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Genügt es wie seinerzeit, ein Pissoir in einer Ausstellung zu zeigen? Welche Rolle spielt das "Können"? Muss Kunst "schön" sein? Wie kann der Betrachter lernen, sich sein eigenes Bild zu machen? Hanno Rauterberg analysiert den Kunstmarkt, benennt die zehn populärsten Irrtümer der Gegenwartskunst und zeigt in seinem thesenstarken Buch, wie sich Kunstwerke beurteilen lassen.…mehr

Produktbeschreibung
Genügt es wie seinerzeit, ein Pissoir in einer Ausstellung zu zeigen? Welche Rolle spielt das "Können"? Muss Kunst "schön" sein? Wie kann der Betrachter lernen, sich sein eigenes Bild zu machen? Hanno Rauterberg analysiert den Kunstmarkt, benennt die zehn populärsten Irrtümer der Gegenwartskunst und zeigt in seinem thesenstarken Buch, wie sich Kunstwerke beurteilen lassen.
  • Produktdetails
  • Figuren des Wissens/Bibliothek
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch
  • Artikelnr. des Verlages: 1012168
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 1. November 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 217mm x 141mm x 25mm
  • Gewicht: 427g
  • ISBN-13: 9783596177288
  • ISBN-10: 3596177286
  • Artikelnr.: 23827199
Autorenporträt
Rauterberg, Hanno
Hanno Rauterberg, geboren 1967, ist seit 1998 Kunst- und Architekturkritiker im Feuilleton der ZEIT. Seine Doktorarbeit schrieb er über den legendärsten Geschmacksstreit der Kunstgeschichte, die Konkurrenzreliefs in Florenz von 1402. Nach der Promotion absolvierte er die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und arbeitete zunächst für den SPIEGEL-Verlag. Er ist Mitglied in der Freien Akademie der Künste in Hamburg.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 10.10.2007

Bilder der Besucherflut
In den Kunstführern von Hanno Rauterberg und Wolfram Völcker prallen die Urteile aufeinander / Von Julia Voss

Venedig, Kassel, Münster: Dieser Kunstsommer war ein Spektakel. Man fiel mal wieder von einer Überraschung in die nächste. Und wagte sich in Büchern dennoch an die riskante Frage heran: Was ist gute Kunst?

Drehen wir die Zeit hundertfünfzig Jahre zurück: Paris, Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. In der französischen Metropole tummelten sich damals weltweit die meisten Künstler, Galeristen, Händler und Kritiker, es wurde gekauft, verkauft, gelobt, verrissen, verlacht, Sterne stiegen auf und sanken, doch das eine Ereignis, das alles andere übertraf und jedes zweite Jahr zum strahlenden Publikumserfolg wurde, war der Salon. Der Salon fand im Palais des Champs-Élysées statt, wobei die Besonderheit darin bestand, dass eine Jury entschied, welche Bilder oder Skulpturen gezeigt wurden - und welche nicht. Von den Salon-Ausstellungen mit mehreren tausend Werken heißt es, sie seien beliebter gewesen als öffentliche Hinrichtungen. Knapp zehntausend Schaulustige wollten etwa im Jahr 1857 zugucken, wie der Mörder des Pariser Erzbischofs geköpft wurde, mehr als fünfzigtausend aber gingen in den Salon, der an Sonntagen keinen Eintritt kostete. Sechs Wochen währte die Ausstellung im Zentrum der Stadt, bis zu einer Million Besucher wurden regelmäßig erreicht.

Soweit die Geschichte. Dass es Parallelen zur Gegenwart gibt, dürfte jedem aufgefallen sein, der Vergleich zum diesjährigen Kunstsommer liegt auf der Hand. Die Jury saß zwar nicht in Paris, aber es gab sie in Kassel, Venedig oder Münster; die Besucher spazierten diesmal nicht nur einen Boulevard hinunter, sondern reisten auch mit Bahn, Flugzeug oder Auto an - insgesamt aber kletterten die Zahlen 2007 wie 1857 in die Millionenhöhe, und die Großkunstereignisse setzten sich zu dem zusammen, was den Pariser Salon so attraktiv machte: einer Leistungsschau der zeitgenössischen Kunst.

Der kleine Schwenk in die Vergangenheit lohnt sich aus mindestens drei Gründen. Erstens, weil einem so die größten Schrecken genommen werden können: Kunst als Spektakel, Massenereignis, Besucherfluten - das alles gab es schon. Zweitens - dies zur Beruhigung - kam dabei nicht die schlechteste Kunst heraus. Und drittens zog die Überfülle zu allen Zeiten den Wunsch nach klaren Urteilen und Wertmaßstäben nach sich, kurzum: Es wurden ästhetische Abhandlungen geschrieben und Polemiken geführt, eine Entwicklung, deren Früchte nun in diesem Herbst in großer Fülle auf dem Buchmarkt bestaunt werden können.

Dies gleich vorweg: Die Unterschiede könnten größer nicht sein. Das zeigt sich am deutlichsten dort, wo Bücher in den Kern vorstoßen, also nicht nur Wissenswertes zu großen Meisterwerken, dem Kunstmarkt oder der Galerieszene berichten, sondern sich der Frage stellen, was gute Bilder von schlechten unterscheidet; was eine gelungene Skulptur, Videoarbeit oder Installation auszeichnet.

Mit diesem Anspruch trat bereits im Frühjahr Jörg Heiser an, Chefredakteur der Kunstzeitschrift Frieze, mit dem Buch "Und plötzlich diese Übersicht" (F.A.Z. vom 21. März); nachgelegt haben nun zwei weitere Veröffentlichungen: Hanno Rauterbergs "Und das ist Kunst?! Eine Qualitätsprüfung" sowie der von Wolfram Völcker herausgegebene Band "Was ist gute Kunst?". Die Herangehensweisen unterscheiden sich schon formal. Hanno Rauterberg, Kunstkritiker der "Zeit", hat sein Buch in einem durchgeschrieben und seinen Werturteilen ein einheitliches Gerüst unterlegt. Wolfram Völcker dagegen versammelt die Beiträge von dreizehn Museumskuratoren aus Deutschland, England und der Schweiz, die in kurzen Artikeln oder Interviews ihre Kriterien für gute Kunst darlegen, getrennt nach Gattungen wie Malerei, Zeichnung, Fotografie, Videokunst oder Skulptur.

Und damit zu den Fällen, zum Beispiel Jonas Burgert. Jonas Burgert, für alle, die ihn nicht kennen, ist ein Berliner Maler, geboren 1969. Bekannt machten ihn seine großformatigen Ölbilder, deren surreale Gegenständlichkeit häufig mit Traumszenen verglichen wird und ihm eine Karriere bescherte, die nach der Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Legende klingt. "Vor zwei Jahren noch lebte er unter dem Sozialhilfesatz. Jetzt zahlen Sammler Zehntausende Euro" titelte das Magazin Vanity Fair kürzlich.

Zu Unrecht, urteilt Hanno Rauterberg in seinem Buch, und im Zusammenhang klingt das so: Spätestens beim zweiten Hinsehen fiele dem Betrachter auf, "wie unstimmig seine Menschen sind, etwa auf seinem Bild ,Bergung' von 2006. Hier ein überlängter Arm, dort eine aufgedunsene Schulter, und die Hände wirken häufig, als seien sie von unfähigen Chirurgen zusammengeflickt worden. Missratene Details wie diese werden oft mit dem Hinweis entschuldigt, sie seien mit Absicht so gemalt worden und gehörten zum persönlichen Stil des Künstlers. Bei Burgert allerdings ist das Missverhältnis von reichhaltiger Figurenkomposition und dürftiger Detailbehandlung nicht zu übersehen. Und wenn, wie in diesem Fall, für den Betrachter nicht zu erkennen ist, was durch eine vernuschelte oder verschwommene Machart bezweckt wird und auf welche Weise diese die Wirkung des Bildes befördern sollte, kann er ebenso gut unterstellen, dass es sich bei der Nachlässigkeit eben darum handelt: Um Nachlässigkeit oder aber um eine Masche oder sogar um Unvermögen."

Schnitt, kommen wir zu Christoph Heinrich, der in Völckers Sammelband die Malerei behandelt: "Die malerischen Qualitäten dieses Vollblutmalers sind offensichtlich. Dies würden selbst seine ärgsten Kritiker nicht in Abrede stellen." Und weiter: "Nichts ist angestrichen, angemalt, ausgemalt - alles ist auf Farbe aufgebaut." Den Gesamteindruck beschreibt Heinrich als "eine Balance aus präzise umrissenem Detail und großzügig durchgearbeitetem Ganzen, die in meinen Augen große Malerei ausmacht". Christoph Heinrich, das muss vielleicht dazugesagt werden, entdeckte Burgert 2004. "Umgehauen" hätten ihn, den damaligen Leiter der Galerie der Gegenwart an der Hamburger Kunsthalle und heutigem Kurator am Denver Art Museum, die Bilder - die Rauterberg "vernuschelt und verschwommen" nennt.

Noch ein Beispiel: Jeff Koons. "Radikalität" sieht Heinrich in den Werken des amerikanischen Künstlers, der die glitzernde Warenästhetik von Shopping Malls in den Kunstkontext eingeführt hat. "Jeff Koons setzt die Hülle absolut, die Verpackung ist der Inhalt", urteilt Heinrich, und: "Koons' Werke provozieren durch die abgründige Frage, ob sich hinter der Fassade des von Medien gesteuerten, durch Medien geprägtes Verhaltens überhaupt noch Elementares und Vitales erhalten hat - etwas, das dem Leben näher kommt als die Hülle aus Pose, Surrogat und Narzissmus." Rauterberg sieht dagegen Effekt. "Erstaunlich viele Kunstwerke der Gegenwart begnügen sich damit, eindrücklich sein zu wollen", eine Strategie, unter die er "die Spielzeugwelten von Jeff Koons, seine übergroß aus Metall nachgeformten Ballonhündchen zum Beispiel" rechnet.

Um auch ein Beispiel für Konsens zu nennen: Ólafur Elíasson. Dessen Installation "Weather Project", die in der Tate Modern in London 2003 mehr als zwei Millionen Besucher anzog, führt Hanno Rauterberg als Beleg für Kunst an, die "in all ihrem Frieden doch eine Unruhe schürt", den Betrachter sowohl zum Eintauchen als auch zur Reflexion anregt. Jeremy Lewison, ehemals Abteilungsdirektor an der Londoner Tate, nennt Elíassons "Cartographic Series" 2000 als Beispiel qualitätsvoller Druckgraphik.

Spricht es nun gegen die Kunstführer, dass sich die Autoren nicht einig sind? Gar nicht, im Gegenteil. Dass über Kunst gestritten wird, kann man sich nur wünschen. Eine bisweilen fast unheimliche Einigkeit führt schon jetzt dazu, dass sich immer mehr Sammlungen zum Verwechseln ähneln und damit gesichtslos werden.

Erheblich mehr lernen wird der Leser jedoch bei Hanno Rauterberg. Die Form des Gesprächs oder Kurzbeitrags in Völckers Sammelband bietet zu viele Ausweichmöglichkeiten und zu wenig Platz, um Gedanken zu entwickeln. Systematisch greift dagegen Rauterberg auf den Kunstbetrieb zu, von Markt bis Museum; er führt durch Irrtümer und warnt davor, sich zu schnell beeindrucken zu lassen. Die an zahlreichen Beispielen entwickelte Sehanleitung wird dem Betrachter nicht abnehmen, selbst Urteile zu fällen, es ihm aber erleichtern. Mit Skepsis betrachtet der Autor dabei die eingespielten Expertenrunden des Kunstbetriebs, mit Sympathie dagegen Experimente wie das der Kieler Kunsthalle im Jahr 2004. Damals bat die Museumsdirektion die Angestellten, einen Saal mit ihren Lieblingswerken zu füllen. Und das führt am Ende wieder zum Pariser Salon zurück. Als nämlich die Jury des Salons zu einem Meinungskartell zu verkommen drohte, richtete man 1863 den Salon des refusés ein. Hier wurde gezeigt, was der Salon abgelehnt hatte - darunter zum Beispiel Édouard Manet. Auch darüber sollte in Zukunft also gestritten werden: Nicht nur wie Kunst beurteilt wird, sondern auch von wem.

Hanno Rauterberg: "Und das ist Kunst?!". Eine Qualitätsprüfung. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007. 303 S., br., Abb., 16,90 [Euro].

Wolfram Völcker: "Was ist gute Kunst?". Verlag Hatje Cantz, Ostfildern 2007. 168 S., Abb., geb., 24,80 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wärmstens empfehlen kann Julia Voss Hanno Rauterbergs Kunstführer, den sie im direkten Vergleich Wolfram Völckers Sammelband "Was ist gute Kunst?" gegenüberstellt. So zeigt Voss, dass beide zu einem diametral entgegensetzten Urteil über bestimmte Künstler etwa den Amerikaner Jeff Koons oder den Berliner Jonas Burgert kommen. Doch will sie das weder dem einen noch den anderen negativ ankreiden, aber leider erfährt man nicht, was Voss selbst nun von Koons und Burgert hält. Eine leichte Präferenz entwickelt sie dann aber doch für Rauterbergs Buch, weil sie glaubt, dass man aus ihm mehr lernt. Rauterberg führe durch den Kunstbetrieb, gebe "Sehanleitungen" und informiere über aufschlussreiche Irrtümer. Der Band von Wolfram Völcker dagegen gereicht in ihren Augen das Format ein wenig zum Nachteil, denn die darin versammelten Beiträge und Interviews sind oft einfach zu kurz, um einen Gedanken länger zu entwickeln.

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