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Mit Simmels Briefen von 1912 bis 1918 wird der zweite und letzte Teil seines Briefwerks vorgelegt. Dank der größeren Dichte der Überlieferung, die der 1914 erfolgten Berufung nach Straßburg geschuldet ist, sind Leben und Denken Simmels hier nun umfassend und detailliert dokumentiert. Zudem scheint Simmel aufgrund der räumlichen Distanz zu seinem privaten und wissenschaftlichen Bezugsfeld und insbesondere nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der ihn in die Festungsstadt Straßburg bannte, seine Isolation via Korrespondenz überwinden zu wollen. Auf eng beschriebenen Postkarten und in…mehr

Produktbeschreibung
Mit Simmels Briefen von 1912 bis 1918 wird der zweite und letzte Teil seines Briefwerks vorgelegt. Dank der größeren Dichte der Überlieferung, die der 1914 erfolgten Berufung nach Straßburg geschuldet ist, sind Leben und Denken Simmels hier nun umfassend und detailliert dokumentiert. Zudem scheint Simmel aufgrund der räumlichen Distanz zu seinem privaten und wissenschaftlichen Bezugsfeld und insbesondere nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der ihn in die Festungsstadt Straßburg bannte, seine Isolation via Korrespondenz überwinden zu wollen. Auf eng beschriebenen Postkarten und in unverschlossenen Briefen, u.a. an Bergson, Buber, Rickert und Tucholsky, bringt Simmel hier zum Ausdruck, was sich an Persönlichem und Sachlichen unter den Bedingungen der seit dem 1. August 1914 herrschenden Zensur für sämtliche von und nach Straßburg gehende Korrespondenz sagen ließ. Drei große Themen dominieren die Korrespondenz dieser Jahre, die sich wie ein intellektuelles Tagebuch und ein soziologischer Kommentar dieser Zeit liest: seine Sorge um den Fortbestand Deutschlands innerhalb Europas und seine Initiativen, die daraus erwachsen, die Beeinträchtigung aller wissenschaftlichen und privaten Pläne durch die kriegsbedingte und in Straßburg in besonderem Maße gesteigerte Ungewißheit der Zukunft und schließlich sein Bemühen, im Wissen um den bevorstehenden Tod seinem Leben und Werk einen Abschluß zu geben.
  • Produktdetails
  • Verlag: Suhrkamp
  • Artikelnr. des Verlages: 57973
  • Seitenzahl: 1241
  • Erscheinungstermin: 2. März 2008
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 137mm x 53mm
  • Gewicht: 1032g
  • ISBN-13: 9783518579732
  • ISBN-10: 3518579738
  • Artikelnr.: 21601079
Autorenporträt
Georg Simmel (1858 - 1918), Philosoph und Soziologe. Promotion und Habilitation in Berlin, ab 1914 Professur in Straßburg. Einer der bedeutendsten Begründer der Soziologie als eigenständige, auf dem Zusammenspiel von Theorie und Empirie beruhende Wissenschaft. Er war Mitbegründer der formalen Soziologie und schaffte durch seine vielfältigen Forschungsinteressen Grundlagen für Spezialsoziologien (u.a. Konflikt- und Stadtsoziologie). 1909 begründete er zusammen mit Max Weber, Ferdinand Tönnies und Werner Sombart die Deutsche Gesellschaft für Soziologie (DGS). Simmel war außerdem Mitherausgeber der 1910 gegründeten Zeitschrift "Logos. Internationale Zeitschrift für Philosophie der Kultur".
Inhaltsangabe
Briefe 1912-1918 - Jugendbriefe - Editorischer Bericht der Herausgeber
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 19.05.2008

Glücklich, wer alles an seinem Platz stehen lässt
Ungemein freundlich: Georg Simmel in seinen Briefen

"Ein so wundervoller Strom von Seele und warmem Leben kommt aus Deinem Brief, dass ich mir gar nicht anders zu helfen weiß, als sofort zu antworten. Ist es nicht etwas Schönes, dass man sich auch gegen das Gute und Beste irgendwie helfen muß. Als wäre ein Eigenleben der Seele da, das sich auch dem Glück und den Werten, die über uns kommen, erst ergibt und vermählt, nachdem es mit ihnen gekämpft hat."

Briefeditionen, und zumal philologisch so überaus aufwendig und sorgfältig gemachte, haben natürlich zuerst die Aufgabe, der wissenschaftlichen Erschließung von Werk und Leben Material zur Verfügung zu stellen. Nur scheint da beim zweiten und letzten Band der Briefe Georg Simmels nicht sonderlich viel zu holen. Das Ende der Mitarbeit an der Deutschen Gesellschaft für Soziologie, die Berufung nach Straßburg, die lebensphilosophische Wende, die nationale Emphase zu Beginn des Ersten Weltkrieges, die ermattende Produktivität - das wird gut dokumentiert, ist aber nicht eben unbekannt. Tratsch und Intrigen sind Simmel (1858 bis 1918) ohnehin ganz fremd. Und sowenig er in seinen Schriften gegen andere Positionen argumentiert, so selten streitet er in Briefen um seine Sache.

Umso mehr wird für die andere Art von Brieflesern geboten, die darauf sieht, wie jemand Berufliches und Privates, Gesellschaftliches und Intimes, Wesentliches und Ephemeres zusammenbringt, wie jemand den verschiedenen Adressaten und Schreibanlässen gegenüber ein und derselbe Mensch bleiben kann. Denn das dürfte der eigentliche Reiz einer und dann möglichst vollständigen Briefausgabe sein, dass der Leser sich im Durchlaufen der Mannigfaltigkeit von sozialen Beziehungen seine eigenen Schwierigkeiten spiegelt, das Leben zur Einheit der Person zu bringen, korrekt und kohärent ein Individuum zu sein. Und was für ein ungemein freundlicher Mensch Simmel war! Mit welch untrüglichem Taktgefühl er, ob in Freundschaften, gegen Studenten oder in Verlagsangelegenheiten, seine Interessen artikuliert, seine Kompromissbereitschaften signalisiert, die Position des Gegenübers einbezieht. Selbst wo ein Streit aufkommt, er zum wiederholten Male mahnen muss, etwas gegen die Absprachen geschah, erläutert er ruhig die Spielregeln, auf die er sich beruft. Und wo er kann, versucht er zu helfen.

"Ein früherer Schüler von mir, Dr. Ernst Bloch, bittet mich um eine Empfehlung an Sie, da er Sie wegen eventueller Habilitation anfragen will. Diese Bitte hat nur objektiven Charakter, und ich kann sie auch nur in demselben Sinne gewähren, da eine persönliche Beziehung zwischen dem jungen Mann und mir aus allerhand internen Gründen nicht mehr besteht. Ich fühle mich allerdings verpflichtet, über ihn auszusagen, dass ich ihn für ungewöhnlich begabt halte. Er hat den spezifisch spekulativen Geist, soweit ich sehen kann, in selten zu findenden Dimensionen."

Bloch, hemmungslos egozentrisch, wie er war, hat diese Empfehlung an Rickert als Urias-Brief empfunden und für sein Scheitern verantwortlich gemacht. Wie aber hat er überhaupt nach einer solchen Empfehlung fragen können? Er hatte sich gegen Simmels beste Freundin unziemlich verhalten und war, von Simmel zur Rede gestellt, derart uneinsichtig geblieben, dass Simmel ihn zur Tür wies und den Kontakt abbrach. Und welcher Professor hätte da trotzdem noch von einer ungewöhnlichen Begabung geredet? Zugleich tröstet Simmel die Freundin, die sich Vorwürfe macht, sie habe Bloch "zu nahe herankommen lassen". "Aber was ist das für ein ethisches Mißverständnis! Das ,Zu' ist doch nur dadurch entstanden, dass er die Nähe, die du ihm gestattet hast, mißbraucht hat! Sonst wäre er doch gar nicht zu nahe, sondern ganz richtig nahe."

Man möchte meinen, dass eine solche Freundlichkeit zum angeborenen Charakter gehört. Dann wäre die Lebensphilosophie, die auf die Inkommensurabilität der Individuen zielt, ohne auf verbindlich Wahres, Gutes und Schönes verzichten zu wollen, ein Ausdruck ebendes Simmelschen Charakters. Aber das unterschlägt, wie viel Nachdenken über Gesellschaft, Einfühlung, Takt in diesen Charakter eingegangen sind. Als den Schnittpunkt sozialer Kreise hatte der frühe Simmel das Individuum gedacht, und das lässt sich umkehren. Der gute Umgang ist der, der die Aspekte des Verhandelten auseinanderhalten kann. Bloch mag ein Rüpel sein, und das darf nicht verschwiegen werden, aber er ist ein Schüler und ein versprechender Philosoph.

Als Paul Ernst, dessen Frau einer Scheidung nicht zustimmen will, Simmel bittet, mit Pressionen einzugreifen, antwortet der mit einer sauberen Scheidung von Mittel und Zweck. "Ich kann mir keinerlei Recht zusprechen, einer Frau, die sich mir gegenüber stets freundschaftlich gezeigt hat und nie einen Grund zu persönlichen Vorbehalten gegeben hat, plötzlich mit Aussetzung der Beziehung zu drohen. Ich kann wohl, wenn ein bisheriger Freund sein Inneres als ein sittlich Unmögliches enthüllt, den Verkehr mit ihm abbrechen. Ich kann ihm aber nicht drohen: wenn er dies und das täte, würde ich den Verkehr mit ihm abbrechen; denn dieses Tun ändert ja das Innere gar nicht und ändert es um so weniger, je mehr es infolge meiner Drohung einträte. Es wäre einfach eine Erpressung und eine Brutalität, die Sie mir zumuten, und gerade weil es eine solche wäre, würde es seinen Zweck gänzlich verfehlen, ja, aller Wahrscheinlichkeit nach genau das Gegenteil bewirken. Da ich aber den Zweck selbst für wünschenswert halte, so will ich versuchen, das Meinige dafür zu tun. Den Weg dazu muß ich aber selbst wählen, wie er mir mit meinem Gewissen vereinbar scheint."

Und auf sich selber zurückgebogen, führt das Scheiden der Aspekte zu einer ruhigen Einschätzung der eigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Grenzen. Martin Buber wird der Wunsch nach einem Beitrag über osteuropäische Juden abgeschlagen. "Ich gehöre absolut nicht zu den Leuten, die, weil sie auf einem begrenzten Gebiet Sachkenner sind, sich einreden, sie wären Autorität überhaupt." Auch zu einer Diskussion eigener Theoreme ist Simmel nicht zu bewegen. "Ich habe meine Kraft immer nur auf die Produktion verwandt, ohne mich auf die Abwehr von Angriffen einzulassen - nicht aus Hochmut oder weil ich meine Gedanken für unangreifbar hielte, sondern weil ich glaube, auf diese Weise dem philosophischen Fortschritt besser zu dienen, als es durch Polemik geschehen könnte." Als Gundolfs Goethe erscheint, meldet Simmel dem Autor sofort "wahre Beglückung" durch die Lektüre und stellt sein eigenes Buch als bloße Vorarbeit hin. Wie schlecht er bei Gundolf wegkommt, übergeht Simmel bewusst, ja, er verschweigt sogar, worin er von Gundolf deutlich abweicht, um das Werk, für das er sich einsetzt, erst einmal bekannt zu machen.

Besonnen bleibt Simmel selbst da, wo es um das Ende der Differenzierungen zu gehen scheint, bei der Kriegseuphorie. Wohl finden sich reichlich Äußerungen über den Krieg als absolutes Ereignis. "Jeder muß empfinden, dass eine absolute Situation da ist, wie man sie sonst im Leben kaum kennt, in der es Relativitäten und Bedingtheiten überhaupt nicht mehr gibt." Es ist das ungeheuerste Erlebnis, "das Schicksal der ganzen Kulturwelt unmittelbar als das ganz persönliche zu fühlen, nicht mehr ein Teil, sondern zugleich absolute Unwichtigkeit und der Träger des Ganzen" zu sein.

Doch dann macht er eine ganz grundlegende Unterscheidung, indem er zurückweist, den Krieg einer "Objektivität der Wertungen" zu unterziehen. "Ich weiß nicht, wie der liebe Gott entscheiden würde; vielleicht anders als ich. Aber das geht mich jetzt gar nichts an, denn ich bin Partei und weiß, dass ich es bin. Vielleicht gerade in diesem Bewußtsein ein Unterschied gegen viele unserer Feinde, die sich vorreden - und manchmal auch glauben -, dass sie für Kultur, Gerechtigkeit und Freiheit und andre schöne Dinge kämpfen. Wenn ich selbst ein Kämpfer wäre, würde ich sagen: Nein, für solche allgemeinen menschlichen Werte kämpfe ich heute keineswegs. Sondern für Deutschland, weil ich es liebe; gerade wie ich für einen Menschen kämpfen würde, den ich liebe."

Tatsächlich gilt ein großer Teil der Briefe dem "Kreis der Menschen, deren seelischer Hauch die Atmosphäre bildet, in der ich lebe. Es sind die, die ich, noch jenseits aller objektiven Werte, liebe." Dass er sich von seinem Berliner Freundeskreis trennen musste, ohne in seinem Alter darauf rechnen zu können, einen neuen Kreis aufzubauen, hat ihn eigentlich an der Straßburger Stelle geschreckt. Und bewegend lesen sich die Abschiedsbriefe des Todkranken. "Ich rechne zu den großen Glücksfällen meines Lebens, dass wir uns begegnet sind. Leben Sie wohl, gedenken Sie meiner mit all der Liebe, die ich Ihnen bis zum letzten Augenblick bewahren werde."

Vielleicht ist es die Fähigkeit, alles an seinem Platz stehen zu lassen, die ein glückliches Leben ermöglicht. "Meine Freunde sollen wissen, dass ich ohne Hader mit dem Geschick aus dem Leben gehe, ohne Sehnsucht nach dem, was noch hätte kommen können. Die Welt hat mir so viel und mehr gegeben, als ich verdient und erwartet habe, ich habe ihr wenigstens nach dem Maß meiner bescheidenen Kräfte etwas zurückgegeben - die Rechnung ist fertig."

GUSTAV FALKE.

Georg Simmel: "Briefe 1912-1918". Jugendbriefe. Gesamtausgabe, Bd. 23. Hrsg. v. Otthein und Angela Rammstedt. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 1241 S., geb., 72,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Rezensent Ralf Konersmann begrüßt die nun im Rahmen der Gesamtausgabe der Werke Georg Simmels erschienenen Bände 22 und 23 mit der Korrespondenz des Philosophen und Soziologen. Er würdigt die zuverlässige Arbeit der Herausgeber, denen er bescheinigt, Konstellationen und Voraussetzungen der Korrespondenz dem Leser nahezubringen. Die Briefe verdeutlichen für Konersmanns, wie Simmel immer wieder von Kollegen an den Rand gedrängt wurde. Sie werfen seines Erachtens auch ein neues Licht auf die kurze Kriegsbegeisterung Simmels sowie auf sein Schwanken zwischen Philosophie und Soziologie und belegen, dass er sich im Zweifel als Philosoph verstand. Konersmann bedauert, dass wichtige Teile des Briefwechsels, darunter Korrespondenzen mit Sombart, Bergson, Goldschmidt, Durkheim oder Cassirer, verloren sind. Die erhaltenen Bruchstücke scheinen ihm gleichwohl "aussagekräftig und erhellend". Simmels Selbsteinschätzung, kein großer, ja überhaupt kein Briefschreiber zu sein, findet Konersmann durch vorliegende Bände jedenfalls widerlegt. Das genaue Gegenteil scheint ihm der Fall: "Nicht wenige seiner Briefe sind kleine literarische Kostbarkeiten".

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