Coco Chanel - Picardie, Justine
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Beautifully designed, this work reflects the elegance of its subject, and includes 60 color illustrations throughout of the life and work of Coco Chanel.

Produktbeschreibung
Beautifully designed, this work reflects the elegance of its subject, and includes 60 color illustrations throughout of the life and work of Coco Chanel.
  • Produktdetails
  • Verlag: Harper Collins Publ. USA
  • Seitenzahl: 352
  • Erscheinungstermin: Oktober 2011
  • Englisch
  • Abmessung: 228mm x 166mm x 25mm
  • Gewicht: 880g
  • ISBN-13: 9780062074171
  • ISBN-10: 0062074172
  • Artikelnr.: 33148280
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 11.06.2011

Einfach weiblich elegant
Das war die Kreation der Moderne: Eine neue Biographie über die Modeschöpferin Coco Chanel entwirft das bisher genaueste Bild ihres märchenhaften Lebens
Das Leben der Coco Chanel ist in vielen Büchern beschrieben worden und lieferte auch den Stoff für eine Reihe von Filmen sowie ein Broadway-Musical, in dem sie von Katharine Hepburn verkörpert wurde. Das verrät ein unstillbares Interesse an ihrer Person. Der Ruhm der Chanel verdankt sich vor allem ihrem Genie, eine Mode geschaffen zu haben, die sich durch die konsequente Beschränkung auf das Wesentliche auszeichnete, ohne dass dies die Kreativität ihres langen Schaffens beeinträchtigte. „Nichts“, so sagte sie noch in hohem Alter – Coco Chanel starb 1971 im Alter von 87 Jahren unter der Arbeit an ihrer neuesten Kollektion –, „lässt eine Frau älter aussehen als zur Schau gestellte Kostspieligkeit, Schnörkelei und Kompliziertheit.“ Daran hat sie sich bis zuletzt gehalten, es war das Geheimnis ihres Erfolgs, der zu Ende des Ersten Weltkriegs einsetzte und bis zu ihrem Tod andauerte.
Die Kreation, die Coco Chanel in den zwanziger Jahren den jähen Weltruhm verschaffte, war das berühmte „kleine Schwarze“, mit dem sie die Farbe der Trauer zum Inbegriff zeitloser weiblicher Eleganz machte. Schwarz, so lautete ihr Credo, steche alles andere ringsum aus, denn es sei die Abwesenheit von Farbe, die erst „absolute Schönheit“ zur Geltung bringe. Ihr Entwurf eines ebenso einfachen wie rasanten Etuikleids aus schwarzem Crêpe de Chine mit engen langen Ärmeln wurde zu ihrem Triumph. „Das“, so die amerikanische Vogue, die dieses Modell 1926 vorstellte, „ist ein Ford mit der Signatur Chanel“. Dieser Vergleich mit dem erfolgreichsten Auto der Zeit war nur zu treffend, denn das schwarze Etuikleid entwickelte sich, als ebenso schnittige wie dezente weibliche Uniform, zu einem Renner. Mehr noch: Diese „Uniform“ war eine Befreiung, eine Revolution, denn das „kleine Schwarze“, zu dem als einziger Schmuck eine Perlenkette getragen wurde, verbannte ein für allemal die aufwendigen und barock anmutenden Abendkleider, deren Stoffwolken ihren Trägerinnen zumuteten, sich in Korsetts einzuschnüren.
Das Modedesign der Coco Chanel, in dem sich das Ideal von Eleganz in konsequenter Einfachheit erfüllte, das die Bewegungsfreiheit nicht einschränkte und seine Trägerinnen vergessen ließ, was sie am Leibe trugen, gehört fraglos zu jener Moderne, für die das Bauhaus, die Neue Sachlichkeit, Le Corbusier oder die russischen Konstruktivisten einstehen. Dieser Wille zur Vereinfachung, der ihren Kreationen eigentümlich war, steht in einem geradezu dramatischen Kontrast zu ihrem Leben, das anmutet wie ein Roman, dessen erste Kapitel aus der Feder eines Émile Zola stammen könnten, den ein Marcel Proust fortsetzte und ein Balzac vollendete. Dieser Kontrast erklärt die Faszination, die das Leben der Coco Chanel noch immer ausübt.
Die Protagonistin war die Erste, die dieser Faszination erlag. Sie befasst sich immer wieder damit, der eigenen Biographie jene einfache, konsequente und elegante Fasson zu geben, die ihre Couture auszeichnete. In ihren späteren Jahren trat Coco Chanel deshalb mit Schriftstellern und Journalisten ins Gespräch, die ihre Lebensgeschichte aufschreiben sollten und denen sie über ihre zahlreichen Freunde und Liebhaber Auskunft gab. Diese umfänglichen Mitteilungen sind ein unverzichtbarer Quellenfundus, aus dem sich die britische Autorin Justine Picardie so ausführlich bedient, dass ihre Biographie über weite Strecken anmutet wie eine Collage von Zitaten. Dies verschafft der jetzt vorgelegten Darstellung von Chanels Leben – die im gemeinsamen Verlag von Gerhard Steidl und Karl Lagerfeld erscheint, der selbst als Modeschöpfer die spätere Geschichte des Hauses Chanel prägte – eine große Genauigkeit und Transparenz, strapaziert aber auch gelegentlich die Geduld des Lesers.
Eine solche Vorgehensweise lässt sich aber im Falle der Coco Chanel kaum vermeiden. Denn, so schreibt ihre Biographin, „als sie ihre Geschichte zuschnitt, ließ sie Episoden wie Stoffreste fallen, verlor hier ein Detail und kaschierte dort ein anderes und verschleierte ihre Herkunft.“ Von der Versuchung, die eigene Person in einem möglichst vorteilhaften Licht erscheinen zu lassen, ist niemand gefeit, der den Drang verspürt, über das eigene Leben Auskunft zu geben. Von dem war die Coco Chanel ganz besonders geplagt, denn vor allem ihre Herkunft, Kindheit und Jugend stehen in einem sehr deutlichen Kontrast zu jenen Abschnitten ihres Lebens, in denen sie vom Erfolg verwöhnt war. Sie suchte aber auch das eigene Leben über den Leisten ihres Ideals einer schnörkellosen, widerspruchsfreien Eleganz zu schlagen. Deshalb hat Coco Chanel über ihre lieblose und von großer Armut geprägte Kindheit und Jugend nur sehr knappe und widersprüchliche Andeutungen gemacht.
Dieses Dunkel hat Justine Picardie in ihrer Biographie nicht nur erhellt, sondern es gelingt ihr auch überzeugend aufzuzeigen, wie viele Eindrücke und Erlebnisse, die ihre Protagonistin in dieser später von ihr verleugneten Zeit hatte, ihr Leben und ihren Stil beeinflussten. Das gilt vor allem für die frugalen Lebensumstände wie die Anlage und den sparsamen Schmuck der Räume in jenem von Nonnen geführten Waisenhaus, das Teil eines mittelalterlichen Klosters war, in dem die 1883 in einem Armenspital in Saumur geborene Gabrielle Chanel nach dem Tod ihrer Mutter zwischen ihrem elften und achtzehnten Lebensjahr aufwuchs. Dies war bislang weit weniger bekannt als der sich daran anschließende Lebensabschnitt, den Gabrielle Chanel, die sich jetzt „Coco“ nannte, bis zum Ersten Weltkrieg als Mätresse eines wohlhabenden Pferdezüchters auf Schloss Royallieu verbrachte. Hier begegnete sie dem reichen englischen Lebemann Boy Capel, der ihre große Liebe wurde und der entscheidenden Anteil daran hatte, dass sich ihr Genie entfaltete und ihre Karriere als Modeschöpferin begann.
Von nun an ist das Leben der Coco Chanel öffentlich, wird es vielfältig reflektiert durch die Zeugnisse ihrer Freunde und Liebhaber, durch deren Lebensumstände und hervorstechenden Wesenszüge. Damit weitet sich die Schilderung der Biographie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu einem ausführlichen Gesellschaftsgemälde aus. Das ist eine Lektüre von hohem Reiz, dennCoco Chanel hatte nicht nur Umgang mit schwerreichen Männern wie dem Herzog von Westminster oder dem russischen Großfürsten Dmitrij Pawlowitsch, einem Cousin ersten Grades des letzten Zaren Nikolaus II., die beide ihre Liebhaber waren;sondern auch mit so gut wie allen großen Künstlern der Zeit wie Dhiagilew, Strawinski, Cocteau e tutti quanti, die sie oft großzügig unterstützte. (Leider fehlt dem Buch ein Personenregister.)
Über den Herzog von Westminster, dessen Geliebte sie mehr als zehn Jahre war, dessen schottisches Schloss sie oft länger besuchte, kam sie auch mit Winston Churchill in engeren Kontakt. In einem Brief von Anfang Oktober 1927 schrieb Churchill, der ebenfalls häufig im schottischen Stack Lodge zu Gast war, seiner Frau: „Coco ist hier. (. . .) Sie ist sehr umgänglich – wirklich ein starkes und gutes Geschöpf, fähig, über einen Mann und ein Reich zu herrschen.“
Die Sympathie und Bewunderung, die Churchill für sie empfand, kam Chanel, wie ihre Biographin nachweist, Ende des Krieges zugute, als sie sich nach der Befreiung von Paris im August 1944 wegen ihrer vermeintlichen Kollaboration mit den Nazis verantworten musste. Dieses bislang von vielen Gerüchten verdunkelte Kapitel ihrer Biographie weitgehend aufzuhellen, gelingt Justine Picardie durch akribische Dokumentation der Quellen. Der Intervention Churchills verdankte es die Chanel wohl auch, dass sie weder wegen ihrer Liebschaft mit einem deutschen Diplomaten in Paris noch wegen ihres reichlich verworrenen Techtelmechtels mit dem damaligen Chef der Abwehr Walter Schellenberg der Rache der Sieger anheimfiel. Gleichwohl beschädigte der Klatsch über eine Kollaboration ihren Ruf als Modeschöpferin nachdrücklich. Als sie im Februar 1954 mit ihrer ersten Kollektion nach Ende des Krieges in Paris ein Comeback versuchte, endete dies in einem großen Fiasko.
Was sie damals im Alter von siebzig Jahren vor dem Vergessen und der andauernden Verachtung bewahrte, war der große Erfolg, den sie mit ihren Kreationen in Amerika erzielte. Eine ihrer treuesten Kundinnen war Jacqueline Kennedy. Auch das Kostüm in lebhaftem Rosa, das diese am 22. November 1963 trug, als sie ihren Mann, den Präsidenten John F. Kennedy, auf der Fahrt nach Dallas begleitete, stammte aus der Herbst/Winter-Kollektion, die Chanel zwei Jahre zuvor präsentiert hatte. Das mit dem Blut ihres Mannes, der an ihrer Seite im offenen Wagen dem Attentat zum Opfer fiel, besudelte Modellkostüm wird heute im Nationalarchiv in Washington aufbewahrt.
Auch diese neue Biographie der Coco Chanel, die von allen ihr bislang gewidmeten Büchern das ausführlichste und genaueste Bild ihres märchenhaften Lebens entwirft, kann über dessen Faszination nicht restlos aufklären. Das weiß auch Justine Picardie, die am Ende ihrer materialreichen und vorzüglich illustrierten Darstellung bekennt: „Die ganze Wahrheit über Gabrielle Chanel wird man niemals aufdecken. Ein Teil bleibt immer verborgen.“ Nun, ein bisschen Geheimnis muss ja bleiben, damit der Mythos dieser außergewöhnlichen Frau, „die ihre Karriere damit machte, dass sie das Selbstbild der Frau von Grund auf veränderte“, nichts von seinem Reiz einbüßt. JOHANNES WILLMS
JUSTINE PICARDIE: Chanel. Ihr Leben. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Dörthe Kaiser, mit Zeichnungen von Karl Lagerfeld. L.S.D. (Lagerfeld, Steidl, Druckerei Verlag) im Steidl Verlag, Göttingen 2011. 431 Seiten, 38 Euro.
Auch die eigene Geschichte
sollte möglichst schnörkellos
zugeschnitten werden
Das blutbesudelte rosa Kostüm
von Jacqueline Kennedy kam aus
der Herbst/Winter-Kollektion
Coco Chanel (1883-1971) im Jahre 1936. Foto: Boris Lipnitzki/Getty Images
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.09.2011

Klösterliche Verführungskraft

Die aufregenden Metamorphosen einer Mode-Ikone: Justine Picardie erzählt das Leben der Coco Chanel.

Seit dem Tod Coco Chanels vor vierzig Jahren laufen aus vielen Quellen die Bäche zusammen, um den Mythos, den die letzte große Couturière um sich selber spann, gründlich zu unterspülen. Wie sich dabei zeigte, ist die Wahrheit viel aufregender als das sentimentale Konstrukt, das die Sechzigjährige ihren ersten Biographen diktierte. Zuletzt spitzte Hal Vaughan die Frage spektakulär zu, ob die legendäre Modeschöpferin eine Nazi-Agentin war (F.A.Z. vom 17. August).

Wer heute Chanels Lebenspanorama noch einmal frisch entwerfen möchte, sollte einen Trumpf im Ärmel haben. Die Karte, die Justine Picardies Buch ausspielt, ist ganz unspektakulär und deshalb doch nicht weniger effektiv. Sie widmet sich den Schlüsselorten der Biographie und lässt die Dinge auf sich wirken. Wie ein Detektiv schreitet sie Chanels museal erhaltenes Domizil in der Pariser Rue Cambon ab und quartiert sich für ein paar Tage im Auvergne-Dorf Aubazine in jener Zisterzienserabtei ein, deren Nonnen die elfjährige Chanel einst in ihr Waisenhaus aufnahmen. Was zunächst literarische Extravaganz scheint und als zäher Start irritiert, entfaltet seine Wirkung im Laufe der Vita.

Ohne große Worte und Thesen schürzt die Autorin einen Knoten aus Ende und Anfang, aus dem Luxus der vielfachen Millionärin und der erhabenen Kargheit, die das junge Mädchen bis zum achtzehnten Geburtstag umgab. Es sind Kleinigkeiten, die Picardie auffallen, Arabesken im Fensterblei des Klosters, die das Doppel-C im Logo des Modehauses vorwegnehmen. Picardies Schilderung der klösterlichen Einsamkeit, der in ihr vorherrschenden Dunkelheit und Kälte, definiert die Stimmung für alles, was kommt. Sie braucht den Rahmen nur noch auszufüllen: Mit dem Aperçu der Schriftstellerin Colette, Chanels Bewegungen beim Abstecken erinnerten sie "an die schnellen Kniefälle der Nonnen". Und mit der detaillierten Beschreibung der Côte-d'Azur-Villa "La Pausa", deren Inneres und insbesondere deren steinerne Wendeltreppe Chanel nach dem Vorbild der Aubazine-Abtei entwerfen ließ.

Mit jeder Biegung in ihrer Karriere gewinnt das von Picardie mit leichter Hand skizzierte Psychogramm an Klarheit. "Ich kannte nichts als Kummer und Schrecken", sagte Chanel von ihrer Jugend und beschrieb ihre Erzieherinnen als "gute Menschen, aber ohne jede Zärtlichkeit". Die Gefühlskälte der Nonnen ließ sie ein Leben lang nach Liebe hungern, ohne sich doch fest zu binden. Zu schwer wog die Enttäuschung über den Vater, der sie nach dem Tod der Mutter an der Waisenhauspforte für immer im Stich gelassen hatte.

Der Perfektionismus und das rigide Arbeitsethos ihrer Jugend bewirkten, dass Chanel keine Anstrengung zu groß und keine Nacht zu lang war, um ihre kompromisslose Vorstellung von Mode umzusetzen. Sie hat nie mit der heißen Nadel genäht, bei ihr saß schon am Tag des Defilees jede Naht wie gemeißelt. Ihre Vatersehnsucht machte mächtige Männer für sie attraktiv, Alphatiere wie den Herzog von Westminster und den russischen Großfürsten Dmitri, die Zukunft diktierende Künstler wie Igor Strawinski, den Ballettmeister Serge Lifar oder den Chefideologen Paul Iribe, und eben auch Geheimdienstgrößen wie den deutschen Spion Hans Günther von Dincklage. Die Routine des klösterlichen Gemeinschaftslebens ließ sie später Bohemezirkel bevorzugen. Nach "La Pausa" lud sie regelmäßig ganze Cliquen ein, führte auf Eaton Hall an der Seite Westminsters ein großes Haus und verbrachte jede freie Minute im Kreise ihrer weißbekittelten Nähschwestern in ihrem Hauptquartier an der Rue Cambon.

Doch am schwersten wog der Stempel ihrer Jugend, wo es um Askese und die Verleugnung des Fleisches ging. Ihr Leben lang hat Chanel an den für Freunde üppig gedeckten Tafeln sehr wenig gegessen und sich ohne Murren in eine Zwei-Zimmer-Wohnung umquartiert, als Paul Iribe ihre häusliche Pracht kritisierte. Er war von den Folgen seiner Schelte so verblüfft, dass er postwendend ins Ritz zog und die gemeinsame Affäre von dort aus weiterführte. In der freien Liebe hat Chanel ihre prüden Anfänge beinahe überkompensiert. Das gestörte Verhältnis zum Körper indessen kam in ihren subversiven Modedirektiven zum Tragen.

Studiert man die zahlreichen Fotos, die Picardies Biographie illustrieren, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Chanels stilistische Gehversuche anfangs eher scheußlich waren. Der rokokohaften Eleganz der Belle Époque setzte sie tief über die Ohren gezogene Hüte, schlabbrigen Strick, weite Hosen, formlose Röcke und kastige Jacketts entgegen. Ihre androgyne Anmut und Jugend machten manche Verirrung wett, die offensichtliche Bequemlichkeit reizte zur Nachahmung, und die Ernüchterung nach dem Ersten Weltkrieg ließ Chanels "Waisenhaus-Stil", wie Truman Capote schrieb, vollends attraktiv erscheinen.

Der Grund für ihre Metamorphose aus einer Hutmacherin in eine Mode-Ikone wird oft und gerne erzählt: Sie bediente sich so regelmäßig an den Schränken ihrer Liebhaber, dass Männerkleidung zur Geschäftsidee für Damenmode wurde und das instinktive Bedürfnis, ihren Körper in weiten Hüllen zu versenken, zum bahnbrechenden Trend: Mode, sagte sie einmal, "ist ein innerer Zustand".

Doch schon ihr zweiter Liebhaber, Boy Capel, ließ die Garderobe, die sie bei ihm auslieh, von seinen englischen Schneidern körpergerecht für sie kopieren. "Damit nahm alles seinen Anfang, was einmal die Rue Cambon ausmachen sollte." Chanel übertreibt hier nicht. Für den größten Teil ihrer Karriere wird die praktische, komfortable und über Jahrhunderte ausgeklügelte Kleidung der Männer sie inspirieren. Auf Westminsters vierzig Mann starker Yacht schaut sie den Offizieren und Matrosen ab, auf dem Landsitz des Herzogs den Livreen seiner Butler, den Pferdeburschen und Jägern.

Und als er Chanel und Winston Churchill zum Angeln nach Schottland einlädt, begeistert sie der Musterstrick der nordischen Pullunder. Die Evolution des klassischen Chanel-Kostüms ist ein langer Prozess. Erst nach der Zäsur des Krieges, als Chanel 1954 ihr Pariser Haus wieder eröffnet, hat es alle maskulinen Anleihen abgeworfen, in Zuschnitt, Leichtigkeit und Proportion ein im Kern unverrückbares System gefunden, das ganz auf weibliche Bedürfnisse getrimmt ist. Doch noch immer eignet ihm eine fast klösterliche Dezenz, eine sinnliche Unterkühlung, die für Chanel - und sie musste es wissen - der Inbegriff der Verführungskraft war.

Dass sie sich von der Klosterästhetik nie verabschiedet hat, suggeriert Picardie mit Blick auf den Taschenklassiker der Firma, das Modell 2.55: Die goldfarbene Kette des mit einer ledernen Schnur verknüpften Schulterriemens deutet nicht nur "Zügel und Pferdegeschirr an", sondern "vielleicht auch die Gürtel der katholischen Nonnen". Chanels Verstrickungen ins Nazi-Regime der Besatzungszeit behandelt die Biographin gewissenhaft, meidet freilich die Zuspitzungen Vaughans.

Hypnotisch hingegen ist ihre Beschwörung der Siebenundachtzigjährigen, die selbst beim Essen die Schere nicht aus der Hand gab: "Coco Chanel fing an, an den Fäden ihrer Jacke zu ziehen und schnippelte herum", während die Worte "nur so aus ihr herausschossen wie Kugeln aus einem Maschinengewehr." Morphiumsüchtig und schlafwandelnd "stach und schlitzte" sie somnambul an ihrem Pyjama. Und als das Ende kam, stieß sie sich eine letzte Spritze in die Hüfte, mit fliegender Hast und den an ihre Zofe gerichteten Worten: "Siehst du, so sieht es aus, wenn jemand stirbt."

INGEBORG HARMS.

Justine Picardie: "Chanel". Ihr Leben.

Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Dörthe Kaiser. Zeichnungen von Karl Lagerfeld. Steidl Verlag, Göttingen 2011. 428 S., geb., 38,- [Euro].

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