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Als Gibson 1984 den Genrebegriff Cyberpunk kreierte, spielten seine Romane in einer unbestimmten Zukunft mit Internet und unglaublichen Computermöglichkeiten. Inzwischen ist der Cyberpunk der 80er, ohne dass wir es bemerkt haben, um uns herum längst Realität geworden - alles hat sich geändert, während sich nichts geändert hat. In Amerika hat die Zukunft schon begonnen. Das "alte" Europa erlebt Cayce Pollard, die Hauptfigur des Romans, als eine Spiegelwelt: alles ist hier anders, aber auch hier greift schon die Globalisierung. Cayce arbeitet als Coolhunter, im Moment für einen…mehr

Produktbeschreibung
Als Gibson 1984 den Genrebegriff Cyberpunk kreierte, spielten seine Romane in einer unbestimmten Zukunft mit Internet und unglaublichen Computermöglichkeiten. Inzwischen ist der Cyberpunk der 80er, ohne dass wir es bemerkt haben, um uns herum längst Realität geworden - alles hat sich geändert, während sich nichts geändert hat.
In Amerika hat die Zukunft schon begonnen. Das "alte" Europa erlebt Cayce Pollard, die Hauptfigur des Romans, als eine Spiegelwelt: alles ist hier anders, aber auch hier greift schon die Globalisierung.
Cayce arbeitet als Coolhunter, im Moment für einen Sportschuhhersteller in London: sie berät bei Firmenlogos und spürt Modetrends an der Basis auf. In jeder freien Minute loggt sie sich ins Internet ein. Seit einiger Zeit tauchen merkwürdige Filmclips im Netz auf, sie faszinieren, sind Kult und werden fieberhaft diskutiert. Wie gehören die Schnipsel zusammen? Sind sie Teile eines Films? Was bedeuten Sie? Wer überhaupt macht sie? Und warum? Es sind suggestive Szenen, die Personen kaum zu erkennen, sie tauchen aus der Leere auf - zwei Personen? Ein Kuß? Ein weiter Strand - Cannes, vielleicht? Der Schemen eines großen Vogels?
Wieso sind Tausende User auf der ganzen Welt süchtig danach? Das Phänomen interessiert den Marketingmanager: nicht auszudenken, wenn man dies auf die Werbung übertragen könnte! Er engagiert Cayce, den Urheber dieser Filmschnipsel zu suchen. Mit Hilfe anderer Mitglieder des Fan-Forums gelingt es ihr, eine Markierung auf einem der Clips zu identifizieren.
Und damit beginnt eine Suche, die Cayce nach Tokio und schließlich nach Moskau führt. Und die sie in tödliche Gefahr bringt.
  • Produktdetails
  • Blue Ant Bd.1
  • Verlag: KLETT-COTTA
  • Seitenzahl: 460
  • Erscheinungstermin: September 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 214mm x 139mm x 34mm
  • Gewicht: 577g
  • ISBN-13: 9783608936582
  • ISBN-10: 3608936580
  • Artikelnr.: 12730503
Autorenporträt
William Gibson wurde 1948 in South Carolina geboren und lebt heute in der Nähe von Vancouver. Mit seinem ersten Roman, Neuromancer, 1984 veröffentlicht, etablierte er das neue Genre des Cyberpunk. Mustererkennung ist seit sieben Jahren sein erster Roman.
Rezensionen
Besprechung von 11.07.2004
Die Welt in der Tasche

Die lassen sich ohne Probleme in ein Gepäcknetz heben: Vier Kilo und 100 Gramm. Leicht wie Liebesbriefe, schwerelos wie Schwertkämpfer-Ballette, hochfliegend wie neue Visionen vom 21. Jahrhundert, luftig wie die Sommermode und perlend wie Tschechows letztes Glas Champagner.

Auch wenn man deshalb den Urlaub bis in den August verschieben und den Laptop einpacken muß: Es lohnt sich. Denn endlich gibt es dann Vol. 1 und Vol. 2 von Kill Bill (beide bei Buena Vista Home Entertainment; Teil zwei als Import im August, auf deutsch ab September) auf DVD. Endlich können wir den Film so sehen, wie er gesehen werden muß, wie er sein sollte, bevor Quentin Tarantino und sein Produzent Harvey Weinstein beschlossen, das große Samuraischwert zu nehmen, mit dem Uma Thurman so gnadenlos aufräumt, und einen sehr, sehr langen in zwei normallange Filme zu zerteilen. Kinos, die einem ein Double Feature bieten, gibt es ja sowieso nicht mehr, da hilft halt nur noch der Bildschirm.

Ein Making-of für den ersten Teil ist übrigens ebenso im Bonustrack von Vol. 1 zu finden wie zusätzliche Musikstücke, und wem danach ist, der kann jetzt auch von Kapitel zu Kapitel springen und sich seine eigene Reihenfolge schaffen. Zum Beispiel erst in das "House of Blue Leaves" gehen und das wahnwitzige Schwertkämpferballett mit Lucy Liu, Uma und den "88 Crazy Yakuzas" genießen, dann ein wenig durchatmen in den Suburbs von Pasadena, wo Uma Thurmans Braut Tod und Unordnung in die Einbauküche ihrer ehemaligen Kollegin bringt, und schließlich den Anime, den japanischen Zeichentrickfilm, bewundern, der uns erzählt, wie O-Ren Ishii wurde, was sie ist. Oder, warum eigentlich nicht, man stellt Bills Auftauchen bei der Hochzeitsprobe, die erst in Vol. 2 erscheint, samt dem folgenden texanischen Maschinengewehrmassaker an den Anfang und konsumiert beide Filme so linear, wie Tarantino sie nie erzählt hätte.

Vermutlich findet man dabei sogar heraus, daß Tarantino recht hatte, es mit der Chronologie nicht so genau zu nehmen. Und wenn man dann den Laptop ausschaltet und in die mediterrane Nacht hinausgeht, braucht man nur noch darauf zu achten, daß eine Bar in der Nähe liegt, die wenigstens halb so schön ist wie das "House of Blue Leaves".

pek.

Tschechow stirbt im Schwarzwald. Im Kurort Badenweiler. Auch eine Form von Urlaub. Die Geliebte legt ihm einen Eisbeutel auf die Brust. Er raunt: "Warum Eis auf ein leeres Herz legen?" Zu seinem Arzt sagt der Russe auf deutsch: "Ich sterbe." Es kommt aber anders. Der Dramatiker und Schriftsteller Anton Tschechow bemühte zeitlebens keine großen Worte. Er wies seinen Arzt an, statt der lebensverlängernden Sauerstoffflasche lieber eine lebensverkürzende Champagnerflasche zu besorgen. Einmal entkorkt und eingeschenkt, leert er sein Glas, sagt: "Ich habe so lange keinen Champagner getrunken", legt sich auf die Seite und atmet kurz darauf nicht mehr.

Tschechow starb am 2. Juli 1904. So erzählt es Natalia Ginzburg in ihrer schönen und übersichtlichen Biographie Anton Cechov. Ein Leben (Wagenbach, 12,90 Euro). Peter Urban weiß es genauer. In seiner minutiösen Cechov Chronik (Diogenes, 24,90 Euro) zu Leben und Werk Tschechows erbsenzählt der Slawist und Übersetzer: Nach dem gregorianischen Kalender schrieb man am Todestag den 15. Juli 1904. Die eingangs beschriebene Szene stammt aus den Erinnerungen von Olga L. Knipper, jener Geliebten, die Tschechow den Eisbeutel auf die Brust legte. Wie auch immer. Natalia Ginzburg begleitet Anton Tschechow durch sein Leben. Auf den vielen Fotografien altert der Dramatiker und Arzt sichtlich, von seinen ersten Veröffentlichungen in russischen Zeitungen über die verunglückte Premiere seines Stückes "Die Möwe", nach der er nie wieder für das Theater schreiben wollte, bis hin zu den Urheberrechtsstreitigkeiten um seine letzte große Komödie "Der Kirschgarten". Parallel gelesen mit den vielen Auszügen aus Originaldokumenten der Chronik von Peter Urban ergibt sich eine eigene Tschechow-Welt.

Ein weiteres Detail taucht nur bei Natalia Ginzburg auf. Tschechow schreibt an Olga, die ein schlechtes Gewissen wegen ihrer Verpflichtungen plagt: "Es ist niemandes Schuld, wenn der Teufel Dir die Theaterleidenschaft eingegeben hat und mir die Tuberkulosebazillen." Vielleicht stammt das auch nur aus den Erinnerungen von Olga. Oder Peter Urban empfand es als unwichtig. Vielleicht werden aber auch die guten Geschichten weitererzählt und nicht die wahren.

göl.

Alkoholfreie Tage markierte der Maler Horst Janssen mit einem kleinen horizontalen Strich oben am Briefrand. Am Anfang sind sie häufig. Später werden sie selten. Nachdem die Liebe mehr und mehr abhanden gekommen war. Die Liebe zu Gesche Tietjens, die er 1968 bei einer Kunstausstellung kennengelernt hatte. Und an die er jahrelang seine Sehnsuchtsbriefe richtete (Ach Liebste, flieg mir nicht weg. Briefe an Gesche. Rowohlt, 22,90 Euro). Sie waren, sie schienen ein glückliches Paar zu Beginn der Liebeszeit. Seine Briefe sind Glücksbriefe. Meist morgens geschrieben, meist um sieben. Janssen vermerkt das morgendliche Schreiben oft ebenso pedantisch wie den Alkoholkonsum des Tages.

Dann aber ist irgendwann die Glücksverbindung getrennt. Gesche schreibt: "Bitte trinke weiter und lutsch weiter an Deinem Ringfinger - mir ist schleierhaft wie Dir gegenübertreten." Doch Janssen schickt weiter seine Sehnsuchtspost. Malt und zeichnet seine Sehnsuchtsbilder. Schreibt weiter an Panne, Pat und Püppchen, an Madam Curry, das entzückende Kind, den lustigen Liebling, an Gesche Tietjens. Immer weiter. Sie kommen wieder zusammen, stoßen sich wieder ab. Ganz verlieren sie sich nie.

Der Liebessammler, Unglückssammler, Lebenssucher, große Maler, große Trinker Horst Janssen schwärmte weiter, suchte weiter, schrieb an Gesche Tietjens beinahe bis zum Schluß.

vw.

Wenn einer der bekanntesten Science-fiction-Autoren der Welt, der Amerikaner William Gibson, einen Roman schreibt, den der klügste Science-fiction-Kritiker der Welt, John Clute, für das Beste hält, was dieser Schriftsteller seit seinem Frühwerk angestellt hat, interessiert das in Deutschland wie immer in solchen Fällen längst nicht genug Leute; hauptsächlich wegen weitverbreiteter Syndrome wie agnostische Abneigung gegen Noch-nicht-ganz-Wahres und technotelematische Verklemmtheit.

Ein paar mehr werden es aber vielleicht, wenn man darauf hinweist, daß Mustererkennung, Gibsons neues Buch (Klett-Cotta, 24,50 Euro), Werbung hin, Kritik her, überhaupt kein Science-fiction-Roman ist, sondern die darin erzählte Geschichte von der ikonologischen Kundschafterin Cayce Pollard, von einem Filmkunstwerk, das sozusagen ohne Autor entstanden ist, von der neuesten Debattenkultur übernächtigter Netzjunkies und von Massengräbern im Osten einfach treu und exakt die Welt malt, die wir derzeit bewohnen. Realismus also, aber nicht als Cousin des Naturalismus, sondern als dessen hochentwickeltes neuestes Gegenteil: So geht das jetzt, hier, im einundzwanzigsten Jahrhundert.

dda.

Sehr sommerlich sind CDs und Bücher mit weißem Cover. Sie sind wie Sommerhüte, wie wehende weiße Tischdecken im Strandrestaurant, wie die Erinnerungen, mit denen wir von unserer Reise zurückkommen. Darum muß Shantels Bucovina Club (Essay Recordings) mit und die erste Adam Green (Rough Trade) und die einzige Moldy Peaches (Rough Trade), und wer ohne Dance And Dense Denso von Molotov (Surco/Universal) verreist, muß verrückt sein. Bücher sind natürlich sehr schwer. Egal, wo man hinfährt und welche Sprache dort gesprochen wird, man kauft unterwegs sowieso welche, die man dann aber nicht liest. Nehmen Sie darum bitte von zu Hause nur Ossip Mandelstams Das Rauschen der Zeit (Fischer Taschenbuch Verlag, 9,90 Euro) mit - blaue Schrift auf weißem Grund - und Giorgio Bassanis alte Piper-Ausgabe der Ferrareser Geschichten (Piper Verlag; vergriffen und nur antiquarisch zu beziehen). Der Umschlag von Bassani ist mit den Jahren ein bißchen vergilbt, aber drinnen, im Buch, ist alles so hell und strahlend und schön wie das Leben, wenn es hell und strahlend und schön ist.

biller.

Wer sich den Titel merken kann, hat schon fast die halbe Reise hinter sich: "Tagebuch der ersten Expedition zu den Quellen des Missouri, sodann über die Rocky Mountains zur Mündung des Columbia in den Pazifik und zurück, vollbracht in den Jahren 1804-1806" (Verlag 2001, 40 Euro). So nannten die beiden ehemaligen Armeeoffiziere Meriwether Lewis und William Clark ihr Buch, und natürlich sind es nur Auszüge aus einem Mammutwerk, welche der manchmal ein wenig zu sehr von Arno Schmidt infizierte Friedhelm Rathjen ausgewählt, übersetzt und herausgegeben hat. Lewis & Clark, das steht für mehr als 6000 Kilometer Reiseroute, viele Stämme, die politisch korrekte Amerikaner nicht mehr Indianer nennen mögen, Unwetter, Schiffbrüche, Furunkel, Schwielen und wilde Tiere, allen voran der erste Grizzlybär, der jemals einem weißen Mann über den Weg lief und am 29. April 1805 gegen acht Uhr morgens den armen Lewis verfolgte, nachdem der auf ihn geschossen hatte. Die Entdecker nahmen ein Territorium in Besitz, das die Franzosen 1803 für einen Spottpreis verschleudert hatten und das zu großen Teilen noch nie von einem Weißen betreten worden war. Schon ein Wunder, daß sie überhaupt von diesem Extremsport-Abenteuerurlaub heimkehrten. Und so spannend zu lesen wie "Lederstrumpf".

pek.

Von Niederbayern aus betrachtet, ist München so fremd wie Senegal, und von München aus betrachtet, ist Niederbayern ein exotisches Land, und in Senegal kann es einem passieren, daß man sich an die Sitten und Gebräuche Niederbayerns so intensiv erinnert fühlt, daß man Heimweh bekommt, und man weiß nicht recht wonach. Charles M. Huber ist im tiefsten Niederbayern aufgewachsen, kam nach München als Teenager und wurde dort Schauspieler und ein Fernsehstar in der Serie "Der Alte", und irgendwann machte er sich auf die Suche nach seinem Vater, den er in Senegal vermutete und fand - und wie Huber von diesem Leben erzählt, in seinem Buch Ein Niederbayer im Senegal (Scherz, 19,90 Euro), das ist mindestens so erstaunlich wie das Titelfoto, welches ihn, den kleinen, gutgelaunten Jungen mit der schwarzen Haut, im Trachtenjanker zeigt, rechts die Oma, links der Pfarrer, und außenherum ist alles Niederbayern. Ja, sagt Huber, ich wurde diskriminiert als Kind - aber nicht weil ich schwarz, sondern weil ich unehelich war. Ja, erzählt Huber weiter, ich habe heftige Kulturschocks gespürt, aber der härteste von allen, das war nicht meine Ankunft in Senegal, sondern der Umzug nach München, das auf ein niederbayerisches Kind so groß und fremd und einschüchternd wirkte. Huber erzählt das alles in einem Ton, der manchmal naiv und meistens sehr selbstbewußt ist, und es klingt, als staune er selbst am meisten über dieses Leben.

cls

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"In seinem perspektivenreichen Roman zeichnet Gibson erschreckend klar das Bild unserer globalisierten Welt."
Lisa Zeidner, The New York Times

New York Times: Notable Book

L. A. Times: Best Book of the Year 2003

Washington Post: Best Book of the Year 2003

"... unzweifelhaft sein bestes Buch seit Biochips. Gibsons Stil ist gelassener als früher ... sein laserscharfes Kulturradar treibt die Geschichte voran. Ein glattes, ein sehr menschliches Stück Literatur von dem Vater des Cyberpunk."
Kirkus Review

Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

In den Augen des Rezensenten Kolja Mensing ist dieser jüngste Roman des als Erfinder des "Cyperpunks" berühmt gewordenen Schriftstellers William Gibson ein "Abgesang auf das Genre der Science-Fiction-Literatur" - was Mensing bemerkenswert findet, weil Gibson sich bisher vor allem mit recht "treffsicheren Aussagen über die Zukunft" hervorgetan hat. Dieser "etwas spröde Zeit- und Ideenroman" nun, in dessen Mittelpunkt Cayce, eine recht ungewöhnliche Mitarbeiterin der modernen Werbeindustrie, steht, ist in Mensings Augen vor allem deshalb interessant, weil Gibson darin von der "neoromantischen Sehnsucht nach neuen, sinnstiftenden Erlebnissen erzählt". Ihm gelingt es nach Meinung des Rezensenten, mit "pathetischen Erkenntnissen zu spielen, ohne selbst pathetisch zu sein". Daran steckt nach Mensings Meinung genug Potenzial für einen gelungenen Roman. Deswegen ist es seiner Meinung nach verzeihlich, dass der Roman weder "komplexe Charaktere" noch "überraschende psychologische Einsichten" bereit hält - solche Qualitäten erwartet er von Gibson sowieso nicht.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 16.09.2004
Im Dienst der Blauen Ameise
Alle kämpfen an der Front der Gegenwart in William Gibsons Roman „Mustererkennung”
Es gibt keinen anderen Schriftsteller, der so sehr mit dem Internet assoziiert wird wie William Gibson. Er ist der Schöpfer des Begriffs „Cyberspace”. Seit dem Roman „Neuromancer” aus dem Jahr 1984 gilt er zudem als Vater des Cyberpunk, einem Science-Fiction-Subgenre, in dem gesellschaftliche Außenseiter im Netz einer unmenschlich gewordenen, oft virtuellen High-Tech-Welt gefangen sind. Als 1991 in den USA Katie Hafners und John Markoffs bekanntes Buch über die Welt der Hacker erschien, nannten sie es „Cyberpunk”. Gibsons Welt war mit der populären Imagination bereits kurzgeschlossen.
Doch so groß Gibsons Einfluss auf Vorstellungswelten und Literaturgeschichte gewesen ist - seit einiger Zeit scheint sich der 1948 geborene Amerikaner, der heute bei Vancouver lebt, immer weniger für „Cyber” und „Zukunft” zu interessieren. Sein neuer Roman „Mustererkennung” spielt in der Gegenwart, und das, was an ihm futuristisch anmutet, verdankt sich der privilegierten Sphäre, in der sich seine Heldin bewegt. Punk ist in „Mustererkennung” etwas anderes als das, was man gewöhnlich darunter versteht. Die Andersartigkeit und das Unbürgerliche nehmen nicht mehr eine proletarische, sondern eine elitäre Form an. „Anders” zu sein bedeutet, eine spezielle Begabung oder Herkunft zu haben und sich deshalb für Dinge jenseits des Mainstream zu interessieren. Und es ist noch nicht einmal so, dass dieses Herausgehobensein die bürgerliche Welt unterwandert oder sie berührungslos überflügelt. Denn wenn der freie Markt einer der Bausteine der bürgerlichen Gesellschaft ist, dann gehören Gibsons Akteure zu jenen, die am fleißigsten beim Bauen mithelfen - wenn auch nur als Nebeneffekt subkultureller Zugehörigkeiten. Die Heldin, Cayce Pollard, verdient ihr Geld als Marketingexpertin. Ihre besondere Sensibilität für Logos - beziehungsweise Allergie gegen Logos wie das Michelin-Männchen - erlaubt ihr konzise Prognosen zu neu designten Markenzeichen. Von Wirtschaftsführern ist sie deshalb gesucht: Cayces Arbeitgeber ist ein superreicher Belgier namens Bigend, mit seiner Firma „Blue Ant” eine weltweite Nummer eins. Es gibt kaum eine Figur bei Gibson, die nicht mitten im globalisierten Markt agierte. Alle kämpfen an der Front der Gegenwart, und das ist bei Gibson - trotz elftem September, bei dem Cayces Vater mutmaßlich umgekommen ist - nicht die Politik, sondern die Ökonomie.
Das Geld ist dennoch nicht, was Cayce bewegt. (Sicher, sie hat immer genug davon.) Ihr Herz hängt an kurzen, enigmatischen Filmclips, die seit einiger Zeit im Internet auftauchen und deren Schöpfer unbekannt ist. Ihre Leidenschaft teilt sie mit ihrem Freund Parkaboy, den sie nur aus dem „Fetish: Footage: Forum” im Netz kennt, wo Anhänger aus aller Welt die 135 Clips, ihre Anordnung und ihre Bedeutung diskutieren. Als Cayce von Bigend das Angebot bekommt, sich für viel Geld auf die Suche nach dem Ursprung des Filmmaterials zu machen - er wittert ein riesiges Trendpotenzial - da sagt sie zu. Die Interessen des Kapitals und der subversiven Subkultur treffen in der Figur Cayces zusammen; aber auch die ganz privaten Interessen, denn am Ende wird es auch eine Suche nach der Wahrheit über Cayces Vater.
Ein wenig erinnert dieser Plot an Pynchons „Versteigerung von Nummer 49”. Wie dessen Heldin Oedipa Maas hat es Cayce nebst einigen körperlichen Auseinandersetzungen vor allem mit Mustererkennung unter erschwerten Bedingungen zu tun. Mustererkennung ist ein technizistischer Begriff für Hermeneutik. Was gehört zusammen und bildet ein Ganzes? Was trägt Bedeutung, was keine? Was ist Zeichen, was bloß Rauschen? Es sind ja nicht zuletzt diese Fragen, die Cayce beim Begutachten von Markenlogos als professionelle Mustererkennerin beantworten muss. Als sie Bigends Auftrag annimmt, tut sie im Grunde, was sie immer tut, nur dass sie nun über die finanziellen Mittel verfügt, nicht nur im Netz, sondern auch durch die Welt zu reisen. Ihre Recherchen führen sie von London über Tokyo nach Moskau. Wie im Beruf und sonst überall auch, schlägt sich Cayce ziemlich gut.
Gibson zeigt beim Erzählen ihrer Geschichte ein außerordentliches Gespür für vielschichtige und starke, manchmal krasse Bilder, die auch sprachlich überzeugen. Meistens treten sie in Form einer Entdeckung am Ende einer Suche auf; alle sind sie Zeitkerne, sichtbargewordene Essenz von Gegenwart. Das stärkste Bild findet sich bei der Entdeckung der Quelle, aus der die Clips stammen. Ein anderes, als bei Grabungen im Morast bei Stalingrad, die ein befreundeter Experimentalfilmer unternimmt, eine komplett erhaltene Stuka gefunden wird. Der Freund schreibt in einer Email: „Und dann klettert Brian hoch, um mit der Handkamera zu drehen, von nahem, und da kratzen sie mit den Händen das Graue von der Haube ab. Und da ist doch echt der Pilot noch drin. Man sieht die Umrisse des Kopfes, anscheinend mit Fliegerbrille. Und da hat er’s gedreht. Alles: wie sie die Haube aufgehebelt haben und wie sie ihn einfach auseinandergerissen haben, den Piloten. Der ist regelrecht zerfallen. Eine Armbanduhr haben sie rausgeholt, einen Kompass vom anderen Handgelenk und eine Pistole, und dann haben sie sich wegen der Knarre in die Haare gekriegt und haben sich gegenseitig von der Tragfläche runtergeschubst und dabei ist er auseinandergefallen.”
Was Gibson nicht immer gelingt, ist, sich von Klischees fern zu halten. Gelegentlich hat man das Gefühl, Bigend schon einmal in einem anderen Buch begegnet zu sein, etwa in „Der letzte Schrei” von Alex Shakar. Und auch Cayce kommt einem manchmal vor wie eine Ansammlung von Attributen, die in der Kombination deshalb bekannt sind, weil sie zusammen „Coolness” ergeben. Das ist deshalb erstaunlich, weil Gibson oft große Originalität beweist, etwa, wenn er über Cayces Kleidungsstil sagt, dass er zwischen 1945 und 2000 weder als modisch noch als unmodisch angesehen worden wäre. Wie muss man sich anziehen, um das hinzubekommen? Eine Antwort wäre aufschlussreich, und es sind diese ergiebigen Fragen, auf die sich Gibson so gut versteht, und auf die Antwort zu geben er sich nicht scheut. Besitzt die Globalisierung doch ein Zentrum? Wenn ja, wo müsste es liegen? Hat die Zeit Kerne? Was ist Intimität ohne Körperlichkeit? Wo hört die Fähigkeit auf, wo fängt das Unmenschliche, die Maschine an? Kann eine Technologie, mit der sich Menschen ausrüsten, ihre Natur grundlegend verändern, oder bleibt diese unwandelbar? Kann die Wahrheit trösten?
KAI MARTIN WIEGANDT
WILLIAM GIBSON: Mustererkennung. Roman. Aus dem Amerikanischen von Cornelia Holfelder-von der Tann und Christa Schuenke. J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart 2004. 460 Seiten, 24,50 Euro.
SZdigital: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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