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Der erste Band ist das persönlichste Tagebuch Kesslers. Seine Liebe zur Familie ist ebenso dokumentiert wie die Selbstreflexion, die in späteren Jahren ganz weicht. Studentische Besäufnisse, verwirrende Beziehungsgeschichten, die in einem Fall zum Mord der Geliebten führt, aber vorwiegend die Entwicklung von Freundschaften auf Spaziergängen, bei Theater- und Musikaufführungen (Gewandhaus) sowie in Gesellschaften prägen Band I.
Der digitale Text der gesamten Ausgabe wird 2019 vom Literaturarchiv Marbach online bereitgestellt. Im Vorwort des ersten Bandes finden Sie die Hinweise dazu.
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Produktbeschreibung
Der erste Band ist das persönlichste Tagebuch Kesslers. Seine Liebe zur Familie ist ebenso dokumentiert wie die Selbstreflexion, die in späteren Jahren ganz weicht. Studentische Besäufnisse, verwirrende Beziehungsgeschichten, die in einem Fall zum Mord der Geliebten führt, aber vorwiegend die Entwicklung von Freundschaften auf Spaziergängen, bei Theater- und Musikaufführungen (Gewandhaus) sowie in Gesellschaften prägen Band I.

Der digitale Text der gesamten Ausgabe wird 2019 vom Literaturarchiv Marbach online bereitgestellt.
Im Vorwort des ersten Bandes finden Sie die Hinweise dazu.

Mit zwölf Jahren, am 16. Juni 1880, beginnt Kessler sein Tagebuch in englischer Sprache, wohl um seinen Internatsaufenthalt in Ascot vorzubereiten. Die rasche Entwicklung seines Ausdrucks ist nur einer von vielen Entwicklungszweigen dieser Zeit bis 1892. Seiner Schulzeit in der St. George's School, die auch Churchill besucht hatte, folgt die Oberstufe am berühmten Johanneum in Hamburgund damit erste Anfänge in Debattierclubs mit kulturellen und historischen Themen, die zunächst in Bonn, dann in Leipzig bei der Cannitzer Gesellschaft kultiviert werden. Vor allem als Student der Jurisprudenz, aber auch der Kunstgeschichte in Leipzig schmiedet Kessler Freundschaften, die ein Leben lang bedeutsam bleiben. So wird das Tagebuch auch zunehmend zum Behälter für Kesslers Gedanken zur Kunst, Kultur und zur Geschichte.
  • Produktdetails
  • Das Tagebuch 1880-1937. Leinen-Ausgabe
  • Verlag: Klett-Cotta
  • Seitenzahl: 879
  • Erscheinungstermin: 26. November 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 238mm x 167mm x 68mm
  • Gewicht: 1623g
  • ISBN-13: 9783768198110
  • ISBN-10: 3768198111
  • Artikelnr.: 12424142
Autorenporträt
Harry Graf Kessler, geboren 1868 in Paris. Kindheitsjahre in Frankreich und England. Jurastudium in Bonn und Leipzig. 1895 Aufsichtsrat der Zeitschrift »PAN«. Mehrere Weltreisen. Bekanntschaft mit u.a. Hofmannsthal, Henry van de Velde, Rilke, Rathenau. Tätigkeit für das Nietzsche-Archiv in Weimar. 1913 Erste Werkstatt der »Cranach- Presse«. 1917 Friedenssondierungen mit Frankreich. 1918 deutscher Gesandter in Warschau. März 1933: Kessler verlässt Deutschland. Übersiedlung nach Paris, dann nach Mallorca. 1937 Kessler stirbt in Lyon.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 24.04.2004

Die Sünde der Trägheit
Tausend Bekannte: Der erste Band der Tagebücher von Harry Graf Kessler ist erschienen / Von Gerhard Schuster
Thomas Mann war entsetzt. Als er 1933 erfuhr, dass die Gestapo seine intimen Tagebücher gelesen haben könnte, und die Wachstuchhefte erst nach bangen Wochen zurückerhielt, verbrannte er sie eigenhändig. Zur gleichen Zeit mietet für die seinen Harry Graf Kessler einen Safe in Palma di Mallorca – für die Dauer von fünfzig Jahren. Als die Bank den Safe 1983 öffnet, kommt nicht das Pandämonium eines Schriftstellerlebens zutage, sondern die Requisitenkammer einer ganzen Epoche: ein brillantes Protokoll von Personen, Ereignissen, Lektüren, Atmosphären aus der Sicht eines selten Beteiligten, aber immer Unabhängigen. Er ist von Beruf nur Zeitgenosse gewesen.
Niemand von den „tausend Bekannten”, für die Hofmannsthal seinen Freund gelegentlich verhöhnt, hat gewusst, mit welcher Energie Kessler diese Aufzeichnungen lebenslang bis wenige Wochen vor seinem Tode am 30. November 1937 fast ohne Unterbrechung niederschrieb. Dass es sich dabei nicht um einen Beichtspiegel der eigenen Seele handelt, sondern um eine Verbuchung alles dessen, was Kessler wahrnimmt und voranzutreiben glaubt, hat erstmals Wolfgang Pfeiffer-Belli in seiner einbändigen Auswahl aus dem Zeitraum 1918-1937 sichtbar gemacht – nach den eilig hergestellten Abschriften wahlloser Hefte, die ihm Kesslers ängstliche Schwester Wilma de Brion und ihre törichte Freundin Dora von Bodenhausen – ein rechtes duo infernal – am Teetisch in Ascona gnädig zureichten. Was 1961 mit tatkräftiger Hilfe des Lektors Fritz Arnold im Insel-Verlag zutage kam, begründet Kesslers Ruhm als meistzitierter Augenzeuge der Zwanziger und Dreißiger Jahre.
Gesichter und Zeiten
Flankiert wird dieses Tagebuchwerk von einer geradezu krakenarmigen Korrespondenz, die bis heute in den publizierten Briefwechseln mit Eberhard von Bodenhausen, Hugo von Hofmannsthal, Andre Gide und Edward Gordon Craig erst bruchstückhaft vorliegt. Als Kessler Deutschland nach dem Reichstagsbrand verlässt, begleiten ihn seine frühen ledergebundenen Tagebücher nach Spanien, wo er die Memoiren „Gesichter und Zeiten” weiterzuführen hofft, deren erster Teil unter dem Nietzsche-Titel „Völker und Vaterländer” noch 1935 erscheint. Weitere Tagebuchbände, mutmaßlich in der Berliner Wohnung gestohlen, tauchten seit den sechziger Jahren bei zwielichtigen Kulturgut-Schiebern auf. Hartnäckig hat Bernhard Zeller, der Gründungsdirektor des Deutschen Literaturarchivs, bis 1984 jede dieser Spuren verfolgt und über die Umstände der Auffindung in seinen „Marbacher Memorabilien” diskret geschwiegen.
Als ich 1987 dem Deutschen Literaturarchiv eine Jahres-Ausstellung über dieses „Tagebuch eines Weltmannes” vorschlug, führte eine Recherche-Reise in die Auvergne. Kesslers Neffe Jacques de Michel-Duroc Marquis de Brion trat uns dort wie ein französischer Dubslav von Stechlin entgegen. Jeden Mittag saßen wir zwischen schnatternden Schulkindern mit dem respektvoll begrüßten Dorfherrn und seinem uralten Pudel Nausikaa vor einer grauen foie gras im armseligen Gasthaus von Fournels (Departement Lozère). Melancholisch zeigte er auf einen unbeschrankten Bahnübergang – dies sei die Stelle, wohin „mon oncle Arry” sich nach 1933 immer einmal habe bringen lassen, schon todkrank, um dem vorüberbrausenden Fernzug Marseille-Paris nachzusehen. Im halb zerfallenen Cinderella-Schloss der Brions, die einst Napoleon zu Herzögen von Friaul erhob, fanden sich weitere Teile des Nachlasses, zerfledderte Briefschaften, Photos, Broschüren. Beim Zusammenscharren auf dem Dachboden, wohin die Papiere 1937 geraten waren, stießen wir uns im Halbdunkel den Kopf an etwas seltsam Ungefügem – der arabische Damensattel von Kesslers Mutter hing mit baumelnden Steigbügeln überm Gebälk. Zwischen Taubenfedern und Mäusedreck hielt ich plötzlich das erste Tagebuchheft des Zwölfjährigen von 1880 in Händen.
Von da an schien die Rekonstruktion dieses romanhaften Lebens nur noch eine Kleinigkeit zu sein. Kaum sind siebzehn Jahre vergangen, liegt tatsächlich der erste Band vor. Soviel Ordnung Kessler in seinem Leben auch schreibend gehalten hat – hier wird mit dem Zeitraum von 1892 bis 1897 begonnen und der von 1880 bis 1891 erscheint zuletzt. Die Begründung? „Um dem langersehnten Tagebuchwerk mit einem Text ans Licht der Welt zu helfen, der bislang noch unbekannt ist.” In diesem Stil, durchweg, werden wir hier geholfen.
Ein starker Band von fast 800 Seiten. Darin eine Weltreise 1892, eine riskante Expedition durch Nordamerika und Mexiko 1896/97, Jura-Studium und einjähriger Militärdienst als Garde-Ulan in Potsdam. Dazwischen die Aufbrüche des modernen Denkens und Sehens, die Mitgründung der Kunstzeitschrift „Pan”, erste Arbeitsbündnisse mit Bodenhausen, Julius Meier-Graefe und Edvard Munch, mit Liebermann und Klinger, das Erlebnis Gerhart Hauptmanns und der Philosophie Nietzsches, die umstürzenden Reflexionen über Henri de Regnier.
Kessler, der gelangweilte Rechtsreferendar am Berliner Kammergericht und heimliche Großdiplomat in spe, will zu jenem Zeitpunkt noch Alles. Bevorzugt man nicht Formeln wie die Alfred Webers vom „Renten-Intellektuellen” (und der wäre am Ende so verächtlich nicht wie ein Gehalts-Intellektueller), ist er als weltläufiger Flaneur geeigneter denn als reichsdeutscher Untertan. Kessler kann sich entweder zu nichts oder nur für zuviel entscheiden; und genau das bleibt lebenslang seine Qualität. Die Einleitung des Bandes nennt ihn – frei nach Martin Doerry – einen „Wilhelminer auf großer Fahrt” und stolpert staunend nicht nur den ehemaligen Lebensstationen des Diaristen hinterdrein, sondern vielfach auch dem aktuellen Forschungsstand.
Dass man ein so singuläres Dokument Zeile für Zeile kommentiert wissen möchte, wie dies Inge Jens bei Thomas Mann oder Adolf Frisé bei Robert Musil ohne viel Aufhebens nahezu allein geleistet haben, versteht sich. Dass sich die Marbacher Herausgeber selbst jeden Stellenkommentar verbieten, weil sonst der „Tagebuchtext unter der Überfülle der Anmerkungen verschwände”, ist leichter dahingesagt als plausibel formuliert: „Hier galt es Zurückhaltung zu üben und die spezifischen Möglichkeiten unterschiedlicher Publikationsmedien zu nutzen.”
Angeschaute Seelen
Und geübt wird in der Tat allenthalben. Gönnerhaft vermerkt das Vorwort: „Das Tagebuch Harry Graf Kesslers ist eine hoch bedeutsame Forschungsquelle, es spricht aber auch ein interessiertes Lesepublikum an, das an manchen Stellen Verständnishilfen braucht.” Aber obwohl – ein archivarischer Glücksfall – der gesamte erhaltene Nachlass Kesslers in Marbach liegt, wird auf alles verzichtet, was für die Rekonstruktion der Lebensbeziehungen bei einiger Kennerschaft so leicht machbar wie zwingend notwendig wäre: die Zusammenführung und Auswertung der brieflichen Überlieferung. Viele Abbreviaturen in den Tagebuchaufzeichnungen ergeben sich aus Korrespondenzen mit Künstlern, Politikern, Theaterleuten, die wohlgeordnet in den Archiven von Chicago, Paris und London liegen, von deutschen Sammlungen zu schweigen. Bleibt dieser Reichtum auch in den Folgebänden, für die Zeiträume rastloser Aktivität Kesslers zwischen Museumsarbeit und Buchkunst, Tagespolitik und Völkerbundsideen, unberücksichtigt?
Wer Harry Graf Kessler als bloßen Aufpasser und Mitschreiber seiner Zeit versteht, dessen Einsichten es gar „an den Ergebnissen der Geschichtsforschung zu überprüfen” gelte, der ignoriert in großspuriger Negation methodische Impulse, wie sie 1905 schon Hofmannsthal vermittelt: „Warum ist Kessler kein Künstler? Er wäre etwa kein großer, und so ist er etwas mehr: er ist ein Künstler in lebendigem Material: verschafft Seelen einen Anblick, führt Erscheinungen einander zu. Erwarte von Kessler: Anleitung, fremde Charaktere zu genießen.”
Viel Erwartung, aber nichts von Anblick, geschweige denn Genuss oder gar Kunst. Die Arbeitsstelle prunkt zwar (unter www.dla-marbach.de/einricht/projekte/hgk) im handelsüblichen EDV-Schwulst, verwechselt aber eine – vermutlich pfiffige – Software mit Editionsprinzipien, die dem Gewimmel zeitgenössischer und historischer Personen gewachsen wären. Als könnten mustergültige Tagebuch-Ausgaben von Joseph Goebbels bis Thea Sternheim nur irritieren, ist trotz des immerhin millionenschweren Vorhabens jeder Seitenblick auf dergleichen Standards vermieden.
In ulkiger Begrifflichkeit werden die rund zehntausend erwähnten Namen in aufsteigender Bedeutung als „Bildungsgut”, „Komparsen”, „Akteure” und „Dramatis personae” klassifiziert. Kunterbunt mischen sich in verlorenen Fußnoten die Identifizierungshilfen für das Register (Hamlet siehe unter Shakespeare und Parsifal unter, ja, Wolfram von Eschenbach) mit Belangen der Textkritik, wobei der gedruckte Wortlaut nur eine Lesefassung bietet. Eine Wiedergabe sämtlicher Entwürfe, Streichungen, Einschübe und Korrekturstufen ist für eine „Hybrid-Edition” (gesprochen „Hai-Pritt”) auf CD-Rom reserviert. Sämtliche Verständnisfragen bei einem (als Handschrift mühelos entzifferbaren) Wortlaut von insgesamt rund 10 000 Manuskriptseiten soll einzig ein monumentales Register beantworten, das in diesem Band 250 Seiten umfasst, im Idealfall also eine Art von Kessler-Lexikon.
Dass seiner Anlage im gedruckten Buch jeweils soviel Aufmerksamkeit widerfahren würde wie den Sitzfleisch-Problemen der Textkonstitution, ist freilich eine irrige Erwartung. Wohl findet, wer in der Not seines schwindenden Erinnerungsvermögens von diesem Index ausgeht, unter dem Datumseintrag eine Entsprechung. Umgekehrt ist das schwierig, und nach Stichproben her und hin resigniert man bald.
Da ein Anmerkungsapparat fehlt, wo das für Spürnasen immer provokante „Nicht ermittelt” stünde, fällt demnach stillschweigend unter den Tisch des legendären Gastgebers, was den Bearbeitern als uneindeutig erscheint. Und das sind nicht bloß Quisquilien. Bereits die Anlage als „Namensregister” erschwert jede Orientierung. Geographica werden zwischen Personen einsortiert, und „Plätze” (Notre Dame oder eine Garnisonkirche) unter den Städten geführt, analog zu Werktiteln bei Autoren. Wo die Einleitung das Hohelied des Globetrotters singt, erklingt im Register das Echo eines alphabetischen Gänsemarschs: Calcutta rangiert zwischen Cäsar und Calderon, aber Charlottenburg steht unter Berlin. Aufgenommen bei diesem chronisch Reisenden werden Orte nur dann, wenn sich damit die Erwähnung einer „Körperschaft” verbindet. Vergleicht Kessler am 11. März 1892 die „reiche u. leberkranke” Gesellschaft von Palatka in Florida mit der ihm ebenfalls bekannten von Monte Carlo und Nizza, oder denkt er am 14. Juni 1892 in Darjeeling angesichts des Himalaya an den Rigi, so fällt das – und nicht nur dieses – durch die Raster der gelangweilten Aufmerksamkeit.
Beschreibt er, wie am 7. März 1892, die Niagara-Fälle, so sucht man den Nachweis der unvergesslichen Passage vergebens – sie wird einzig in einem nützlichen „Register der Schreiborte” berücksichtigt. Merke demnach: Tagebucheinträge über Orte, die an eben diesem Ort erfolgen, suche nicht, wenn, wie beim Wasserfall, zugleich keine Körperschaft erwähnt ist.
Tout Berläng
Da man Lokalitäten durchweg ohne erläuternden Zusatz führt, bleibt es der Situationskomik in einer Erwähnung überlassen, ob Kessler mit dem „Römischen Bad” Schinkels Gebäudekomplex im Park von Sanssouci meint oder die gleichnamige Berliner Sauna als Stricher-Treffpunkt. Vermerkt er, wie tagelang im Februar 1894, „In der Bibliothek gearbeitet”, tippen die Bearbeiter auf häusliche Verhältnisse, aber gemeint ist nur der Lesesaal der berühmten „Kommode” Unter den Linden. Dass man die Garnisonkirchen von Potsdam und Berlin verwechselt, muss wohl durchgehen, da beide Gebäude ohnehin heute nicht mehr erhalten sind.
Dass einem leidenschaftlichen Theaterhabitué wie Harry Graf Kessler, dem Tamara Barzantny soeben eine Monographie gewidmet hat, nicht das Glück zuteil wird, alle von ihm beehrten Spielstätten hier wieder versammelt zu wissen, obwohl jeder zeitgenössische Baedeker sie aufzählt, ist ärgerlich, denn die gesehenen Revuen, Operetten und Stücke sind ja aus der Tagespresse mühselig eruiert. Für Historiker ist also diese Erschließung wenig hilfreich. Cafés, Restaurants und Hotels in Berlin, Leipzig und anderswo gelten zwar als Körperschaften, sind aber nach einem undurchschaubaren Appetitprinzip berücksichtigt. Als Aufnahmekriterium ließe sich vermuten, dass man preiswerten Häusern den Vorzug gab.
Gerade in diesen neunziger Jahren knüpft sich Kesslers soziales Netz aus den Koordinaten der preußisch-deutschen Adelsgesellschaft und ihrer Salons, „Tout Berläng”, mit Max Liebermann zu reden. Trotzdem frönt die Edition der Unart, selbst nachgeordnete Mitglieder regierender Fürstenhäuser unter ihren Vornamen anzusetzen. Keine Rede von Preußen oder Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg oder Clarence and Avondale oder Sachsen-Altenburg im Bündel des jeweiligen Familienclans. Sondern Eitel-Friedrich und Irene, Ernst Günther und Albert Viktor, Helene und Aribert Joseph Alexander – Prinzen, Dukes und Herzoginnen in irrlichternder Streuung. Füge doch, wer wissen will, wie damals die Macht des Mondänen mit- und untereinander zusammenhängt, sich beim interaktiven Blättern selbst die nostalgischen Verweise ein.
Der Friedenskaiser
Auch die Charakterisierungskunst der Register-Einträge fällt hinter die physiognomische Treffkraft ihres Protagonisten Kessler zurück. Zum Beispiel? „Wilhelm II. (. . .) Vorliebe für Uniformen, Kostüme, Hoffeste u. Paraden; seine unkontrollierten Reden u. Taktlosigkeiten waren sprichwörtlich, sein Dilettieren in den Schönen Künsten berüchtigt; (. . .) ließ sich beim silbernen Regierungsjubiläum 1913 als ,Friedenskaiser‘ feiern; ermunterte in der Julikrise 1914 Österreich zur Kraftprobe mit Serbien.” Was wird da bei Friedrich Ebert, Walther Rathenau, Gustav Stresemann, Hindenburg oder Hitler zu lesen sein?
Wer so anspruchsvoll wäre, ein Sachregister zu vermissen, in dem sich Begriffe wie Antisemitismus und Sezession, Buchkunst, Moderne und Naturalismus, Völkerbund oder Pazifismus fänden, der möge Kesslers eigenen Stichwortzetteln nachtrauern, mit denen er sich einst die zentralen Impulse seines Lebens im Rückblick strukturiert hat; denn Feinhermeneutik lässt sich eben computertechnisch noch nicht indizieren. Wen die Grundlinien der ästhetischen Projekte und politischen Phantasien interessieren, der studiere nach Kesslers Essays und Erinnerungen die Biographie von Peter Grupp oder das Wunderbuch von John Dieter Brinks über den Gründer der legendären Cranach-Presse; aus diesem wird auch ersichtlich, wie wenig dessen typographische Sorgfalt den Buchgestaltern seiner postumen Tagebuch-Edition imponiert. Es sei die Trägheit gewesen, erzählte Jacques de Brion versonnen, vor der sich der „homme vapeur” als einer Zivilisationskrankheit zeitlebens am meisten gefürchtet habe . . .
Aber ist das nicht alles vollkommen gleichgültig, gemessen an dem Wunder, dass wir diese nach den Tagebüchern Varnhagen von Enses zweite große Grundurkunde deutscher Zeitgeschichte in diesem Leben überhaupt noch lesen dürfen? Zwei Bände erscheinen jetzt jährlich, insgesamt neun sind es bis 2007. Wir sollen dankbar sein dafür, dass der Herausgabezeitraum nicht wieder einmal länger dauert als die seinerzeitige Erlebnislänge. Und dankbar vor allem dafür, dass man sich nicht mit der einst ernsthaft erörterten Absicht einer Auswahl-Ausgabe durch wissenschaftliche Betreuer begnügen muss, die sich selbst in Kesslers Kosmos ungefähr so bewegen wie erschöpfte Touristen in den Ruinen von Pompeji. Und dankbar sein wollen wir außerdem, dass es, erstmals beim dritten Band und dann am Ende der Reihe noch einmal, eine CD-Rom geben soll, mit den „nötigen Suchwerkzeugen”. Das wird nötig sein.
Die erste dieser glitzernden Scheiben dürfte man bei Ausgabe der zweiten – in sagen wir zehn Jahren – technisch nicht mehr lesen können, aber sie bietet ja ohnehin, tröstet man uns schon heute, noch keinen „zitierfähigen” Text. Als Lesezeichen in den ungeschlachten roten Bänden, zu deren in jeder Zeile aufregenden Lektüre sich eine Liegestuhl-Bibliothek und ausreichende Surf-Zeit empfiehlt, mag sie immerhin dienlich sein. Was sind, fragt Rudolf Borchardt, die größten Blumenfeinde? „Mehltau, Mäuse und Gärtner”.
HARRY GRAF KESSLER: Das Tagebuch 1880-1937. Hrsg. von Roland S. Kamzelak und Ulrich Ott, unter Beratung von Hans-Ulrich Simon, Werner Volke(†) und Bernhard Zeller. Zweiter Band 1892-1897. Hrsg. von Günter Riederer und Jörg Schuster unter Mitarbeit von Christoph Hilse, begonnen von Angelika Lochmann. (Veröffentlichungen der Deutschen Schillergesellschaft, Bd. 50.2) Cotta Verlag, Stuttgart 2004. 771 Seiten, 58 Euro.
Der Verfasser ist Herausgeber der dreibändigen „Gesammelten Schriften” Harry Graf Kesslers (Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1988) und Bearbeiter des Katalogs und der Ausstellung „Harry Graf Kessler. Tagebuch eines Weltmannes” (1988); er leitet das Rudolf Borchardt Archiv in Rotthalmünster.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung exklusiv über www.diz-muenchen.de
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Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.05.2004

Als das Ich gegründet wurde
Weltgeschichte als Liebesgeschichte: Die Tagebücher von Samuel Pepys erzählen vom Anfang des Privaten

Vielleicht hätte Samuel Pepys an diesem Morgen nicht auf den Jahrmarkt gehen sollen. Die Peinlichkeit wäre ihm erspart geblieben. Aber da der neugierige Schiffahrtsbeamte Pepys noch nie in seinem Leben eine staunenswerte Attraktion ausgelassen hatte, mußte er also am 1. September 1668 auf den Jahrmarkt, um die berühmte Stute zu bewundern, die rechnen und Geld zählen konnte. Sie rechnete auch wirklich schön und zählte, und nach manch anderem Kunststück wurde sie aufgefordert, jenen Mann im Publikum aufzusuchen, der am liebsten den Frauen nachsteige. Kein Problem für das schlaue Pferd. "Die Stute kommt geradewegs zu mir", schreibt der entlarvte Beamte am Abend in sein Tagebuch. Einen weiteren Kommentar spart er sich. Er weiß ja selbst, wie recht die Stute hat und daß hier vor ausgelassenem Publikum der wohl größte Damenhinterhersteiger der damaligen Welt entlarvt wurde. Doch ist ihm das peinlich? Zeigt sich Scham in seinem Inneren? Keine Spur, überhaupt keine Spur.

Die geheimen Tagebücher, die Samule Pepys, der in kürzester Zeit vom kleinen Beamten zum Flottenbeauftragten des Königs aufstieg, zwischen 1660 und 1669 führte und die jetzt in einer neuen Zusammenstellung auf deutsch erscheinen, sind ein Dokument der Schamlosigkeit, der schonungslosen Selbstbetrachtung, der selbstzweifelsfreien Ich-Feier, der Lebensfeier durch die Schrift. Entstanden in einer Zeit, als "das Private" überhaupt erst entdeckt wurde, sich langsam vom "Öffentlichen" abspaltete und das Individuum sich gegen die zunehmende Macht des Staates mehr und mehr behaupten mußte: Das Ich betrat die Bühne, und Samuel Pepys war sein früher Dokumentarist. Seine Tagebücher sind eine Manifestation dieser selbstbewußten Privatheit. Einer neuen Ich-Begeisterung. Einer radikalen Subjektivität. Als sie Anfang des 19. Jahrhunderts in England entdeckt worden waren und man die wenig bekannte Stenographenschrift, in der sie geschrieben waren, entschlüsselt hatte, waren sie eine Sensation. Und das sind sie auch heute. Während um uns herum jede Privatheit mit immer grelleren Scheinwerfern ausgeleuchtet und damit abgeschafft wird, sind diese Texte aus den Gründungszeiten des Ichs und des privaten Lebens fast ein Wunder.

Das Leben enthüllen

Pepys' (sprich übrigens: Pieps!) Tagebücher sind der Anfang. Der Anfang jener tagebuchfreudigen Enthüllungswelt von heute. Was ist das, dieses Tagebuchding? Warum sind alle Kritiker und Leser so hemmungslos begeistert etwa von den gerade erschienenen Tagebüchern des Weltmannes, Dandys, Kunstsammlers, Autors und Mäzens Harry Graf Kessler vom Ende des 19. Jahrhunderts? Ist es Hoffnung auf Authentizität, die man hier zu finden glaubt? Eine gefühlte Teilnahme an einem Leben, das man für glanzvoller hält als das heutige? Die Namensliste eines einzigen Bandes der Kessler-Tagebücher umfaßt 224 Seiten. 12 000 Namen werden in den Tagebüchern genannt. Die Kessler-Tagebücher sind die "Bunte" der vorvergangenen Jahrhundertwende, und der Diarist soll Klatschreporter der Künstlerwelt von damals sein. Doch leider verweigert sich Kessler dieser Rolle meist. Deutet - vor allem die eigenen - Leidenschaften meist nur an, wägt, mit innerlich abgespreiztem kleinen Finger, immer alles kritisch ab, zweifelt, denkt unentwegt über die eigene Rolle nach, sagt Wir statt Ich, überwacht die Welt und läßt sich selbst keinen Moment unbeobachtet. Und wenn ihm sein Ich in einem schwachen Moment einmal entschlüpft, dann deutet der Diarist nur an: "Nachher noch im Pschorr; sehr wüst". Aha. Insgesamt: sehr vornehm, sehr lehrreich, aber auch enttäuschend. Da hat sich eine gigantische Fiktions- und Andeutungsmaschine als Dokumentation verkleidet. Neun Bände sollen es insgesamt werden. Keine Kessler-Zeile soll verlorengehen. Und kein Name in der endlos langen Liste.

Von Pepys' Tagebüchern gibt es auch in der neuen Ausgabe auf deutsch wieder nur Auszüge. Das Original in voller Länge kann man im Internet unter www.pepysdiary.com lesen. Doch die Auszüge sind gut gewählt. Wir wollen ja nicht gelangweilt werden. Und gelangweilt wird man in diesem herrlichen Enthüllungsbuch in keiner Zeile. Das liegt nicht nur daran, daß hier einer, der von der Publikationsmöglichkeit eines Tagebuchs nicht im entferntesten etwas ahnt, ganz unverstellt und selbstschutzlos aus seinem glücklichen Beamten- und Liebesleben berichtet, sondern auch daran, daß er von einer geschichtlichen Epoche erzählt, in der sich in London in so kurzer Zeit so viel Außerordentliches ereignet wie kaum je davor oder danach. Es ist die Zeit der Restauration. Der Königsmörder Cromwell ist tot und wird nach der Krönung von Charles II. aus seinem Grab geholt und öffentlich gevierteilt. Der Krieg gegen die Holländer tobt immer heftiger, man fürchtet täglich den Sturm der Stadt; die schwerste Pest sucht London heim und rafft in kürzester Zeit ein Sechstel der Bevölkerung dahin, nur ein Jahr später zerstört das große Feuer vier Fünftel der City.

Pepys ist überall dabei. Und Pepys schreibt alles mit. Subjektiv, ungeschönt, ungerecht. Weltgeschichte als Privatgeschichte. London brennt, und Herr Pepys vergräbt seinen Parmesankäse im Garten. Die Pest wütet, und Herr Pepys fragt sich, "wie sich das auf die Perückenmode nach der Zeit der Pest auswirken wird", da doch niemand sicher sein kann, daß für das erstandene Stück nicht das Haar eines Pestopfers verwendet wurde. Die Holländer kommen, und Herr Pepys versucht, sein Gold zu retten und seine Tagebücher. Die Frauen englischer Kriegsgefangener wollen sein Haus stürmen, da er dafür verantwortlich zu sein scheint, daß ihre Männer keinen Sold bekommen, solange sie in Gefangenschaft sind, und Herr Pepys sorgt sich darum, ob das jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt ist, seinen Diener loszuschicken, um eine Wildbretpastete zu kaufen. Während der Krönungsfeierlichkeiten werden wir über die Dringlichkeit seines Harndrangs informiert.

Vom König hält Samuel Pepys nicht viel. Denn wenn auch in diesem Tagebuch ein jedes Lebensereignis von diesem unfaßbar lebensbegeisterten Menschen in persönliches Glück gewendet wird, bei dem jedes Jahr mit einer persönlichen Glücksbilanz - Frau gesund, ich gesund, Vermögen gewachsen - abgeschlossen wird, wenn es um den König geht, fängt Pepys' Unglück an. Der Mann ist der Untergang des Königreichs, durch Verschwendungssucht, unmoralisches Leben, Trunksucht und Regierungsmüdigkeit bringt er das große Glück ins Wanken. Er regiert nicht, schweift nur aus. Und bevor er Tennis spielt, läßt er eine große Stahlwaage auf den Platz tragen, läßt sich öffentlich wiegen, spielt eine Weile und läßt dann erneut die Waage bringen. Ergebnis: viereinhalb Pfund hat er verloren. Applaus, Applaus. Ein lächerlicher Fitneßkönig im Diätdelirium. Nicht ernst zu nehmen. Als Pepys ihn frühzeitig auf den großen Brand aufmerksam macht, der sich auszubreiten droht, und Strategien entwickelt, wie dieser einzudämmen sei, erntet er nur Schulterzucken. Später begegnet er ihm wieder. Beide beobachten von der Themse aus den Untergang der brennenden Stadt. Der König hätte es verhindern können.

Das Glück festhalten

Doch ist das Königsunglück für Pepys klein im Vergleich zu all den Glücksmöglichkeiten des Lebens. Alles kann Samuel Pepys preisen. Alles kann der Grund sein für besonders gute Laune. Jeden zweiten Tag hat er einen Jubelgrund: den schönsten Hund gesehen, die beste Lammschulter gegessen, die schönste Frau berührt, das beste Fest gefeiert, den schönsten Theaterabend erlebt, den besten Wein der Welt getrunken. Pepys kann sein Glück nicht fassen, und deshalb hält er es jeden Abend im Buch fest. Ganz fest. Und man kann heute noch lesend miterleben, wie es war, im 17. Jahrhundert zum ersten Mal ein Orangenbäumchen zu sehen, zum ersten Mal ein Aquarium, zum ersten Mal Orangensaft zu trinken ("Es ist ein gutes Getränk, doch da es neu ist, weiß ich nicht, ob es mir bekommen wird") oder zum ersten Mal eine Uhr zu tragen: "Mein Gott, wie eitel und kindisch ich bin, daß ich den ganzen Nachmittag in der Kutsche die Uhr in der Hand halten und wohl hundert Mal nachsehen mußte, wie spät es war."

Doch das größte Glück sind immer: die Frauen. Obwohl in romantischer Liebesheirat glücklich mit der Hugenottin Elizabeth vereint, ist Pepys unentwegt auf Busensuche, ständig fingert er die Frauen an, nutzt jede Kutschfahrt, jeden Theaterbesuch zum Miederöffnen und umschreibt die nur selten abgewiesenen Liebesakte präzise, aber doch leicht verschämt in einem italienisch-spanisch-französischen Sprachgemisch. Doch manchmal hat auch der Glücklichste Pech: "Ausgerechnet in dem Moment, als ich con meiner Hand sub su Rock war und meine main tatsächlich in ihrer Ritze hatte, stand plötzlich meine Frau im Zimmer . . ." Da kommt selbst der tausendschlaue Samuel Pepys in Erklärungsnöte. Und schreibt es alles auf.

Warum eigentlich? Warum hat er es aufgeschrieben, haben sich viele Forscher gefragt. Kein Gedanke war, als er es schrieb, natürlich an eine Veröffentlichung. Auch Freunde hat er nie hineinsehen lassen. Schon gar nicht, selbstverständlich, seine Frau. Und auch er selbst hat scheinbar nie zurückgeblättert. Warum also? Vielleicht ja wirklich nur, um all das festzuhalten. Die Flüchtigkeit. Das Glück. Als er, nach neun Jahren das Schreiben wegen eines Augenleidens plötzlich einstellen muß, schreibt er dazu: "So beschreite ich denn diesen Weg, der mir fast vorkommt, als ginge ich in mein eigenes Grab." Leben war Schreiben für Samuel Pepys. Und uns bleibt dieses einmalige Dokument. Vom Anfang des Ich. Von der Schamlosigkeit. Vom Geheimnis. Und von seiner Offenbarung.

VOLKER WEIDERMANN

Samuel Pepys: Die geheimen Tagebücher. Hrsg. von Volker Kriegel und Roger Willemsen. Deutsch von Georg Deggerich. Mit Illustrationen von F. W. Bernstein, Robert Gernhardt, Greser & Lenz u. v. a. Eichborn Berlin. 2004. 400 Seiten. 29,90 Euro.

Harry Graf Kessler: Das Tagebuch. Zweiter Band 1892-1897. Hrsg. von Günter Riederer und Jörg Schuster. Klett-Cotta 2004. 777 Seiten. 58 Euro.

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»Eine verlegerische Großtat.« Rolf Spinnler, Canstatter/Untertürkheimer Zeitung, 22./23.12.2018