Das Begehren nach der Wunde - Wennerscheid, Sophie
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Getrieben von einer brennenden Sehnsucht nach dem Religiösen und einem mindestens ebenso intensiven Drang, sich literarisch zu erschöpfen, war es Kierkegaard unmöglich, in sich selbst zur Ruhe zu kommen. Ausdruck dieser unerfüllten Getriebenheit ist das Motiv der offenen Wunde. Das Begehren nach ihr ist ein erotisch besetzter Akt wider Willen und macht einen Teil der Faszination des Denkens Kierkegaards aus. Kierkegaards Motiv der offenen Wunde faszinierte und beeinflußte nicht nur Karl Jaspers oder Martin Heidegger, sondern auch das Denken Jacques Lacans, George Batailles oder Judith Butlers.…mehr

Produktbeschreibung
Getrieben von einer brennenden Sehnsucht nach dem Religiösen und einem mindestens ebenso intensiven Drang, sich literarisch zu erschöpfen, war es Kierkegaard unmöglich, in sich selbst zur Ruhe zu kommen. Ausdruck dieser unerfüllten Getriebenheit ist das Motiv der offenen Wunde. Das Begehren nach ihr ist ein erotisch besetzter Akt wider Willen und macht einen Teil der Faszination des Denkens Kierkegaards aus. Kierkegaards Motiv der offenen Wunde faszinierte und beeinflußte nicht nur Karl Jaspers oder Martin Heidegger, sondern auch das Denken Jacques Lacans, George Batailles oder Judith Butlers. Wennerscheid zeichnet die Konturen dieser Wunde nach und macht sichtbar, inwiefern sie in ihrer obszön klaffenden Form dasjenige am menschlichen Körper ist, das unser Begehren als etwas weckt, von dem wir meinen, es uns verbieten zu müssen. Kierkegaard überschreitet die Grenze des Verbots über eine literarische Mimesis ans Dämonische. Die Wunde des Begehrens reißt immer wieder neu auf und entwirft ein Bild von Sünde, das an erotischer Verführungskraft wenig zu wünschen übrig lässt.
Autorenporträt
Sophie Wennerscheid, 1973 geboren, lebt als Autorin und Übersetzerin in Berlin. Sie lehrt am Nordeuropa-Institut der Humboldt-Universität und arbeitet am 'Kulturhus Berlin. Zentrum für nordeuropäische Kultur und Wissenschaft'.
Rezensionen
Besprechung von 02.05.2008
Im Reich der dunklen Seufzer
Die Wunde des Subjekts: Eine Studie erhellt Erotik und Religion im Denken Sören Kierkegaards
Ein leitmotivischer Satz im grandiosen Œuvre der im Herbst 2007 verstorbenen österreichischen Schriftstellerin Marianne Fritz lautet: „Das Leben ist eine Wunde, und die Wunde heilt so schwer”. Dieser Satz könnte aus dem Geiste Sören Kierkegaards geboren sein, eines Philosophen, den die Schriftstellerin durchaus rezipiert hatte, ohne ihn allerdings je beim Namen zu nennen: Er war für sie schlicht der Entweder-oder-Mensch. Tatsächlich aber spielt die Metapher vom Leben als einer Wunde bei Kierkegaard eine zentrale Rolle. Es ist damit nicht nur der Mensch in seiner endlichen, von Krankheit und Tod bedrohten leiblichen Existenz gemeint, sondern auch jenes Leben, dem der Geist, das Reflexionsvermögen, der Zweifel und das Bewusstsein der Schuld immer wieder quälende Wunden zufügt. Die Wunde ist auch das Stigma jenes Märtyrers der Reflexion, zu dem sich Kierkegaard stilisierte, ohne je genau darüber Auskunft zu geben, was denn nun der von ihm immer wieder beschworene „Pfahl im Fleische” eigentlich sei, der Denken und Leiden in eines zusammenfallen ließ.
In einer umfangreichen, faszinierenden und philologisch bestechenden Studie ist Susanne Wennerscheid diesem Motiv der Wunde im Werk Kierkegaards nachgegangen. Dem in der Kierkegaard-Literatur beliebten Spiel, über die biographischen Hintergründe von Kierkegaards Melancholie zu spekulieren, verweigert sie sich allerdings mit guten Gründen. Kierkegaard hatte einmal in einem Journaleintrag festgehalten, dass niemand nach seinem Tode in seinen Papieren eine Erklärung darüber finden solle, was eigentlich sein Leben ausgemacht habe. Und nicht ohne Koketterie prophezeite er: „. . . und deshalb werden dereinst nicht nur meine Schriften, sondern eben mein Leben, die intrigante Heimlichkeit der ganzen Maschinerie, studiert und studiert werden”.
Die Wildheit der Verführten
Kierkegaards öffentliches und privates Leben, seine unglückselige Beziehung zu Regine Olsen, sein kompliziertes Verhältnis zu seinem Vater, sein einsamer Kampf gegen die Dänische Staatskirche, sein verwachsener Körper haben Forscher, Biographen und Romanciers gleichermaßen fasziniert, und kaum eine Spekulation darüber, was es denn gewesen sei, das der schriftstellernde Theologe der Nachwelt vorenthalten wollte, wurde dabei ausgelassen: Exzessive Onanie, Syphilis, Epilepsie, Transsexualität, Homosexualität, Depression, Behinderung.
Wennerscheid sucht erst gar nicht nach der konkreten Verwundung des historischen Kierkegaard, sondern reflektiert den Stellenwert der Wunde im vielfältigen literarischen Werk des Dänen. „Die Selbstinszenierung Kierkegaards als Zerissener, Fragmentierter, Sich-selbst-Fremder vollzieht sich über die disparate Vielfalt seiner in sich fragmentarischen, zerstückelten Texte.” Inspiriert durch Autoren wie Georges Bataille, Judith Butler, Jacques Lacan oder Slavoj Zizek deutet Wennerscheid die Wunde nicht nur als schmerzende Folge einer Verletzung, sondern auch als Objekt eines geheimen Begehrens. In Caravaggios Darstellung des ungläubigen Thomas, der seinen Finger geradezu lustvoll in die Seitenwunde Jesu bohrt, sieht Wennerscheid diese Ambivalenz vorgezeichnet: „Die Wunde ist in ihrer obszön klaffenden Form, in ihrer fleischigen Beschaffenheit und in ihrer dunkelrot glänzenden Farbe dasjenige am und im menschlichen Körper, das unser Begehren als etwas weckt, von dem wir meinen, es uns verbieten zu müssen. An ihr wird, stärker als an anderen tabuisierten Orten sichtbar, dass sich jegliches Begehren am Nichtberührbaren und Unbegreifbaren entzündet.”
Dieser Dialektik von Verletzung und Obszönität, von Begehren und Verbot spürt Wennerscheid vor allem in den ästhetischen Schriften Kierkegaards nach, also jenen Texten, in denen Kierkegaard unter wechselnden Pseudonymen ein Arsenal von Kunstfiguren auftreten lässt, die in ihrem forcierten erotischen Verstrickungen und in ihren kreisenden Reflexionen kaum eine Facette der Frage, was es heißt, als begehrendes Wesen existieren zu müssen, ausließen. Genau am Text und mit einem wachen Gespür für komplexe literarische Konstruktionen entführt Wennerscheid den Leser in das von Kierkegaards so genannte „Reich der dunklen Seufzer”, in jene Tiefen und Untiefen des Begehrens, in denen im Wortsinn alle Grenzen zu verschwimmen drohen.
Vor allem an der von Kierkegaard mehrmals variierten Figur des dämonischen Verführers kann Wennerscheid zeigen, dass Kierkegaard einer der Ersten war, der die bürgerliche Ordnung der Geschlechter radikal in Frage stellte. Sinnlichkeit wird bei Kierkegaard „weder in ihrer verklärten, noch in ihrer verworfenen, sondern gerade in ihrer noch ,unbeschnittenen‘ Form verhandelt.” Diese Einsicht bedeutet allerdings auch, von einigen eingefahrenen Lektüregewohnheiten Abstand zu nehmen. Das im berühmten „Tagebuch des Verführers” durchexerzierte Verhältnis zwischen Johannes, einem skrupellosen Verführer, und Cordelia, einem sehr jungen Mädchen, lässt sich mitnichten als einfache Täter-Opfer-Beziehung lesen, sondern als höchst vertracktes Spiel von Macht und Erotik, wo der Genuss und die Verwundungen auf beide Seiten verteilt bleiben.
Weder ist Cordelia, das Objekt männlichen Begehrens, so schwach, wie gemeinhin angenommen, noch ist der Verführer jederzeit Herr der Lage. Wennerscheids provozierende These, dass Cordelias „erotischer Bildungsprozess” geradezu als „geglückt” gedeutet werden könne, wird wohl nicht ohne Widerspruch bleiben, ist allerdings durchaus gerechtfertigt. Lange wurde nämlich übersehen, dass sich bei Kierkegaard die Ambivalenz erotischer Beziehungen auch in einer Uneindeutigkeit der Protagonisten widerspiegelt. Wennerscheid kann durchaus überzeugend zeigen, dass etwa Cordelia eine selbstbewusste „knabenhafte Wildheit” aufweist, während der Ästhetiker A, der gemeinhin mit Johannes identifiziert wird, feminine Verhaltensweisen zeigt und auch homoerotische Phantasien hegt. Sexualität – Sören Kierkegaard wusste es lange vor Judith Butler – ist eine Sache der Konstellation, keine Frage der Ontologie.
Allerdings: Kein Begehren ist in einem moralischen Sinne rein. Dass es Moral, also Gebote und Verbote überhaupt gibt, strukturiert wesentlich das Begehren. Es will diese durch Moral gesetzten Grenzen überschreiten. Nichts wirkt so verführerisch wie ein Verbot, was immer auch sein Inhalt sein mag: „Markiert wird eine Grenze, die nicht überschritten werden darf, aber als solche wird die Grenze zugleich zu einem verführerischen Aufruf zur Überschreitung.”
Wehe, wenn sie zuwächst
Kierkegaards Insistieren auf die Schuldfrage in Liebesbeziehungen ist dabei nicht zu trennen von der religiösen Dimension, sofern Schuld nicht einen revidierbaren individuellen Fehltritt, sondern eine generelle Sündhaftigkeit meint. Damit ist aber auch die existentielle Dimension jener Wunde markiert, der Kierkegaards ambivalentes Begehren galt: „Die Wunde entsteht in dem Moment, in dem der Mensch sich seine Schuld, und das heißt immer auch die Nichtigkeit seiner Existenz vor Gott, eingesteht.” Die Wunde zu begehren heißt dann auf paradoxe Weise dafür zu sorgen, dass die Wunde sich nicht schließt. In einem seiner Journale hatte sich Kierkegaard in der Tat den folgenden Satz notiert: „Die Wunde offenzuhalten, kann ja auch gesund sein: eine gesunde und offene Wunde; manchmal ist es am schlimmsten, wenn sie zuwächst.”
Das Leben ist eine Wunde, und die Wunde heilt so schwer. Kierkegaard hatte in seinen Texten versucht, diese Wunde, die Erfahrung der Negativität, das Bewusstsein der Sünde als ein Begehren zu entwerfen, das sich als schmerzhafter Widerstand gegen jede falsche Versöhnung deuten lässt. Susanne Wennerscheid hat dies präzis auf den Punkt gebracht: „In der ungehorsamen Mimesis ans Dämonische entkommt Kierkegaard so als Autor der religiös eingeforderten ,Knechtschaft der Identität‘, dem Gebot der Selbsttransparenz und des in Gott Gegenwärtig-Seins.” Damit ist aber deutlich geworden, dass Kierkegaard einen ganz wesentlichen Beitrag zur modernen Frage schlechthin geleistet hat: Was heißt es, sich als Subjekt zu begreifen? KONRAD PAUL LIESSMANN
SUSANNE WENNERSCHEID: Das Begehren nach der Wunde. Religion und Erotik im Denken Kierkegaards. Matthes & Seitz, Berlin 2008, 351 Seiten, 32,80 Euro.
Der Anfang des Vorworts der Schrift „Entweder–Oder” in Sören Kierkegaards Handschrift vom November 1842. Foto: Det Kongelige Bibliotek, Kopenhagen
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Eine Dienstleistung der DIZ München GmbH
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Unsere Qualitätszeitungen sind in der Regel zu vornehm, um mitzuteilen, wer der Rezensent eines Buches ist - obwohl diese Frage gerade bei Sachbüchern Gewicht hat, denn solche Rezensionen spielen eine Rolle im akademischen Spiel. Also: Konrad Paul Ließmann, der das vorliegende Buch bespricht, ist außerordentlicher Professor am Institut für Philosophie der Universität Wien und selbst Autor einer Kierkegaard-Einführung. Er wird so fortgetragen von Wennerscheids Dissertation, dass er sie in professoraler Zerstreutheit beharrlich als "Susanne" Wennerscheid bezeichnet. Aber sie heißt Sophie. Nimmt man die Begriffe, um die es hier geht - "Wunde" und "Begehren" - und die Säuligenheiligen des Poststrukturalismus von Bataille bis Zizek, die offensichtlich Wennerscheids Argumentationen inspirieren, dann klingt das ganze eigentlich mehr nach einem Projekt aus den Achtzigern. Aber das Buch ist von jetzt, und Ließmann macht deutlich, dass die diffizile Dialektik von Leiden und Begehren, die Wennerscheid dem dänischen Philosophen abgewinnt, für ihn durchaus Erkenntniswert hat. Als Lehre nimmt er mit, dass in diesen Begriffen die entscheidende Frage der Moderne pulsiert: "Was heißt es, sich als Subjekt zu begreifen?"

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