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Der führende Historiker der europäischen Expansion legt eine knappe und dennoch anschauliche Darstellung dieses Fundamentalprozesses der neueren Weltgeschichte von 1415 bis 1995 vor. Neben den überseeischen Kolonialreichen werden darin auch die Kontinentalimperien und gleichzeitiger nicht-europäischer Kolonialismus behandelt.…mehr

Produktbeschreibung
Der führende Historiker der europäischen Expansion legt eine knappe und dennoch anschauliche Darstellung dieses Fundamentalprozesses der neueren Weltgeschichte von 1415 bis 1995 vor. Neben den überseeischen Kolonialreichen werden darin auch die Kontinentalimperien und gleichzeitiger nicht-europäischer Kolonialismus behandelt.
  • Produktdetails
  • Kröners Taschenausgaben (KTA) 475
  • Verlag: Kröner
  • 2., überarb. u. erw. Aufl.
  • Erscheinungstermin: 3. August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 179mm x 118mm x 30mm
  • Gewicht: 336g
  • ISBN-13: 9783520475039
  • ISBN-10: 3520475030
  • Artikelnr.: 53179031
Autorenporträt
Professor Wolfgang Reinhard, geboren 1937, lehrte bis 2002 Neuere Geschichte in Augsburg und Freiburg. 2001 erhielt er den deutschen Historikerpreis. Wolfgang Reinhard zählt zu den führenden Historikern auf dem Gebiet der europäischen Expansion und hat zahlreiche Arbeiten zu diesem Thema veröffentlicht.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 15.01.1997

Die Macht von Kartoffel und Tomate
Wolfgang Reinhard über die Gewinner des Kolonialismus

Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat nicht nur für viele Völker Mittelasiens die Befreiung aus einer jahrhundertelangen Kolonialherrschaft bedeutet, sondern indirekt auch das Ende der letzten noch aus der Kolonialzeit stammenden weißen Minderheitenregime in Namibia und in Südafrika bewirkt. Nach einem fast fünfzigjährigen antikolonialen Unabhängigkeitskampf ist so erst in unseren Tagen jener geschichtliche Prozeß zu einem Abschluß gekommen, der vor gut fünfhundert Jahren mit den ersten überseeischen Entdeckungsreisen und Kolonisationsunternehmen begann.

Welthistorisch gesehen, wird dieser Ära in der Zukunft vielleicht eine entschieden größere Bedeutung zugemessen werden als der relativ kurzlebigen Phase des Sozialismus, dessen Scheitern den Blick auf andere große Ereignisse unserer Epoche gegenwärtig noch versperrt. Denn erst durch die koloniale Expansion Europas ist die Geschichte der einzelnen Völker zur Weltgeschichte geworden. Sie hat den Globalisierungsprozeß ausgelöst, der unsere Gegenwart bestimmt und die Weichen für jede zukünftige Entwicklung legt.

Um so bedauerlicher ist es, daß der Geschichte des Kolonialismus und der Dekolonisation von der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft immer noch vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Zu den wenigen Experten auf diesem Gebiet zählt der Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard, dessen 1990 abgeschlossene vierbändige "Geschichte der europäischen Expansion" mittlerweile als Standardwerk gilt. Auf dieser umfangreichen Abhandlung basiert auch seine um die Ereignisse seit den achtziger Jahren ergänzte "Kleine Geschichte des Kolonialismus", die der Kröner-Verlag jetzt in einer erschwinglichen Taschenausgabe vorgelegt hat.

Ein halbes Jahrtausend Weltgeschichte auf knapp 400 Seiten zusammenfassen zu wollen ist kein einfaches Unterfangen. Wolfgang Reinhard hat es dadurch gelöst, daß er sich auf eine Darlegung der wichtigsten historischen Ereignisse beschränkt und sich in ihrer Ausdeutung eher zurückhält. Damit sucht er der Einsicht Rechnung zu tragen, daß sich alle bisherigen Gesamttheorien des europäischen Kolonialismus als einseitig und unvollständig erwiesen hätten. Das trifft für die Prognosen, die etwa von den Dependenztheoretikern in den siebziger Jahren über die weitere Entwicklung der ehemals kolonisierten Länder gemacht worden sind, sicher zu. Bedeutet das Scheitern ihrer Voraussagen allerdings auch, daß die ihnen zugrunde liegenden historischen Analysen unbrauchbar wären? Reinhard räumt durchaus ein, daß das kapitalistische Profitstreben in der Geschichte des Kolonialismus von Anbeginn an eine wichtige Rolle gespielt hat. Allerdings dürfe man hierüber religiöse, kulturelle und politische Antriebe wie etwa das missionarische Sendungsbewußtsein der Europäer oder das Machtstreben einzelner Staaten und deren extensive Vorwärtsverteidigung nicht übersehen.

Es sind vor allem die beiden zuletzt genannten Aspekte, die er in seiner Darstellung hervorhebt. Ein nicht geringer Teil der politischen Auseinandersetzungen der europäischen Staaten wurde in Übersee ausgetragen und hat wiederum auf die heimischen Machtverhältnisse zurückgewirkt. Die koloniale Expansion erscheint unter dieser Perspektive wesentlich als durch die innere Dynamik des europäischen Kräftespiels bestimmt.

Dem russischen Kontinentalkolonialismus in Sibirien und Mittelasien, dem chinesischen Binnenkolonialismus, den imperialen Bestrebungen Japans und dem Sekundärkolonialismus der ehemaligen Siedlerkolonien in Nordamerika, in Australien und Südafrika sind zwar ebenfalls kurze Übersichten gewidmet, doch erscheint dem Verfasser die koloniale Expansion im wesentlichen als ein europäisches Unternehmen, weshalb er sich denn auch unumwunden zum Eurozentrismus seines Ansatzes bekennt.

Unbelehrbares Europa

Dem entspricht seine Definition des Kolonialismus als "Kontrolle eines Volkes über ein fremdes unter wirtschaftlicher, politischer und ideologischer Ausnutzung der Entwicklungsdifferenz zwischen beiden". Diese Bestimmung erweist sich allerdings als problematisch. Denn Sinn hätte sie in der Tat nur, wenn man unterstellte, daß es "einen allgemeinverbindlichen Entwicklungspfad der Menschheit" gibt. Diese Vorstellung weist der Autor aber zurück. Einsichtiger wäre es daher wohl gewesen, auf den Begriff der Entwicklung ganz zu verzichten und konkret darzulegen, aufgrund welcher besonderen militärischen, technischen und ökonomischen Faktoren, politischen Herrschaftsformen, kulturspezifischen Normen und Einstellungen es den europäischen Mächten gelang, sich fast die ganze Erde zu unterwerfen.

In der kurzen Bilanz des Kolonialismus, mit der Reinhard seinen welthistorischen Überblick abschließt, wendet er sich gegen eine Reihe lange Zeit gängiger Auffassungen. Habe die koloniale Expansion Europas auch die übrige Welt von Grund auf verändert, durch Eroberungsfeldzüge und eingeschleppte Infektionskrankheiten die Entvölkerung weiter Landstriche bewirkt, durch Sklavenhandel und Migration enorme Populationsverschiebungen ausgelöst und durch die Einführung neuer Pflanzen, Tierarten und Wirtschaftsformen zum Umsturz ganzer Ökosysteme geführt, so seien ihre Auswirkungen auf Europa selbst doch eher marginal geblieben.

Der Kolonialismus habe zwar das politische Kräftegleichgewicht verschoben und den Aufstieg der europäischen Wirtschaft und die Industrialisierung begünstigt, sei aber keineswegs deren notwendige Bedingung gewesen. Auch wären die aus den Kolonien bezogenen Profite weitgehend durch die Kosten für Verwaltung, Militär und infrastrukturelle Entwicklungen wieder wettgemacht worden. Grundsätzlich sei das Kolonialgeschäft nie der ausschlaggebende Zweig der europäischen Wirtschaft gewesen. Allein die Einführung amerikanischer Kulturpflanzen wie der Kartoffel, der Tomate und des Mais sowie die Schaffung eines wirtschaftlichen Sicherheitsventils für das explodierende Bevölkerungswachstum seien für Europa eindeutig als ein Gewinn zu verbuchen.

Oberflächlich betrachtet mag diese Rechnung vielleicht aufgehen. Doch übersieht sie, in welch flexibler Weise sich die Europäer die Errungenschaften außereuropäischer Gesellschaften schon immer anzueignen und für ihre eigenen Zwecke nutzbar zu machen verstanden haben. Vielleicht liegt gerade in dieser kulturellen Offenheit das Erfolgsrezept Europas. Vom Vorbild der egalitären und demokratischen Gesellschaftsordnungen indigener Völker, von denen sich die Philosophen der Aufklärung zu ihren großen gesellschaftstheoretischen Entwürfen inspirieren ließen, hat der alte Kontinent nicht weniger profitiert als von den Nutzpflanzen der Neuen Welt, den Gewürzen und Genußmitteln Asiens, den medizinischen Heilstoffen der Amazonasindianer oder der Musik Afrikas.

In Zahlen läßt sich der aus den Kolonien bezogene kulturelle Gewinn zwar nicht berechnen. Einseitig aber ist der innerhalb des Kolonialsystems vor sich gehende Austausch nie gewesen. Die koloniale Ära hat auf diese Weise eine Globalkultur hervorgebracht, die äußerlich zwar europäisch geprägt ist, in die faktisch aber zahlreiche Elemente außereuropäischer Kulturen Eingang gefunden haben. Diese Vermittlungsleistung erscheint heute als das eigentliche Erbe des Kolonialismus, während sich sein weltumgreifendes politisches Herrschaftssystem universalhistorisch nur als eine Episode erwiesen hat. KARL-HEINZ KOHL

Wolfgang Reinhard: "Kleine Geschichte des Kolonialismus". Alfred Kröner Verlag, Stuttgart 1996. 376 S., geb., 34,- DM.

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