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Die Kultur, nicht politische oder ökonomische Strukturen, unterscheiden die Stadt vom Land. Nach Georg Simmel ist es etwa das "Geistesleben", das die Metropole zu einem besonderen Ort macht. An diesen Gedanken knüpft Walter Siebel an. Heute, so seine zentrale These, charakterisieren zwei Merkmale die urbane Lebensweise: die Entlastung von notwendigen Arbeiten und die ständige Begegnung mit Fremden. In seiner historisch und theoretisch umfassenden Monographie entwirft Siebel ein detailliertes Bild dieser Kultur der Stadt, zeichnet ihre ambivalenten Entwicklungen nach und begründet daraus die Renaissance der Stadt und ihre kulturelle Produktivität.…mehr

Produktbeschreibung
Die Kultur, nicht politische oder ökonomische Strukturen, unterscheiden die Stadt vom Land. Nach Georg Simmel ist es etwa das "Geistesleben", das die Metropole zu einem besonderen Ort macht. An diesen Gedanken knüpft Walter Siebel an. Heute, so seine zentrale These, charakterisieren zwei Merkmale die urbane Lebensweise: die Entlastung von notwendigen Arbeiten und die ständige Begegnung mit Fremden. In seiner historisch und theoretisch umfassenden Monographie entwirft Siebel ein detailliertes Bild dieser Kultur der Stadt, zeichnet ihre ambivalenten Entwicklungen nach und begründet daraus die Renaissance der Stadt und ihre kulturelle Produktivität.
  • Produktdetails
  • edition suhrkamp 2698
  • Verlag: Suhrkamp
  • 3. Aufl.
  • Seitenzahl: 474
  • Erscheinungstermin: 7. November 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 177mm x 109mm x 27mm
  • Gewicht: 284g
  • ISBN-13: 9783518126981
  • ISBN-10: 3518126989
  • Artikelnr.: 42777962
Autorenporträt
Siebel, Walter
Walter Siebel, geboren 1938, ist Professor für Soziologie an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Michael Mönninger kann nur Oldenburger Puppenstube entdecken im Buch des Soziologen Walter Siebel. Dass Siebel herkömmliche Definitionen von Stadt für überholt hält, kann der Rezensent noch nachvollziehen. Schwieriger wird es, wenn der Autor alte migrationstheroretische Prämissen neu aufwärmt und statt kompakter Analyse episch ausufernde Stadt- und Gesellschaftslehre abliefert, ohne wichtige Publikationen zum Thema auch nur zu erwähnen. Vor allem stört sich Mönninger an Siebels moralisierender, heilsgeschichtlich aufgeladener Geschichtsauffassung und seiner eher altbackenen Argumentationslogik nach dem Motto: Früher war alles besser. Derart trübe scheint dem Rezensenten das urbane Leben längst nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 17.11.2015

Wo man die Begegnung mit Fremden übt
Walter Siebel untersucht die Kultur der Stadt und stößt auf weiche Standortfaktoren

Einst galt die Wahrheit als schwierige, die Wirklichkeit hingegen als relativ einfache Kategorie. Man musste sie nur sehen und anfassen, Platons Höhlengleichnis hin oder her. Heute ist es umgekehrt. Die Wahrheit ist schon schwierig genug, was aber die Wirklichkeit ist, das scheint noch ungleich komplexer geworden. Als beredtes Beispiel darf man die Stadt anführen, denn hinter ihr "verbergen sich so viele Wirklichkeiten, wie es gesellschaftliche Formationen gibt". Diese Aussage ist für Walter Siebel Motiv und Anreiz, zur Entschlüsselung des Phänomens beizutragen.

Anknüpfend an Georg Simmel, dem zufolge es das "Geistesleben" sei, welches die (Groß-)Stadt zu einem besonderen Ort mache, stellt Siebel in seiner umfangreichen Abhandlung den Kulturbegriff in den Mittelpunkt. Zu Recht beschränkt er sich dabei auf den europäischen Kontext, da er Ursachen und Triebkräfte der globalen Metropolenentwicklung für inkommensurabel hält. Und er wahrt zugleich hinreichend Abstand: einerseits zur empirischen quantifizierenden Sozialforschung, andererseits zum ethnographischen Zugriff, der - Begebenheiten, Typen und Milieus schildernd - die Bedingungen urbaner Existenz klären will.

Selbstredend ist die Stadt für den Soziologen kein fixes Gebilde, keine bloß räumliche Tatsache, sondern ein Laboratorium des sozialen Wandels. Dessen Mechanik zu durchschauen bedarf der Deutung. So benennt er etwa als wesentlichen Grund für die gegenwärtige Renaissance der Stadt einen vorlaufenden, allmählichen Prozess: Indem die Stadt sich zu einer Maschine entwickelt habe, die ihre Bewohner von Arbeit und Verpflichtungen befreit, wie auch durch den Umstand, dass die Verflechtung von Arbeit und Leben immer enger werde, eröffne sich die Möglichkeit einer selbstbestimmten Einheit des Alltags. Zugleich und entscheidend sei das Urbane der Ort, an dem die Begegnung mit dem Fremden neu trainiert werde.

Die Stadt der bürgerlichen Gesellschaft war durch drei zentrale Merkmale bis tief in ihre räumlichen Strukturen hinein geprägt: demokratische Selbstverwaltung, soziale Ungleichheit und die Polarität von Öffentlichkeit und Privatheit. Doch diese Prägung ist im Schwinden begriffen. Und weil heute weder juristische Definitionen noch die Gegenüberstellung Land-Natur, noch statistische Merkmale zu einer instruktiven Bestimmung von Stadt taugen, rückt die Kultur als Ausgangspunkt einer Definition ganz nach oben. Die Gründe liegen auf der Hand: Kultur ist mittlerweile ein Tourismusmagnet, wobei besonders Städtereisen zu einem immer bedeutsameren Zweig der städtischen Ökonomie werden. Sie stellt freilich auch einen Produktionsfaktor dar, da ein differenziertes Kulturangebot Lernfähigkeit und Kreativität fördert und damit indirekt auch Wachstum stimuliert. Nicht zuletzt gehört die Kultur zu den weichen Standortfaktoren.

Diese werden immer wichtiger, weil die harten (Energie, Arbeitskräfte, Autobahnanschluss) ubiquitär verfügbar sind. Siebel argumentiert abwägend, er sieht die Gefahren einer Indienstnahme der Kultur durch die Wirtschaftspolitik, führt viele ungeahnte Beobachtungen und kluge Interpretationen an. Und doch bleibt die Zielrichtung des Ganzen am Ende merkwürdig offen - lesenswert, aber kein Opus magnum.

ROBERT KALTENBRUNNER

Walter Siebel: "Die Kultur der Stadt".

Edition Suhrkamp, Berlin 2015. 475 S., br., 18,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Hurra, die Stadtsoziologie und die Kulturwissenschaften haben eine neue Bibel!"
kulturthemen.de 13.11.2015

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 25.01.2016

Die Badewanne
rückt ins Wohnzimmer
Stilkunde: Walter Siebel über „Die Kultur der Stadt“
Der Ruf nach dem „Bürgerrecht auf Kultur für alle“ stammte von fortschrittlichen westdeutschen Kulturdezernenten in der postmodernen Partystimmung der Jahre nach 1980. Damals investierten die Großstädte in neue Häuser und Programme für Bildung und Kunst, um sich im Standortwettbewerb um die neue Wissens- und Kreativwirtschaft zu profilieren. Sehr viel umfassender entwickelt nun der Oldenburger Soziologe Walter Siebel in seinem Großwerk „Die Kultur der Stadt“ einen erweiterten Kulturbegriff, der nicht nur luxuriöse Beigabe zur Freizeitgestaltung, sondern Grundlage alles Urbanen sein soll.
  Alle bisherigen Stadtdefinitionen hält Siebel zu Recht für überholt. Die totale Künstlichkeit der Landschaft höhle den Gegensatz von Natur und Kultur völlig aus; zudem habe die geringe Erwerbstätigkeit in der Agrarwirtschaft den traditionellen Gegensatz von Dorf und Stadt fast aufgehoben. Sämtliche harte Standortfaktoren für städtische Funktionen – Energieversorgung, Verkehrsanbindung, Gewerbeflächen – seien heute überall zu finden. Deshalb sieht Siebel in den „weichen“ Faktoren der Kultur, die er im Herder’schen Sinn als Verhalten, Sitten und Werte versteht, die Grundlagen für das theoretische Verständnis wie den praktischen Erfolg von Städten. Daraus entwickelt er zwei Thesen: Städte sind Maschinen, mit denen die Menschen aus dem Naturzwang heraustreten und sich von Arbeit entlasten. Und: In Städten leben vorzugsweise Zuwanderer, die ein besseres Leben suchen und in den Zentren sowohl für Bevölkerungs- wie Wirtschaftswachstum sorgen.
  Diese Emanzipations- und Migrationstheorie ist aber nicht neu, sodass dem Leser schon auf Seite vierzig etwas mulmig wird, wie der Autor die kommenden 400 Buchseiten füllen will – zumal er sich auf die idée fixe der europäischen Stadt beschränkt, ohne deren orientalische Vorbilder zu würdigen. Statt einer kompakten Analyse schreibt er einen kommentierten Literaturbericht zur neueren Stadt- und Gesellschaftslehre; dass darin allerdings die Magna Carta der neueren Stadttheorie fehlt – Dieter Hoffmann-Axthelms „Dritte Stadt“ von 1993 –, ist ein echtes Ärgernis.
  Siebels Geschichtsauffassung und Argumentationslogik ist moralisierend, ideologiekritisch und heilsgeschichtlich aufgeladen. Und sie gehorcht einer sehr bodenständigen Dialektik: Am Anfang ist alles gut, dann wird es immer schlechter, bis es so schlecht ist, dass schließlich alles wieder gut wird. Was sagt Siebel über die alte bürgerliche Stadt? Von Athen bis zu den freien Reichsstädten war alles einigermaßen in Ordnung, doch heute ist sie politisch und funktional erodiert. Die Stadtbürger? Ihre ruinierte kommunale Selbstverwaltung macht jede politische Beteiligung am Stadtregiment obsolet. Der öffentliche Raum? Kommerzialisiert, überwacht und privatisiert – aber immerhin sicherer als früher.
  Auch mit der Arbeitsmaschine Stadt sieht es nicht mehr gut aus. Moderne Dienstleistungsmetropolen heben die Trennung von Arbeit und Leben auf wie in der vorindustriellen Produktions- und Konsumationseinheit des „Ganzen Hauses“. Doch gerade in den innovativen Milieus, die ein künstlerisches Berufsmodell verfolgen, fresse der allgegenwärtige Beruf jeden Gewinn an privater Autonomie wieder auf – na und?
  Zwar sei die Randwanderung und Schrumpfung der Städte angesichts der revitalisierten Zentren neuerdings gestoppt; doch schlecht bezahlte Dienstboten, prekäre Jobs und soziale Ausgrenzung bildeten die Kehrseite dieses Wunders, das noch nicht einmal seinen gestressten Nutznießern echte Vorteile bringe: „Der Bürger des klassischen Athen verbrachte seine Muße auf der Agora, heute steht er in der Küche“ – diese wohl verstanden als sündhafte teure Wellness-Oase, zu der Siebel noch andere „Entgrenzungen des Wohnens“ hinzufantasiert: „Der Whirlpool rückt ins Wohnzimmer.“
  Siebels Diagnosen tauchen selbst erfreuliche Befunde in trübes Licht. Unleugbar gebe es heute eine Reurbanisierung und Kulturalisierung im „ästhetischen Kapitalismus“, der eine Million Deutsche in der Kreativwirtschaft beschäftige, aber mit immer weniger sozialversicherungspflichtigen Stellen. Den Privilegierten aus der urbanen akademischen Mittelschicht prophezeit der Autor allen Ernstes das Schicksal der Boheme in H.G. Wells „Zeitmaschine“, die nachts von den Morlocks, den Arbeitstieren aus der Unterwelt, aufgefressen werden. Darauf reagieren laut Siebel die statusbedrohten Mittelschichten mit Gated Communities und Gentrifizierung. Was daraus an sozialer Polarisierung entsteht, kann für den Autor nur eine wohlfahrtsstaatliche Sozialpolitik schlichten, die Mietobergrenzen verfügt, Modernisierungen bremst, den sozialen Wohnungsbau ankurbelt und Kulturpionieren kostenlose Gewerbeflächen verschafft. Dass den zivilen Akteuren in den Städten mehr Verantwortung und Kompetenz zuzumuten wäre, als bloße Klienten von Versorgungsleistungen zu sein, kommt dem Autor nicht in den Sinn.
  Enttäuschend sind auch die Ausführungen über das Zusammenleben in der Stadt. Zwar werden die emanzipierten Juden, die als Händler und Bankiers zentrale Lücken im Gesellschaftsgefüge schlossen, als protypisch charakterisiert – was man besser bei Georg Simmel nachlesen kann. Doch es bleibt unklar, ob der Autor von Kreuzberger Krawall-Schwaben oder von Kriegsflüchtlingen spricht. Dass Zuwanderung nicht nur den Geburtenmangel kompensiert, sondern seit alters her der wichtigste Motor städtischen Wachstums war, bekommt der Autor mit seinem auffälligen Hang zur Verniedlichung nicht in den Blick. Für ihn gehen Migranten deshalb in die Städte, weil sie dort „weniger auffallen als auf dem Dorfplatz“ und auch besondere Qualifikationen entwickeln können – „man denke nur an die Veränderungen der Gastronomie in West-Deutschland“.
  Abschließend plädiert der Autor für eine neue Urbanität im Sinne von Musils „Möglichkeitssinn“. Anstelle des „Gottvater-Modells der rationalen Planung“ der Moderne solle die Politik urbane Übergangsräume zur „Bewältigung krisenhafter Transformationen“ schaffen, die nicht Hass und Kampf, sondern Vielfalt und dichte Kommunikation bringen. Siebels Wunsch-Stadt als „Mosaik aus kleinen Welten und als Präsenz des Vergangenen in der Gegenwart“ klingt allerdings wie ein Happy End im Oldenburger Puppenstubenformat.
MICHAEL MÖNNINGER
  
Walter Siebel: Die Kultur der Stadt. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 475 S., 18 Euro. E-Book 17,99 Euro.
Städte sind Maschinen, mit
denen die Menschen aus
dem Naturzwang heraustreten
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