Was Europa den Griechen verdankt - Szlezák, Thomas A.
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Unsere Begriffe von Literatur und Philosophie, von kritischer Geschichtsschreibung und von politischer Analyse, unseren Freiheitsbegriff und unsere Sportauffassung, unseren Kosmopolitismus und unsere prinzipielle Offenheit für fremde Kulturen - all das und noch manches mehr verdankt Europa letztlich den alten Griechen.…mehr

Produktbeschreibung
Unsere Begriffe von Literatur und Philosophie, von kritischer Geschichtsschreibung und von politischer Analyse, unseren Freiheitsbegriff und unsere Sportauffassung, unseren Kosmopolitismus und unsere prinzipielle Offenheit für fremde Kulturen - all das und noch manches mehr verdankt Europa letztlich den alten Griechen.
  • Produktdetails
  • UTB Uni-Taschenbücher Bd.3394
  • Verlag: Utb; Mohr Siebeck
  • Erscheinungstermin: September 2010
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 151mm x 20mm
  • Gewicht: 355g
  • ISBN-13: 9783825233945
  • ISBN-10: 3825233944
  • Artikelnr.: 29938424
Autorenporträt
Szlezák, Thomas A.
Prof. Dr. Thomas Szlezák ist emeritiert und lehrte zuletzt Griechische Literatur an der Universität Tübingen.
Inhaltsangabe
Vorwort VII

Prolegomena 1

Kapitel 1

Homer und der europaische Literaturbegriff I: Die Ilias 11

Kapitel 2

Homer und der europaische Literaturbegriff II: Die Odyssee 33

Kapitel 3

Der neue Ton der fruhgriechischen Lyrik 55

Kapitel 4

Die neuen Fragen der vorsokratischen Denker 85

Kapitel 5

Das Fest, die Spiele, der Sieger und das Siegeslied: Olympia und

Pindar 107

Kapitel 6

Die athenische Demokratie und die Dichtung der Polis 131

Kapitel 7

Die Entdeckung des Relativismus.

Sophistik und antiautoritares Denken 153

Kapitel 8

Der Beginn des europaischen Geschichtsdenkens. Herodot und

Thukydides 173

Kapitel 9

Gottliches Gesetz und personliches Daimonion: Sophokles und

Sokrates 195

Kapitel 10

Theater und Zeitgeist: Euripides und Aristophanes 215

Kapitel 11

Die Begrundung der europaischen Philosophie: Platon und

Aristoteles 233

Kapitel 12

Uber den kosmopolitischen Geist der griechischen Kultur 255

Literaturverzeichnis 273

Abbildungsnachweise 281

Register: Namen und Sachen 283
Rezensionen
Besprechung von 13.12.2010
Die Aufklärung über uns selbst beginnt in Athen

Ein Manifest gegen das Halbwissen und kulturelle Borniertheiten: Thomas A. Szlezák möchte vor Augen führen, warum Europa ohne das antike griechische Erbe nicht wäre, was es ist.

Als Friedrich Nietzsche in seinen späten Jahren mit dem Hammer philosophierte, da widmete er das vorletzte Stück seiner "Götzendämmerung" mit spöttischer Reminiszenz an den bürgerlichen Besinnungsaufsatz dem Thema "Was ich den Alten verdanke". Die kaum verhohlene Absicht der Trümmerrede war die Zerstörung des kulturellen Zusammenhangs, den die gebildeten Schichten des deutschen Kaiserreichs in routinemäßiger Oberflächenbefühlung immer wieder zwischen sich und den "Alten" herstellten.

Nietzsches dionysisches Altertum trat emphatisch und stilbewusst neben die ideologisch krisenfeste Organisation der zeitgenössischen Altertumswissenschaft. Im Vergleich zu dem Ausrufezeichen des einsam hämmernden Philosophen nimmt sich die Darstellung des Tübinger Gräzisten Thomas A. Szlezák wie ein Plädoyer für den unaufgeregten Umgang mit familiengeschichtlichen "Tatsachen" aus. An die Stelle der tückischen Ergebnisoffenheit der Nietzscheschen Bekenntnisschrift ("Man lernt nicht von den Griechen!") tritt die Sicherheit, dass "wir" die "Grundlagen unserer Kultur" den Griechen verdanken.

Bei Szlezák tritt die Leitdisziplin der vorletzten Jahrhundertwende, die Klassische Philologie, überraschend noch einmal im Gewand eines Studium generale auf, das uns in der Auseinandersetzung mit der griechischen Antike Aufklärung über uns selbst verspricht.Während allerorten griechisch- und lateinfreie Europa-Studiengänge wie Pilze aus dem Boden schießen, erzählt Szlezák noch einmal die große Geschichte von den griechischen Wurzeln "unserer Kultur". Er ist auf all die möglichen Einreden und Forderungen vorbereitet, die man an den Autor eines solchen Werkes herantragen mag. Folgerichtig ist sein Gestus weniger der des Mahners und Lehrers als der des Apologeten, der im Zweifelsfalle den Freiheits- und Toleranzgedanken gegen kulturelle Borniertheiten verteidigt. Doch ist es gerade die Verteidigung mancher aus der griechischen Antike herzuleitenden Kriterien wie der Fähigkeit zur Distanzierung von den eigenen Denkgewohnheiten, die nach Szlezák die Abgrenzung von all jenen Kulturen gebietet, die niemals eine der europäischen Aufklärung vergleichbare Kulturphase durchlaufen haben.

So ist Szlezáks Buch ein veritabler Ritt auch an den Grenzlinien dessen, was wir - noch oder nicht mehr - Europa nennen. Das Beharren auf trennscharfen Unterteilungen und Definitionen, diese urgriechische Praxis, ist unpopulär geworden. Szlezák stört sich nicht nur nicht daran, sondern fordert die vermuteten Gegner immer wieder heraus, indem er ihre "ephemere" Befindlichkeit in den Horizont langfristiger Entwicklungen rückt. Der verbreiteten Geringschätzung der in den homerischen Epen zuerst profilierten Muster kultureller Bindung an Heimat, Ehe und Familie begegnet Szlezák mit beißender Schärfe: "Die Odyssee wird noch gelesen werden, wenn die jetzt in Deutschland vorherrschende Mentalität sich wieder einmal einem neuen Zeitgeist hingegeben haben wird." Das Feindbild des Autors ist leicht umrissen: Es ist der halbgebildete, ursprungsvergessene, wendige Opportunist und Lautredner, der die öffentlichen Debatten unserer Tage bestimme.

In zwölf Vorlesungsblöcken durchläuft der Verfasser ein Panorama der alteuropäischen und eben zum Teil auch noch modernen Kulturgeschichte. Er zeigt uns die je frühesten Prägungen all der Münzen und Währungen, die zum Teil noch heute in Umlauf sind: Da ist zunächst die Vorbereitung eines europäischen Literaturbegriffs in "Ilias" und "Odyssee". Neben die formsprachlichen Innovationen treten frühe Konfigurationen sozialer Kommunikationsmodelle: Die Humanisierung des Tragischen in der die "Ilias" abschließenden Versöhnungsszene wie die in den Lügenerzählungen der "Odyssee" greifbare Trennung emotional-kognitiver Innen- und Außenwelten sind unleugbar Vorgriffe auf uns vertraute Verhaltensmuster. An der Wende vom siebten zum sechsten Jahrhundert entwickelt die frühgriechische Lyrik Formen der programmatischen Selbstaussage des Subjekts, die ihre "mentalitätsgeschichtlichen Fernwirkungen" entfalten. Die scheinbaren Bizarrerien des vorsokratischen Denkens verraten tiefere Einsicht in grundlegende Formen der Unterscheidung von Einheit und Vielheit, Identität und Differenz, von Energie und schöpferischer Wandlung, von Chaos und strukturierter Ordnung.

Den Fachleuten wird Szlezák in aller Regel nichts Neues sagen. Doch werden sie vielleicht die Pointen genießen, die der Autor vor allem dort setzen kann, wo die Nähe der modernen zu den antiken Institutionen Teil des Alltagswissens geworden ist. Genüsslich entlarvt der Verfasser die unmittelbare Rückverlängerung unseres Demokratiebegriffs in die athenische Polis als Oberflächenreferenz. Würden sich altattische Demokraten nicht gegen die Delegation gesellschaftlich relevanter Entscheidungen an ein Bundesverfassungsgericht verwahrt haben, das nicht ein Rat der vielen, sondern acht ausgewählter Rechtsgelehrter wäre? Schwerlich auch hätte man eine Regierung nach Art der unseren akzeptiert, wo doch in Athen die direkte Verankerung des Politischen im Volk und, wichtiger noch, genaueste Rechenschaftslegung und Verantwortlichkeit der Entscheidungsträger die maßgeblichen Kriterien waren. Und doch entstand im Athen des fünften Jahrhunderts jene Form des Politischen, die die Entwicklung unseres "kritischen, säkularen und liberalen Blicks auf den Staat" ermöglichte, der - so vergisst Szlezák nicht zu erwähnen - "anderen, nicht von den Griechen geprägten Kulturen, etwa der islamischen, bis heute nicht vermittelt werden konnte".

Es liegt in der Logik des hier verfolgten Ansatzes, dass das griechengeprägte Europa immer wieder den Blick auf sein Außen herausfordert. Allenthalben muss es zum Vergleich mit jenen Nachbarkulturen einladen, die andere Wege gegangen sind. Immer wieder wird deutlich, dass die einzigartige Entfaltung eines altgriechischen Werte- und Normenpluralismus auch der Tatsache geschuldet ist, dass die Hellenen zwar auf die kulturbildenden Muster und Anstöße der homerischen Großepen, nicht aber auf eine verbindlich gewordene heilige Überlieferung zurückgriffen. So entwickelte sich in der athenischen Polis, unterstützt durch die öffentlichkeitswirksame Inszenierung einer ungehemmt freien Rede im tragischen und komischen Schauspiel, eine Kultur, die es erlaubte, das ganze Spektrum politischer und religiöser Einstellungen (bis hin zu den utopischen Modellen herrschaftsfreier oder kommunistischer Selbstverwaltung) abzubilden. Während die sophistischen Aufklärer die Rhetorik als das geeignete Medium zur Propagierung ihrer von Menschen für Menschen gemachten Maßstäbe entdeckten, verwies Sophokles' Antigone auf die absolute Bindung an ein ungeschriebenes, göttliches Gesetz. Während Herodot in schwelgerischer Erzählung der unbefangenen Erkundung der orientalischen Welt den Weg bereitete, betrieb die nüchtern-szientifische Geschichtsschreibung des Thukydides die schonungslose Analyse der Versäumnisse wie der Leistungen der im Peloponnesischen Krieg entzweiten Griechen. Zudem wird man die Entwicklung, die Europa vor allem in den ersten fünfzehnhundert Jahren unserer Zeitrechnung genommen hat, auch nicht annähernd verstehen, wenn man den Einfluss von Platon und Aristoteles auf die geistesgeschichtliche Formung von Christentum, Philosophie und Wissenschaft nicht zu würdigen weiß.

Die bündige "Einführung in Europa", die Szlezák seinen Tübinger Hörern zum Abschluss seiner Lehrtätigkeit präsentierte, beeindruckt durch die disziplinierte Beschränkung auf Wesentliches. Der Autor weiß, dass solche Geschlossenheit um den Preis mancher Verkürzung und nicht weniger Auslassungen erkauft ist. Dieses Buch ist kein Rückfall in die alten Kulturmuster unreflektiert verehrender Griechenliebe. Szlezáks erklärtes Ziel ist die fachwissenschaftlich fundierte "Reflexion über den geistigen Standort Europas" in einer Zeit, wo Teilen der gesellschaftlichen Eliten unübersehbar die Ideen und Argumente für oder gegen Europa abhandengekommen sind.

Bleibt noch zu sagen, worin der Verfasser das Geheimnis des außerordentlichen Erfolges der altgriechischen Kultur erblickt: Es liege in der ihr von Anfang an innewohnenden "Tendenz zum Überschreiten der eigenen engen Grenzen", die sie in den Stand setzte, sich ohne die überlegene Regie staatlicher, wirtschaftlicher oder kirchlicher Organisationsmacht zu behaupten. Das sei der Denkstil gewesen, der zu dem wundersamen Gebilde führte, das der Mythos einst in der Gestalt einer phönizischen Königstochter verehrte und das die Griechen Europa nannten.

JÜRGEN PAUL SCHWINDT.

Thomas A. Szlezák: "Was Europa den Griechen verdankt". Von den Grundlagen unserer Kultur in der griechischen Antike".

UTB, Stuttgart 2010. 300 S., Abb., br., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Jürgen Paul Schwindt gibt Entwarnung: Unreflektierte Griechenliebe ist des Autors Sache nicht. Den geistigen Standort Europas zu umreißen, wie es der Gräzist Thomas A. Szlezak in seinen Tübinger Abschlussvorlesungen unternimmt, findet er angesichts schwindender Argumente für beziehungsweise gegen Europa allerdings eine gute Idee. Und dann erscheint ihm der Band auch als Exemplar einer aussterbenden Spezies. Der Versuch, noch einmal den ganz großen Bogen zu spannen, von Platon und Aristoteles zu uns, käme ihm fast rührend vor, wäre Szlezak nicht derart gut vorbereitet auf die zu erwartenden Einwände. Als Lehrer tritt der Autor auf, aber auch als scharfer Verteidiger hellenischer Basiswerte, wie Heimat, Ehe, Familie. Damit streitet er gegen den heutigen halbgebildeten Opportunisten. Wer das alles schon weiß, meint Schwindt, der kann doch immerhin Szlezaks Pointen genießen, die von ihm offengelegten "Oberflächenreferenzen" zwischen unserem Demokratiebegriff und dem der athenischen Polis zum Beispiel.

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