Verschwiegene Schuld - Bacque, James

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Der kanadische Autor deckt in diesem Standardwerk auf, daß nicht nur die Rote Armee im Osten ihren Haß an den deutschen stillte, sondern ebensoAmerikaner, Briten und Franzosen im Westen. Die "Befreier" erschienen in Wirklichkeit als selbsternannte Richter und Henker. Millionen Deutsche kamen erst nach Kriegsende durch alliierte Hungerblockaden, Vertreibung und Zwangsarbeit ums Leben, unter der Verantwortung vor allem der Westalliierten. Fünf Millionen (!) wehrlose Deutsche, der Autor beweist es akribisch, verhungerten nach dem Krieg unter alliierter Militärgewalt. Jetzt liegt der…mehr

Produktbeschreibung
Der kanadische Autor deckt in diesem Standardwerk auf, daß nicht nur die Rote Armee im Osten ihren Haß an den deutschen stillte, sondern ebensoAmerikaner, Briten und Franzosen im Westen. Die "Befreier" erschienen in Wirklichkeit als selbsternannte Richter und Henker. Millionen Deutsche kamen erst nach Kriegsende durch alliierte Hungerblockaden, Vertreibung und Zwangsarbeit ums Leben, unter der Verantwortung vor allem der Westalliierten. Fünf Millionen (!) wehrlose Deutsche, der Autor beweist es akribisch, verhungerten nach dem Krieg unter alliierter Militärgewalt. Jetzt liegt der Verkaufsschlager des berühmten Autors in einer aktualisierten Auflage auf dem neuesten Forschungsstand zum sensationellen Sonderpreis vor.
  • Produktdetails
  • Verlag: Pour Le Mérite
  • Neuaufl.
  • Seitenzahl: 312
  • Erscheinungstermin: Dezember 2002
  • Deutsch
  • Abmessung: 247mm x 182mm x 35mm
  • Gewicht: 736g
  • ISBN-13: 9783932381249
  • ISBN-10: 3932381246
  • Artikelnr.: 11101818
Rezensionen
Besprechung von 28.11.1995
"Sollen die Deutschen doch leiden"
James Bacque über die alliierte Besatzungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg

James Bacque: Verschwiegene Schuld. Die alliierte Besatzungspolitik in Deutschland nach 1945. Aus dem Amerikanischen von Hans-Ulrich Seebohm. Verlag Ullstein, Berlin 1995. 309 Seiten, 8 Abbildungen, 44,- Mark.

Als der Kanadier James Bacque vor sechs Jahren durch sein Buch "Der geplante Tod" das Schicksal deutscher Kriegsgefangener in amerikanischer und französischer Hand nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins öffentliche Bewußtsein rückte, löste er heftige Diskussionen aus. Während seinerzeit Betroffene ihm überwiegend beipflichteten, soweit es die Zustände in den Lagern - zumal auf den Rheinwiesen - und das eigene Erleben des Massensterbens anbetraf, reagierte die Wissenschaft zurückhaltender. Ihr Augenmerk galt weniger den Zustandsbeschreibungen der Lager, sondern den beiden Grundthesen Bacques: Die Gesamtzahl der in amerikanischen und französischen Lagern nach Kriegsende ums Leben gekommenen Kriegsgefangenen bezifferte er auf eine Million. Die Ursache für das Massensterben sah er in einer zielgerichteten Politik des alliierten Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower. Insbesondere das Eisenhower Center der Universität New Orleans ist den Thesen nachdrücklich entgegengetreten. Der Vorwurf einer "Million-Legende" (Manfred Messerschmidt, F.A.Z. vom 1. Februar 1994) kam auf.

Mittlerweile hat Bacque weitere Archivalien ausgewertet. Anhand Moskauer NKWD-Akten kommt er zu dem Schluß, daß in sowjetischem Gewahrsam weit weniger deutsche Kriegsgefangene gestorben sind als bislang angenommen: etwa 420000 statt über eine Million. Die bisher den Sowjets angelasteten Toten seien deshalb bei den westlichen Gewahrsamsmächten zu suchen. Darüber hinaus gilt seine Aufmerksamkeit dem Schicksal der Zivilbevölkerung in den Westzonen, den Ursachen und Folgen der akuten Lebensmittelknappheit. Etwa 5,7 Millionen Zivilisten sind nach seiner auf der Gegenüberstellung verschiedener Statistiken beruhenden Berechnung zwischen Oktober 1946 und September 1950 in allen vier Besatzungszonen umgekommen, ohne daß ihr Tod registriert worden sei. Obwohl hinreichend Nahrungsmittel zur Verfügung standen, hätten sowohl politische Planer in der Administration der Vereinigten Staaten als auch militärisch Verantwortliche in Deutschland diese regelmäßig nicht zur Versorgung der Deutschen verwendet und dadurch die Todesrate bewußt herbeigeführt. Erst das entschlossene Eingreifen des Expräsidenten Herbert Hoover, unterstützt von Harry S. Truman, habe hier Abhilfe geschaffen.

Zur Begründung seiner Thesen hat Bacque eine Vielzahl von Quellen erfaßt und seine Funde gleich Mosaiksteinchen zusammengesetzt. Doch nicht immer füllen sie das entworfene Gesamtbild. Angelegt ist das Ganze auf den Gegensatz von "Verbrechen und Barmherzigkeit", so die wörtliche Übersetzung des englischen Originaltitels. Die Konturen sind scharf, oftmals allzu scharf; Grautöne selten: Hier die für die Nahrungsmittelknappheit und den Tod der Zivilbevölkerung Verantwortlichen, die gleichzeitig die westlichen Werte verrieten, für die sie in den Krieg gezogen waren. Dort die Verfecher von "Wahrheit und Demokratie", die Barmherzigkeit auch gegenüber dem besiegten Feind einforderten. Es ist der "Kampf zwischen Gut und Böse", den Bacque nach eigenen Worten exemplifiziert. Doch war es nicht gerade diese eigentümliche amerikanische Vorstellung, der absolute Dualismus der Weltanschauung, der dazu führte, daß der Trennungsstrich zwischen Nationalsozialisten und anderen Deutschen in den ersten beiden Jahren der Besatzungszeit oftmals nicht gezogen wurde? Auf diesem Hintergrund, der seine Verkörperung in der noch Morgenthau-Geist atmenden Direktive JCS 1067 fand, wird dann auch manche Vorgehensweise alliierter, zumal amerikanischer Besatzungsbehörden verständlich. Das entschuldigt nichts; es erklärt aber einiges.

Deutlich wird bei Bacque, daß der 8. Mai 1945 nicht die Zäsur war, für den man ihn gemeinhin hält. Er bedeutete das Ende nationalsozialistischer Gewaltherrschaft und von Greueltaten in deutschem Namen. In vielen alliierten Köpfen aber war die Einstellung zum Kriegsgegner nach wie vor ungebrochen. Eine Vielzahl an Gründen mag dafür verantwortlich gewesen sein: das bei der Befreiung der Konzentrationslager Gesehene und Erlebte, Nachwirkungen alliierter Kriegspropaganda oder schlicht die Ausnutzung faktischer Machtpositionen. Das Leiden der Zivilbevölkerung, zumal in den Städten, hatte damit noch kein Ende. Das änderte sich erst, als die manichäische Falle die Deutschen freigab und die Sowjetunion hineingeriet. Die amerikanische Deutschland-Politik, die erst 1946/47 private Hilfslieferungen langsam zuließ, hatte bis dahin eine unübersehbare Zahl an Opfern gefunden. Ob die in diesem Zusammenhang für alle vier Zonen genannte Zahl von 5,7 Millionen zutreffend ist, darf bezweifelt werden. Zwar hat Bacque, soweit ersichtlich, das verfügbare statistische Material umfassend ausgewertet, doch bleiben angesichts der chaotischen Zustände am Kriegsende, der nicht immer zuverlässigen Erhebungen und der wohl auch beschönigenden amerikanischen Datenaufbereitung etliche Faktoren ungesichert. Ohnehin scheint das Herausstellen bestimmter Opferzahlen der historischen Aufarbeitung komplexer Zusammenhänge eher hinderlich zu sein. Das gilt auch für die Kriegsgefangenenproblematik. Zu leicht verstellt der Hinweis auf nackte Zahlen, die ob ihrer Abstraktheit jegliche Plastizität verlieren, den Blick auf das Einzelschicksal, das in seiner Konkretheit erst das ganze Ausmaß des Schreckens erfahrbar macht. Wichtiger als die Frage nach dem Wieviel sollte die Frage nach dem Wieso sein. Nur letztere läßt Antworten zu, die als eine Lehre aus der Geschichte zu begreifen sind.

Das Verhältnis der Besetzten auch zu den westlichen Besatzungsmächten war nicht allein geprägt von Entnazifizierung, Demokratisierung und Wiederaufbau. Es war lange Zeit höchst ambivalent, teilweise orientierungslos. Nicht anders ist zu erklären, daß der amerikanische Militärgouverneur Clay die Bitte, zwei große, für deutsche Zivilisten bestimmte Lebensmittellieferungen des Roten Kreuzes zuzulassen, mit den Worten ablehnte: "Sollen die Deutschen doch leiden." Hier den Finger in die Wunde gelegt zu haben ist das Verdienst Bacques, wenn sich über einzelne Thesen auch trefflich streiten läßt, wie zum Beispiel über die allenthalben durchschimmernde Vorstellung, es habe eine Art konspirativen Zusammenwirkens gegeben. Die Verfehlungen einzelner - auch wenn es deren zu viele gab - lassen diese Einschätzung nicht ohne weiteres zu. Daß derartige Ergebnisse bisher verschwiegen, ja der Öffentlichkeit bewußt vorenthalten wurden, wie Bacque meint, vermag nicht zu überzeugen. Aus den Reihen der ehemals Alliierten ist eine derartige Nabelschau nicht zu erwarten. Das hat nicht zuletzt mit der Aufrechterhaltung bestimmter Geschichtsbilder zu tun. Und daß man sich in Deutschland der alliierten Besatzungspolitik bislang mit anderen Fragestellungen genähert hat, dürfte darauf zurückzuführen sein, daß diesen für das Selbstverständnis der jungen Demokratie eine größere Bedeutung zukam. Nachdem die Demokratie erwachsen geworden ist, bleibt zu hoffen, daß auch die hiesige Zeitgeschichtsforschung die Anregungen - manche mögen sagen: Provokationen - Bacques aufnimmt und zu ihrer Überprüfung beiträgt. Ganz in diesem Sinne ist auch die Forderung von Alfred de Zayas im Vorwort zu verstehen: "Gehen wir nun zur Debatte über." BURKHARD SCHÖBENER

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