Heikle Balancen
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Um 1800 formiert sich die ästhetische Moderne in Reaktion auf die sozialen, kulturellen und epistemischen Umbrüche der Aufklärungsepoche. Zu den frühen Zentren der ästhetischen Moderne gehören Weimar und Jena. Hier reflektieren insbesondere Goethe und Schiller die gesellschaftlichen Veränderungen und wissenschaftlichen Paradigmenwechsel ihrer Zeit, indem sie nach Balancen zwischen jenen Gegensätzen suchen, die im Zuge des fortschreitenden Modernisierungsprozesses immer deutlicher zutage treten. Sie fragen nach Vermittlungen zwischen Natur und Kunst, Sinnlichkeit und Vernunft, Antike und…mehr

Produktbeschreibung
Um 1800 formiert sich die ästhetische Moderne in Reaktion auf die sozialen, kulturellen und epistemischen Umbrüche der Aufklärungsepoche. Zu den frühen Zentren der ästhetischen Moderne gehören Weimar und Jena. Hier reflektieren insbesondere Goethe und Schiller die gesellschaftlichen Veränderungen und wissenschaftlichen Paradigmenwechsel ihrer Zeit, indem sie nach Balancen zwischen jenen Gegensätzen suchen, die im Zuge des fortschreitenden Modernisierungsprozesses immer deutlicher zutage treten. Sie fragen nach Vermittlungen zwischen Natur und Kunst, Sinnlichkeit und Vernunft, Antike und Moderne, Idealität und Realität. Da diese Vermittlungen zwangsläufig heikel bleiben, führt das fortgesetzte Streben nach Ausgleich zu immer neuen ästhetischen Versuchsanordnungen, die als spezifischer Beitrag der Weimarer Klassik und ihres Umfeldes zur frühen Moderne gelten können. Reich bebilderte Beiträge aus verschiedenen Fachdisziplinen analysieren das zwischen Normativität und Historizität changierende Kunstverständnis der Weimarer Klassik, ihre spezifisch modernen Antikenbezüge sowie die morphologische Naturauffassung Goethes. Ästhetische Theoriebildung und materielle Überlieferung werden in 'wiederholten Spiegelungen' aufeinander bezogen.
  • Produktdetails
  • Schriftenreihe des Zentrums für Klassikforschung 1
  • Verlag: Wallstein
  • Seitenzahl: 323
  • Erscheinungstermin: Januar 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 237mm x 167mm x 32mm
  • Gewicht: 818g
  • ISBN-13: 9783835309395
  • ISBN-10: 3835309390
  • Artikelnr.: 38036618
Autorenporträt
Thorsten Valk, geb. 1972, leitet das Referat Forschung und Bildung der Klassik Stiftung Weimar und lehrt als Privatdozent Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Er gehört dem Vorstand der internationalen Goethe-Gesellschaft an und ist Sprecher des Zentrums für Klassikforschung, das er 2009 gegründet hat.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.05.2015

Schillers Fühlhörner
Über "Heikle Balancen" der Weimarer Klassiker

Es geht eben nichts über ein gesundes Selbstbewusstsein. Friedrich Schiller, der sich als Dramatiker zeitlebens in einem epochenübergreifenden Wettstreit mit seinen antiken Vorgängern sah, attestierte sich gegenüber Wilhelm von Humboldt stolz, er habe "eine größere Affinitaet zu den Griechen ... als viele andere", könne er seine antiken Vorgänger doch mit seinen "Fühlhörnern" erfassen.

Solch empfindsame Extraorgane hatte Schiller allerdings auch nötig, verfügte er doch nur über defizitäre Griechischkenntnisse. Um Sophokles und Euripides möglichst nahezukommen, behalf sich der Dichter damit, lateinische und französische Prosaparaphrasen ins Deutsche zu übertragen: "ich mußte mein Original errathen", bekannte er im Jahr 1789 freimütig seinem Freund Körner, "oder vielmehr, ich mußte mir eins erschaffen".

Unbemerkt blieb das problematische philologische Fundament, auf dem Schillers Annäherung an die attische Tragödie ruhte, allerdings nicht: Nachdem er eine "Übersetzung" der aulidischen Iphigenie veröffentlicht hatte, legte August Wilhelm Schlegel ihm den Spottvers in den Mund: "Ohn' alles Griechisch hab' ich ja / Verdeutscht die Iphigenia".

Die Iphigenie Goethes wiederum rezensierte Schiller, wie Thorsten Valk in seinem erhellenden Aufsatz "Agon mit den Alten" rekonstruiert, 1788 vor dem Hintergrund eines ausgeprägten Konkurrenzbewusstseins gegenüber der griechischen Dichtkunst: Statt Goethes Schauspiel im Sinne Johann Joachim Winckelmanns als Beispiel für eine mehr oder weniger vollendete Nachahmung der letztlich unerreichbaren Alten zu werten, erkannte Schiller ein Werk, das den antiken Tragödien nicht nur wesensverwandt und ebenbürtig, sondern letztlich sogar überlegen war.

Bekanntlich glaubte Friedrich Schiller zeitweilig sogar an eine prinzipielle Überlegenheit des modernen Dramas, und zwar aufgrund eines "Fortschritts der sittlichen Kultur": Schließlich befand sich das Subjekt auf der modernen Bühne nicht mehr in der Hand numinoser Schicksalsmächte, sondern hatte zumindest das Potential, sich von äußeren und inneren Einflüssen zu befreien und die sittliche Autonomie des Menschen zu demonstrieren. Wie heikel aber die in der Gedankenfigur des Wettstreits von Schiller gefundene Balance zwischen Antike und Moderne war, zeigte sein spätes Trauerspiel "Die Braut von Messina oder die feindlichen Brüder", in dem sich antiker Schicksalsglauben und modernes Autonomiepostulat wechselseitig durchdringen und herausfordern, wie Thorsten Valk resümiert.

"Heikle Balancen" lautet auch der Titel des von dem in Jena lehrenden Germanisten herausgegebenen Sammelbandes, zugleich der erste Band der im Wallstein Verlag erscheinenden neuen "Schriftenreihe des Zentrums für Klassikforschung". Die darin versammelten dreizehn Beiträge erhellen die Ideen und Konzepte, mit denen die Weimarer Klassiker und ihre Parteigänger auf die Umbrüche ihrer Zeit in Ästhetik, Gesellschaft und Wissenschaft reagierten. Der in unversöhnliche Gegensätze (wie Antike und Moderne, Vernunft und Sinnlichkeit oder Normativität und Historizität) zerfallenden Aufklärungsepoche wurde dabei ein ums andere Mal die Idee einer wechselseitigen Vermittlung entgegengestellt.

Die Figur einer heiklen, fortwährend bedrohten Balance zielte jedoch gerade nicht auf vorschnelle Aussöhnungen oder Harmonisierungen. Letzteres belegt etwa Friedrich Steinles Aufsatz über Goethes Überlegungen zur Methodik der neuen Experimentalwissenschaften: Ordnet man Goethes Kritik an Newtons Farbenlehre in den historischen Kontext ein, erscheint sie weitaus weniger exotisch als bislang. Sie, wie meist in der Forschung, als Beispiel romantisierend-schwärmerischer Naturforschung abzutun wird ihr nicht gerecht, denn wie Steinle nachweist, stimmten Goethes leitende Prinzipien etwa mit denen der Herausgeber der Encyclopédie überein. Heikel war die Berufung auf eine "Erfahrung der höhern Art" dennoch, blieben ihre Resultate doch nur schwer überprüf- respektive kommunizierbar.

OLIVER PFOHLMANN

Thorsten Valk (Hrsg.): "Heikle Balancen". Die Weimarer Klassik im Prozess der Moderne.

Wallstein Verlag, Göttingen 2014. 323 S., 59 Abb., geb., 68,- [Euro].

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»schön gestaltete(r) und reich bebilderte(r) Band. Wer sich mit der Weimarer Klassik beschäftigt, sollte ihn konsultieren« (Reiner Wild, Germanistik, 2015 Band 56 Heft 3-4)