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Das Buch bietet erstmals eine systematische Gesamtschau der Entstehung und Gestalt dessen, was als "deutscher Orientalismus" in der Forschung seit längerem diskutiert wird. Mit historischem Fokus auf dem frühen 19. Jahrhundert werden die literarischen, wissenschaftlichen und politischen Bedingungen skizziert, unter denen sich das deutsche Orientbild der Neuzeit konstituiert hat. Das Schlüsselwerk der Orientalismus-Forschung, Edward Saids Orientalism, erfährt dabei ein grundlegende theoretische Revision, die den analytischen Blick auf die Regeln orientalistischer Imagination frei macht.…mehr

Produktbeschreibung
Das Buch bietet erstmals eine systematische Gesamtschau der Entstehung und Gestalt dessen, was als "deutscher Orientalismus" in der Forschung seit längerem diskutiert wird. Mit historischem Fokus auf dem frühen 19. Jahrhundert werden die literarischen, wissenschaftlichen und politischen Bedingungen skizziert, unter denen sich das deutsche Orientbild der Neuzeit konstituiert hat. Das Schlüsselwerk der Orientalismus-Forschung, Edward Saids Orientalism, erfährt dabei ein grundlegende theoretische Revision, die den analytischen Blick auf die Regeln orientalistischer Imagination frei macht. Gestützt auf eine breite Materialbasis zeigt die Studie den Paradigmenwechsel des deutschen Orientalismus um 1800 auf und zeichnet das diskursive Spielfeld nach, auf dem er sich seither bewegt. Detaillierte Einzelstudien zu Goethes West-östlichem Divan, zu Hauffs Märchen und zu orientalischen Phantasien des preußischen Hofes loten die Möglichkeitsräume orientalistischer Ästhetik aus.
Autorenporträt
Andrea Polaschegg arbeitet als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität zu Berlin.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.07.2006

Eine Verjüngungskur
Blitzgescheit: Andrea Polaschegg erkundet den Orientalismus
„Nord und West und Süd zersplittern, / Throne bersten Reiche zittern: / Flüchte du! Im reinen Osten / Patriarchenluft zu kosten! / Unter Lieben, Trinken Singen / Soll dich Chisers Quell verjüngen...” Diese Verse entstehen 1814 am Heiligen Abend. Mit den Gedichten des „West-östlichen Divans” steht Goethe in einer Tradition der Erkundung des Orients. Orientalismus ist dies in den Augen der Berliner Germanistin Andrea Polaschegg. In ihrer Dissertation sucht sie Regeln, wie Deutsche den Orient zwei Jahrhunderte zuvor betrachtet haben. Sie ist auch orientalistisch gebildet und schlägt jetzt literaturwissenschaftliche Brücken zwischen Germanistik und Orientalistik.
Bei Goethe, der selbst von „seinem Orientalismus” redet, sieht sie das Hauptmotiv: Er flieht aus dem Heute in die Jahrhunderte und Räume, wo er Paradiesähnliches erwartet. Dort findet er „Anregung und Verjüngung”. Er verreist sparsam, nur imaginär. Wie die Autorin erhellt, nähert er sich dem Arabischen an, strichelt die Schrift gar dahin und befragt Kenner. Da er sagt, „wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen”, bleiben hier zwei Fragen offen: Warum verfehlt er die Sprachhürde und reist nicht in den Orient?
Meine Vermutung: Er weiß ja um Hebräisch und scheut die schwierigere Anlage des Arabischen. Ohnehin mag er nur Persiens Poeten wie Hafis. Sein eigenes Ziel, „sich zu orientalisieren”, erfüllt er genial in der Kunst, die des wahren Lebens und der Sprachpraxis dort entbehren kann. Was Wunder, er glaubt da ernstlich, in Arabisch finde man kaum Worte, die sich nicht durch An- oder Umbildung auf Kamel, Pferd oder Schaf bezögen. Persiens Lyrik erhebt er zum Orient überhaupt. Aber zu folgern, bei Goethe entspringe aus westlicher Feder östliche Poesie, da er sich dem Orient anverwandelte, führt doch zu weit. Er ist des Westens. Polaschegg meint, dem Dichter ergehe es wie den Ethnologen, die sich mit alten Völkern lediglich über den Umweg ihrer Texte befassen.
Dieser Vergleich hinkt. Denn auch für Forscher ist das Erleben der Erben jener Völker und ihrer Sprachen ganz unentbehrlich. Zum anderen, und das ist die Crux dieses gescheiten Buches, teilen Kunst und Wissenschaft manche Sinneswahrnehmung, jedoch mit recht verschiedenen Zielen, Methoden und Werten. Der Dichterfürst mag es sich leisten, nur ein imaginärer Orientale zu sein. Ein Forscher jedoch gehört ins Feld.
Andrea Polaschegg erhellt den Orientalismus, den sie allerdings zu wenig ausdifferenziert. Gut unterzieht sie zwar Edward Saids gleichnamiges Buch einer Kritik und widerlegt dessen Unsinn, der Orient sei nichts als eine Konstruktion. Doch verkennt sie, dass der Orient auch eine Zivilisation vorstellt. Für sie ist er nur etwas westlich Geistiges, eine Art des darstellenden Umgangs. Sie rechnet jede Wahrnehmung zum Orient dazu, ob wissenschaftlich oder künstlerisch.
Nichts außerhalb dieses „-ismus” existiert für sie, keine Alternative und kein System mit Elementen. Ihr Himmel ist Hermeneutik, ihre Sterne heißen Goethe, Hauff und Wilhelm IV. Ja, es gereicht zur Lust, bei ihr hier und da zu stöbern. Doch entgeht ihr, dass der Westen und Orient typologisiert sind.
Zu letzterem zählt, anders als sie sagt, Russland dazu, Griechenland nicht. Dabei passt alles so prima zu Goethes Morphologie. Des Poeten altes Paradies und der Germanistin jüngster Orientalismus erfordern prinzipiell einen Ansatz, der wissenschaftliche und künstlerische Orientbilder trennt und auf diese Weise die Regeln ihre spezifische Aussagekraft gewinnen lässt.
WOLFGANG G. SCHWANITZ
ANDREA POLASCHEGG: Der andere Orientalismus. Regeln deutsch-morgenländischer Imagination im 19. Jahrhundert. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2005, 614 Seiten, 118,00 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Lust zu stöbern macht Wolfgang G. Schwanitz Andrea Polascheggs Dissertation schon. Den orientalistisch-literaturwissenschaftlichen Ansatz findet er bemerkenswert, die Ausführung weniger: Dichter wie Goethe auf ihren imaginären, textbezogenen Zugang zum Orient festzulegen, findet Schwanitz schwierig. Die Unterschiede zwischen Kunst und Wissenschaft sieht er woanders. Das entstehende Bild vom Orientalismus bleibt ihm "zu wenig ausdifferenziert". Auch in der, wie er anerkennt, berechtigten Kritik an Saids "Orientalismus" kann Schwanitz das ablesen. Den Orient als bloßes Konstrukt zu sehen, ist ihm einfach zu wenig: War da nicht eine ganze Zivilisation?

© Perlentaucher Medien GmbH
"Andrea Polascheggs Werk hat das Kaliber und die Qualitäten einer hochstehenden Habilitationsschrift."Peter von Matt in: Scientia Poetica 11/2007 "Mit dieser Studie hat die Autorin die Alteritätsforschung ohne Zweifel um einen weiter führenden Beitrag bereichert [...]"Klaus-Michael Bogdal in: Goethe-Jahrbuch 2007 "Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass hier eine Untersuchung zum Orientalismus in Deutschland vorliegt, die in jeder Hinsicht beeindruckt und jedem zur Lektüre empfohlen wird, der mehr wissen will über die Geschichte der Beziehungen zwischen Orient und Okzident."Orientalistische Literaturzeitung 4-5/2006 "Blitzgescheit!" Wolfgang G. Schwanitz in: Süddeutsche Zeitung, Juli 2006 "Der bislang umfänglichste und anregendste Versuch des Baus von Brücken."Wolfgang G. Schwanitz in: H-Net, Clio-online 3/2003