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Gerechtfertigt zu sein, sagt Martin Walser, war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze, Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne? Zum Beispiel Josef K. im Proceß von Franz Kafka. Für Martin Walser ist das Buch der «Roman einer Gewissenserforschung, einer Suche nach Rechtfertigung», so wie Josef K. für ihn der letzte Romanheld ist, der das Fehlen von Rechtfertigung als Drama erlebt und daran zugrunde geht. Demgegenüber leben wir seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ja ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns…mehr

Produktbeschreibung
Gerechtfertigt zu sein, sagt Martin Walser, war einmal das Wichtigste. Staaten legitimieren sich durch Gesetze, Regierungen durch Wahlen. Aber der Einzelne?
Zum Beispiel Josef K. im Proceß von Franz Kafka. Für Martin Walser ist das Buch der «Roman einer Gewissenserforschung, einer Suche nach Rechtfertigung», so wie Josef K. für ihn der letzte Romanheld ist, der das Fehlen von Rechtfertigung als Drama erlebt und daran zugrunde geht.
Demgegenüber leben wir seit langem ohne das Bedürfnis nach Rechtfertigung, ja ohne auch nur die Frage danach. Rechtfertigung wird ersetzt durch Rechthaben. Dass uns recht zu haben genügt, nennt Martin Walser eine Verarmung. Um deutlich zu machen, was uns abhandengekommen ist, geht er zurück in die Vergangenheit: von Kafka zu Augustinus; zu Luther, Calvin und Max Weber; zu Nietzsche und Karl Barth, in deren Gegenüberstellung das Buch seinen Höhepunkt hat. «Einschlafen», sagt er, «könnte ich ohne sie. Aber um aufzuwachen aus dieser und jener Verschlafenheit, brauche ich beide.»
Über Rechtfertigung ist Gewissenserkundung und Suche, Annäherung an Vorbilder und Vordenker, um über «verführerische Sprachbewegungen» zu den entscheidenden Fragen des Lebens, Glaubens und Schreibens vorzudringen. Oder zumindest zu einer Ahnung von dem, was fehlt.
  • Produktdetails
  • Verlag: Rowohlt, Hamburg
  • 5., Neuausg.
  • Seitenzahl: 112
  • Erscheinungstermin: 9. März 2012
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 133mm x 17mm
  • Gewicht: 224g
  • ISBN-13: 9783498073817
  • ISBN-10: 3498073818
  • Artikelnr.: 34502350
Autorenporträt
Walser, Martin§Martin Walser, 1927 in Wasserburg geboren, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis, 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und 2015 den Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis. Außerdem wurde er mit dem Orden «Pour le Mérite» ausgezeichnet und zum «Officier de l'Ordre des Arts et des Lettres» ernannt.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 17.04.2012

Ein Kinnhaken für den Rechthabezwerg
Martin Walser hadert mit Gott – und kann doch nicht ohne Glauben leben: Seine große Harvard-Rede „Über Rechtfertigung“ liegt nun als Buch vor
„Empört Euch!“, rief 2010 Stéphane Hessel. Der Ruf scheint erhört worden zu sein. Allein im letzten halben Jahr haben wir einen Bundespräsidenten verjagt, das ausbeuterische Urheberrecht beklagt, in Bürgerkriegen und Revolutionen fremder Länder stets auf der richtigen Seite gestanden, das Bankgeheimnis der Schweiz für ungerecht erklärt und nicht einmal unsere eigene moralische Instanz Günter Grass geschont.
Wen inmitten dieser unerhörten Wunder moralischer Selbstvervollkommnung bisweilen der Verdacht beschlich, dass da gar nicht das jeweils durchaus diskussionswürdige Anliegen, sondern am Ende vor allem die Empörung selbst verhandelt wurde, der wird den Kampf aufnehmen müssen mit dem jüngsten Essay von Martin Walser. „Über Rechtfertigung. Eine Versuchung“ war ursprünglich eine Rede, die der Schriftsteller am 9. November des vergangenen Jahres an der Harvard University gehalten hat. Dass die vollständige Druckfassung im Wirbel um Walsers 85. Geburtstag bislang weitgehend untergegangen ist, dürfte freilich seinen Grund auch darin haben, dass Walser darin auf eine theologische Grundfigur rekurriert, deren Kenntnis kaum noch vorauszusetzen ist.
Die sogenannte Rechtfertigungslehre besagt, dass nur Gott den Menschen gerecht machen könne. Der von der Erbsünde verdorbene Mensch bleibt, was immer er tut, zunächst im Unrecht; er bleibt der Angeklagte. Niemand kann sich allein durch die eigenen Werke retten, Erlösung ist vielmehr ein reiner Gnadenakt Gottes. „Er kann mit uns machen, was er will, es ist gut“, schreibt Walser und gesteht den Wunsch, gleich „nein danke“ sagen zu wollen. Weil Gott immer schon gerecht sei, stelle allein die Idee, etwas in der Schöpfung könne Unrecht sein, eine Sünde gar. Ja, mehr noch, der Versuch des Menschen, durch eigene Werke Unrecht abzuschaffen, schaffe regelmäßig größeres Unrecht.
Man braucht nicht lange, um zu verstehen, warum die Pfarrer diese Conditio sine qua non des Glaubens inzwischen lieber verschweigen. Die Rechtfertigung bleibt der Kinnhaken der Religion gegen die Aufklärung, sie entzweit sogar die ansonsten guten Brüder Christentum und Humanismus. Doch der Versuch, stattdessen „den ermäßigten, den anschaulichen Gott“ zu pflegen, überzeugt gerade den bekennenden Zweifler Walser nicht; „menschenfreundliche Anempfindung“ und „religiöse Gemütlichkeit“ sind für ihn eher die Gründe, warum der Bruder im Geiste, Friedrich Nietzsche, im 19. Jahrhundert plötzlich Gott gar nicht mehr fand. Wenn bei Walsers jüngstem Roman „Muttersohn“ der Verdacht aufkam, da sei ein alter Mann eben ins Frömmeln geraten, so muss man nach diesem Essay sagen, dass Walser die Radikalität keineswegs abhanden gekommen ist. So fragt er gleich Paulus und Augustinus, unterhält er, der Katholik, sich über die Zeiten hinweg mit den Protestanten, als die noch absoluter, schärfer dachten als die Katholiken: mit Martin Luther, Sören Kierkegaard, Karl Barth.
Denn, sagt Walser – und das ist seine Aporie –, seit uns Gott nicht mehr rechtfertigen müsse, seien wir genau die Rechthabezwerge geworden, die wir jetzt sind: „Recht zu haben genügt zur Rechtfertigung.“ Wir spüren den Mangel schon gar nicht mehr. „Heute genügt es, dass es einem gut geht“, es fehle die Bewegungsenergie, die aus der Gewissenssehnsucht nach Rechtfertigung erwächst. Ob nun ein Jean Ziegler mal wieder die Kapitalisten anprangert oder Joachim Gauck das Lob der Freiheit singt, ist deshalb für Walser auch schon einerlei: Beide wissen sich gerechtfertigt, beide sind stolz auf ihre Werke. „Lebenslänglich SPD, das stelle ich mir vor wie eine Allwetterkleidung fürs Bewusstsein.“
Mit „Über Rechtfertigung“ ist Walsers beständiges öffentliches Beichten sozusagen bei seinem theologischen Grund angekommen. Nicht zuletzt bildet der Essay selbst eine weitere Rechtfertigung für Walsers These, dass ritualisierte Schuldbekenntnisse vor allem eine entlastende Funktion haben. Gewissen, hieß das in der umstrittenen Paulskirchenrede, ist nicht delegierbar. Dass, wer Schuld sagt, gleichzeitig auch „ich“ sagt, „mea culpa“, nicht „deren Schuld“ und nicht einmal „unsere Schuld“ – diesen Grundsatz begründet Walser nun quasi biblisch, dass wir endlich aufhören mögen, die Splitter in den Augen anderer zu suchen: Unrecht zu beklagen, habe zu oft nur die Funktion, sich selbst zu rechtfertigen. Deshalb werde ständig nach Schuldigen gesucht, und wenn einem in unserer selbstgebastelten Welt doch noch das geringste Unrecht begegne, so trommelten wir wie die Kinder vor Empörung mit den Fäusten und befänden mindestens noch die „Umstände“ für schuldig. Wir wollen nämlich trotzig das bekommen, was früher nur die Beichte bescherte: ein reines Gewissen. Zugleich mit der Bequemlichkeit wächst deshalb für Walser ein unausgesetztes „Reizklima des Rechthabenmüssens“, doch: „Rechtfertigung ohne Religion wird zur Rechthaberei.“
Was Walser als „Mangel“ umkreist, hat Martin Heidegger einst „die Not der Notlosigkeit“ genannt. Doch die richterliche Geste, die darin lag, ist Walser fremd. Er fühlt sich auch mit 85 Jahren noch nicht gerechtfertigt, er will der Angeklagte bleiben. Deshalb zweifelt er laut an Gott und der Welt, deshalb jammert er, widerlegt sich listig selbst und präsentiert am Ende das Geständnis mit leiser Lust. Aber, und das muss man ihm lassen, er zeigt tatsächlich nicht auf andere, sondern immer zuerst auf sich.
Den theologischen Exkurs begründet Walser denn auch zunächst als lesender Schriftsteller. Es schmerzte ihn irgendwann, schreibt er, dass uns die „Bedürftigkeits-Größe“ eines Karl Barth und die „Selbstverneinungsorgien“ eines Jean Paul, Dostojewski und Robert Walser fremd geworden seien. Schon Aischylos erzähle im „Gefesselten Prometheus“, so Walser, vom notwendigen Ungleichgewicht zwischen Gott und Mensch, und noch Kafkas „Prozess“ bleibe ohne Kenntnis der Rechtfertigungslehre schlichtweg unverständlich. Ohne „die uralte Not, Rechtfertigung zu suchen“, so radikal sie ist, wird es für Walser auch keine Kunst mehr geben. Denn wie es Kafkas Josef K. nicht hilft, in einem Rechtsstaat zu leben, so sind eigentlich alle literarischen Figuren von wirklicher Bedeutung solche schuldlos Angeklagten, denen auch unter den besten Umständen, ja denen auf Erden überhaupt nicht zu helfen ist. „Die absolute Dissonanz gibt keine Anweisung.“
Es ist gut, dass es nun die Druckfassung dieses Essays gibt. „Über Rechtfertigung“ wird einmal eines der großen Geständnisse des Martin Walser genannt werden.
MICHAEL STALLKNECHT
MARTIN WALSER: Über Rechtfertigung. Eine Versuchung. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012. 112 Seiten, 14,95 Euro.
Ein frömmelnder alter Mann?
Von wegen – wenn Walser
zweifelt, dann radikal
Die uralte Not des Gewissens
ist die Quelle, aus der alle
große Literatur schöpft
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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Der Theologe Jan-Heiner Tück kennt Martin Walsers Glaubensnöte schon. Wenn der Schriftsteller in diesem Essay erneut seinen Phantomschmerz den Glauben betreffend schreibend umkreist, hört Tück dennoch genau hin. Walser fragt nach der Rechtfertigung des Menschen und derjenigen Gottes, und Tück kann seine Sympathie für diese Art Selbsterkundung nicht verhehlen. Aber auch sein Unbehagen nicht, wenn Walser ihm eher in literarischer Hinsicht fasziniert zu sein scheint von Karl Barths "Römerbrief" und seiner dualistisch scheinenden Erwählungstheorie. Laut Tück jedoch geht Barth weiter hin zu einer Universalisierung, die Walser übersieht. Den Autor lädt er ein, mit ihm im theologischen Seminar zu klaren Begriffen zu gelangen, anstelle emphatisch Transzendenz zu beschwören.

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