Im siebten Kreis - Manguel, Alberto
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Bevor Alberto Manguel die Bibliotheken der Welt besuchte, schrieb er einen Roman über das Schicksal des Exils, das Opfer und Täter aneinander kettet. In einem idyllischen Badeort lebt Antoine Berence zurückgezogen mit seiner Familie. Der pensionierte Polizeioffizier gilt als liebevoller Vater und Ehemann. Bis eine Bombe sein Haus in die Luft jagt und er weiß, die Abrechnung hat begonnen.…mehr

Produktbeschreibung
Bevor Alberto Manguel die Bibliotheken der Welt besuchte, schrieb er einen Roman über das Schicksal des Exils, das Opfer und Täter aneinander kettet.
In einem idyllischen Badeort lebt Antoine Berence zurückgezogen mit seiner Familie. Der pensionierte Polizeioffizier gilt als liebevoller Vater und Ehemann. Bis eine Bombe sein Haus in die Luft jagt und er weiß, die Abrechnung hat begonnen.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17514
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Originaltitel: News from a Foreign Country Came
  • Seitenzahl: 271
  • Erscheinungstermin: 1. Dezember 2009
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 126mm x 17mm
  • Gewicht: 207g
  • ISBN-13: 9783596175147
  • ISBN-10: 3596175143
  • Artikelnr.: 26377707
Autorenporträt
Manguel, Alberto
Alberto Manguel, 1948 in Buenos Aires geboren, wuchs in Israel und Argentinien auf und ist kanadischer Staatsbürger. In mehreren Sprachen zu Hause, wirkte er u. a. in Buenos Aires, Paris, Mailand, London und Toronto als Verlagslektor, Literaturdozent und Übersetzer. Sein in alle Weltsprachen übersetztes Buch 'Eine Geschichte des Lesens' wurde 1998 mit dem Prix Medicis ausgezeichnet. Zuletzt erschienen die zwei Kurzromane 'Zwei Liebhaber des Schattens' (2013). Im Fischer Taschenbuch lieferbar: 'Tagebuch eines Lesers' (Bd. 15943), 'Die Bibliothek bei Nacht' (Bd. 15944), 'Im Siebten Kreis' (Bd. 17514), 'Eine Geschichte des Lesens' (Bd.17515), 'Eine Stadt aus Worten' (Bd. 18429).
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 04.01.1997

Das Herz, ein nachtschwarzer Grund
Alberto Manguel sucht Schuld und Sühne · Von Max Grosse

Fast könnte man meinen, es handele sich um einen Krimi. Zumindest finden sich in Alberto Manguels Debütroman "Im siebten Kreis", der 1991 in Toronto auf englisch erschien und jetzt auch auf deutsch vorliegt, gleich mehrere gattungstypische Ingredienzien: Gewalttaten und Aufklärungsversuche; Opfer, Täter, Verdächtige und spurlos Verschwundene: teils exotische, teils mondäne Schauplätze auf drei Kontinenten und ein täppischer Polizeibeamter, der von den wahren Ursachen der Vorgänge nichts begreift.

Der aufdringliche Monsieur Clive arbeitet der Sûreté von Quebec zu und soll in Percé, einem Ferienort am Atlantik, wohin es die betuchteren Quebecer zur Sommerfrische zieht, ein Attentat vereiteln, das dennoch stattfindet und ein Menschenleben kostet. Doch gleich nach der Tat, also nach dem ersten Drittel des Textes, tritt mit dem Ermittler auch der Kriminalroman von der Bildfläche ab, denn für den Leser kann mit der Bombenexplosion der Fall als gelöst gelten. Schließlich kennt man die Täter, das Opfer und ihr Motiv: Man weiß darüber hinaus, daß durch die Wucht der Detonation zwar der feisten Marianne Berence das Gesicht zerstört, aber das eigentliche Ziel, ihr Mann Antoine, verfehlt wurde.

Seine Beweggründe sind das Rätsel, das doch unlösbar bleiben muß bis zum Schluß, sein Herz ist der nachtschwarze Abgrund, in den erst Mariannes Ich-Erzählung aus der Rückblende, dann sein eigener Monolog einzelne Einblicke gestatten. Vor den Ungeheuerlichkeiten, die dabei zum Vorschein kommen, verblaßt die Bombenlegerei vollends zur Nebensache. Schon zu Beginn des Romans spannt sich ein Netz von Todesahnungen aus: Auf ihrem Morgenspaziergang bekommt die zehnjährige Ana Berence von Monsieur Clive einen sterbenden Wildkirschbaum gezeigt, dann erscheint ihr ein Farbtropfen auf einem Schild am Strand als Blut und der Sand als zermahlenes Gebein, bis sie schließlich miterleben muß, wie ein Nachbarsjunge im Meer ertrinkt.

Die bedrückenden Reaktionen auf diesen Unglücksfall verschaffen dem Kind keine Erleichterung: Das argentinische Dienstmädchen Rebecca fühlt sich an die Ermordung ihrer gesamten Familie durch die Polizei von Buenos Aires erinnert, die unförmige, verhaltensgestörte Mutter Marianne hat sich völlig im Gefängnis ihrer Sprachlosigkeit eingeschlossen; der stümperhafte Monsieur Clive, der im Hause Berence zu Gast ist, macht sich wichtig, und auch der illusionslose Antoine Berence ist außerstande, seine Tochter zu trösten: "Er hatte immer genau gewußt, wie es um diese müde Welt bestellt war. Aber das mußte sie nicht hören." Der distanzierte Melancholiker führt als pensionierter Offizier der französischen Armee ein kontemplatives Leben in seiner Bibliothek und erkennt sich auf Dürers Kupferstich als Ritter zwischen Tod und Teufel wieder. Zwar betrachtet er seine Mitmenschen mit der Abgeklärtheit eines Insektenforschers, genießt aber als treusorgender Ehemann und als liebevoller Vater die allgemeine Anerkennung.

Die Kluft zwischen diesem Abziehbild von "family values" und dem, was dahinter lauert, wird dem Leser durch eine bei allem Zynismus bittere Reflexion bedeutet: "Da sind wir nun, dachte Berence, um die Gemeindemitglieder zu erfreuen, eine der Grundfesten der Zivilisation. Die Familie auf dem Weg zur Kirche. Ein Kitschgemälde. Man müßte uns golden einrahmen." Passenderweise predigt der Pater über Sünde und Vergebung. Durch das Bombenattentat der mit Rebecca befreundeten argentinischen Guerrilleros werden die schlimmsten Befürchtungen des Lesers zu der Gewißheit, daß der "Ausbilder für Foltermethoden", dem die Rache gilt, mitnichten der harmlose amerikanische Geschäftsmann Bill Bernstein ist, wie Clive vermutet, sondern niemand anderes als der grundsympathische Antoine Berence selbst. Mit Ana zusammen bricht dieser im Auto nach Quebec auf.

Bevor er seiner Tochter gegenüber zu einer Rechtfertigungsrede ausholen kann, sorgt der Autor für eine völlig unerwartete Wendung im Roman und läßt die bisher gänzlich schweigsame und außerdem gerade gestorbene Marianne zu Wort kommen. Mit der Erzählperspektive ändern sich auch Ort und Zeit der Handlung: Marianne läßt ihr gesamtes Leben vorbeiziehen, von der Jugend in Algier, wo sie als Tochter französischer Siedler aufwächst, bis zum Tod, der sich nun als verkappter Selbstmord herausstellt.

Durch den Einschub der Erinnerungen bekommt der Roman die Form eines Triptychons, dessen Außenflügel jeweils mit "Hier" überschrieben sind und zu Beginn der achtziger Jahre in Kanada spielen, während das seinerseits dreigeteilte Mittelstück unter dem ebenso lapidaren Titel "Dort" etwa zwischen 1940 und 1980 die Stationen Algier, Paris und Buenos Aires durchläuft. Marianne erlebt den Kolonialkrieg in Algerien, den Mai 1968 im Quartier Latin und die Rückkehr Peróns in der argentinischen Hauptstadt mit, doch wirklich sagen, sie sei dabeigewesen, kann sie nicht.

Den Reiz von Manguels Erzählung macht gerade aus, daß die historischen Ereignisse zwar das Leben der Figuren indirekt beeinflussen, aber meistens nicht bis in ihr Bewußtsein und ihren Alltag vordringen. Mariannes Erinnerungen haben den Charakter von Momentaufnahmen. Ihren Mann lernt sie noch in Algerien kennen; sie liebt den "Capitaine", wie sie ihn stets nennen wird, weil er einfühlsam und verständnisvoll ist. Worin seine berufliche Tätigkeit genau besteht, das erfährt sie nicht; er spricht höchstens von Dienstreisen und langweiliger Bürotätigkeit am Quai d'Orsay, einer "Hölle aus amtlichen Formularen, stumpfsinnigen Protokollen, fehlerhaft geschriebenen Berichten und unlesbaren Dienstanleitungen". Daß die Rede von der Hölle nicht ganz so metaphorisch aufzufassen ist, merkt sie erst in Argentinien nach dem Militärputsch von 1976. Nur durch Zufall wird sie unbemerkt Zeugin, wie Antoine seine im Algerienkrieg gesammelten Erfahrungen weitergibt und an einem Selleriestengel Unterricht im Foltern erteilt. Antoine Berence ist ein hochkultivierter, ganz von seinem Intellekt geleiteter Mann, der Gewalt verabscheut - solange sie nicht zielgerichtet ist, "ohne Methode, ohne Verantwortung, ohne Sinn und Verstand" angewandt wird. Das macht ihn interessant, das macht ihn doppelt schrecklich.

Antoine Berence ist ein enger literarischer Verwandter von Otto Dietrich zur Linde, dem nicht minder intellektuellen Leiter eines Konzentrationslagers aus der Kurzgeschichte "Deutsches Requiem" von Jorge Luis Borges. Nicht von ungefähr erklingt auch bei Alberto Manguel, der zwar englisch schreibt, aber aus Argentinien stammt, das gleichnamige Werk von Brahms. Beiden Figuren ermöglicht gerade die durch ihre literarische und philosophische Bildung eingeübte Fähigkeit zur Distanznahme die Ausübung ihres mörderischen Berufes, beiden fehlt die elementare Fähigkeit zum Mitleiden. Anders als bei Borges ist bei Manguel die christliche Rechtsmetaphysik noch in den Dante-Zitaten gegenwärtig - Berence sieht seinen Platz im siebten Kreis der Hölle, wo bestraft wird, wer Gewalt gegen sich und andere übt. Der Schluß suggeriert gar eine utopische Entscheidung zum Besseren, fern jeder wie auch immer zu bestimmenden Wahrscheinlichkeit: Nachdem die zehnjährige Ana das Geständnis ihres Vaters gehört hat, weigert sie sich, ihm auf dem Weg zur Hölle zu folgen, und steigt allein in die Regennacht aus. Da Anas Geburt mit der Rückkehr Peróns nach Argentinien zusammenfällt, rückt ihre Entscheidung in die zeitliche Nähe zum Ende der Militärherrschaft im Jahre 1983. Der allegorische Ausweg tut dem Roman nicht gut; Manguel ist dort stärker, wo man den Motiven seiner Charaktere nicht bis auf den Grund blicken kann.

Alberto Manguel: "Im siebten Kreis". Roman. Aus dem Englischen übersetzt von Chris Hirte. Verlag Volk & Welt, Berlin 1996. 272 S., geb., 36,- DM.

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