätspolitisches Dilemma voraus, das Alice selbst zuvor klar benannt hat und das sowohl sie betrifft als auch Lisa Halliday: Wie soll „ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts“ sinnvoll die Erfahrungswelt eines muslimischen Mannes erzählen können? Schließlich verbirgt sich schon in dieser Aneignung eine Art Übergriff. Indem sich die engagierte New Yorker Mittelschichtsautorin in bester aufklärerischer Absicht die Perspektive des muslimischen Mannes zu eigen macht, wird zwangsläufig auch diese Erzählung Teil des globalen kulturindustriellen Komplexes, der das kolonialisierte Subjekt seiner eigenen Stimmen beraubt. Andererseits käme die Geschichte des muslimischen Mannes in Heathrow, wenn weder Alice noch Lisa Halliday sie schreiben würden, aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt nicht vor.
Der dritte Teil des Romans schließlich ist ein Kommentar auf den misslichen Umstand, dass auch Alice selbst in der literarischen Weltdeutungsindustrie nur bedingt souverän ist. Dieses Kapitel ist das fiktive Protokoll einer Radiosendung, in der Ezra Blazer Gelegenheit bekommt, in aller Ausführlichkeit über das zu sprechen, was er für bedeutsam hält, und das ist in erster Linie er selbst. Es geht in dem Gespräch also darum, warum er Kinder hat, von denen er lange nichts wusste, warum er Monogamie ablehnt, was er von Ehelosigkeit im Alter hält, bei welchen Gelegenheit er depressiv wird (Wenn er von einer Frau verlassen wird, die er unglaublich geliebt hat, Anm. d. Red.). Streng genommen handelt es sich bei alledem lediglich um Tratsch, weil es aber Ezra Blazer ist, werden die Banalitäten behandelt, als materialisiere sich in ihnen der Weltgeist. Er selbst sieht das durchaus auch so. Sein promiskuitives Leben erklärt er damit, dass er lediglich seine Pflicht der Evolution gegenüber erfüllt habe: „Es hat mir Spaß gemacht, von der Evolution gerufen zu werden.“ Am Ende der Sendung beginnt Blazer, die Moderatorin live on air anzugraben. Ob sie nicht Lust habe, mit ihm heute Abend ins Konzert gehen, Maurizio Pollini spiele Beethovens letzte drei Klaviersonaten, und sie sei eine sehr attraktive Frau. Der letzte Satz des Romans gehört Ezra Blazer: „Are you game?“ – „Sind Sie dabei?“
Damit schließt sich der selbstreferenzieller Kreis des Romans: Nicht nur die Binnenerzählung des muslimischen Mannes verdankt ihre Existenz einer amerikanischen Autorin, die wiederum selbst von ihrer Beziehung zu einem männlichen Genie profitiert hat. Auch das vorliegende Buch mit dem sprechenden Titel „Asymmetrie“ hätte es ohne Lisa Hallidays Beziehung zu Philip Roth mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht gegeben – gewiss nicht bei einem so renommierten Verlag, mit so viel wohlwollendem Interesse. In diesem Sinne offenbart sich das eigentliche Thema des Buchs erst in der letzten Zeile. Es geht um das dunkle Herz der amerikanischen Buchwelt, die wichtigste ästhetische Instanz des Landes: Philip Roths Libido.
Der Schlüssel zu diesem
Roman liegt in der
Biografie der Autorin
Als der Nobelpreis
an Elfriede Jelinek geht, wird die
Stimmung in New York gereizter
Wenn Ezra Blazer es ausspricht,
materialisiert sich
der Weltgeist auch im Tratsch
Baseball-Vorlieben: Ezra Blazer ist Fan der Yankees, Alice hält zu den Red Sox, aber ihre Beziehung hält das aus.
Foto: Charles Platiau/reuters




Lisa Halliday: Asymmetrie. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Carl Hanser Verlag, München 2018. 315 Seiten, 23 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Meisterhaft komponierter Debütroman." Felix Stephan, Süddeutsche Zeitung, 24.07.18

"Hallidays Dreiteiler schleicht sich subtil an, aber er stellt mit einem Rumms eine der existenziellsten Fragen unserer Zeit: Die, wer die Rolle in unserer eigenen Geschichte bestimmen kann. Egal ob die Autoren dahinter Regierungen sind. Oder Typen, die meinen, Frauen das Leben erklären zu müssen. Am besten einfach klingeln lassen." Anne Haeming, Spiegel Online, 26.07.18

"Ein bemerkenswerter Roman. Er funktioniert als Meditation über das Wesen der Kreativität. Die fein gesponnenen Fäden zwischen den einzelnen Elementen und damit die komplexe Struktur des Ganzen offenbaren sich einem nach und nach, ohne das völlig unkomplizierte Vergnügen zu schmälern, mit dem man die Figuren verfolgt." Sacha Verna, NZZ, 29.07.18

"Halliday erfüllt die selbst gestellte literarische Aufgabe tatsächlich tadellos. Doch wie deprimierend ist eine Feststellung wie diese, wenn man so schreiben kann, wie sie es kann." Elke Schmitter, Der Spiegel, 28.07.18

"Zum Thema Asymmetrie gehört aber auch das ungleiche Interesse an den Teilen des Romans: Sicher hat die mit viel Wortwitz und inhaltlicher Schärfe beschriebene Szene am Flughafen aktuell eine enorme Brisanz. Nur ebenso sicher sorgt die Liebesaffäre mit autobiografischen Zügen viel eher für Aufmerksamkeit beim Publikum. Diese Schieflagen - in der Gesellschaft, auch der lesenden Gesellschaft -, deckt Halliday über die Konstruktion ihres Romans auf, und schon dafür lohnt sich die Lektüre dieses Debüts." Marie Schoeß, NDR Kultur, 10.08.18

"Das erotische Promi-Geblinzel ist eher ein mit hinterfotzigem Kalkül gelegter Köder, um uns in einem verteufelt raffinierten, glühend aktuellen und enorm gut geschriebenen Roman hineinzulocken." Andreas Isenschmid, Die Zeit, 26.07.18

"So ist Lisa Halliday ein Buch geglückt, das in der Beschreibung männlichen Seins und Fühlens zaubertrickhaft weibliche Befindlichkeit spiegelt - oder anders gesagt: Das uns das kunstvoll verschleierte Porträt der angehenden Künstlerin als junge Frau beschert." Peter Henning, Dlf Kultur, 24.09.18
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Perlentaucher-Notiz zur ZEIT-Rezension

Rezensent Andreas Isenschmid lässt sich von dem als erotischer Schlüsselroman über Patrick Roth gelesenen Teil des Romans von Lisa Halliday nicht ablenken. Das Buch hat mehr zu bieten, findet er, die education sentimentale der Heldin zur Schriftstellerin nämlich. Die Promistory versteht Isenschmid als Köder für einen raffiniert geschriebenen, aktuellen Roman, eine Liebesgeschichte und die Lebensgeschichte eines Irakers, die die Autorin geschickt und unter Verwendung unterschiedlicher Stillagen miteinander verzahnt, so der Rezensent. Nicht zuletzt ist das Buch für Isenschmid auch ein erstklassiger Roman über den Irakkrieg von einer hochbegabten Autorin.

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