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Rowohlt E-Book Monographie
Paul Celan, 1920 in Czernowitz/Bukowina geboren, 1970 in Paris durch Selbstmord aus dem Leben gegangen, gilt heute als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Mit dem Bekanntwerden der «Todesfuge» setzte 1952 sein Ruhm ein. Der nazistische Massenmord an den Juden, dem auch Celans Eltern zum Opfer fielen, war das Thema schon dieses frühen Gedichts und blieb auf Lebenszeit das Zentrum des gesamten literarischen Werks.
In dieser kurzen Biographie erfährt der Leser alles Wichtige über Leben und Werk des großen Schriftstellers.
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Produktbeschreibung
Rowohlt E-Book Monographie

Paul Celan, 1920 in Czernowitz/Bukowina geboren, 1970 in Paris durch Selbstmord aus dem Leben gegangen, gilt heute als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Mit dem Bekanntwerden der «Todesfuge» setzte 1952 sein Ruhm ein. Der nazistische Massenmord an den Juden, dem auch Celans Eltern zum Opfer fielen, war das Thema schon dieses frühen Gedichts und blieb auf Lebenszeit das Zentrum des gesamten literarischen Werks.
In dieser kurzen Biographie erfährt der Leser alles Wichtige über Leben und Werk des großen Schriftstellers.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt Verlag GmbH
  • Seitenzahl: 165
  • Erscheinungstermin: 2. Juni 2014
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783644516816
  • Artikelnr.: 40916412
Autorenporträt
Wolfgang Emmerich, geboren 1941 in Chemnitz/Sachsen, ist seit 1978 Professor für Neuere deutsche Literatur- und Kulturgeschichte an der Universität Bremen. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie. Lehrte seit 1968 an Universitäten in den USA und an der Universität Tübingen. Später mehrere Gastprofessuren in den USA, in Paris, in Turin und in Oxford.
Buchveröffentlichungen u. a. zur Wissenschaftsgeschichte der Germanistik und Volkskunde, zu Heinrich Mann, zur Exillyrik und zur DDR-Literatur.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.06.1999

Den harten Sternen gehorsam
Gänsefüßchen oder Hasenöhrchen: Celan vermißt den Meridian

Die Lebensdaten Paul Celans sind von symbolischer Prägnanz. Persönliches und Historisches gehen, wie zufällig auch immer, Koinzidenzen ein, die so "beredt" sind, daß sie zu Deutungen herausfordern. Geboren ist Celan 1920 in Czernowitz, "den harten Novembersternen gehorsam"; noch gab es in der östlichsten Universitätsstadt deutscher Sprache eine Ökumene aus Ukrainern, Rumänen und überwiegend jüdischen Deutschösterreichern. Mit der Auflösung des k. u. k. Imperiums und dem Frieden von Saint-Germain in Celans Geburtsjahr war erst der Anfang ihres Zerfalls besiegelt.

Vielleicht werden die Spektakel des Pariser Mai 1968 im epochalen Rückblick einst weniger bedeutsam erscheinen. Für Celan, diesen "marxiste blessé", Luxemburg- und Kropotkin-Leser, wurden die Signale des Aufbruchs zum Ereignis, an dem er enthusiastischen Anteil nahm. Mit vergleichbarer Unbedingtheit hatte er im Jahr zuvor noch den israelischen Sechs-Tage-Krieg verteidigt. Beides waren Augenblicksberührungen mit der Zeitgeschichte - den Handlungsraum des engagierten Intellektuellen eröffneten sie Celan nicht. Seinem Selbstmord im Jahr 1970 ging ein Jahrzehnt der Depression und der Anschuldigungen in einem unseligen Plagiatsstreit voraus. Und nicht zuletzt die Verzweiflung am politischen Immunsystem einer deutschen Literaturkritik, die mit ausgeprägten philologischen Sekundärtugenden Celans Wendung von den "Mühlen des Todes" wirklich werden ließ.

In der Mitte dieses Lebens aber klafft ein Riß, der es verbietet, einfach den Bogen zwischen seinen Enden zu schlagen. Im Spätsommer 1941 rücken deutsche Truppen in die zuvor sowjetisch besetzte Bukowina ein. Bald hat Czernowitz ein Ghetto, aus jüdischen Mitbürgern werden Zwangsarbeiter und Deportierte. Auch die Eltern Paul Antschels sind darunter. Auf Umwegen erfährt der Sohn von ihrem Leidensweg und ihrer Ermordung. Als er 1947, zunächst in rumänischer Sprache, das zwei Jahre zuvor entstandene Gedicht "Todesfuge" veröffentlichen kann, dessen Erfolg sich wie eine Kette um ihn legen wird, firmiert der Verfasser unter dem romanisierten Namen Paul Celan. Die Namensänderung an der Schwelle zur Nachkriegsära markiert die "Hälfte des Lebens". Von einer Zäsur im Hölderlinschen Sinne zu sprechen liegt nahe - und hat doch den üblen Beigeschmack, der Gewalt, die dieses Leben durchschlug, einen Sinn abzugewinnen.

"Bei kaum einem anderen Autor", so begründet Wolfgang Emmerich seine Darstellung Paul Celans, "sind Erlebtes und Geschriebenes so miteinander verhakt wie bei diesem." Dem Leben-und-Werk-Strickmuster der altbewährten Rowohltschen Bildmonographien, deren Optik wohltuend aufgefrischt wurde, folgt Emmerich nur teilweise. Eine Biographie im strengen Sinne hat der Autor nach eigenem Bekunden nicht angestrebt. Zu viele Akten und Aufzeichnungen sind noch unter Verschluß, involvierte Zeitgenossen und Briefpartner in ihrer persönlichen Sphäre zu respektieren. Doch kann Emmerich auf die Arbeit der Celan-Biographen Israel Chalfen (1979) und John Felstiner (1995) zurückgreifen, ebenso auf die inzwischen stattliche Zahl publizierter Erinnerungen und Zeugnisse aus dem Umfeld.

Als Einführung in die Poetik Celans setzt die Darstellung Emmerichs Maßstäbe. Ihm gelingt das Kunststück, aus einer kaum noch zu überblickenden Spezialistendebatte die wichtigen Informationen, Themen und Trends so zusammenzuführen, daß auch der voraussetzungslose Leser am State of the art teilhat und die oft als schwierig abgewehrte Lyrik Celans selbst studieren kann. In seinen intensivsten Passagen bietet Emmerichs Buch eine mit biographischem Hintergrundwissen angereicherte Gedichtlektüre, die poetische Ausdeutung mit historischer Spurensuche verbindet.

Bei vielen der Gedichte Celans liegt der Schlüssel in Selbsterlebtem, oft auch in Zitaten und Anspielungen auf Gelesenes, das ihm ebenfalls zu einem Stück eigenen Lebens geworden war. Hatte der biographische Zugang Felstiner dazu verführt, für berühmte Formulierungen wie die "schwarze Milch der Frühe" nach unmittelbaren Entsprechungen in der Wirklichkeit zu suchen, so behält Emmerich das literarisch Vorgeprägte solcher Motive im Blick. Sein methodischer Bezugspunkt ist Celans Poetik selbst, über die der Lyriker in seiner Dankrede für den Büchnerpreis 1960 Auskunft gab.

Diese Rede, unter dem Titel "Der Meridian" 1961 erschienen, ist längst als eine der großen dichterischen Reflexionen dieses Jahrhunderts anerkannt. Sie liegt nun in einer Studienausgabe vor, die dem zwölfseitigen Redetext ein knapp dreihundert Seiten starkes Konvolut aus Exzerpten, Notizen, Entwürfen und Vorstufen folgen läßt. Das hier erstmals zugängliche Material wird in rücklaufender Chronologie präsentiert, die von der Endgestalt einer Formulierung bis zu ihren Keimwörtern führt. Unter dem grauen Mantel der Pflichtübung birgt dieser sorgfältig kommentierte Band der Tübinger Ausgabe ein Leseabenteuer eigener Art. Obwohl die Edition nur eine Auswahl des Textbestandes bietet, fällt die quantitative Disproportion zwischen gesprochenem Wort und niedergeschriebenen Vorarbeiten dramatisch aus.

Kein Zweifel, Celan hat seinen Auftritt vor der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung gründlich vorbereitet. Daß der Dichter seines Publikums keineswegs gewiß war, belegen die auffälligen Parenthesen, mit denen der Redende sich immer wieder ins Wort fällt, und mehr noch die vielen zum überwiegenden Teil dann verworfenen direkten Anredeversuche ("Sie vermissen hier etwas, ich weiß . . ."). Celans Aufenthalte in Deutschland waren sporadisch und stets gestenbeschwert. Das gilt später für die im Gedicht "Todtnauberg" reflektierte Begegnung mit Heidegger ebenso wie für den mit Peter Szondi unternommenen Gang zum Berliner Landwehrkanal.

Begegnung und Gespräch, zwei Leitvokabeln in der Dankesrede, haben hier nicht das Geringste mit der Harmlosigkeit eines indifferenten Pluralismus zu schaffen. Es sind Trotzworte, brüsk wie die Büchnersche "Kunstfeindlichkeit", an die Celan die Akademie erinnert. Es wird keine schöne Rede; die Vorstufen sind voll der Spuren getilgter Bonhomie. Der Dichter will verstanden werden. Spröde, ineloquent im Duktus, verbeißt sich Celan in eine Abwehr der ihm nachgesagten Hermetik und metaphernverliebten Stilkunst - bis er zu dem verstörenden Gegenwort gelangt, jenem unerhörten Ruf "Es lebe der König", mit dem Lucile in "Dantons Tod" das klappernde Geschäft der Guillotine unterbricht. Luciles unverständiger Rückfall aus dem Konsens der Revolution ist kein politisches Renegatentum, sie huldigt, so Celan, "der Majestät des Absurden". In ihrer Verstocktheit, die alle Schlachtrufe erstarren macht, sieht Celan die "Atemwende", die das Gedicht herbeiführen kann, indem es den "Atem und das Wort" verschlägt. Jahre später hallt Lucilles Ruf wider in dem Gedicht "Du liegst". "Nichts / stockt", vermerkt der Besucher vor dem Kanal, der die Leiche Rosa Luxemburgs aufnahm, doch die Atemwende und Wahrheit dieses Gedichts, Peter Szondi hat es erkannt, liegt im Zeilensprung.

Der abstrusen Logik der Vernichtung las Celan keinen Sinn ab, wohl aber memorable Weg- und Zeitzeichen. Sein Meridian formuliert eine Poetik, die vom zufällig Gegebenen historischer oder geographischer Markierungen ausgeht, von "Daten" im Wortsinne. Zur entscheidenden Wegmarke wird ihm "Lenz", der Tod des gleichnamigen Dichters irgendwo in Moskau, und der Anfang der Büchnerschen Erzählung, die Lenz "am 20. Jänner" durchs Gebirg gehen läßt. In Lenz findet Celan fast ein Anagramm seiner selbst vor. "Vielleicht darf man sagen, daß jedem Gedicht sein ,20. Jänner' eingeschrieben bleibt?"

Die Koinzidenz mit dem Datum der Wannsee-Konferenz ist äußerste, unausgesprochene Benennung dessen, was im Gedicht stockt und gerinnt. Auf den Rilke-Vers "Überstehn ist alles" hat Celan nur die bittere Replik "nein, überleben ist unanständig".

Der Meridian ist die höchste oder tiefste Mittellinie zwischen Ost und West. Er "durchkreuzt die Tropen", die Gefilde, in denen Metaphorik und rhetorische Ausweichmanöver blühen. "Wegen seiner Unübertragbarkeit wird das Gedicht als ein Unerträgliches empfunden", vermutet Celan. Der Meridian verbindet Orte und Daten, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Celans Form des Eingedenkens ist das Zueinander. Mit den Surrealisten hat er die Kunst des Findens gemein, den Blitz des objektiven Zufalls. Büchners erster Herausgeber, den der aus Paris Angereiste am Ende seiner Darmstädter Rede erwähnt, hieß K. E. Franzos und kam aus Czernowitz. Da der Philologe stets besser weiß, was dem Dichter frommt, hatte Franzos Büchners Wunsch nach einer "kommoden Religion" in den einer "kommenden Religion" umgelesen; vielleicht sogar mit Recht. Zitate brauchen, so schließt Celan, zuweilen nicht Gänsefüßchen, sondern Hasenöhrchen.

ALEXANDER HONOLD

Paul Celan: "Der Meridian". Endfassung - Entwürfe - Materialien. Herausgegeben von Bernhard Böschenstein und Heino Schmull (Tübinger Ausgabe. Herausgegeben von Jürgen Wertheimer). Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999. 298 S., br., 84,- DM.

Wolfgang Emmerich: "Paul Celan". Rowohlt Verlag, Reinbek 1999. 192 S., br., 12,90 DM.

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