Gebundenes Buch

Seit Friedrich der Große Preußen in den Kreis der europäischen Großmächte geführt hatte, rangen das Habsburger Reich und der preußische Aufsteiger um die Vorherrschaft in Deutschland. Dabei hatte das dynamischere Preußen rasch Vorteile gegenüber der schwerfälligen Wiener Doppelmonarchie. In seinem glänzenden historischen Essay zeichnet der Historiker Ulrich Schlie dieses mitunter dramatische Duell in der Mitte Europas anhand von vier biographischen Doppelporträts nach - Friedrich II. und Maria Theresia, Metternich und Bismarck, Franz Joseph I. und Wilhelm II., Hitler und Schuschnigg.…mehr

Produktbeschreibung
Seit Friedrich der Große Preußen in den Kreis der europäischen Großmächte geführt hatte, rangen das Habsburger Reich und der preußische Aufsteiger um die Vorherrschaft in Deutschland. Dabei hatte das dynamischere Preußen rasch Vorteile gegenüber der schwerfälligen Wiener Doppelmonarchie. In seinem glänzenden historischen Essay zeichnet der Historiker Ulrich Schlie dieses mitunter dramatische Duell in der Mitte Europas anhand von vier biographischen Doppelporträts nach - Friedrich II. und Maria Theresia, Metternich und Bismarck, Franz Joseph I. und Wilhelm II., Hitler und Schuschnigg.
  • Produktdetails
  • Verlag: Propyläen
  • Seitenzahl: 432
  • Erscheinungstermin: 22. Oktober 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 219mm x 147mm x 40mm
  • Gewicht: 684g
  • ISBN-13: 9783549074015
  • ISBN-10: 3549074018
  • Artikelnr.: 33364199
Autorenporträt
Schlie, Ulrich
Ulrich Schlie, geboren 1965 in Nürnberg. Der Historiker unterrichtete u.a. an den Universitäten Erfurt und Berlin sowie am Institut d'Etudes Politiques de Paris. Zahlreiche Buchveröffentlichungen zur deutschen und europäischen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Schlie lebt in Potsdam.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Wenn der Historiker Ulrich Schlie seine psychologisch grundierten Doppelporträts von Maria Theresia und Friedrich II., von Metternich und Bismarck, Franz Joseph I. und Wilhelm II. sowie Hitler und Schuschnigg zeichnet, hat Lothar Höbelt schon seine Zweifel, ob das gut geht. Schließlich sind das alles historiografische Superstars. Offenbar gelingt dem Autor trotz einiger Schnitzer ein gut formuliertes Gesamtbild des europäischen Mächtesystems. Laut Schlie allerdings doch wiederum mit den alten medialen Vorgaben und Zwängen.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 16.12.2013
Dualismus heißt
jetzt Duell
Zerstreut: Ulrich Schlie über den
Kampf Preußens und Österreichs
Als 1849 zum ersten Mal eine preußisch-deutsche Nationalstaatsbildung ohne Österreich – später nannte man sie „kleindeutsch“ – im Raum stand, warnte der bayerische Ministerpräsident Ludwig von der Pfordten: „Sind Österreich und Deutschland einmal förmlich geschieden, so werden sie sich wohl niemals wieder vereinigen. Dann wird im österreichischen Staat das deutsche Element sehr in den Hintergrund gedrängt werden, wo nicht ganz unterliegen. (. . .) Und es ist dann wahrscheinlich, dass dieser große, reine deutsche Staat eine mächtige Attraktion auf die in Österreich unterliegenden deutschen Elemente ausübe.“
  Ulrich Schlie, der jetzt die Geschichte des preußisch-österreichischen Dualismus neu erzählt, nennt diese Diagnose „seherisch“. Hellsichtig ist sie, weil sie das Dilemma der österreichischen Vielvölkermonarchie benennt, die zur selben Zeit auch schon von der italienischen Nationalbewegung bedrängt wurde. Noch 1919 in Versailles und 1938 beim Hitlerschen „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich wirkte die Mechanik jenes Nationalprinzips, das der österreichische Staatskanzler Metternich seit 1813 nicht nur im Interesse seiner Dynastie, des Hauses Habsburg, sondern auch mit Blick auf das Gleichgewicht in Europa eisern bekämpft hatte.
  1919 musste den Deutschösterreichern, die man zu Bürgern eines „Kleinstaats am Rande einer Millionenstadt“ (Golo Mann) gemacht hatte, von den Siegern des Ersten Weltkriegs ein Anschlussverbot in die Verfassung geschrieben werden; als Hitler es zwanzig Jahre später über den Haufen warf, resümierte der Emigrant Golo Mann das Problem: „Es gibt zu viel Deutsche in Europa, als dass ein aggressiver Staat aller Deutschen nicht über kurz oder lang die anderen lebenswilligen Nationen gegen sich vereinen müsste; es gibt zu wenig Deutsche, als dass sie einer solchen Front Meister werden könnten.“ Nur ein Deutschland aus altem, human-kosmopolitischem Geist sei für Europa überhaupt erträglich: „Großdeutschland wird nach dem Geist der großen Deutschen der Vergangenheit leben: oder es wird nicht sein.“ Den letzten Halbsatz setzte Golo Mann kursiv.
  Das Buch Ulrich Schlies beginnt erwartungsgemäß mit dem Kampf Friedrichs des Großen mit Maria Theresia, also mit dem gegen Habsburg durchgesetzten Aufstieg Brandenburg-Preußens zu einer europäischen Großmacht. Dass beide deutsche Länder, Österreich wie Brandenburg, im hohen Mittelalter als Kolonialterritorien entstanden, ist ihm keine Reflexion wert, dabei hatte dieser Vorlauf Einfluss auf die Staatsbildungsprozesse beider Monarchien. Preußens gewaltsamer Aufstieg gehört zu den vier oder fünf Unwahrscheinlichkeiten, ohne die die deutsche Geschichte vollkommen anders verlaufen wäre. Schlie weiß das und sagt es, aber er durchdenkt es nicht. Sein Thema verschenkt er, weil er aus dem deutschen Dualismus, einem Strukturproblem, ein „Duell“ macht, eine monströse, sich von Generation zu Generation erneuernde Anekdote.
  Damit kommt ein Zug personalisierenden Unernstes in die Darstellung dieses tragischen Problems der deutschen und europäischen Geschichte, über den man nur den Kopf schütteln kann. Friedrich war ein Mann und Preuße, Maria Theresia eine Frau und Katholikin, die Systeme Metternich und Bismarck duellierten sich gar nicht, und auch die Kaiser Wilhelm II. und Franz Joseph waren sich nicht besonders ähnlich – von solchen überflüssigen Erwägungen ist das Thema verklebt. Duellsituationen – Zweikämpfe um Sieg und Niederlage also – gab es ohnehin nur in einzelnen Momenten, nach dem Siebenjährigen Krieg erst wieder 1866, und ihr letzter, Hitlers Zerquetschen des österreichischen Kanzlers Schuschnigg 1938, war zu ungleichgewichtig, um hier mitzuzählen.
  Das Thema hat das Zeug zu einem gemeißelten Essay nach Art Sebastian Haffners; Ulrich Schlie hat, womöglich verführt von verlegerischen Vorgaben, die immer wieder dümmlich auf „Erzählung“ bestehen, nur eine zerstreute Kaminplauderei vorgelegt.
GUSTAV SEIBT
Ulrich Schlie : Das Duell. Der Kampf zwischen Habsburg und Preußen um Deutschland. Propyläen Verlag, Berlin 2013. 432 Seiten, 24,99 Euro.
Österreich wie Brandenburg
entstanden als Kolonialterritorien
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Besprechung von 24.02.2014
Musik in den Ohren eines Österreichers
Habsburg und Preußen haben die deutsche Geschichte über weite Strecken geprägt

Als "ein Duell unter Freunden" solle man den Krieg von 1866 betrachten, schlug der alte Feldmarschall Wrangel einem österreichischen Kameraden einmal vor. Ulrich Schlie hat dieses Motto aufgegriffen und auf vier Doppelporträts erweitert: Den Klassiker von "la belle et la bête": Maria Theresia und Friedrich der Große; das "zeitversetzte Ringen" von Metternich und Bismarck, die einander nur kurz trafen, und das ganz amikal, als Metternich schon im Ruhestand war und Bismarck ganz am Anfang seiner Karriere stand; Franz Joseph I. und Wilhelm II., die allerdings nie Rivalen waren, sondern allenfalls als Verbündete so ihre Probleme miteinander hatten - und Hand aufs Herz, war Franz Joseph mit seinem nüchternen Pflichteifer von den beiden nicht doch der bessere Preuße? Schließlich das recht einseitige Duell zwischen Hitler und Schuschnigg, genaugenommen zwei Österreichern.

Schlies Schwerpunkt liegt zunächst einmal auf den psychologischen Porträts seiner Protagonisten. Doch im Hintergrund steht dabei unabweislich immer wieder das europäische Mächtesystem, in das ihr Ringen eingebettet war. Mit diesem Zugang macht es sich Schlie nicht gerade leicht: Denn es ist schwer, über Persönlichkeiten, die seit jeher zu den beliebtesten Figuren der Historiographie gehören, noch allzu viel Originelles zu sagen (allenfalls Schuschnigg, der in der Bundesrepublik nicht allzu bekannt sein dürfte, bildet da vielleicht noch eine Ausnahme). Fast noch ärger ist es um die internationalen Beziehungen bestellt: Allein schon die unabsehbare Fülle der Literatur beinhaltet da ein gewisses milieubedingtes Element der Abschreckung. Schlie selbst ist ein ausgewiesener Spezialist für die Tücken der Diplomatie des Zweiten Weltkriegs. Niemand kann es ihm übelnehmen, wenn ihm bei der Analyse der Rokokodiplomatie der eine oder andere Schnitzer passiert, ganz abgesehen von diversen Flüchtigkeitsfehlern.

Das Buch ist gut geschrieben und enthält eine Menge gelungener Formulierungen. Doch bei alledem zeichnet es jene Eigenschaft nicht aus, die Schlie an Maria Theresia zustimmend zitiert: "die Abwesenheit nagender Sorge und schrecklicher Erinnerungen." Schlie weist zu Recht darauf hin, dass die Fritz-Fischer-Schule längst in die Jahre gekommen ist, und er hält die mediale Allgegenwart Hitlers für "bestürzend" - aber er vermag sich von den Zwängen dieser Vorgaben doch nicht recht zu lösen. Die Brüchigkeit unserer Geschichte ist es, die "den Blick zurück so wichtig und zugleich so schwierig macht". Oder vielleicht ist dieser Blick deshalb besonders schwierig, weil sich die Historiker hierzulande so besonders wichtignehmen oder weil es immer wieder auch darum geht, "das Erbe für die Gegenwart nutzbar zu machen". Doch hatten nicht genau das Hitler und Honecker schließlich auch gewollt?

Die zentrale Weichenstellung, so klingt immer wieder an, stellt für Schlie die Reichsgründung im Jahre 1871 dar, die auf Königgrätz und die erste deutsche Teilung folgte. Nun mag die Andeutung, es wäre besser gewesen, der Krieg von 1866 wäre anders ausgegangen, natürlich Musik in den Ohren eines Österreichers sein. Andererseits: Wissen wir Deutsche wirklich "erst im Blick auf die Ereignisse des Jahres 1871, dass wir Deutsche sind"? Schlie stellt ganz richtig fest, das Deutsche Reich entwickelte sich zu einer Macht, "zu groß für das Gleichgewicht, zu klein für die Hegemonie". Aber war das 1871 schon so klar? Damals zählten Frankreich und das neue, kleindeutsche Reich gleich viel Einwohner und produzierten gleich viel Stahl. 1914 hatte Deutschland mehr als anderthalb so viel Einwohner als Frankreich und produzierte viermal so viel Stahl - und das übrigens in Regionen, die schon lange vor 1866 zu Preußen gehörten.

Es war eine Frage von "Blut und Eisen", in einem ganz anderen Sinn, als Bismarck die Formel verwendet hatte, nämlich Folge eines phänomenalen demographisch-ökonomischen Wachstums, wenn Deutschland in der Generation nach 1871 eine solche "halbhegemoniale" Stellung in Europa errang. Umso kurioser, wenn Schlie ausgerechnet das Kapitel um Franz Joseph und Wilhelm II. mit "Niedergang" übertitelt. Kollaps und Sturz der Kaiserreiche, ja selbstverschuldeter Sturz, wenn man an so manche fatale Entscheidung denkt, von der Kriegserklärung bis zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg, aber Niedergang, der langsames Siechtum impliziert, wohl nicht. Schlie betont die Offenheit der Geschichte. Warum ist dann gerade im Zusammenhang mit dem "Zweiten Reich" die Rede von "einem staatlichen Geschöpf, dem keine Dauer beschieden sein konnte"?

Habsburg und Preußen haben die deutsche Geschichte über weite Strecken geprägt. Das "Dritte Reich", so könnte man formulieren, war eine unglückliche Fusion von perversen Elementen beider Traditionen, einer antihabsburgischen in Österreich und einer antipreußischen in Weimar. Und die Bundesrepublik, die sich immer und überall als Gegenentwurf zu Hitler verstand, verkörperte erst recht die Rache des "dritten Deutschland" an den beiden deutschen Großmächten. Im neuen Deutschland, im neuen Europa ist das Erbe Preußens und Habsburgs gegenwärtig, vielleicht sogar mehr in Europa als in Deutschland - und das nicht bloß, weil Deutschland vielleicht demnächst in Europa aufgeht wie einst Preußen in Deutschland.

Vielleicht sollte eine Suche nach dem "Erbe", den fortwirkenden Folgen, in den Nachbarländern fortgesetzt werden: Wie man in Thorn über "Kongress-Polen" spricht, wie in Rumänien oder im alten Jugoslawien die alten habsburgischen Grenzen weiterhin prägend wirken, ja wie selbst Italien zwischen exhabsburgischen und expäpstlichen Gebieten bei vergleichbarer Sozialstruktur ganz unterschiedliche Wahlergebnisse produziert. Leben vielleicht "die besseren Preußen" und Habsburg-Erben doch nicht in Deutschland, das sich mit ihnen offenbar immer noch so schwertut?

LOTHAR HÖBELT

Ulrich Schlie: Das Duell. Der Kampf zwischen Habsburg und Preußen um Deutschland. Propyläen Verlag, Berlin 2013. 432 S., 24,99 [Euro].

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"Mit seinem "Duell" ist ihm ein beachtliches Buch gelungen", Die Tagespost, Urs Buhlmann, 24.05.2014