Briefe 1959-1994 - Grass, Günter; Wolff, Helen

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Besprechung von 08.07.2003
Springen kann die Schnecke nun mal nicht
Schriftsteller eines epischen Gedächtnisses: Bislang unbekannte Seiten des barocken Kraftmenschen Günter Grass / Von Wolfgang Schneider

Größte Effizienz, das ist seit je sein Markenzeichen. Reinhard Lettau, dessen eigene Produktion eher spärlich blieb, spottete einmal darüber, wie Grass einen Schweinekopf kauft, ihn zuerst malt, dann kocht und ißt, dann die Reste zeichnet und noch ein Gedicht über den Vorgang schreibt, das möglicherweise zur Keimzelle eines langen, unvermeidlich weitere Kollateralwerke provozierenden Romans wird. Und dann diese Vitalität! Bis morgens um fünf im Sinne der Bohème saufen und singen - um am Morgen schon wieder als bürgerlicher Leistungsethiker im Atelier zu stehen. Bei Grass kann man den Glauben an die Labilität als künstlerische Produktivkraft verlieren. Selbst wo in seinen Werken die Sitten verwildern, fehlt doch jede Spur von Dekadenz; statt dessen schafft sich die säfteschießende Natur ihr Recht. Er suche nicht das Tabu, er kenne es einfach nicht, lautet ein kluger Satz über den Autor der "Blechtrommel".

So oder ähnlich wurde Grass lange als barocke Kraftgestalt rezipiert. Aber er ist ganz anders - zumindest als Briefpartner von Helen und Kurt Wolff: diskret, ausgesucht höflich und mit einem Zartgefühl aufwartend, das seine Romane verleugnen. Es ist einer der großen Autor-Verleger-Briefwechsel des letzten Jahrhunderts, der nun als schöner, gründlich kommentierter Band erschienen ist. Zugleich ist damit ein wichtiges Kapitel der deutsch-amerikanischen Literaturbeziehungen aufgeschlagen.

Kurt Wolff, berühmt als junger Verleger der Expressionisten und Franz Kafkas, emigrierte in den dreißiger Jahren in die Vereinigten Staaten. 1942 gründete er dort Pantheon Books; auf dem Höhepunkt des Zweiten Weltkriegs begann er damit, den Amerikanern die anspruchsvolle deutsche Literatur von Hölderlin bis Broch zu vermitteln. 1959 erwarb er für den Verlag die Rechte an der "Blechtrommel", die zum größten Erfolg deutschsprachiger Literatur in den Vereinigten Staaten seit dem "Zauberberg" wurde. "Dies ist ein surrealistischer Roman. Vom ersten Kapitel an wird evident, daß der Autor absolut echt, immens imaginativ und ein geborener Schriftsteller von ganz ungewöhnlicher Begabung ist", lauten die ersten Sätze von Wolffs Gutachten zur "Blechtrommel", das dem zweiten Brief an Grass beigefügt ist.

Die Reihe der "Helen und Kurt Wolff Books" wurde zur ersten Adresse für deutsche Literatur in den Vereinigten Staaten. Es waren die aus Deutschland Vertriebenen, die den Nachkriegsautoren eine transatlantische Brücke bauten. Zwanzig Jahre jünger als ihr 1887 geborener Mann, führte Helen Wolff nach dessen Tod - 1963 wurde er bei Marbach von einem Lastwagen überfahren - die Reihe weiter. "Wie sonst niemand hast du meinen Schreib- und damit Lebensprozeß begleitet", schrieb Grass 1991, als er ihr die "Unkenrufe" widmete. Sie sei die "einzige Verlegerin von Format", bei so viel "Mittelmäßigkeit und Stümperei im Verlagsgewerbe".

Naturgemäß ist in den Briefen viel vom Geschäftlichen die Rede, von Lesereisen, Interviewterminen, Übersetzungssorgen, Buchgestaltung oder Honoraren. Auch Helen Wolffs unaufdringlich plazierte Schmeicheleien gehören dazu. Beiläufig erwähnt sie, daß ein "Time and Life"-Reporter, der sonst nur für "Interviews mit schwierigen Berühmtheiten" eingesetzt werde, sich sehr um einen Termin mit Grass bemüht habe: "Er hätte für den Papst nicht mehr Umstände machen können." Sie kündet Grass vom amerikanischen Ruhm: "Man nimmt eben an, daß jeder, der lesen und ein bißchen denken kann, mit der ,Tin Drum' so vertraut ist wie mit Abraham Lincoln." In seiner Freundschaft mit Uwe Johnson sieht sie die Konstellation von Goethe und Schiller wiederkehren. Sie nimmt Grass in Schutz vor Kritik: "Diese Polemik ist abscheulich, weil sie sich am Welterfolg rächt . . ." Sie lobt aktuelle Werke wie "Zunge zeigen": "überwältigende Eindrücke" und "Wucht der Zeichnungen". Freundin Hannah Arendt hätte gesagt: "Mensch, ist der begabt."

Aus der Geschäftsbeziehung wird im Lauf der Zeit eine große Freundschaft. Zwar fällt das erste "Du" erst nach vierzehn Jahren, aber lange vorher hat sich eine herzliche Anteilnahme durchgesetzt. In den Siebzigern wird Helen Wolff zur Vertrauten in der Ehekrise. "Richtige Lust habe ich, Dir zu schreiben, zumal kein Verlagskram den Anlaß bietet", lautet der erste Satz eines langen Briefs Anfang 1974. Dann beichtet er, wie er sich fremd im eigenen Haus fühle, wo Anna Grass mit ihrem neuen Freund lebe, einem jungen Lyriker aus Rumänien - dem Grass selbst erst die Ausreise ermöglicht hatte. Natürlich ist auch Grass nicht ohne Frau. Aber die neue Freundin, klagt er, sei hin- und hergerissen zwischen Emanzipationsdrang und Sicherheitsbedürfnis. Offenbar wurden zwischen Friedenau und Wevelsfleth so heftige wie zeitgemäße Geschlechterdebatten ausgetragen. "Ich flüchte mit meinem Manuskript unterm Arm von hier nach dort und von dort nach hier, doch nunmehr fest entschlossen, mit Vorliebe meinen eigenen Kram zu betreiben und die Damen zu bitten, sich selbst verantwortlich zu sein."

Doch es schaukelte sich weiter auf, in der Niedstraße gab es eine weitere Berliner Teilung; eine Mauer wurde ins Haus eingezogen. "Trotz gründlicher Detailkenntnisse werde ich keinen Eheroman schreiben", teilt Grass mit. Statt dessen entstand "Der Butt", der große Geschlechter-Roman der Siebziger, das wohl intimste Buch des Autors. Die Unruhe komme nicht mehr aus der Politik, sondern "aus den privaten Wohnküchen", meint er in einem Brief von 1975. Man kann dies als Legitimation jener ans Surreale grenzenden Kochkunst lesen, die bei manchen Lesern des Romans bald zu Völlegefühlen führte: Kutteln und Kalbsfüße, Grütze, Rüben, Runkeln.

Von Alice Schwarzer wurde der Butt-Autor zum "Pascha des Monats" gekürt. "Mein Gott, haben die Feministinnen humorlos reagiert", schreibt er an Helen Wolff. Und befürchtet, der "Virus der weiblichen Emanzipation" werde "nur das anhaltende Verschnupftsein beider Geschlechter zur Folge haben". Mehr noch als über die Feministinnen beschwert sich Grass über die Rezensenten, die der "vielschichtigen Thematik des ,Butt' nicht gewachsen seien". Zwar kann das die Zuneigung der Leser nicht beeinträchtigen, aber trotzdem schlägt er Helen Wolff vor, für die anstehenden Diskussionen über das Buch in den Vereinigten Staaten "nicht nur die üblichen Literaturkritiker, sondern auch den einen oder anderen Historiker und Ernährungswissenschaftler dazuzuziehen".

Aufstieg und Verfall Uwe Johnsons sind ein wiederkehrendes Thema der Briefe. Nicht nur über Johnsons Moralisieren und seine selbstzerstörerische Alkoholsucht, sondern auch über den ersten Band der "Jahrestage" äußert sich Grass hier überraschend kritisch: "Er gefällt mir, trotz oder wegen seiner Betulichkeit in den mecklenburgischen Passagen . . . Es wird, befürchte ich, auch in seinen Fortsetzungen an seiner nicht tragfähigen Konzeption scheitern."

Von Politik ist vor 1980 überraschenderweise kaum die Rede. In Grass' Kritik an Nachrüstung und Golfkrieg nimmt Helen Wolff antiamerikanische Untertöne wahr. Die Emigrantin beschreibt ihm das Wohlwollen, die Toleranz und die praktische Hilfe, die sie selbst in den Vereinigten Staaten erfahren habe. Sie geht so weit, den Charme Reagans zu rühmen, der von vielen Frauen gewählt worden sei, weil er so ritterlich den Arm um Nancy lege, während der demokratische Kontrahent Mondale immer zwei Schritte vor seiner Gattin herhetze. "So einfach geht es zu in der Politik", die ansonsten "ein weites Minenfeld" sei.

Nicht nur die Anspielung, sondern auch Stil und Gestus solcher Plaudereien geben Helen Wolff als Fontane-Liebhaberin zu erkennen - von hier führt eine Spur zum "Weiten Feld". Auf neue Projekte von Grass reagiert sie gerne mit dem Fontane-Vers: "Ja, das möcht ich noch erleben." Und auch Grass klingt, als würde ihm der noble Märker die Feder führen: "Jedesmal ist es eine Freude, einen Brief von deiner Hand zu lesen. Ich will gerne ins Schwärmen geraten: über Witz und Schärfe deiner Gedanken, die couragierte Art deiner Lebensführung." Schließlich bekennt er der Achtzigjährigen in schlichten, um die gebrechliche Gesundheit besorgten Worten: "Ich liebe dich nämlich sehr."

Grass ist ein Familienmensch. Regelmäßig teilt er in den Briefen voll patriarchalem Wohlwollen die Entwicklung seiner sechs Kinder mit. "Längst sind wir eine Familie" - das sagen in glücklichem Unisono auch die Übersetzer von Grass, wie man im Band "Der Butt spricht viele Sprachen" erfährt, eine internationale Sympathie-Erklärung in 32 Kapiteln. Nachdem ihm die Schwächen mancher Übersetzungen zu Ohren gekommen waren, verpflichtete Grass seine Verlage darauf, Übersetzerseminare abzuhalten. 1978 wurde das erste einwöchige Treffen abgehalten. Man geht das Werk gemeinsam mit dem Autor Seite für Seite durch und erklärt, was erklärt werden muß. Die Not an Grass-Texten ergibt sich vor allem dank eines Wortschatzes, in dem gerade das Ungeläufige - Glumse, Bulwe, Wruke, Altkätner, Angströhre - Akzente setzt. Aber auch die schlichte Doppeldeutigkeit eines Wortes kann lächerliche Folgen haben. So liest man hier über eine japanische Ausgabe der "Hundejahre": "Der Übersetzer hatte das Wort ,Rentier' - gemeint waren die Rentiere, die im Theater den Weihnachtsschlitten ziehen - mit ,Rentner' übersetzt." Offenbar hatte der Mann keine Bedenken bei den Senioren im Gespann, gilt Grass doch als Meister des Grotesken.

Übersetzer, schreibt Dieter E. Zimmer in seinem Beitrag, sind oft "fleißige, bescheidene, etwas geduckte Leute". Um so dankbarer sind sie, wenn der weltberühmte Autor tagelang unter ihnen sitzt. Der Finne Oili Suominen rühmt Grass als "herzlich, lustig, charmant. Er hört alles und alle, ist an unseren Problemen interessiert." Der Amerikaner Michael Henry Heim vergleicht den freundlichen Schriftsteller mit Kundera, der es sich zur Gewohnheit gemacht habe, seine Übersetzer zu beschimpfen. Bruna Bianchi schildert, wie Grass die Runde der Schreibtisch-Existenzen vitalisiert: "Inzwischen schneite es stark. Wir rannten alle nach draußen, fingen an herumzutollen und mit Schneebällen zu werfen, ich bekomme einen Schneeball direkt ins Auge, ich jammere, Grass tröstet mich, obwohl er selbst den zielsicheren Ball geworfen hatte." Solche Fürsorglichkeit hat man noch nicht erlebt von einem Autor. "Abschluß: G.G. kocht Fischsuppe für alle . . ." Die gesteigerte Motivation kommt Grass' Werken zugute. Er hat ein Stück bessere Welt verwirklicht, zumindest für seine Übersetzer. Natürlich wollte er, daß seine Seminare Schule machen. Aber nur einer ist seinem Beispiel gefolgt: Don DeLillo, bei Erscheinen von "Unterwelt".

Das Buch bietet Einblicke in den Übersetzeralltag, bei denen man nebenbei einiges über die Eigenheiten fremder Sprachen erfährt. Oder von den Schwierigkeiten, die für viele Grass-Werke unumgänglichen Detailkenntnisse zum Dritten Reich zu erwerben. "Grass bringt dich soweit, daß du erschöpft eine Neonazi-Buchhandlung aufsuchst", berichtet die Griechin Toula Sieti. "Ich erinnere mich, wie ich einmal zornentbrannt und außer mir vor Demütigung einen solchen Laden in der Nähe meiner Wohnung betrat. Er erwies sich als die beste Spezialbuchhandlung, die ich je in Athen gesehen habe, und war tatsächlich eine Quelle großer Hilfe für mich."

Je konkreter der Werkstattbericht, desto interessanter. Wie soll man Fontys abgehackte "preußische" Redeweise im Amerikanischen wiedergeben? Krishna Winston fand eine originelle Lösung. Sie verwendete die oft parodierte Manier von George Bush senior, das Subjekt wegzulassen und in Satzfetzen zu reden. Außerdem "schien mir, daß Bush mit seiner aristokratischen und militärischen Familientradition eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Junker aufwies". So präsentiert sich jenseits des Atlantiks die Fontane-Figur des Amerika-Kritikers Grass im Bush-Kostüm. Faszinierend ist die ausländische Perspektive auf Grass, weil sie vom deutschen Überdruß am Mahner und Warner abweicht: "In Amerika betrachtet man ihn anders. Es fehlt uns weitgehend der Intellektuelle, der sich einmischt . . ." Oder fehlt eben nicht. Im Ausland wird Grass landeskundlich gelesen. Er ist eine Auskunftsquelle für die Problemlagen der Bundesrepublik. Der selbstkritische Deutsche - das ist der Deutsche, den man in der Welt schätzt.

Übersetzer sind Grass entschieden lieber als Kritiker. Kritiker gehören nicht zur Familie. Grass' Werke durchzieht die Verachtung der intellektuellen "Schönschwätzer", seit den Heidegger-Parodien der "Hundejahre". Aber auch unter den Kritikern hat er doch zumindest einen "unerbittlichen Freund". So gibt es jedenfalls der Untertitel des Buches zu verstehen, in dem Fritz J. Raddatz seine Aufsätze über den Schriftsteller versammelt hat. Raddatz beherrscht die Kunst, den Freund gegen das "Rezensentengemetzel" am "Weiten Feld" in Schutz zu nehmen und den Roman doch selber mißglückt zu finden. Ansonsten ist sein Buch am interessantesten, wo es die Figurendarstellung von Grass berührt. Mögen seine überzeugendsten Gestalten auch von pittoresker, wie gemalter Anschaulichkeit sein - Innenleben, also das, was an vielen Figuren des modernen Romans fesselt, haben sie kaum; es scheint Grass bis heute eine verdächtige Sache. Psychische Subtilitäten sucht man in seinem Werk vergebens.

In der konsequenten Außenperspektive beruft er sich auf seinen "Lehrer" Döblin, der zwar die Introspektion des herkömmlichen psychologischen Romans strikt ablehnte, dafür aber - im Hauptberuf Psychiater - als einer der größten Verhaltensforscher der deutschen Literatur gelten kann. Dieses Interesse ist seinem Schüler fremd geblieben. Nicht die Figur ist das Zentrum, sondern der zeitgeschichtliche Gehalt. So ist der Mord, den im "Krebsgang" Konrad Pokriefke begeht, psychologisch alles andere als plausibel; aber die Figur exemplifiziert damit das Problem, das Grass mit der Enkel-Generation identifiziert: die fatale Glatzenbildung, den Rechtsradikalismus.

Raddatz bemängelt dergleichen nicht, sondern sieht es als Stärke, man wüßte nur gern genauer, warum. Zum Antipsychologischen gehört auch, daß Grass sich wenig für sich selbst interessiere: "Von seiner Seele erfahren wir nichts und Autobiographisches wenig." Diese Lücke füllt die Biographie "Bürger Grass" von Michael Jürgs, zu deren Stärken die Recherche in der Privatsphäre gehört. So erfährt man etwa, daß Grass heute noch einen russischen Granatsplitter in der Schulter stecken hat. Daß sein Vater immer eine hymnische Kritik der "Blechtrommel" bei sich trug. Daß der Autor nach seinem explosionsartigen Erfolg um 1960 bald auch wie ein Jupiter in der Frauenwelt wilderte, was er selbst mit den Worten umschrieb, er sei "nicht treu, aber anhänglich". Daß Sohn Bruno einen CDU-Aufkleber an seinem Fahrrad hatte und sogar ein Strauß-Poster überm Bett. Daß Grass sich vor seinem Durchbruch mit Werbetexten für Milchprodukte über Wasser hielt. Oder daß er bis heute keinen Führerschein hat - anstatt sich Autos zu kaufen, richtet er mit seinem Geld lieber Stiftungen und Preise zur Unterstützung des literarisch-künstlerischen Nachwuchses ein.

Mit Details dieser Art gelingt es Jürgs, einer öffentlichen Figur, die man gut, vielleicht zu gut zu kennen glaubt, die Starre auszutreiben. So gewinnt der Leser eher das Interesse am Werk zurück als durch aufwendige Inhaltsangaben und Analysen der Romane, die es, zugegeben, in diesem Buch nicht gibt. Wer eine ausgewogene, zu Leben und Werk gleichermaßen kompetente und durch sprachliche Prägnanz gekennzeichnete Grass-Darstellung sucht, ist mit der Monographie von Claudia Mayer-Iswandy aus der Reihe "dtv-portrait" besser bedient. Daß Jürgs zum Werk nicht viel Neues zu sagen hat, ist verzeihlich: "Bürger Grass" ist eine Biographie. Schwerer wiegt, daß Jürgs stilistisch in den Fußstapfen von Grass zu schreiten versucht und seine Ausführungen immer wieder durch verunglückte Poetisierungen und ambitioniert verstolperten Satzbau beschädigt.

"Le nouveau Céline allemand": So nannte die französische Kritik Grass einst. Aber Grass ist ein Céline, der aus Auschwitz gelernt hat, ein Literaturwolf, der kübelweise sozialdemokratische Schulkreide gefressen hat und bei den sieben Geißlein der politischen Korrektheit seine weißgepuderte Pfote aufs Fensterbrett legt. Aber dann frißt er sie nicht, denn er hat Benehmen gelernt. Wie der einstige Bürgerschreck zum verantwortungsbewußten Staatsbürger wurde, ist das eigentliche Thema von Jürgs.

Dabei zeigt sich, daß auch das politische Engagement von Grass eine familiäre Urszene hat, nämlich Adenauers häßliche Attacke gegen den Menschen Willy Brandt 1961 - daß ein uneheliches Kind namens Herbert Frahm es wage, gegen ihn als Spitzenkandidat anzutreten. Da trat der Beschützer Grass für "Willy" in die Schranken und adoptierte ihn als politische Vaterfigur. Der Es-Pe-De-Redenschreiber kam auf seine Schneckenspur. Fesselnd erzählt Jürgs von den Jahren des politischen Aufbruchs, etwa von den Bewußtseinsveränderungen in der Wilmersdorfer Literatenkneipe "Bundeseck". Hier saßen Konservative wie Sebastian Haffner und wurden immer liberaler, hier saßen liberale Intellektuelle und rutschten immer weiter nach links, und am Flipper stand bereits Andreas Baader.

Daß die Linke mit ihrer Verachtung des Weimarer Staats kräftig geholfen hat, für Hitler den Weg frei zu machen, diese Einsicht ist das Fundament von Grass' staatsbürgerlicher Vernunft. Er hatte wenig Verständnis für den politischen Karneval der Achtundsechziger, ihr Ho-Chi-Minh-Gejubel. Er geriet in einen zähen Zweifrontenkampf mit der Springer-Presse und den "jungen Revolutionären aus gutbürgerlichem Haus", der noch einmal mittels der prinzipienlosen Erzählerfigur im "Krebsgang" legitimiert wird. Grass ist eben nachtragend - episches Gedächtnis. Auf der Gegenseite meinte Rudi Dutschke, mit dem Glanz von zweihundert Jahren Idealismus in den Augen, "die politische Bekämpfung von Grass" sei wichtiger als alles andere. Zu einem Eklat kam es 1971 im Zusammenhang mit der Kipphardt-Affäre. Bevor der Vorhang zur Premiere von "Peer Gynt" hochging, bezeugte das "Kollektiv" der Berliner Schaubühne "seine Verachtung gegenüber dem hier anwesenden Günter Grass". Im Publikum kam es zu "Grass raus!"-Rufen. Daß er nicht gegangen ist, versteht sich von selbst. Jahre später entschuldigte sich Otto Sander für den Vorfall.

Was Grass' notorisches Schnecken-Bild (kriechlangsame Evolution statt Revolution) betrifft - damit konnte Willy Brandt bald nichts mehr anfangen: "In welche Richtung kriecht sie? Und was weiß ich, wer sie zertritt?" Zur Geschichte gehörten auch Sprünge, Rückschläge. Und "springen kann die Schnecke nun mal nicht". Es war wie in jeder großen Leidenschaft. Einer liebt immer mehr. Brandt hat die politischen Ambitionen von Grass nicht befriedigt. Nach jahrelangem Einsatz für die sozialdemokratische Sache bot er ihm kein angemessenes politisches Amt an, als er 1969 an die Macht kam. Entwicklungshilfe? Sozialpolitik? Ost-West-Beziehungen? Grass hätte sich kompetent gefühlt und wohl gerne, wie Goethe, ein paar Jahre Dienst gemacht. Er wollte nicht im Vorzimmer der Mächtigen sitzen, sondern in ihrem Kreis.

Politikern ging auf die Nerven, daß Grass ihnen wie Schulkindern die Welt erklärte. Nichts Politisches ist ihm fremd. Eine Empörung hier, eine Verweigerung dort. Heute eine Unterschrift, morgen ein offener Brief, übermorgen ein Anruf beim Bundeskanzler. Hat die Politik den Autor ruiniert, wie manche meinen? Immerhin war er jedesmal, wenn man ihn schon abgeschrieben hatte als Schriftsteller, wieder mit einem Werk zur Stelle, das die Reputation triumphal rettete - so war es beim "Butt", beim "Krebsgang". Recht hatte wohl der fünfjährige Sohn Bruno, der Angst hatte, wenn der Vater wieder einmal auf Wahlkampf - für Willy - ging. Er dachte dabei nämlich an "Walkampf", an "Moby Dick". Ahabs besessener Kampf mit dem weißen Ungeheuer scheint tatsächlich ein treffenderes Bild für das unnachgiebige Engagement des Günter Grass als die Schnecke, die ihm selbst so einleuchtet.

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 28.07.2003
Viel Spreu
Günter Grass und Helen Wolff im Briefwechsel 1959–1994
Loben zu können ist viel schöner als (sei es auch berechtigtes) Missvergnügen anmelden zu müssen – man wirkt dann wider Willen so kleinlich griesgrämig. Aber manchmal bleibt einem nichts anderes übrig, und wenn der Fall ein Buch betrifft, dessen Mit-Autor die Exilantin Helen Wolff ist, tut es einem noch mehr weh. Sie führte – nach dem Unfalltod ihres Mannes Kurt Wolff im Herbst 1963 in Deutschland – die „Kurt und Helen Wolff Books” als eine Art Imprint bei Harcourt Brace Jovanovich in New York weiter und hat bis in die achtziger Jahre unendlich viel für die Verbreitung deutscher Literatur in den USA getan. Vor allem hat sie rastlos dafür gearbeitet, dass Günter Grass in den USA als wichtiger deutscher Autor und als eine respektable Stimme politischer Vernunft gilt, und wer sie kennen lernen durfte, wird sie als eine wunderbare Lady und hinreißende Botschafterin deutscher Literatur in Erinnerung behalten.
Nun sind aber Verleger und Autoren nicht verpflichtet, neben ihrer Hauptarbeit, nämlich Dichten und Verlegen samt der nötigen PR-Arbeit, einander auch noch bedeutende und/oder menschlich bewegende Briefe zu schreiben, und das führt dann dazu, dass wir im vorliegenden Fall zwar noble und liebevolle Briefe vor uns haben, die von Helen Wolffs Bemühungen für und Neigung zu Günter Grass und von dessen Dankbarkeit Zeugnis ablegen. Aber allerlei Honorar- und Übersetzungsprobleme und technische Erörterungen über Lesereisen und Universitätsauftritte sind eben doch nicht abendfüllend.
Eine Biographie, bitte!
Man ahnt, dass da ein bedeutendes Vermittlungswerk gelungen ist. Aber da die Briefe sich von 1960 bis in die frühen 1990er kaum je zu poetologischen oder politischen Reflexionen erheben – Ausnahmen vielleicht: die Bekundungen der Irritation und dann der Trauer über das Unglück Uwe Johnsons und den Tod Hannah Arendts –, da sie uns vielmehr über die wachsende Kinderzahl der Großfamilie Grass (man muss sich da viele Namen merken oder eben auch nicht merken) unterrichten, über die Abneigung beider Briefpartner gegenüber Siegfried Unseld, die es aber auch nur zu albernen Spitzigkeiten bringt, und über Grass’ Unzufriedenheit mit dem deutschen staatlichen Einigungsprozess, der gar nicht so lief, wie Grass dies sich gewünscht hätte, – da all dies so ist, erlahmt bei der Lektüre das Interesse doch schnell.
Wo ragt diese menschlich vielleicht wirklich schöne und warmherzige Beziehung in den Bereich des überpersönlich Interessanten hinein? Es geht ja nichts über ein gesundes Selbstbewusstsein. Aber wenn Grass Helen Wolff beim Abschuss eines weiteren Romans mitteilt: „Ich glaube, es ist mir ein gewichtiges Buch gelungen, das seinen Weg machen wird”, so kann man einen solchen Satz doch nur mit einem steinernen Gesichtsausdruck zur Kenntnis nehmen. Neben einigen Briefen von Helen Wolff sind die schönsten und bewegendsten Texte in diesem Buch Helen Wolffs Rede „Wahlverwandtschaften” über ihre Verlegertätigkeit und Günter Grass’ postume Laudatio auf Helen Wolff zur Verleihung des Friedrich-Gundolf-Preises 1994.
Was aber bei der Lektüre dieses von Daniela Hermes editorisch und kommentierend adäquat begleiteten Bandes und insbesondere des beigegebenen tabellarischen Lebenslaufes Kurt Wolff / Helen Wolff ins Auge sticht: Wir brauchen dringend eine umfangreiche Helen und Kurt Wolff-Biographie. Damit könnten wir über 80 Jahre deutscher Verleger- und Verlagsgeschichte verfolgen: Denn Kurt Wolff hat nicht nur das entscheidende erste amerikanische Gutachten zur „Blechtrommel” geschrieben und damit Grass’ US-Erfolge initiiert, die dann Helen Wolff umsichtig ausbaute. Er war auch schon 1909 bei der Gründung des Ernst Rowohlt Verlages dabei. Es ist atemberaubend: Eine solche Zeitspanne! Darüber wollen wir mehr lesen.
JÖRG DREWS
GÜNTER GRASS / HELEN WOLFF: Briefe 1959 – 1994. Herausgegeben von Daniela Hermes. Steidl Verlag, Göttingen 2003. 573 Seiten, 24,50 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wolfgang Schneider staunt nicht schlecht über den Günter Grass, der sich in diesem Briefwechsel mit dem Helen und Kurt Wolff offenbart. Nicht als barocker Kraftmensch erscheint Grass hier, sondern "diskret, ausgesucht höflich und mit einem Zartgefühl aufwartend, das seine Romane verleugnen". Überhaupt scheint Schneider so viel Rührendes, Bewegendes und Überraschendes in diesem "schönen, gründlich kommentierten" Band entdeckt zu haben, dass er ihn als "einen der großen Autor-Verleger-Briefwechsel des letzten Jahrhunderts" rühmt. Begonnen als geschäftliche Beziehung entwickelt sich zwischen Autor und seinen amerikanischen Verlegern entwickelt eine immer tiefere, vertrautere Freundschaft, die Helen Wolff auch nach dem Tod ihres Mannes weiterführt und die in Grass' wundervolles Bekenntnis gegenüber der Achtzigjährigen mündet: "Ich liebe Dich nämlich sehr."

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