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Das Porträt eines außergewöhnlichen Schriftstellers - und zugleich das Psychogramm einer Epoche
Helmut Lethen, geboren 1939, gehört zu den intimsten Kennern der klassischen Moderne. Von 1977 bis 1996 lehrte er an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zur deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Buch "Verhaltenslehre der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen" (1994) gilt als Standardwerk. …mehr

Produktbeschreibung
Das Porträt eines außergewöhnlichen Schriftstellers - und zugleich das Psychogramm einer Epoche
Helmut Lethen, geboren 1939, gehört zu den intimsten Kennern der klassischen Moderne. Von 1977 bis 1996 lehrte er an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Zahlreiche Veröffentlichungen, insbesondere zur deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Buch "Verhaltenslehre der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen" (1994) gilt als Standardwerk.
  • Produktdetails
  • Rowohlt Sachbuch Bd.544
  • Verlag: Rowohlt, Berlin
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 17. März 2006
  • Deutsch
  • Abmessung: 225mm x 149mm x 29mm
  • Gewicht: 532g
  • ISBN-13: 9783871345449
  • ISBN-10: 387134544X
  • Artikelnr.: 20743717
Autorenporträt
Lethen, Helmut§Helmut Lethen, geboren 1939, lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock. Von 2007 bis 2016 leitete er das Internationale Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien. Sein Buch «Verhaltenslehren der Kälte» (1994) über die Intellektuellen in der Weimarer Republik gilt als Standardwerk. Zuletzt erschienen «Der Schatten des Fotografen» (2014), das mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, und «Die Staatsräte» (2018).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.05.2006

Der halbierte Dichter
Helmut Lethen seziert Gottfried Benn und seine Zeit

Hochmut regiert dieses faszinierende Buch. Nicht daß Helmut Lethen ein hochmütiges Buch geschrieben hätte. Nein, er hat vorderhand sogar ein sehr demütiges Buch geschrieben. Denn es liest sich, wenn man so will, nur wie eine erweiterte Fassung seines Klassikers von 1994 über die "Verhaltenslehren der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen". Was er damals über die Denker der neuen Sachlichkeit schrieb, über Ernst Jünger und Carl Schmitt zumal, wird nun noch einmal bei Benn erprobt. Lethen wollte ausdrücklich keine Biographie Gottfried Benns schreiben, sondern die "unheimlichen Nachbarschaften aufzeigen, in denen Benns Essays und Gedichte stehen". Es ist, so gesehen, ein Werk der Konstellationsforschung, rundherum gebaut um das neusachliche Avantgarde-Motto: je kälter der Blick, desto wirklicher das Gesehene. Diesen "Habitus der Kältefreaks" nennt Lethen "hochmütig" und stellt ihn als halbierte Nietzsche-Erfahrung bloß. Es ist diese These vom halbierten Nietzsche, die zum Erhellendsten und zugleich Ernüchterndsten gehört, was der Autor in seinem alles in allem doch sehr pädagogisch, sehr ordentlich abgefaßten Werk über Benn und seine Zeit vorträgt. Benn und seine Zeit - das heißt für Lethen: ein Buch über Benn, Jünger, Schmitt und allemal über einen eklektisch ausgebeuteten Nietzsche.

Erhellend und ernüchternd: Hat es nicht etwas ungemein Ernüchterndes, mit Benn alles auf die eine Karte der "Haltung" zu setzen und damit doch nur einen Stand im Schutt zu gewinnen? Während die Abrißbirne die "cerebralen Cartenhäuser der Zivilisation" zum Einsturz bringt? Ist es nicht besser, wie ein Flegel in derartigen Kartenhäusern zu wohnen, als mit Haltung auf dem Schuttplatz zu übernachten? Um ebendieses Rätsel der heroischen Willensanstrengung aufzuhellen, bemüht Lethen Nietzsche, den man zur Jahrhundertwende mimetisch las. Die Avantgardisten, erklärt der Autor, halbierten in der Regel Nietzsches Denkfiguren, um sie zu eindeutigen Verhaltensregeln umzubeugen. Mit viel Ertrag wird in diesem Zusammenhang der lange Aphorismus 114 "Von der Erkenntnis des Leidenden" in der "Morgenröthe" ausgedeutet. Dort beschreibt Nietzsche, wie die "Kälte" der Beobachtung als Widerstand gegen physischen Schmerz entwickelt wird: "Der Schwerleidende sieht aus seinem Zustande mit einer entsetzlichen Kälte hinaus auf die Dinge: alle jenen kleinen lügnerischen Zaubereien, in denen für gewöhnlich die Dinge schwimmen, wenn das Auge des Gesunden auf sie blickt, sind ihm verschwunden: ja, er selber liegt vor sich da ohne Flaum und ohne Farbe."

Solche Sätze, kommentiert Lethen, mögen noch "nach dem Geschmack der Kältefreaks" gewesen sein. "Nicht aber die Fortsetzung von Nietzsches Überlegung: Tritt nämlich die Genesung ein, so wird das Pathos des kalten Blicks als Hochmut erkannt." Die Ökonomie des Genesenden relativiere die gnadenlose Erkenntnis des Leidenden. Beides zusammen "ergibt zwar kein harmonisches Ganzes, aber immerhin ein Ganzes mit Dissonanzen". Das ist eine entscheidende Beobachtung. Welch ein bestürzender Durchblick auf den Durchblicker Benn. Was nutzt Benn sein Hochhalten von "Haltung" und "Form" als erkenntnistheoretischen Maximen, wenn sich das Pathos der Wahrnehmungsschärfe schon im Moment der Formulierung wieder als unscharf erweist? Da preist ein immer einsamer Benn die diogenesische Absonderung als Bedingung der genauen, von keinem moralischen oder sozialen Zug getrübten reinen Wahrnehmung - und muß sich schließlich doch sagen, in seiner windstillen Ecke nicht durchgeblickt zu haben. Lethen bringt dieses vermögende Unvermögen des Dichters auf die reizvolle Formel: Benn folgt dem naturalistischen Menschenbild, indem er es verfolgt. Paradoxerweise scheint es tatsächlich immer das einfachste, sich mit Haut und Haaren einer einzigen Sache zu verschreiben. Und ewig lockt das Ganze.

"Nach seiner hochfliegenden Verschmelzung von Ästhetik und Politik in den Jahren 1933/34 scheint Gottfried Benn eine Erfahrung gemacht zu haben, die Schmitt verschlossen blieb: die Lächerlichkeit der Existenz." Aber ist nicht gerade diese Erfahrung die unsicherste überhaupt? Lohnt es sich für einen Menschen wirklich, die eigene Existenz als "lächerlich" hinzustellen - und damit aus lauter Ungeduld die Sünde wider den heiligen Geist zu begehen, statt die Sinnfrage geduldig offenzuhalten? Ist die Behauptung der lächerlichen Existenz nicht vielmehr selbst die lächerlichste aller Dezisionen? Und ist die statische Perspektive, in welcher Benn sich die Welt in "Linien" erschließen will, nicht im Grunde - einem Grunde, auf dem doch für Benn nur Sprachspiele existieren - eine recht komische Prätention? Läßt sich "die Lage" durch knappes Vorbeischauen, durch Lücke lassen, nicht allemal besser erkennen als durch die angestrengte Draufsicht auf ein kohärentes Ganzes? Hat der um ein Ganzes bittende Diogenes-Benn in der Tonne von Landsberg nicht etwas durch und durch Rührendes? Benns von aggressiver Affektlosigkeit getragene Vorstellung, Urin, Kot, Essig im Schlund und verwesende Leichen seien Medien, um in die Existenz einzutauchen, müssen einem fröhlichen Skeptiker denn auch weniger anstößig als albern vorkommen. "Seit den frühen Gedichten die gleiche Geste: Die Nähe zu dem, was als ekelhaft gilt, verbürgt wahre Erfahrung", bemerkt Lethen. "Handelt es sich hier um politischen Existentialismus, physiologisch gewendet, da an die Stelle der tödlichen Gefahr, die den Ernst des Lebens garantiert, die Ekelsphäre getreten ist?"

Lethen entzaubert Benns Habitusideal des monsieur vivisecteur in Weste und Hut als komische Oper gleichsam im Vorbeigehen, durch einen lässigen Blick von der Seite, ohne dabei den Erkenntnisgewinn der physiologischen Warte zu bestreiten, die den Vorteil habe, "die Aufmerksamkeit ganz auf die Bewegungsabläufe, den Aktionsradius der Menschen zu konzentrieren". Die Tiefe der Figuren liege denn auch bei Benn "weder psychoanalytisch in ihren seelischen Depots noch soziologisch in ihrem Zustand als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse, sondern in den sichtbaren Äußerungsformen ihrer Affekte, in ihren Launen und Moden, Anpassungen und Aggressionen". Benns Verfahren ist gerade dort, wo es ihm um die "Unterseite der Ideale" geht, handlungstheoretisch, nicht introspektiv.

Die Disposition zum Umschlag, zur hemmungslosen Anpassung einer Existenz, die nicht selber ist, es sei denn als Schnittpunkt externer Faktoren - sie hat hier ihren Ort: in der Erwartung, überhaupt je zu so etwas wie einem "Elementarreich" vorstoßen zu können. Von hier aus verläuft für Lethen eine direkte Linie zu "Benns Verbrechen" unter den Nazis. "Ähnlich wie Carl Schmitt glaubt Benn, durch hemmungslose Überbietung der harmlosen Mitläufer, durch eine Art intellektuellen Satanismus, das Ohr des Machthabers zu erreichen." Zu den durchkomponiertesten Passagen des Buchs zählen jene, in denen Benn im Dreigestirn mit Jünger und Schmitt auftaucht: "Diese drei Männer, die der Kollaboration (mit den Nazis) bezichtigt werden, bemühen sich, auf keinen Fall als Reumütige dazustehen. Der Rechtsgelehrte Carl Schmitt, Staatsrat von Görings Gnaden, achtet peinlich darauf, wer als Erster dieses ungeschriebene Gesetz der Satisfaktionsgesellschaft bricht. Mit dem Erscheinen von Benns autobiographischer Schrift ,Doppelleben' steht für Schmitt fest: Benn ist der erste Abtrünnige. So schleppen die, die sich einbilden, Mitglieder einer ehrenwerten Gesellschaft zu sein, das neunzehnte Jahrhundert mit sich herum." Dieses aufregende Kapitel über Benn, Jünger und Schmitt - über drei Männer, die sich unentwegt gegenseitig belauern - trägt die Überschrift "Drei Männer im Schutt".

Lethen spricht von "Benns Verbrechen", und mit diesem deutlichen Begriff wendet er Benns handlungstheoretische Methode auf ihn selbst an: Was bei der Bewertung zählt, sind nicht seelische Depots oder soziologische Verhältnisse, sondern die sichtbaren Äußerungen der Anpassungen und Aggressionen. Damit nimmt sich Lethen auf einen halbierten Historiker zurück, der gleichsam ohne psychologische und soziologische Hilfswissenschaften zu sagen begehrt, wie es eigentlich gewesen ist. Etwaige Zweifel an der Angemessenheit dieser Methode fielen dann gewissermaßen auf Benn selbst zurück. Jedenfalls will Lethen bei der Frage, warum Benn mit den Nazis in der Zeit des Umbruchs gemeinsame Sache machte, alles ausschließen, was nur durch raffinierte Auslegung von Textspuren erschlossen werden könnte. "Es geht vielmehr um ,Fakten', die - wie man in der Schule der Evidenz, aus der Benn kam, sagen würde - mindestens von zwei Beobachtern registriert werden können. Das sind in diesem Fall: Mithilfe zur Säuberung der Akademie von republikanischen, jüdischen und sozialistischen Schriftstellern; Unterstützung der NS-Eugenik in der Phase ihrer Vorbereitung des ,Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses'; Rechtfertigung der Vertreibung kritischer Künstler in die Emigration. Das sind farblose Dinge, und die Textspuren zeigen auf eine bewußte, keine erzwungene Kooperation. Das läßt sich ebenfalls und für einen erheblich längeren Zeitraum für Carl Schmitt sagen - aber zur großen Überraschung der Zeitgenossen nicht für Ernst Jünger."

Warum hat Helmut Lethen dieses einnehmende, auf weiten Strecken so kalte Benn-Buch geschrieben? Vermutlich hat er keinen anderen Weg gesehen, um seine Bewunderung für den gefallenen Dichter in die Öffentlichkeit zu schmuggeln.

Helmut Lethen: "Der Sound der Väter". Gottfried Benn und seine Zeit. Rowohlt Verlag, Reinbek 2006. 318 S., geb., 22,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Ein gewisses Interesse an deutscher Geschichte vorausgesetzt, kommt Helmut Lethens Buch über Gottfried Benn für jeden in Frage, schließlich handelt es sich um ein Werk für den "general reader", wie Rezensent Michael Rutschky meint. Das Buch ist "von seiner eigenen Spannung getragen", Müdigkeit beim Lesen komme zu keiner Zeit auf. In zwölf Kapiteln handelt Lethen das Leben Benns ab und konzentriert sich dabei sowohl auf "prägnante Episoden" im Leben des Schriftstellers als auch auf dessen "Einzelwerke". So erfährt man einiges über die glückliche Zeit, die Benn während des Ersten Weltkriegs in Brüssel erlebte, die "rauschhaften Stunden", die er in der Berliner Staatsbibliothek verbrachte, seine Wut auf die nach 1945 zurückkehrenden literarischen Emigranten, die Rechenschaft einfordern könnten, und seinen Spätruhm in den fünfziger Jahren. Besonders gelungen findet der Rezensent die Passagen über Benns Verweilen in Berliner Kneipen - "die Fotos zeigen den dicken alten Kater" - dafür aber fehlt ihm "das Sentimentale", das Benn an sich hatte. Diese Seite des Schriftstellers könne man nämlich schon in seinen frühen "Brutalgedichten" ausmachen. Abgesehen von diesem kleinen Makel aber hat Lethen, so meint der Kritiker, ein "richtig schönes und lehrreiches Buch" geschrieben.

© Perlentaucher Medien GmbH
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 20.05.2006

Ein müder Nihilist
„Der Sound der Väter“: Helmut Lethens großartige Studie über Gottfried Benn und seine Zeit
Es ist eine gespenstische Situation. Absurd, lächerlich und todernst. Die Stimmung des Lauerns ist förmlich mit Händen zu greifen. Zwischen drei alten Männern wandern die Blicke hin und her. Alle drei verband in der Zwischenkriegszeit eine polemische Gegnerschaft zum Liberalismus. Sie waren, jeder auf seine Weise, Parteigänger einer konservativen Moderne und jedenfalls nicht als Gegner des Nationalsozialismus ausgewiesen. Nun ist der Krieg zu Ende und alle drei wissen genau, dass die neue Zeit sie nicht ohne weiteres aufnehmen wird. Dass man Erklärungen, Rechtfertigungen, Reue und Buße von ihnen verlangen wird. Sonst droht das Publikationsverbot. Aber alle drei huldigen einem Pathos der Unsentimentalität, einem soldatischen Stolz, dem nichts geradezu körperlich widerlicher ist als moralische Zerknirschung und demonstrative Büßergesten. Nur nicht aus Opportunitätsgründen im Strom der neuen Schamkultur mitschwimmen, verlangt dieser Ehrenkodex. Andererseits ist klar: Wenn man sich gar nicht rührt und bewegt und keinerlei Zeichen aussendet, dann wird man in der neuen Zeit Paria bleiben. Who blinks first? Wer rührt sich als Erster, wer wird schwach und knickt ein? Lauernd sind die Blicke, mit denen Gottfried Benn, Ernst Jünger und Carl Schmitt sich gegenseitig beobachten.
Eindringlich beschreibt Helmut Lethen diese Szene im elften, dem vorletzten Kapitel seiner glänzenden Abhandlung „Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit“. Und tatsächlich ist in dieser Episode, vermutlich zum letzten Mal, etwas zu greifen, was den intellektuellen Habitus seit der Jahrhundertwende bis zum Ende der Zwischenkriegszeit entscheidend geprägt hat.
Im April 1950 notiert Carl Schmitt in Plettenberg: „Benn scheint in die Knie gegangen zu sein.“ Aber schon vorher war Schmitt alarmiert. 1948 hatte Benn in seinem „Berliner Brief“ an den Herausgeber des Merkur betont, dass er nie Parteimitglied gewesen und sein Fragebogen in Ordnung sei. Nun höhnt Schmitt, der seinen wichtigsten Kombattanten wegbrechen sieht: „Bravo, mein guter Benn, Dein Fragebogen ist in Ordnung. (. . .) Das ist ja rührend. Wie oft haben wir gefragt: wessen Fragebogen ist eigentlich heute in Ordnung? Antwort: der des Nihilisten Gottfried Benn! (. . .) Das seind mir scheene Nihilisten!“
Es geht Schmitt nicht um die Schuldfrage. Auch nicht um das Problem der Verstrickung. Es geht ihm um überhaupt nichts politisch Inhaltliches, sondern um eine Haltungsfrage. Mit dem Stichwort „Nihilisten“ erinnert er daran, dass alle Reue-Rituale, wie sie nun von den Besatzungsmächten eingefordert werden, ein verächtlicher Witz sein müssen für einen intellektuellen Habitus, der sich auf die Kälte seines amoralischen Blickes stets viel zu Gute gehalten hat. Entsprechend erstaunt nimmt umgekehrt Benn zur Kenntnis, wie Ernst Jünger im Lager des christlichen Humanismus andockt.
Das Kriegerethos
Helmut Lethen greift eine Formel von Norbert Elias auf, um diese intellektuelle Haltung soziologisch zu situieren, und spricht von der „wilhelminischen Satisfaktionsgesellschaft“. In der Kaiserzeit habe sich die gute Gesellschaft, die überwiegend aus Beamten und Akademikern bestand, an den „kriegerischen Werthaltungen des militärischen Adels“ orientiert. In deren Zentrum steht das Duell. Das Heer und die schlagenden Verbindungen waren die Sozialisationsstätten für dieses „verbürgerlichte Kriegerethos“. Bei diesem sozialen Assimilationsprozess allerdings wurden alle moralischen Beimischungen des Kriegerethos ausgeschieden. Ein Panzer-Habitus entstand, der die Härte des Lebens anerkannte, moralische Einwände abwertete, Mitleidlosigkeit verherrlichte und feminine Haltungen verachtete.
Helmut Lethen gelingt es auf zwingende Weise, die geistige Situation der Zeit aus diesem „Satisfaktionstypus“ zu entwickeln: Von der Nietzsche-Rezeption und dem Nihilismus über die Zivilisationskrankheit Nervosität, die Haltungen der Desinvolture und des Überdrusses bis zur Neuen Sachlichkeit und „Ästhetik des Schreckens“, wie sie Karl-Heinz Bohrer im Blick auf Ernst Jünger beschrieben hat. Völlig klar, dass dieser Satisfaktionstypus nach 1945 zu den Duell-Pistolen greifen, aber ganz sicher keinen Fragebogen ausfüllen konnte. Es ist dieses Ethos, das es Ernst Jünger nach 1945 unmöglich machen wird, auf seine Verbindungen zum Widerstand hinzuweisen. In diese wilhelminische Satisfaktionsgesellschaft gehört Gottfried Benn – und gehört er auch wieder nicht. Denn ein Moment der Weichheit, des Zerfließens und der Formlosigkeit gehört fast immer mit zum Artisten Gottfried Benn. Das zeigt sich beispielhaft während des Ersten Weltkriegs. Großartig, wie Helmut Lethen das Zeitalter der Nervosität beschreibt und es in den Materialschlachten – hier ganz „Zauberberg“ – des Ersten Weltkriegs zu Ende gehen lässt.
„Wir haben“, schreibt Ernst Jünger im „Abenteuerlichen Herzen“, „stramm nihilistisch einige Jahre mit Dynamit gearbeitet und, auf das unscheinbarste Feigenblatt einer eigentlichen Fragestellung verzichtend, das 19. Jahrhundert – uns selbst – in Grund und Boden geschossen.“ Auch Gottfried Benn beteiligt sich tatkräftig an der Destruktion des 19. Jahrhunderts. Aber er ist, als Stabsarzt, nicht zufällig ein Mann der Etappe. Verglichen mit Jünger ist Benns Nihilismus weniger heroisch als morbid und müde. Kein Dynamit kann ihn dem Ennui entreißen. Im „Lebensweg eines Intellektualisten“ schreibt er: „In Krieg und Frieden, in der Front und in der Etappe, als Offizier wie als Arzt, zwischen Schiebern und Exzellenzen, an Betten und an Särgen, im Triumph und im Verfall verließ mich die Trance nie, dass es diese Wirklichkeit nicht gäbe.“
Dennoch teilt Benn, der seinen Arzt Rönne mit kaltem Blick die Hirne sezieren lässt, jenes Wahrnehmungsideal Ernst Jüngers, das seine Schärfe erst durch die eigene Unberührtheit und moralische Indifferenz zu gewinnen meint. Jeder humanistische Reflex wird als Eintrübung der Wahrnehmung verworfen. „Das Denken“, ist Benns Wahlspruch, „muss kalt sein, sonst wird es familiär.“
Und sehr genau benennt Lethen den Preis, der für diesen Grundsatz zu zahlen ist: „Die Kehrseite des Wunsches nach der kalten Form ist die Gleichgültigkeit gegen den politischen Inhalt.“ Das ist es, was Jünger affirmativ mit der Formulierung vom Feigenblatt bezeichnet hatte.
Die letzte Ausgeburt
Als Neuen Menschen der postbürgerlichen Zukunft entwirft Jünger den jederzeit mobilisierbaren Arbeiter. Vor diesem Typus bewahrt Benn seine, wie es Lethen treffend nennt, „konstitutionelle Müdigkeit“. Bei Benn dominieren „Figuren der Trägheit“. Gleichwohl hat sich Benn dem Typus des Arbeiters einmal sehr angenähert, wenn er in „Dorische Welt“, passend zur Machtergreifung, das Zuchtprodukt des rassisch hochstehenden Spartaners als gesellschaftliche Leitfigur entwirft. Das ist in seinem ganzen grotesken Biologismus dann auch der Kulminationspunkt des Satisfaktionstypus: Die Abgebrühtheit seines kalten Blicks soll als Evidenz herhalten, dass hier einer den nackten Tatsachen besonders scharf ins Auge geschaut habe.
Der Satisfaktionstypus hat diese seine letzte Ausgeburt nicht überlebt. Gottfried Benn wird Carl Schmitt enttäuschen. Es dürfte Benns Geschichtsfatalismus sein, sein Sinn fürs Lächerliche, was ihn von Schmitt trennt. Nach dem Krieg wendet Benn sich – vielleicht seine schönsten Gedichte – dem Parlando, dem Banalen und dem Boulevard zu. „Ein Schlager von Klasse enthält unter Umständen mehr Jahrhundert als eine Motette.“ Einen Schlager hörenden Carl Schmitt kann man sich in der Tat nicht vorstellen.IJOMA MANGOLD
HELMUT LETHEN: Der Sound der Väter. Gottfried Benn und seine Zeit. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2006. 318 Seiten, 22,90 Euro.
Berlin, Friedhof Heerstraße, 1952: Gottfried Benn legt am Grab von Arno Holz einen Kranz nieder.
Foto: Scherl
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