18,00 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
0 °P sammeln
    Gebundenes Buch

Es sind nur hundert Seiten, aber was für welche! Florjan Lipus bringt es fertig, darin nicht nur ein ganzes Leben, sondern vor allem das Leben als Ganzes unterzubringen: von den ersten Wahrnehmungen, den Nöten des Aufwachsens und den Schwierigkeiten, sich in der Welt der anderen zurechtzufinden, über die ersten Glücksmomente der Begierde und der Liebe bis zu dem letzten Blick der Augen auf eine Welt, die man, auch wenn sie nicht immer verlockend ist, doch nur ungern verließe. Der Autor berichtet mit erstaunlicher Gelassenheit seine Biografie vom Aufwachsen in bäuerlicher Umgebung, in einer…mehr

Produktbeschreibung
Es sind nur hundert Seiten, aber was für welche! Florjan Lipus bringt es fertig, darin nicht nur ein ganzes Leben, sondern vor allem das Leben als Ganzes unterzubringen: von den ersten Wahrnehmungen, den Nöten des Aufwachsens und den Schwierigkeiten, sich in der Welt der anderen zurechtzufinden, über die ersten Glücksmomente der Begierde und der Liebe bis zu dem letzten Blick der Augen auf eine Welt, die man, auch wenn sie nicht immer verlockend ist, doch nur ungern verließe.
Der Autor berichtet mit erstaunlicher Gelassenheit seine Biografie vom Aufwachsen in bäuerlicher Umgebung, in einer Familie, die von den Entsetzlichkeiten der Geschichte nicht verschont wurde. Ebenso erzählt er vom Aufwachen unter den verstohlenen Blicken einer Jungen, mit der er noch als Alter das Leben teilt.
Lipus erzählt so, dass man die Erde riecht, auf der sein Protagonist aufwächst, und die Luft einatmet, die die Menschen dort wie überall mit der Natur teilen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Jung und Jung
  • Seitenzahl: 112
  • Erscheinungstermin: 8. September 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 120mm x 14mm
  • Gewicht: 184g
  • ISBN-13: 9783990270998
  • ISBN-10: 3990270990
  • Artikelnr.: 48092943
Autorenporträt
Lipus, Florjan
geboren 1937 in Kärnten, lebt in Sielach_/_Sele. Er veröffentlicht auf Slowenisch Romane, Prosa, Essays, szenische Texte. Mehrere seiner Bücher erschienen in deutscher Übersetzung. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Petrarca-Preis 2011 und den Franz-Nabl-Preis 2013.

Strutz, Johann
geboren 1949, lebt als Literaturwissenschaftler und Übersetzer in Ruden_/_Ruda, Kärnten

Hafner, Fabjan
geboren 1966 in Klagenfurt; verstorben 2016, war ein kärntnerslowenischer Schriftsteller, Lyriker, Literaturwissenschaftler und Übersetzer.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 18.10.2017

Feuersbrünste der fernen Erinnerung
Ein ganzes Leben an einem Text schreiben: Florjan Lipus erzählt geheimnisvoll

Ein österreichischer Schriftsteller slowenischer Muttersprache ist ein Kuriosum im literarischen Sprachenfeld. Da muss schon einer sehr stur, sehr hartnäckig überzeugt sein, eine solche Außenseiterrolle bewusst einzunehmen. Es gibt ihn: Florjan Lipus, 1937 in Südkärnten geboren - und heute noch dort lebend. Deutsch zu schreiben, was eine erheblich größere Leserschaft garantieren würde, widerstrebt ihm. Die Sprache der Täter kann nicht seine Literatursprache sein. Als sechsjähriger Knabe musste er erleben, wie seine Mutter von der Gestapo abgeholt wurde; sie hatte Anfang 1944 arglos Partisanen etwas zu Essen gegeben, nicht ahnend, dass diese verkleidete Gestapoleute waren, die ihr eine Falle stellten und sie anschließend abholten, nach Ravensbrück transportierten und dort ermorden ließen. Um dieses Schlüsselerlebnis kreist das literarische Schreiben und Denken des Autors.

Die Enge des Dorfes, die Enge des Tales der Karawanken, die Engstirnigkeit der dort lebenden Menschen beklemmt den heranwachsenden Florjan Lipus, der in seiner Erzählung "Seelenruhig" auf sein Leben zurückblickt. Diese Welt beschrieb er zum ersten Mal in seinem Debütroman "Der Zögling Tjaz", erschienen 1972 auf Slowenisch, zunächst ohne große Resonanz. Erst als neun Jahre später Peter Handke zusammen mit Helga Mracnikar die mit einem Selbstmord endende Jugendgeschichte ins Deutsche übertrug, war der Autor plötzlich in der europäischen Literatur präsent. Ohne einen prominenten Fürsprecher, der die Wortgewalt des furiosen slowenischen Schriftstellers erkannte, wäre Lipus wohl im Verborgenen geblieben.

Nun hat er in einer hundertseitigen Erzählung in seinem achtzigsten Lebensjahr eine hinreißende Lebensbetrachtung vorgelegt. Gleich zu Beginn funkelt und sprüht es. Dem Protagonisten, natürlich Schriftsteller, passieren merkwürdige Dinge: "Wenn er sich in der Nacht gegen Morgen im Bett umdrehte und die Augen öffnete, stoben Funken aus den Fingernägeln, kurze kleine Blitze jagten mit kaum hörbarem Pfeifen und Zischen aus den Hautgrübchen, ähnlich dem verzerrten Gesang einer Zikade, wenn sie erstmals ihre Stimmplättchen erprobt." Niemand sonst nimmt diese wundersame Erscheinung wahr, und erklärt wird sie auch nicht, sie bleibt ein Geheimnis. Sind es Erinnerungszeichen an die Feuersbrünste aus dem Krieg? Libus liebt keine Eindeutigkeiten, seine Welt ist mit vielen Fragezeichen versehen.

Ihn treibt immer wieder dasselbe Problem um, wie er in "Seelenruhig" schreibt: "Ein Mensch, der jahraus, jahrein, sommers und winters ein und dieselbe Erde bearbeitet. Ein Wanderer, der von dem steinigen Grund ein und dasselbe einzige Gestein aufliest und sammelt. Ein Schriftsteller, der sein ganzes Leben an ein und demselben einzigen Text schreibt."

Vieles bleibt geheimnisvoll in dieser Erzählung, denn der Vater, ein Holzfäller, dem sich der Sohn nähern möchte, er spricht nicht, er zieht das Schweigen vor; die handwerkliche Arbeit ist ihm wichtiger als das Sprechen; die Mutter, eine Magd, ist für immer verschwunden, ihr Tod bleibt im Dunklen, wirkt wie eine ständige Bedrohung; der Beichtstuhl in der Kirche ist ein Ort verschwiegener Bekenntnisse, denen man vergeblich zu lauschen versucht; das alte bischöfliche Internat aus der Jugendzeit erinnert an Pein und Bedrückungen. Es ist übrigens dasselbe Internat Marianum in Tanzenberg, auf dem nicht nur Lipus Zögling war, sondern auch der fünf Jahre jüngere Peter Handke. Das Leben ist umzingelt von Erinnerungen. Nicht nur Albträume kommen hoch, es gibt auch zarte, wundervolle Momente der Liebe und Zuneigung, die im Rückblick das Leben versöhnlich machen, gehüllt in eine poetische Zauberkraft, die der bewährte Lipus-Übersetzer Johann Strutz feinfühlig und zugleich temperamentvoll ins Deutsche übertragen hat.

Frühere Romane des Autors tragen barsche Titel wie "Die Verweigerung der Wehmut", "Verdächtiger Umgang mit dem Chaos" oder "Die Beseitigung meines Dorfes". Der Ton ist unerbittlicher, schroffer. Nun blickt ein Autor zurück, der nicht wehmütig oder gar sentimental wird, sondern der einen zarten, behutsamen Umgang mit den Schroffheiten seines Lebens sucht und findet, ein Altersblick, der frei ist vom kalten Abrechnen mit Ungerechtigkeiten und Selbstüberschätzungen, sondern eine gelassene Sicht - seelenruhig - ausstrahlt.

LERKE VON SAALFELD

Florjan Lipus:

"Seelenruhig".

Aus dem Slowenischen von Johan Strutz.

Mit einem Nachwort von Fabian Hafner.

Verlag Jung und Jung, Salzburg 2017. 111 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr