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Claude Anet, eigentlicher Name Jean Schopfer, wurde am 28. Mai 1868 in Morges in der Schweiz geboren und starb am 9. Januar 1931 in Paris. Anet studierte Philosophie an der Sorbonne und arbeitete danach als Vertreter einer amerikanischen Firma in Paris. Er reiste zu Rad und mit dem Auto durch Italien, Persien und Rußland und schrieb darüber Reiseberichte. Die russische Revolution erlebte er als Augenzeuge mit. Außerdem war er ein berühmter Sportler; er gewann 1892 die Französischen Tennismeisterschaften in Paris. »Ariane. Ein russisches Mädchen«, ist die Geschichte einer fatalen Leidenschaft.…mehr

Produktbeschreibung
Claude Anet, eigentlicher Name Jean Schopfer, wurde am 28. Mai 1868 in Morges in der Schweiz geboren und starb am 9. Januar 1931 in Paris. Anet studierte Philosophie an der Sorbonne und arbeitete danach als Vertreter einer amerikanischen Firma in Paris. Er reiste zu Rad und mit dem Auto durch Italien, Persien und Rußland und schrieb darüber Reiseberichte. Die russische Revolution erlebte er als Augenzeuge mit. Außerdem war er ein berühmter Sportler; er gewann 1892 die Französischen Tennismeisterschaften in Paris. »Ariane. Ein russisches Mädchen«, ist die Geschichte einer fatalen Leidenschaft. Die junge Studentin Ariane verliebt sich unsterblich in einen Don Juan. Das Buch wurde mehrfach verfilmt u. A. von Paul Czinner mit Elisabeth Bergner in der Hauptrolle und von Billy Wilder unter dem Titel »Love in the Afternoon«.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 14.07.2021

Liebeszweikampf in drei Etappen

Ein Klassiker, frisch wie eh und je: Zur Neuübersetzung von Claude Anets Roman "Ariane - Liebe am Nachmittag"

Wieder einer dieser unverändert frischen Romane aus dem Zwischenkriegs-Frankreich, die fast tänzelnd daherkommen. Auch ihm gelingt das Kunststück, psychologische Dichte aus minimalistischer Handlung und Beschreibung zu extrahieren: So gesehen ist es funktionale Literatur - aber im Sinne des Bauhauses, also der Eleganz. Worum geht es? Um eine außergewöhnliche junge Frau, Ariane, laut Originaltitel Russin, und um ihre große Liebe in Gestalt des mondänen Konstantin Michail. Was banal klingt, verbirgt eine spannende Versuchsanordnung.

Nach einer Kindheit in westeuropäischen Metropolen kommt Ariane Nikolajewna als vierzehnjährige Halbwaise in die russische Provinz, zu ihrer Tante Warwara Petrowna. Die pensionierte Ärztin in ihren Vierzigern gestaltet das eigene Leben nach Gutdünken: "Sie war stets die Frau eines einzigen Mannes; nur wechselte sie den oft." Ihrer Nichte bläut sie ein, "das Romantische" sei die "Wurzel allen Übels". Ariane lernt der Leser im Moment ihres Schulabschlusses kennen, Verehrer jeden Alters und Standes liegen dem Charme und boshaften Witz der Siebzehnjährigen zu Füßen. Ihr bornierter Vater hat für sie nur die Ehe in petto, Ariane jedoch will in Moskau studieren.

Deshalb geht sie einen Pakt mit dem Teufel ein, in Gestalt des hinkenden Ingenieurs Michail Iwanowitsch Bogdanow: Er finanziert das Studium, als Gegenleistung muss sie in den Ferien Zeit mit ihm verbringen - das Schlimmste steht zu befürchten. Diese Hypothek trägt die junge Frau, die Moskau erobern will. Konkret kapert sie dort Konstantin Michail, der geschäftlich in der Stadt weilt, einen wohlhabenden, attraktiven Mann. Die beiden gehen einen weiteren Pakt ein: eine zeitlich begrenzte Affäre ohne Liebe.

Konstantin ist von vornherein verzaubert: "Bei Ariane kannte er keine Langeweile. Man kam gar nicht auf solche Gedanken, so anregend, witzig, fröhlich, ernsthaft, aufmüpfig, wunderlich, schwierig, verletzlich war sie und in ihrer Selbstverliebtheit eingeschlossen wie in einer uneinnehmbaren Festung." Intensiven Sinnesgenüssen zum Trotz ist es eine intellektuelle Liebe, "ein Fieber der Gedanken und Gefühle", das seine Temperatur aus spritzigen Unterhaltungen bezieht. Ariane ist eine begabte Erzählerin, sie schmückt Kindheitserinnerungen aus oder errichtet "Denkgebäude von reinstem Materialismus": "So wandelte sie wie trunken durch die Welt der Gedanken." Stets droht die Gefahr, sich zu verlieben, die näher besehen ihr Gegenteil ist. Ariane und Konstantin sind füreinander gemacht, bringen es in ihrem Stolz aber nicht über sich, die blasierte Attitüde aufzugeben: "Jedes Treffen war also ein Kampf zwischen männlicher Hitzigkeit und weiblicher Kühle." Konstantin bekommt Ariane nicht zu fassen: "Seine Geliebte war sie nur in Form eines Hirngespinstes."

Der Liebeszweikampf kennt drei Etappen: Nach ersten Moskauer Monaten lieben sie sich zwei Wochen an einem sonnenüberfluteten Strand der Krim; es folgt eine Trennung von einem Vierteljahr, die Geschäfte rufen Konstantin nach New York. Im folgenden Herbst sehen sie sich wieder, und die Schlacht der Egos wird mit neuer Bitterkeit gekämpft, bis sie ein überraschendes Ende findet.

Das Pseudonym Claude Anet hat sich der in der Schweiz geborene Jean Schopfer (1868 bis 1931) bei einem Liebeskonkurrenten von Jean-Jacques Rousseau geborgt. Schon das belegt seinen interessanten Charakter: Der begabte Tennisspieler, der 1892 als erster Franzose den Vorgänger von Roland-Garros gewann, studierte an der Sorbonne und der École du Louvre. Anschließend arbeitete er als Journalist und wurde 1917 Zeuge der Revolution in Sankt Petersburg; Russland kannte er also aus eigener Anschauung. Das verhindert nicht (seltene) lokalkoloritsüchtige Kommentare über "den unerschöpflichen Reichtum der russischen Seele", die zu den wenigen Schwächen des Romans gehören.

Ansonsten versteht man, was die Leser verführt und Billy Wilder zur Verfilmung mit Audrey Hepburn ("Love in the Afternoon", 1957) veranlasst hat. Anet gelingt die Zeichnung zweier starker Köpfe zwischen Zynismus und Verletzlichkeit, deren kämpferische Umarmung Glanz und Elend der modernen Liebe ausdrückt. Mit ihnen fragt man sich, ob Liebe radikal ehrlich sein sollte, wie Ariane postuliert, oder sich "in gewisse Illusionen hüllen" sollte, wie Konstantin behauptet - schwere Fragen in leichtem Ton, den Kristian Wachingers Neuübersetzung (die erste ohne Weglassungen oder Zusätze) gut trifft.

Fragt sich nur, ob Anet den Seiltanz durchhält: Das Ende überrascht dadurch, dass es etwas enthüllt, was eigentlich offensichtlich war - die Lösung, die es bietet, scheint hingegen denkbar konventionell. Aber selbst dieser Eindruck täuscht, was am Weg dorthin liegt. Mit Konstantin rätselt der Leser über Arianes Kälte im Bett, über das Geheimnis, das sie offenbar um jeden Preis verteidigt. Die Perspektive wechselt jedoch zu Ariane, und noch die finale Enthüllung trägt subtil zu einem Gleichgewicht bei. Sprich: Anet ist ein Balance-Künstler der Standpunkte, und wenn er am Ende eine traditionelle Liebesidee vertritt, wird das Verhältnis von Mann und Frau doch neu austariert.

NIKLAS BENDER

Claude Anet: "Ariane - Liebe am Nachmittag". Roman.

Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Kristian Wachinger. Dörlemann, Zürich 2021, 272 Seiten, geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Rezensent Niklas Bender lernt die Balance der Liebe kennen mit Claude Anets 1920 erstmals erschienenem Roman aus dem Zwischenkriegsfrankreich. Die Frische und Eleganz, mit der der Autor seine Russland-Kenntnisse in einer psychologisch dichten Liebesgeschichte um eine junge Frau und zwei Männer unterbringt, hält Bender für entzückend. Das Wesen der "modernen Liebe" zwischen Geheimnis, Verletzlichkeit und Sturm kann der Autor in seinem Buch anhand unterschiedlicher Standpunkte vermitteln, findet Bender.

© Perlentaucher Medien GmbH