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Man versteht natürlich, dass Carola ihren Partner zuweilen nicht mehr erträgt. Er hat sich als gescheiterter Schauspieler und Radiosprecher in einer bequemen Mittelmäßigkeit eingerichtet. Nur in Notfällen kann er von seiner Freundin zu stärkeren Emotionen bewegt werden. Der Fall tritt ein, als Carola ihren Helden verlässt. Sie wird durch diese Notbremsung allerdings nicht glücklicher. Im Gegenteil. Wie der Zufall es will, erklärt sich die Mutter der entweichenden Freundin bereit, dem Verlassenen auszuhelfen. Kann sie ihn retten? Und will der überhaupt gerettet werden? Ob und wie, das steht in diesem so witzigen wie bösartigen Roman.…mehr

Produktbeschreibung
Man versteht natürlich, dass Carola ihren Partner zuweilen nicht mehr erträgt. Er hat sich als gescheiterter Schauspieler und Radiosprecher in einer bequemen Mittelmäßigkeit eingerichtet. Nur in Notfällen kann er von seiner Freundin zu stärkeren Emotionen bewegt werden. Der Fall tritt ein, als Carola ihren Helden verlässt. Sie wird durch diese Notbremsung allerdings nicht glücklicher. Im Gegenteil. Wie der Zufall es will, erklärt sich die Mutter der entweichenden Freundin bereit, dem Verlassenen auszuhelfen. Kann sie ihn retten? Und will der überhaupt gerettet werden? Ob und wie, das steht in diesem so witzigen wie bösartigen Roman.
  • Produktdetails
  • Verlag: Hanser
  • Artikelnr. des Verlages: 505/25273
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 154
  • Erscheinungstermin: 25. Juli 2016
  • Deutsch
  • Abmessung: 208mm x 128mm x 20mm
  • Gewicht: 274g
  • ISBN-13: 9783446252738
  • ISBN-10: 3446252738
  • Artikelnr.: 44880800
Autorenporträt
Wilhelm Genazino, 1943 in Mannheim geboren, lebt in Frankfurt. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis und dem Kleist-Preis. Bei Hanser erschienen zuletzt Die Liebe zur Einfalt (Neuausgabe, 2012), Idyllen in der Halbnatur (2012), Aus der Ferne und Auf der Kippe (Texte zu Postkarten und Fotos, 2012), Tarzan am Main (Spaziergänge in der Mitte Deutschlands, 2013), Leise singende Frauen (Roman, 2014), Bei Regen im Saal (Roman, 2014), Außer uns spricht niemand über uns (Roman, 2016) und Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze (Roman, 2018).  
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Der Erzähler in Wilhelm Genazinos neuem Roman "Außer uns spricht niemand über uns" teilt so manche Eigenschaft mit seinen zahlreichen Vorgängern, verrät Judith von Sternburg. Da ist die Neigung zu Wortschöpfungen und eigenwilligen Mischformen, eine gewisse Alltagsuntauglichkeit und der Hang zur Selbstauslegung, erklärt die Rezensentin. Allerdings war Genazino seinen Erzählern bislang freundlicher gesinnt, so kommt es von Sternburg vor. Der Erzähler gibt vor, Schauspieler zu sein - wenn auch "derzeit ohne Engagement" - und scheint ungebrochen auf die Bedeutsamkeit seines eigenen Lebens zu hoffen, obwohl er längst der "Vernutzung im Alltag" anheim gefallen ist, fasst die Rezensentin zusammen. Die Ahnungslosigkeit, mit der er immerhin den wesentlichen Dingen in seiner näheren Umgebung begegnet, wird von Genazino ungewöhnlich kalt ausgestellt, sodass dieses Buch trotz sämtlicher Ähnlichkeiten weit unheimlicher wirkt als alle bisherigen, findet von Sternburg.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 02.08.2016
Zu schlapp
zum Jammern
Wilhelm Genazino umkreist
wie eh und je die Mittelmäßigkeit
Dass das Leben nicht so verläuft, wie man es sich einmal vorgestellt hat, ist zwar durchaus ein Grund zur Klage, gleichwohl aber ein so weit verbreitetes Schicksal, dass die Diskrepanz zwischen einstigen Vorstellungen und akuter Lebenswirklichkeit nicht unbedingt der Rede und schon gar nicht einen ganzen Roman wert ist. Wilhelm Genazinos namenloser Held möchte darüber auch gar nicht klagen, das wäre schon zu viel an Pathos. Er wundert sich bloß darüber, „mit welcher Zartheit der erste Unwille an uns nagt“. Und doch beginnt er von sich und seinem Leben zu erzählen, obwohl es nicht der Rede wert ist.
  Man kennt das aus vielen Romanen Genazinos, die unermüdlich um das Problem der Mittelmäßigkeit, der Belanglosigkeit, der Langeweile kreisen und mittelalte, willen- und eher formlose Männer zu Helden haben, an denen das einzig Kräftige und über jeden Zweifel Erhabene ihr Sexualtrieb ist. Dabei scheint es ihnen relativ gleichgültig zu sein, mit wem sie die Gelegenheit nutzen. Denn so ist das, wenn sich Willenlosigkeit mit Bereitschaft paart. Auf diese Weise hat Genazino sich als Autor auf Mittelmäßigkeit und auf trostlosen Geschlechtsverkehr spezialisiert.
  So gesehen ist sein neuer Roman „Außer uns spricht niemand über uns“ ein prototypischer Genazino. Der Ich-Erzähler lebt mehr oder weniger teilnahmslos vor sich hin, moderiert gelegentlich Modeveranstaltungen oder liest literarische Texte im Radio ein, mehr ist von seinem Berufswunsch Schauspieler nicht übrig geblieben. Seine Freundin Carola ist Mitte dreißig oder auch schon Anfang vierzig, da scheint er sich selbst nicht ganz sicher zu sein. Sicher ist nur, dass sie immer älter wird und dass das Begehren zwischen den beiden mehr oder weniger erloschen ist. Das wiederum wundert niemanden wirklich: Woher soll das Begehren auch kommen bei einer Figur, die so ganz und gar leidenschaftslos und ziellos ist. Das Alter reicht als Erklärung des Libidoschwunds einstweilen aus, mit den Jahren „verschwinden Verlangen und Sexualität ohne Angabe von Gründen“.
  Eine schwierige Schwangerschaft, die mit einem Abort endet, ohne dass der Erzähler wüsste, wer der Vater sein könnte, liegt jedoch hinter den beiden, als Carola beschließt auszuziehen. Nichts deutet auf das dramatische Geschehen hin, das folgt, denn kurz darauf bringt sie sich um. Der Erzähler machte bis dahin keinerlei Andeutungen, dabei erzählt er von Anfang an retrospektiv, im Wissen um dieses fürchterliche Geschehen, das ihn aber ebenso unbeteiligt lässt wie alles andere auch. Das einzige, was ihm zu schaffen macht, sind die Erinnerungen an Carola, die er nicht loswerden kann und die er mit Erinnerungen an sexuelle Begegnungen mit anderen Frauen bekämpft. Dass seine frühere Ehefrau an einer Hirnblutung starb, ist ihm auch nur einen Nebensatz wert. Höhepunkt und Trostlosigkeitsgipfel dieses kleinen Romans ist der finale Besuch von Carolas Mutter, der zu einem so pragmatisch wie emotionslos verrichteten Sexualakt zwischen Schwiegermutter und Schwiegersohn führt. Wenn der Erzähler danach noch ein paar Stunden lang nach ihrem Geschlechtsteil riecht, ist das der Höhepunkt der ihm erreichbaren Lust.
  Bleibt die Frage, warum er all das – nebst den üblichen genazinohaften Beobachtungen, Stadtspaziergängen, Figurenbeschreibungen und Szenerien, die vom Frankfurter Stadtmarathon bis zu U-Bahn-Bedrängnissen und Kneipenbegegnungen reichen – erzählen muss, und wer der Adressat all dieser Belanglosigkeitsfinessen sein soll. Nach gefühlten 25 Genazino-Romanen ist nichts davon neu und überraschend. Selten aber wirkte es so abgestanden und aus der Gegenwart gefallen wie heute. In einer Welt, die in Atem gehalten wird von Terror, Irrsinn, Amok, Krieg, Putschversuchen und Panikmache ist das Umkreisen der Mittelmäßigkeit allenfalls eine Erinnerung an eine ferne Epoche, in der man mit der eigenen Langeweile tatsächlich ein ganzes Schriftstellerleben bestreiten konnte. Aber was damals vielleicht noch lustig und erkenntnisfördernd war, ist heute nur noch unerträglich.
  Das kokette Leiden an den Kleinkatastrophen des Alltags und an der eigenen Emotionslosigkeit mutiert in der veränderten Welt der Gegenwart zu einem fast schon solipsistischen Narzissmus. Den hatten Genazinos Figuren wohl schon immer, aber inzwischen kann man sie getrost sich selbst und ihrer schönen, wortreichen Traurigkeit überlassen. Die „lebende Schmerzbaustelle“, die dieser Ich-Erzähler zu sein wähnt, nimmt man ihm nicht ab, dafür hat er sich viel zu gut abgesondert von der Welt. All die kleinen, feinen Alltagsbeobachtungen, die Genazinos Prosa seit jeher tragen, können den Roman dann auch nicht mehr retten. Über die Marathonläufer im Ziel bemerkt der Erzähler, dass hier endlich einmal einige Menschen ihre Erschöpfung öffentlich zeigen, dass es dazu hierzulande aber wohl eines Marathonlaufs bedarf. Dieser Roman, ließe sich ergänzen, kann das aber auch: Eine große Erschöpfung spricht aus ihm, die sich zu nichts mehr aufschwingen kann. Da ist man dann wirklich froh, wenn man es hinter sich hat.
JÖRG MAGENAU
              
Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns. Roman. Hanser Verlag, München 2016, 160 Seiten, 18 Euro. E-Book 13,99 Euro.
Beim gefühlten 25. Mal ist
das Belanglose nur noch belanglos
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Besprechung von 03.11.2016
Wenn du einen Rollstuhl brauchst, ruf mich an!
Nachkriegszeit ohne Krieg: Wilhelm Genazinos Roman "Außer uns spricht niemand über uns" kennt keine Sieger

Als er das Tattoo auf der Schulter seiner Freundin bemerkt, ist es wahrscheinlich schon zu spät. Zufällig ist er nach einem langen Gang durch Frankfurt am Straßenrand, als sie auf der Marathonstrecke an ihm vorbeirennt, er erhascht einen Blick, später wird er die gesamte Tätowierung sehen, die sich über Carolas Rücken zieht, aber was sie dazu gebracht hat, fragt er nicht. Ebenso überrascht und sprachlos wird er sein, als sie schwanger wird, das Kind verliert, ihn verlässt und weiter mit ihm schläft. Nur als sie ihn zwingt, anstelle der alten, löchrigen Unterhemden mit ihr zusammen neue zu kaufen, wehrt er sich ebenso massiv wie fruchtlos.

Was ist das für ein Erzähler in Wilhelm Genazinos neuem Roman "Außer uns spricht niemand über uns", der sich ununterbrochen mitteilt und weder seinen Namen nennt noch sein Alter preisgibt, der durch die Stadt läuft und noch die kleinsten Dinge beobachtet, aber die Anzeichen der Lebenskrise seiner Freundin übersieht? Auf den ersten Blick ist dieser Erzähler ein Verwandter zahlreicher Figuren, deren Perspektive frühere Romane des Büchnerpreisträgers von 2004 prägt, all dieser äußerlich eher passiven Männer, die sich komplementäre Frauen suchen und oft schwer damit zurechtkommen, wenn sich diese als labil erweisen, all dieser Beobachter des Alltags, leicht zu erschüttern, voller Angst, den Anschluss zu verpassen und zugleich davor, sich in ein Räderwerk einzufügen, das ihrem Wesen ganz fremd ist.

Tatsächlich ist auch dieser Roman geprägt vom vertrauten Genazino-Blick auf Straßenszenen, der aus dem Ensemble einzelne Figuren herausgreift, kurz verfolgt und dann in eine Abschweifung mündet, die das eigene Leben oder das der näheren Umgebung betrifft. Der Blick gilt Kindern, die der Welt ebenso ratlos gegenüberstehen wie der Erzähler oder die Passanten, die in Mülltonnen wühlen und den Erzähler, wenn sie ihn von früher kennen, gern übersehen; er gilt schließlich kleinen und größeren Tieren und ihrem Krabbeln und Laufen in einer feindlichen Umgebung.

Vertraut ist auch die Beharrlichkeit, mit der nach einer Daseinsform gesucht wird, die hier "ein bedeutsames Leben" genannt wird und gegen die "Vernutzung des Alltags" gehalten wird. In diesem Roman aber ist sie noch mehr als in den unmittelbaren Vorgängern mit der Arbeitswelt verknüpft, mit der prekären Existenz als schlecht bezahlter Teil der Kulturindustrie - Genazinos Erzähler war Schauspieler, lebt nun von der gelegentlichen Moderation von Modeschauen in der Provinz und von den Aufträgen, die ihm Radiosender geben. Auch sie werden weniger, registriert der Erzähler und geht in Gedanken den Verlauf eines Protests dagegen durch, um es dann doch dabei zu belassen: "Ich konnte nicht die Frau vom Besetzungsbüro anrufen und sagen: Sie haben mich zu einem Anhängsel des Senders gemacht, Sie können mich jetzt nicht so einfach fallen lassen. Dann hätte sie nur kurz gelacht und geantwortet: Sie waren von Anfang an ein Anhängsel wie alle anderen auch. Daraufhin hätte ich sie korrigiert: Sie selbst haben einmal gesagt, dass ich ein Teil des Zusammenhangs bin. Das sind Sie auch jetzt noch, hätte sie dann geantwortet und wieder gelacht."

Es macht den Reiz dieses Romans aus, dass hier wie in vielen anderen Passagen das Beobachtete und Gesagte weit über seinen unmittelbaren Ort hinausweist, denn "Teil des Zusammenhangs" ist der Erzähler natürlich nicht nur, was seine Tätigkeit für den Rundfunk, die Sparziele der Sendeanstalten oder die Qualität seiner Arbeit angeht - einmal, erfahren wir, verhaspelt er sich bei einer Aufnahme andauernd, und es fragt sich, ob die offensichtliche Geduld seiner Umgebung im Studio ein gutes Zeichen oder ein gegensätzliches Signal ist, dass man also Nachsicht mit einem zeigt, der sowieso keine Zukunft hat.

Und wenn im Roman von den Rucksäcken der Passanten, vom Radiowunschkonzert und seinem Platz im Leben oder vom Marathonlauf die Rede ist, dann ist damit immer auch das Angebot verbunden, ausgehend von diesen Dingen die Existenz des Erzählers zu beleuchten - ein Angebot nicht einmal so sehr für den Leser als für den Erzähler selbst. Der nämlich führt eher ein lang andauerndes Selbstgespräch, als dass er ein Bekenntnis ablegt; er erklärt nicht uns, sondern sich selbst, was ihm widerfährt, und auch dort, wo es mit dem bedeutungsvoll aufgeladenen Alltag leicht etwas zu viel werden könnte, bildet dieses Verfahren ab, wie sehr die Weltsicht dieses in mancher Hinsicht extrem dünnhäutigen Erzählers von den Dingen abhängt, die er beobachtet. "Eine Art Nachkriegszeit ohne Krieg", so nimmt er seine Umgebung in all ihren Auflösungserscheinungen wahr.

Zugleich aber beobachtet er sich selbst. "Ich staunte über die Stringenz meiner Gedanken", heißt es einmal; an anderer Stelle dann: "Ich litt an meiner wieder auftauchenden Überempfindlichkeit und wollte nach Hause", und tatsächlich gilt seine Wachsamkeit mindestens so sehr der eigenen Wahrnehmung wie der wahrgenommenen Welt. "Wenn etwas anfängt, schwierig zu werden, kann es nur noch schwieriger werden", meint er und signalisiert zugleich, dass diese Erkenntnis keineswegs in Stein gemeißelt ist, eher ein Spiel mit einer These, die in diesem Moment ihre Berechtigung haben mag, im nächsten womöglich schon nicht mehr.

Wer so lebt, trifft offenbar ungern Entscheidungen, denkt aber gern über verpasste Gelegenheiten der Vergangenheit nach und antizipiert eine Zukunft, die auch deshalb so konkrete Züge tragen mag, weil sie jederzeit ganz anders entworfen werden kann. Es ist eine verschwimmende Zeit, die dort geschildert wird, und in den Protagonisten des Romans scheinen die Kinder durch, die sie waren, ebenso wie die Greise, die sie sein werden. Für den Erzähler gehört dazu ein Versprechen, das ihm Carola einmal gab - sie werde später einmal seinen Rollstuhl schieben, hatte sie gesagt, und als sie sich dann von ihm trennt, gilt seine erste Frage dem Versprechen. Das gelte "nach wie vor, sagte Carola; wenn es so weit ist, rufst du mich an".

Seine immense Tragik bezieht dieser Roman aber gerade aus dem Zusammenprall dieser ständig wandelbaren Perspektive und dem, was sich gedanklich eben nicht beeinflussen lässt oder, schlimmer noch, was versäumt wurde und nun nicht mehr zu ändern ist. Dass Carola Selbstmord begeht, wird fast beiläufig berichtet, und wie ein Kind scheint der Erzähler dieses Ereignis vor allem insofern wahrzunehmen, als ihm von nun an etwas fehlen wird. Wenn er nach Gründen sucht, findet er sie in Carolas Alkoholismus, bereut ein bisschen, dass er sie auf Distanz gehalten hat, erinnert sich an ihr mitunter mütterliches Verhalten ihm selbst gegenüber und sucht die Verlorene am Ende in einer Liebesbeziehung mit wiederum ihrer energischen Mutter.

"Außer uns spricht niemand über uns": Das kann man sich, je nach Betonung, so deuten, dass sich niemand für den anderen interessiert. Oder so, dass niemand, der von anderen berichtet, diese eben tatsächlich erfasst - wirklich über "uns" spricht er nicht. Oder aber so, dass in der zweiten Person Plural die kleinste mögliche Menge gedacht wird, das Paar.

Das hieße dann: Wenn sich die beiden, um die es geht, nicht erkennen, wenn sie nicht verstehen, was sie zueinander treibt oder voneinander trennt, dann wird es auch kein anderer tun. In dieser Lesart stünde das Schweigen des Erzählers im Fokus, seine Gedankenfluchten, sein Ausweichen vor allem - am hilfreichsten zeigt er sich ausgerechnet in dem Moment, als Carola das Kind verliert und er ihr hilft, sich von den Spuren zu reinigen. Und so ist dieses brillant erzählte Buch auch eines der traurigsten, die dieser Autor je geschrieben hat.

TILMAN SPRECKELSEN

Wilhelm Genazino: "Außer uns spricht niemand über uns". Roman

Carl Hanser Verlag, München 2016. 160 S., geb., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Dieses brillant erzählte Buch ist auch eines der traurigsten, die dieser Autor je geschrieben hat." Tilman Spreckelsen, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.16 "Wilhelm Genazino erweitert mit dem neuen Roman sein Bestiarium der tragikomischen Antihelden.(...) Virtuoser berichtet derzeit keiner aus der Vorschule des Unglücks, keiner porträtiert eleganter und hartnäckiger die Dienstverweigerer des spätmodernen smarten Daseins. (...) Mit geradezu bewundernswerter Emphase und Langmut, ja mit peinlicher Genauigkeit zeichnet Genazino die Tapferkeit nach, mit der seine lebensuntauglichen Männer ihr Schicksal erdulden." Roman Bucheli, Neue Zürcher Zeitung, 03.08.16 "Unser Dasein als ewig Wartende: Keiner schreibt über diesen Zustand so berauschend nüchtern wie der Frankfurter Wilhelm Genazino. Auch seinen neuesten Roman zu lesen ist wie durchs Leben flanieren." Anne Haeming, Spiegel Online, 01.08.16 "Ein unterhaltsames, aber auch unbehagliches Buch. Das ist komisch, angefangen mit der fabelhaftesten ersten Romanseite der Saison. ... Es ist jedoch auch hochdramatisch. (...) selbstverständlich flötet über allem das übliche, wunderschön glanzvolle Genazino-Gejammer." Judith von Sternburg, Frankfurter Rundschau, 05.08.16 "Wilhelm Genazino schreibt oft tolle, hintersinnige Sätze und gestaltet witzige Szenen ... Nur gut, dass Genazinos Helden nicht nur schwierige Existenzen führen, sondern diese auch etwas Lächerliches haben und manchmal komisch sind. Vermutlich fühlt man sich deshalb jedes Mal aufs Neue zu dieser (Literatur-)Wirklichkeit so hingezogen." Gerrit Bartels, Tagesspiegel, 29.07.16 "In gewisser Weise löst Genazino in seinem bizarren und imponierenden Alterswerk das ein, was er in seinen Anfangsjahren in der Zeitschrift 'pardon' um 1970 begonnen hat: Er führt den satirischen Ansatz melancholisch über in ein ästhetisches Gesamtwerk." Helmut Böttiger, Deutschlandradio Kultur, 25.07.16 "'Außer uns spricht niemand über uns' - so nämlich heißt ein weiterer Roman Wilhelm Genazinos, und er scheint den genazinesken Zyklus heiterer Resignation fortzusetzen. Man traue dem Schein aber nie so ganz ... Genazino unternimmt etwas ganz Neues: Er lässt Tatsächliches geschehen. ... Seine Suche nach Bedeutsamkeit geht weiter, aber wir sind unterdessen auf ein Stück bedeutsamer Literatur getroffen." Alexander Solloch, NDR Kultur Neue Bücher, 20.07.16 "Genazino macht glücklich (...) seinen neuesten Roman zu lesen ist wie durchs Leben zu flanieren." Anne Haeming, Spiegel Online, 02.08.16 "Wie so oft bei Genazino verbirgt sich unter der komischen Oberfläche die ganze Tragik der menschlichen Existenz." Wolf Grombacher, Neue Westfälische, 06.08.16 "Wilhelm Genazino gelingt es (...) erneut, das Leiden seiner Hauptfigur mit unvergleichlicher Lakonie und sprachlicher Brillanz in ernsthafte Komik und skurrile Philosophie zu verwandeln." Günter Keil, Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 06.08.16 "Er erzählt die Geschichte seines vertrackten Helden in einer sprachschönen Mischung von Witz, Boshaftigkeit und Grazie." Rainer Kasselt, Sächsische Zeitung, 13.08.16…mehr