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Schon immer war er von ihm fasziniert. Und bis heute ist er für ihn der Größte. Wann und wohin auch immer Ryszard Kapuscinski unterwegs war - Herodot war dabei. Anfangs war es gar nicht so leicht, an ein Exemplar von dessen Historien zu kommen - denn in Polen gab es keine Übersetzung davon. Und als die fertig vorlag, durfte sie nicht gedruckt werden: Stalin lag im Sterben, und das jahrtausendealte Buch erzählt mindestens eben so viel vom Zerfall wie von der Schaffung riesiger Reiche, ebenso erschütternd vom Sturz der Mächtigen wie von ihrem Aufstieg.
Erst 1954 kam der junge Ryszard
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Produktbeschreibung
Schon immer war er von ihm fasziniert. Und bis heute ist er für ihn der Größte. Wann und wohin auch immer Ryszard Kapuscinski unterwegs war - Herodot war dabei. Anfangs war es gar nicht so leicht, an ein Exemplar von dessen Historien zu kommen - denn in Polen gab es keine Übersetzung davon. Und als die fertig vorlag, durfte sie nicht gedruckt werden: Stalin lag im Sterben, und das jahrtausendealte Buch erzählt mindestens eben so viel vom Zerfall wie von der Schaffung riesiger Reiche, ebenso erschütternd vom Sturz der Mächtigen wie von ihrem Aufstieg.

Erst 1954 kam der junge Ryszard Kapuscinski mit dem Buch in Berührung - und es erwies sich als Erleuchtung. Da war einer - von Neugier und Wissensdurst getrieben - aufgebrochen, die Grenzen der bekannten Welt auszuloten, mit eigenen Augen zu sehen und mit eigenen Ohren zu hören, oder sich wenigstens von Augenzeugen berichten zu lassen, was sich auf der Welt zugetragen hat. Herodot war kein Händler, Spion, Diplomat oder Tourist, sondern - wie später auch Ryszard Kapuscinski - Reporter, Anthropologe, Ethnograph und Schriftsteller.

Ryszard Kapuscinski erzählt, wie er mit Herodot nach Afrika, Asien und in Europa reist, was er an den Stellen findet, von denen einst der alte Grieche schrieb, welche Konflikte von heute ihre Wurzeln schon damals hatten und wie die Überlieferung menschlicher Geschichte funktioniert.
  • Produktdetails
  • Extradrucke der Anderen Bibliothek Bd.4
  • Verlag: Ab - Die Andere Bibliothek
  • Artikelnr. des Verlages: 513/62002
  • Seitenzahl: 370
  • Erscheinungstermin: 16. September 2013
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 121mm x 27mm
  • Gewicht: 405g
  • ISBN-13: 9783847720027
  • ISBN-10: 3847720023
  • Artikelnr.: 38087123
Autorenporträt
Kapuscinski, Ryszard
Ryszard Kapuscinski, 1932 in der Kleinstadt Pinsk geboren, gilt als »Reporter des Jahrhunderts«. Jahrzehntelang war er in Asien, Amerika und Afrika als Korrespondent und reisender Schriftsteller unterwegs. Seine Werke wurden in viele Sprachen übersetzt, in der Anderen Bibliothek sind erschienen: »Der Fußballkrieg« (Band 71), »Imperium« (Band 104), »König der Könige« (Band 123), »Afrikanisches Fieber« (Band 177). Ryszard Kapuscinski starb 75-jährig im Januar 2007.
Rezensionen
Besprechung von 04.02.2006
Reporter ohne Grenzen
Antike O-Töne: Ryszard Kapuscinski reist mit Herodot

Nietzsche, der sich auf diese Dinge verstand, gab einmal den Rat, um die griechischen Philosophen der Antike kennenzulernen, solle man kein Handbuch der Geschichte der antiken Philosophie studieren, sondern Diogenes Laertius lesen. Dieser Diogenes Laertius gibt eine bunte Sammlung von Aussprüchen und Anekdoten, kein abstraktes Schema, sondern Fragmente und witzige kurze Porträts: etwas chaotisch, dafür lebendig. Dasselbe gilt für die alte griechische Geschichte. Um sie kennenzulernen, muß man Herodot lesen, kein modernes Lehrbuch, sei es noch so gut. Herodots "Geschichten" oder "Forschungen" oder "Historien" - über die Übersetzung des Titels kann man streiten - bringen das antike Leben rings ums östliche Mittelmeer in seiner verrückten Fülle: Politisches und Geographisches, Kriminelles und Sexuelles, Kulturgeschichte und Religionen. Alles ist da, und zwar wunderbar erzählt: dramatisch, mit vielen Anekdoten und kleinen Porträts. Herodot war unendlich neugierig; er hat sich für alles interessiert und erzählt uns, wie Äthiopier aussehen und wie Ägypter eine Mumie präparieren. Sein großes literarisches Kunstwerk fächert das Hauptthema, die Perserkriege, vielfältig-bunt auf und bietet Eiligen zudem einen weiteren Vorteil: Es läßt sich wegen seiner lockeren Form in kleinen Einheiten, also häppchenweise, lesen.

Herodots Geschichten sind ein Lebensbuch: prall und rund, sinnlich und meditativ, und diesen Umstand macht Ryszard Kapuscinski sich zu eigen in seinem Buch: "Meine Reisen mit Herodot". Der polnische Autor ist 1932 geboren und im armen, kriegsverwüsteten Polen aufgewachsen; er arbeitete nach dem Krieg als Journalist. Als der neue ideologische Druck wuchs, wollte er ins Ausland, und er hatte Glück: Er wurde Auslandskorrespondent polnischer Zeitungen. Als Reporter mit Tatsachenhunger und Beobachtungsgabe reiste er seit dem Ende der fünfziger Jahre durch die Welt. Er kann plastisch erzählen, wie es in Indien zuging vor der Industrialisierung oder wie China aussah unter Mao. Er war in Persien, als der Schah stürzte; er sah dramatische Episoden der Entkolonialisierung: 1960 im Kongo, 1965 in Algier; er bereiste Ägypten und Äthiopien, Sudan und Senegal. Über all das schreibt er lebhafte Berichte - aber was hat das mit dem alten Griechen Herodot zu tun? Herodots Buch ist Kapuscinski früh in die Hände gefallen; die polnische Übersetzung erschien, als er dreiundzwanzig war, und seitdem wurde der antike Reisende, Sammler und Erzähler zum ständigen Begleiter des modernen Weltenbummlers. Auf der kunstvollen Vermischung dieser Welten beruht der Reiz dieses Buches.

In freien Minuten, etwa auf einer Terrasse am Nil, liest unser Reporter Herodot und findet sich in ihm wieder, in Herodots Stoffhunger und Reporterrolle. Schließlich war auch Herodot nach Afrika und Asien gereist, hatte sich für fremde Völker, deren Sitten und Schicksale interessiert. Er hatte herumgefragt und die Auskünfte aufgeschrieben, ohne sie weiter zu bewerten: je wunderlicher, um so respektabler. Selten deutet er an, daß er einer Erzählung nicht glaube. Herodot konnte nicht wie der moderne Reisende einen Blick von oben auf die Mittelmeerwelt werfen; er mußte sich durchfragen; er besaß weder Globus noch Karten; die ersten Karten waren gerade im Entstehen. Er mußte reisen und forschen, von Stadt zu Stadt, von Stamm zu Stamm. Er war das Urbild eines Reporters, und sein Nachfahr schlägt ihn immer wieder auf, erfreut sich an einer spannenden Erzählung oder einer pikanten Anekdote und meditiert mit ihm über den Gang der Menschengeschichte. Er sucht Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen heute und damals.

Kapuscinski vermeidet die alberne Frage: Was hat Herodot uns heute noch zu sagen? Er nimmt ihn mit in seine Gegenwart, ohne ihn zu modernisieren. Er läßt ihn einen alten Griechen des fünften Jahrhunderts (um 485 bis 425 vor Christus) sein, der Hochmut und Fall der damals einzig verbleibenden Supermacht, der Perser, beschreibt. Noch nicht einmal in dieser Hinsicht macht er aktualisierende Anspielungen. Er beweist Größe, Frische und Dauerhaftigkeit des antiken Textes, indem er ihn in seine eigenen Reportagen einsetzt. Moralisiert wird nicht, weder damals noch heute; es wird beobachtet, geforscht, verglichen und notiert. Beim modernen Autor kein gelehrtes Pathos, kein rhetorischer Humanismus, keine Griechenland-Begeisterung, und doch kommt Herodot zu Wort. Das ist schon ein kleines Wunder.

Manche freilich werden es befremdlich finden: Kapuscinski macht Herodot, den Forscher und großen Schriftsteller, zum Reporterkollegen. Das geht nicht ohne falschen Zungenschlag. Die deutsche Übersetzung gibt Herodot den abscheulichen Titel "Vollblutreporter". Kapuscinski selbst sieht wohl den Abstand. Nur wenige allzu flotte Formulierungen verraten die professionelle Deformation. Gräzisten vom Fach werden manchmal die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Kapuscinski korrigiert zwar gelegentlich seine Annäherungsversuche, aber nimmt die antiken Texte zu sehr als Tatsachenberichte, wo es sich um kleine Mythen oder Exempla-Erzählungen handelt. Dann verkennt er die Textsorten, kehrt schließlich doch wieder zu Herodot, dem Geschichtsdenker und Künstler, zurück. Sein Text changiert in dieser Hinsicht. Es ist leicht, ihn gelehrt zu kritisieren, aber es gibt ihm auch seinen Reiz. Der Verfasser verspricht nirgendwo ein "Sachbuch" über Herodot; er gibt nicht vor, Philologe zu sein. Er braucht und gebraucht Herodot, und das ist sein Recht. Er setzt ihn, den Längstvergangenen, in seine Gegenwart.

Dieses frische Reportagenbuch regt an, Herodot zu lesen. Es gibt mehrere deutsche Übersetzungen, und es gibt hervorragende Verständnishilfen. Das Nacheinander der großen Geschichtsdarsteller Herodot und Thukydides hat bedeutende Althistoriker und Gräzisten immer angezogen. Genannt seien nur Hermann Strasburger und Wolfgang Schadewaldt, Kurt von Fritz und Walter Burkert. Diese Forscher haben sich nicht mehr damit begnügt, die Berichte Herodots auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Sie haben seine künstlerische Form und die Einheit seines vielteiligen Werkes gezeigt, seine Gestaltungskunst und Geschichtsauffassung. Der eine oder andere von ihnen gießt Wasser in den Wein der Begeisterung über den "Vollblutreporter". So notiert Walter Burkert: "Ein naiver Berichterstatter ist Herodot nicht." Oder im Blick auf eine einzelne Episode: "Es handelt sich um eine Rekonstruktion, nicht um Feldnotizen."

Was bei diesen Gelehrten herauskommt, ist das Bild eines eher spekulativen Autors von ungewöhnlicher Größe. Das spricht nicht gegen Kapuscinskis anderen Zuschnitt. Sein Buch ist originell und liest sich spannend. Es kann gelegentlich auf die Nerven gehen, wenn er Fragen stellt, von denen er weiß, daß es auf sie keine Antwort gibt. Das mag in Dingen der Metaphysik ehrenvoll sein, aber hier geht es um Fälle wie diesen: Wir wissen fast nichts über die Biographie Herodots. Jeder weiß, daß wir nichts wissen. Dann hat es keinen Sinn zu fragen, ob er als Kind heiter war oder traurig und ob er auf seinen Reisen allein war oder ob er einen Sklaven dabei hatte. Solche Fragen tauchen auf wie lästige Mückenschwärme im Kongo, aber dann faßt unser Reporter sich wieder und beschreibt Herodots Werk als ein Drama von sophokleischem Ernst, als weltgeschichtliche Auseinandersetzung und menschliche Tragödie, in der Hochmut sich rächt, wenn auch erst nach Generationen und auf unbegreiflich grausame Weise.

Diesem ungewöhnlichen Buch sind viele Leser zu wünschen. Gefährlich allerdings könnte es werden, wenn es in die Hände von Gesundheitspolitikern fiele. Sie könnten in diesem Buch auf einen Vorschlag stoßen, der, zugegebenermaßen, befremdlich klingt, aber mit einem Schlag das "demographische Defizit" und die Misere der Krankenkassen beseitigen würde. Ich zitiere Herodots Bericht, weil er zeigt, wie plastisch er schreibt und wie vorurteilslos ein Wandervolk im Osten Indiens das Problem der Überalterung zu lösen verstand: "Wenn einer von ihnen, sei es ein Mann oder Weib, krank wird, so töten ihn, wenn es ein Mann ist, seine nächsten Freunde, weil sie glauben, wenn er an der Krankheit stürbe, würde ihnen sein Fleisch verderben. Sagt er auch, er sei gar nicht krank, so hilft ihm das nichts; er wird doch geschlachtet und verzehrt. Und wenn eine Frau krank wird, so machen es ihre Freundinnen mit ihr wie dort die Männer. Wenn er alt wird, wird jeder geschlachtet und verzehrt. Sehr alt aber werden die wenigsten von ihnen, weil sie jeden, der von einer Krankheit befallen wird, gleich abschlachten."

Das ist Originalton Herodot; sein moderner Reporterkollege zitiert ihn ungerührt. Das klingt tatsächlich eher nach "Vollblutreporter" als nach dem klassischen Griechenland-Bild von "edler Einfalt und stiller Größe". Man müßte die Übersetzung mit dem polnischen Original vergleichen, um die Übersetzung von Martin Pollack, die sich flott liest, zu bewerten. Wahrscheinlich kann er recht gut Polnisch, aber an seinem deutschen Stil ließen sich kleine Verbesserungen anbringen. Viel wäre schon gewonnen, wenn er das Wort "auf Anhieb", das er besonders liebt, nur bei Berichten über das Fällen von Bäumen verwenden würde. Denn "auf Anhieb", also mit einem einzigen Beilschlag, können Holzfäller einen Baum umlegen, aber "auf Anhieb" etwas einsehen oder "auf Anhieb" jemanden mögen - das geht im Deutschen nicht. Das klingt nach Stich und Hieb. So sprechen bei besseren deutschen Schriftstellern nur Waldfrevler und Haudegen.

Ryszard Kapuscinski: "Meine Reisen mit Herodot". Aus dem Polnischen übersetzt von Martin Pollack. Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2005. 361 S., geb., 28,50 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Besprechung von 26.11.2013
Es gibt der Welten viele
Ein junger Journalist im kommunistischen Polen will über die Grenzen hinaus, mit den Historien des Herodot
im Gepäck macht er sich auf den Weg nach Indien – die Neuausgabe von Ryszard Kapuscinskis Reisereportagen feiert die Neugier
VON BURKHARD MÜLLER
Das Polen der frühen Fünfziger ist ein armes und beengtes Land. Wer nur einmal über die Grenze hinauskönnte! Davon träumt der junge Ryszard Kapuscinski, der als Lokalreporter für den Sztandar Mlodych , die Jugendfahne, schreibt. In der vorsichtigen Tauwetterphase nach Stalins Tod fasst er sich ein Herz und spricht zur Chefredakteurin über seinen Wunsch. An was er denn dächte? Na, zum Beispiel die Tschechoslowakei. Lange passiert nichts. Aber eines Tages erklärt sie ihm aus heiterem Himmel: Du fährst nach Indien! Dort war noch nie ein polnischer Journalist, kein Mensch weiß, was dort los ist. Frau Tarlowska gibt ihm eine Reiselektüre mit, die für Kapuscinski zum Buch seines Lebens wird: Die Historien des Herodot.
  Herodotos von Halikarnassos, der im 5. Jahrhundert v. Chr. lebte, gilt als „Vater der Geschichtsschreibung“, womit gemeint ist, dass vor ihm mythisch und episch erzählt wurde, aber niemand eine Anstrengung gemacht hatte, den Dingen systematisch auf den Grund zu gehen. Für Kapuscinski klingt dieser Titel viel zu sesshaft; er erklärt Herodot stattdessen zum Vater der Reportage. Ihm imponiert, wie beherzt dieser Mann, halb Grieche und halb karischer Barbar, sich in undefiniertes Gelände vorwagte; und wie er dabei ganz allein jene Voraussetzungen schuf, auf denen alle Späteren aufbauten.
  Voraussetzungslosigkeit ist ein milder Ausdruck für den Zustand, in dem Kapuscinski seine Reise antritt. An seiner ersten Zwischenstation, Rom, faszinieren ihn weder Antike noch Barock, sondern der Umstand, dass diese Stadt nachts beleuchtet ist – so etwas hat er noch nie gesehen. Und in seiner Hilflosigkeit trifft er, wie auch später immer wieder, Menschen, die ihm helfen. „Sorg dich nicht“, sagt ihm der italienische Journalist Mario, der ein bisschen Polnisch kann; er und seine Frau nehmen den Fremden in Rom erst mal mit zum Einkaufen, damit er seinen beschämenden Ostblock-Chic aus gelben Nylonhemden und grün karierten Krawatten los wird. Und die Verkäuferinnen sind freundlich zu ihm!
  Indien wirkt auf ihn natürlich noch befremdlicher. Aber auch hier gibt es den Chauffeur, der ihn, ohne ein Wort zu sagen oder zu verstehen, am Flughafen aufliest und in irgendein Hotel schafft; und im Hotel kommt morgens barfuß ein Junge in sein Zimmer und bringt ihm Tee und Gebäck. „Er stellte alles wortlos auf den Tisch, verneigte sich und ging lautlos hinaus – in seinem Verhalten war eine natürliche Höflichkeit, ein tief empfundenes Taktgefühl, etwas so überraschend Feines und Würdevolles, dass ich auf Anhieb Bewunderung und Achtung für ihn empfand.“
  Die Menschen nehmen den Fremden, der in ihrer Mitte erscheint, immer freundlich auf: Daran glaubt Kapuscinski fest, und infolgedessen widerfährt es ihm. Das einzige Land, mit dem er nicht warm wird, ist China mit seiner Großen Mauer. Kapuscinski hasst Mauern.
  Darum wählt er sich unter den Kontinenten den offensten und vorerst unbestimmtesten: Afrika, das gerade aus dem Zeitalter des Kolonialismus in die Selbständigkeit hinübertritt. Im von Bürgerkriegen zerrissenen Kongo der Sechziger etwa begegnen ihm auf der Straße zwei der berüchtigten Katanga-Gendarmen. Sie sind bis an die Zähne bewaffnet, mit Maschinenpistole, Messer, Panzerfaust und Knüppel, der Helm reicht hinunter bis zur Mitte des Gesichts. Wenn sie jetzt Rache nehmen wollen für alles, was ihnen und ihren Vorfahren von den Weißen angetan wurde, dann hindert sie niemand daran. „Was wird geschehen? Wir sind schon ganz nahe, kommen einander immer näher. Schließlich blieben sie stehen. Ich blieb ebenfalls stehen. Und dann ertönte aus diesem Berg von Rüstung und Eisenzeug eine Stimme, die ich nie vergessen werde, denn sie klang demütig, ja bittend: ‚Monsieur, avez-vous une cigarette, s’il vous plait?‘“
  Das ist der Wendepunkt. Es folgt, als fliegender Abgesang, die Gewährung der Bitte: „Der Eifer und die Hast, die Zuvorkommenheit, ja Dienstfertigkeit, mit der ich in die Tasche griff, war sehenswert, wie rasch ich die Schachtel Zigaretten herausholte, die letzte, die ich besaß, doch das war unwichtig, ohne Bedeutung, nehmt sie nur, meine Lieben, nehmt sie alle, setzt euch und raucht die ganze Packung, auf der Stelle und bis zur letzten Zigarette!“
  Welch ungeheure Spannung wird hier aufgebaut, wie fühlt der Leser mit diesem Erzähler, wie spürt er bis in die Fingerspitzen die Fahrigkeit, mit der in den Taschen gewühlt wird, und die Erleichterung, dass es so glimpflich abging! Dabei arbeitet Kapuscinski mit einfachen dramaturgischen Mitteln. Dass dabei, gerade in den Berichten aus Afrika, die literarische Brillanz manchmal auf Kosten der dokumentarischen Sorgfalt ging, er etwa dem Freiheitskämpfer Patrice Lumumba nicht als Augenzeuge begegnet sein kann, hat 2010 sein kritischer Biograph Artur Domoslawski nachgewiesen (SZ vom 1.3.2010).
  Die Fähigkeit, den Leser zu packen mit Berichten aus der Wirklichkeit, bewundert Kapuscinski an Herodot, dessen Buch noch nach 24 Jahrhunderten fesselt. Je länger er unterwegs ist, ein je besserer und erfahrenerer Reisender er wird, ein desto unentbehrlicherer Leitstern und Gefährte ist ihm Herodot. Er wird sich darüber klar, welch hohen Preis sie beide zu entrichten haben: So sehr ihnen die Leute entgegenkommen, sie müssen trotzdem einsam bleiben. Dauernde Bindungen können sie nicht eingehen, weil sie immer im Aufbruch leben. Wer das aushalten will, braucht eine elementare Neugier. Kapuscinski bedauert es sehr, dass sein großes Vorbild – so wenig über sich selbst gesagt hat. Er versucht ihn sich vorzustellen, wie er als kleiner Junge war: „Woher stammen die Schiffe am Horizont? Von wo kommen sie gefahren? Also ist das, was wir mit eigenen Augen sehen, noch nicht die Grenze der Welt? Es gibt also noch andere Welten? Welche? Wenn ich groß bin, möchte ich sie kennenlernen. (. . . ) Und Herodot lernt mit der Begeisterung und Energie eines Kindes seine Welt kennen. Seine wichtigste Entdeckung: Es gibt der Welten viele. Und jede ist anders.“
  Auch Kapuscinski sagt in diesem Buch nicht viel über sich selbst; so muss es sein, denn nicht nur einsam ist der große Reisende, sondern auch selbstlos: damit er ganz bereit ist für das, was ihm die anderen mitzuteilen haben. Und doch erfährt man eine Menge über diesen unwahrscheinlichen Kosmopoliten aus der polnischen Provinz.
  Schon vor einigen Jahren, als Kapuscinski noch lebte, ist das Buch in der „Anderen Bibliothek“ erschienen. Es war vergriffen. Nun, sechs Jahre nach seinem Tod, ist es in preiswerterer Broschur, aber mit der gewohnten Qualität dieser wunderbaren Reihe, wieder da; und man ist dankbar dafür.
Juni 1989: Der polnische Journalist Ryszard Kapuscinski mit Kämpfern in Angola. Kapuscinski wurde 1932 in Pinsk geboren, er starb im Jahr 2007 in Warschau.
FOTO: DPA
    
    
  
  
Ryszard Kapuscinski: Meine Reisen mit Herodot. Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Die Andere Bibliothek,
Berlin 2013. 286 Seiten,
24 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Als junger Reporter der "Jugendfahne" im sozialistischen Polen bekommt Ryszard Kapuscinski vor seiner ersten Auslandsreise von der Chefin ein Büchlein in die Hand gedrückt, das ihn seither immer begleitet hat: Herodots "Historien". Wer diese heute verstehen will, meint Thomas Steinfeld, der ziehe am besten einen historischen Weltatlas zu Hilfe und - noch besser - konsultiere dazu Kapuscinskis "Reisen mit Herodot". "Es ist, als lägen zwei Karten beieinander", schreibt Steinfeld, "und zwei, die vom selben Schlag sind, beugten sich darüber und erzählten": von fremden Völkern, von Reisen in fremde Länder, von nicht vertrauten Sitten und unbekannten Sprachen. Kapuscinski bezeichnet sich und Herodot als Reporter; Steinfeld findet diese Zuschreibung nicht zutreffend - für beide nicht, für Kapuscinski nicht und auch nicht für Herodot. Man müsse sie eher als Historiker, als Geografen und als talentierte Erzähler betrachten, meint Steinfeld, die stets ein Gleichgewicht zwischen Erzählung und Nachricht herstellen könnten. Richtig gut sei Kapuscinski nur dort, wo er selbst vor Ort sei: als Augenzeuge, der in seiner Erzählung die Wirklichkeit an einem fremden, fernen Ort neu entstehen lassen kann.

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