Alles zu seiner Zeit - Gorbatschow, Michail
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Die Autobiografie eines großen Staatsmanns und eine berührende Liebesgeschichte Michail Gorbatschow lässt sein Leben Revue passieren, erzählt von Politik, Macht und Zeitgeschichte, aber auch von seiner Frau Raissa, mit der er fast fünfzig Jahre seines Lebens zusammen war. Sie hatten sich während des Studiums in Moskau kennengelernt. Der Krebstod seiner Frau 1999 in Deutschland traf den einst mächtigsten Mann der Sowjetunion tief. In diesem Buch geht er unter anderem der Frage nach, ob er ihn hätte verhindern können. Flankiert werden seine Erinnerungen von Tagebuchaufzeichnungen, die kurz nach dem Tod seiner Frau entstanden.…mehr

Produktbeschreibung
Die Autobiografie eines großen Staatsmanns und eine berührende Liebesgeschichte
Michail Gorbatschow lässt sein Leben Revue passieren, erzählt von Politik, Macht und Zeitgeschichte, aber auch von seiner Frau Raissa, mit der er fast fünfzig Jahre seines Lebens zusammen war. Sie hatten sich während des Studiums in Moskau kennengelernt. Der Krebstod seiner Frau 1999 in Deutschland traf den einst mächtigsten Mann der Sowjetunion tief. In diesem Buch geht er unter anderem der Frage nach, ob er ihn hätte verhindern können. Flankiert werden seine Erinnerungen von Tagebuchaufzeichnungen, die kurz nach dem Tod seiner Frau entstanden.
  • Produktdetails
  • dtv Taschenbücher Bd.34816
  • Verlag: Dtv
  • Seitenzahl: 542
  • Erscheinungstermin: 1. April 2014
  • Deutsch
  • Abmessung: 211mm x 137mm x 33mm
  • Gewicht: 548g
  • ISBN-13: 9783423348164
  • ISBN-10: 342334816X
  • Artikelnr.: 40015880
Autorenporträt
Gorbatschow, Michail
Michail Sergejewitsch Gorbatschow, geboren 1931 in Priwolnoje (Kaukasus), studierte in Moskau Jura und arbeitete als Agraringenieur in seiner Heimatregion Stawropol. Nach einer steilen Parteikarriere war er von 1985 bis 1991 Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. 1986 begann er seine Kampagne für Perestrojka (»Umbau«) und Glasnost (»Offenheit«). 1990/91 war er Präsident der Sowjetunion und erhielt 1990 den Friedensnobelpreis. 1992 gründete er die Gorbatschow-Stiftung, 1993 die Umweltschutzorganisation »Internationales Grünes Kreuz«.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Peter Sturm ist enttäuscht von diesen Lebenserinnerungen Michail Gorbatschows. Der Band wirkt auf ihn wie diktiert und ohne Sinn für Zusammenhänge und Dramaturgie zusammengeschrieben. Noch bedauerlicher erscheint dem Rezensenten, dass Gorbatschows welthistorische Rolle im Buch gar nicht vorkommt. Stattdessen nervt ihn der Autor mit seinem Rechtfertigungsdrang. Dass dereinst alles seinen sozialistischen Gang ging, wie Gorbatschow es, wenn auch ohne "idealistische Girlanden", darstellt, möchte Sturm bei aller Gorbi-Liebe nicht wahrhaben.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 13.05.2013

Der Generalsekretär und die Union
Michail Gorbatschow schaut zusammenhanglos zurück und übergeht dabei manches

"Ich habe die Macht nicht um der Macht willen angestrebt und nicht versucht, um jeden Preis meinen Willen aufzuoktroyieren." Das ist ein Satz, der in den meisten Politikermemoiren vorkommen könnte. Hier äußert ihn einer, der in den Augen der heute in Russland Herrschenden - vielleicht weil er wirklich so war, wie er hier formuliert - schmählich versagt hat. Im Westen, namentlich in Deutschland, werden dem Weltenveränderer Gorbatschow bis heute Lorbeerkränze geflochten. Und ganz so sanft kann er auch nicht gewesen sein, denn sonst wären die Ereignisse der Jahre 1989 und 1990 womöglich ganz andere gewesen. Immerhin hat er innerhalb der Sowjetunion durchgesetzt, dass zum Beispiel der deutsche Teil der "Kriegsbeute" der Sowjetunion ins westliche Bündnis integriert wurde.

Wie eine Botschaft an seine Nachfolger liest sich die Schilderung der Verhältnisse im multiethnischen und multikulturellen Nordkaukasus, wo der Funktionär Gorbatschow seine Karriere begann. Er habe sich schon früh mit Nationalitätenfragen vertraut machen können und müssen, weshalb er bei seinem Einzug in den Kreml schon so etwas wie ein Fachmann gewesen sei, schreibt er. Allerdings war es auch der angeblich tolerante "Fachmann" Gorbatschow, der noch 1991 in Litauen auf Demonstranten schießen ließ, die nach Unabhängigkeit strebten. Dieser Vorfall nimmt genau einen Absatz in dem langen Buch ein. Verantwortlich für die Opfer sind namenlos Bleibende - nicht hingegen der Generalsekretär.

Es ehrt Gorbatschow, der vielen im Westen lange als einer der letzten wirklich überzeugten Kommunisten galt, dass er die Zeit des großen Terrors unter Stalin nicht einfach übergeht. Sein Großvater wurde 1938 als "Trotzkist" verhaftet, kam allerdings im Gegensatz zu Millionen anderen relativ glimpflich davon. Immerhin gehört es aber zu den Kindheitserfahrungen Gorbatschows, als Verwandter eines "Volksfeindes" ausgegrenzt zu werden. Der Autor präsentiert sich als einen Menschen, der sich - selbstverständlich im Rahmen des Systems - eine eigene Meinung nicht nur bildet, sondern diese auch äußert. Das ist, wenn es denn wirklich so war, für die Spätzeit Stalins sehr bemerkenswert. Nicht erwähnt werden seine Motive für den Eintritt in eine Partei, in deren Namen immerhin ein Verwandter ins Gefängnis wanderte. Natürlich zieht sich durch die ganze Schilderung, dass er das System grundsätzlich bejaht. Aber er vermeidet idealistische Girlanden. Es lag ja auch nahe, dass sich jemand, der so dachte wie er, in "der" Partei wiederfindet, ohne die im Alltag bekanntlich nichts ging.

Bei der Arbeit in der Jugendorganisation ebendieser Partei lernt der Jungfunktionär Gorbatschow die - freundlich ausgedrückt - Absurditäten des Systems kennen. An seinem Glauben konnten diese offensichtlich nichts ändern, was mit der Weltabgewandtheit der damaligen Sowjetunion zu erklären wäre. Dass der Buchautor Gorbatschow, der nun wirklich viel von der Welt gesehen hat, sich mit keinem Wort selbstkritisch äußert, könnte Rückschlüsse auf dessen politisches Urteilsvermögen zulassen. Er kritisiert Stalinismus, Poststalinismus und die unter Chruschtschow verbreitete Sprunghaftigkeit von Politik ebenso wie die Restauration unter Breschnew. Aber irgendwie geht alles doch seinen guten - sozialistischen - Gang. Das nennt er dann Schritte zur Demokratie.

Rührend naiv reagiert er, als in den siebziger Jahren ein Funktionär die Abschaffung der meisten staatlichen Institutionen fordert, weil ja doch alles von der Partei entschieden werde. Die Diagnose war korrekt, aber der korrekte Gorbatschow weiß nur zu antworten, die Staatsinstitutionen seien doch vom Volk gewählt und deshalb nicht zu ersetzen. Selbst der gläubige Kommunist Michail Sergejewitsch dürfte gewusst haben, wie "Wahlen" im Sowjetsystem abliefen. Kann er das alles für echt gehalten haben?

Denken und Handeln innerhalb der Führung bestimmen den Inhalt des Buches nur zum Teil. Einige Passagen sind aber ganz aufschlussreich. "Die Kreml-Astrologie" hatte sich von den Führern der Vor-Gorbatschow-Ära ein bestimmtes Bild gemacht. Nach Lektüre dieses Buches muss man diese Bilder zumindest im Falle des Verteidigungsministers Ustinow etwas korrigieren. Der Rüstungsmanager in Marschallsuniform erscheint nicht als sturer Betonkopf, sondern als Unterstützer einer Erneuerung von der Art, wie der Kurzzeit-Generalsekretär Andropow sie vorhatte. Gorbatschow stellt Ustinow als einen ihm Gleichgesinnten dar, dessen Tod 1984 ihn empfindlich getroffen habe. Andropow erscheint gar als so etwas wie ein väterlicher Freund.

An mehreren Stellen drängt sich die Frage auf, unter welchen Umständen das Buch wohl entstanden sein könnte. Erstens hat es eine etwas eigenwillige Sprache, die so wirkt, als habe der Autor den Text diktiert, nicht aber niedergeschrieben. Zweitens werden Kapitel ohne inneren Zusammenhang zwischen dem vorhergehenden und dem folgenden eingeschoben. Das Buch wird zwar physisch als Einheit ausgeliefert. Aber es fehlt ihm an innerem Zusammenhang, nicht zu reden von einer Dramaturgie.

Am Ende tritt dem Leser ein im Inneren Gescheiterter gegenüber, der einen großen Rechtfertigungsdrang verspürt und weiterhin behauptet, die Sowjetunion als Union hätte sich retten lassen. Seine welthistorische Rolle, von der besonders Deutschland und die Deutschen profitiert haben, kommt dagegen leider gar nicht vor.

PETER STURM

Michail Gorbatschow: Alles zu seiner Zeit. Mein Leben. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2013. 552 S., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Ein Buch als Liebeserklärung." (Focus, 18.3.2013) "Die Geschichte seines Lebens ist zugleich ein Denkmal für Raissa Gorbatschow - und liest sich in seiner Intimität, seiner präzisen Innensicht beinahe als Roman über die Liebe in Zeiten der Sowjetunion." (Britta Heidemann, WAZ, 11.3.2013) "Gorbatschow offenbart in seinem Buch eine ungewöhnlich offene und menschliche Seite und - was die Anfechtungen des Alters betrifft - eine unnachgiebig kämpferische." (3sat, 20.3.2013) "Diese beeindruckende Politiker-Autobiographie zeigt auf faszinierende Weise auch die menschlichen Aspekte der Weltpolitik" (Buchmagazin Leipziger Volkszeitung 13.03.2013) "Ein sehr persönliches, aufschlussreiches Buch über die Liebe seines Lebens, über Politik, Macht, Zeitgeschichte, aber auch den Glauben an eine gute Zukunft." (Reinhard Zweigler, Märkische Allgemeine Zeitung, 14.3.2013) "So offen wie noch kein Kremlchef vor ihm hat Michail Gorbatschow die Jahrzehnte mit seiner Ehefrau nun in einem Buch beschrieben." (www.shz.de, 12.3.2013) "Die Gorbimania flammt wieder auf, 23 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung." (Handelsblatt, 15.3.2013)

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.04.2013

Für das Neue
und auch dagegen
Michail Gorbatschows viertes Buch über die
Geschichtsmächtigkeit seines Daseins
VON JÖRG R. METTKE
Noch einmal hat Michail Gorbatschow, 82, sein Leben beschrieben. Oder seine Perestroika, was für ihn durchaus dasselbe ist. Diesmal unter dem Titel „Alles zu seiner Zeit“. Das klingt leicht rechthaberisch und ist auch kaum anders gemeint. Deshalb umspannt dieses – sein nun schon viertes – Buch über die Geschichtsmächtigkeit des eigenen Daseins exakt 60 Jahre, neun Monate und
22 Tage: Gorbatschows Leben – von der Geburt im Dorf Priwolnoje der südrussischen Region Stawropol bis zu seinem Rücktritt vom Amt des UdSSR-Präsidenten am
25. Dezember 1991. Und noch immer – oder wieder – ist Raissa Maximowna allgegenwärtig, seine im September 1999 in einer Münsteraner Klinik verstorbene Frau. Es ist das Buch eines grandiosen Bewegers, der so gern Bewahrer seiner umgebauten Sowjetunion gewesen wäre. Aber es ist auch ein Buch über eine große Liebe.
  Eingestreute Bekenntnisse zu Zuneigung, wechselseitiger Abhängigkeit, intimer Nähe und Leidenschaft verleihen dem Buch eine eigentümliche Weichheit. „Auf Händen“ hat er sie tragen wollen, seine Raissa, um die er verschämt und unsicher wirbt an der Moskauer Staatsuniversität der frühen 50er-Jahre. Dort haben die beiden Komsomolzen aus der Provinz gerade ihr Studium begonnen: Jura er und sie Soziologie, beides damals ziemlich unfreie Hilfswissenschaften der herrschenden Ideologie. Gemeinsam mit Kommilitonen arbeiten sie sich in den ersten Märztagen des Jahres 1953 mühsam von Häuserblock zu Häuserblock quer durchs trauernde Moskau bis vor das Gewerkschaftshaus am Ochotnyj Rjad, wo im Kolonnensaal der tote und künftig nicht mehr ganz so große Stalin aufgebahrt liegt.
  Was er selbst dabei empfunden hat, verrät Gorbatschow nicht. Zu Stalins Abgang fallen ihm, listigerweise, vor allem Äußerungen anderer ein, die zweier späterer Dissidenten. Von Andrej Sacharow, der in einem Brief klagt: „Ich stehe unter dem Eindruck des Todes eines großen Menschen und denke an seine Menschlichkeit.“ Und vom tschechischen Kommilitonen Zdenek Mlynar, der verzweifelt von Gorbatschow wissen will: „Mischa, was wird nun aus uns?“ Bei sich selbst kann Michail Sergejewitsch solchen Kleinmut nicht feststellen: „An Ehrgeiz fehlte es mir, ehrlich gesagt, nie.“ Man glaubt ihm gern.
  Auch nimmt man ihm ab, dass Raissa seine mit Abstand wichtigste Ratgeberin war: Vom Start-up im armseligen Zimmerchen in Stawropol mit elf Quadratmetern für 25 Rubel Miete, kurz vor Einzug gerade noch mit zwei gebrauchten Stühlen möbliert, bis zum Leben aus dem Vollen, das später die KPdSU für ihren Chef bereithielt. In all dieser Zeit sah er die Geliebte „nicht einmal morgens ungepflegt“, stets „gab sie auf sich acht“, wollte „in allen Lebenslagen gut aussehen“, schätzte „schöne Kleider“. Und nicht ein einziges Mal soll sie sich dabei in Staatsgeschäfte eingemischt haben, die Kluge, womöglich die Klügere von beiden.
  Mit dieser Beteuerung tut der Memoirenschreiber seiner Frau unrecht. Denn die interessierte sich brennender für Staatsgeschäfte als Lenins berühmte Köchin, sie sah zwar fast alles genauso wie ihr Mischa – nur oft früher und schärfer. Im Kontext freilich wird verständlich, warum der sich noch immer dazu gezwungen sieht, eine rigide „Herr-im-Haus“-Haltung vorzugeben und strikte Trennung von Bett und Mandat, obwohl das seine Sache nie war. Denn das gesamte Raissa gewidmete Buch legt nun erstmals rückhaltlos offen, wie wenig Michail Gorbatschow von Naturell und Charakter dem Typ des harten Staatskerls entsprochen hat, den Russen über Jahrhunderte in höchsten Führungsämtern zu sehen gewohnt sind – und den sie sich auch kollektiv dorthin wünschen.
  Dieser letzte Generalsekretär der sowjetischen Staatspartei, der erste seit Lenin, der weder in einem Kriege stand, noch je eine Uniform trug, der seinen ersten Orden für eine so friedliche Sache wie das Mähdrescherfahren erhielt, lädt den Leser ein, mit ihm und seiner Frau dem Gesang der Wachteln zu lauschen. Er nimmt ihn mit auf Spaziergänge in die Berge oder wenigstens auf die Gartenwege der Staatsdatscha. Er teilt mit ihm erste Küsse und späte Geständnisse seiner Ehe ebenso wie den frühen Horror vor der Moskauer „Atmosphäre: Eine Mischung aus Arroganz, Taktlosigkeit und Speichelleckerei“. Wenn „Spontaneität und Volkstümlichkeit“ umschlugen in „offene Grobheit“ und „ein Hang zum Fluchen und Trinken hinzukam, wurde es unverträglich“.
  Nachdem er seiner Schwiegermutter vorgestellt wurde, raunt diese anschließend Raissa zu: „Was hast du denn da für einen Juden angeschleppt ?“ Als überfordere nicht das bereits das Duldungsvermögen eines patriotischen Durchschnittsrussen, legt der Autor noch nach: „Nicht als Kritik“ hätten sie diese Bemerkung empfunden, sondern „als höchstes Lob: Bekanntlich begegnen die jüdischen Männer ihren Frauen in der Regel sehr aufmerksam.“
  Es ist seit Nikolai Berdjajew viel philosophiert worden über die These von der „weiblichen Natur“ des russischen Volkes und besonders seines sensibleren Teils, der Intelligenzija. Über die Sehnsucht nach einer starken Macht, einer harten Hand – „wie nach einem Bräutigam“, sagt Berdjajew. Gorbatschow nun fehlte ganz eindeutig ein brutaler Anspruch auf Unterwerfung, den der begehrte Freier mitbringen muss. Stellt man ihn sich vor im virtuellen Kreis auch nur seiner unmittelbaren Nachfolger im Kreml, so wirkt ausgerechnet er, der Bursche aus bäuerlichem Milieu, wie ein Vorzeigekavalier mit sanften Manieren. Dass er nach seinen noch gröber geschnitzten Vorgängern westlichen Politikverwaltern vorkommen musste wie einer von einem anderen Stern, wird hier noch einmal verständlich.
  Mit dem neuen Buch vollzieht er eine Abgrenzung vom traditionellen sowjetischen Führungsmilieu, der herrschenden Kaste und deren Initiationsriten zwischen Militärjargon, Wirkungstrinken und Mutterflüchen. Er war nicht der ruppige General an der Spitze, sondern gottlob „nur“ der phantasiebegabte, quirlige, zivile Sekretär für eine kurzbemessene Zeit, die der Abwicklung und Transformation des Monstrums Sowjetunion. Dies im Wesentlichen unblutig und ohne größere Schäden für die an Größe geeichte russische Seele bewerkstelligt zu haben, ist und bleibt sein historisches Verdienst. Um sich jedoch auf Dauer an der Macht einzurichten – dafür fehlten ihm zupackender Griff, Rücksichtslosigkeit und Zynismus.
  Gleichwohl schmerzt ihn noch heute Kritik wegen mangelnder Härte, zu großer Nachgiebigkeit, zu ängstlichen Taktierens. Als wehre er sich ein letztes Mal gegen das in der russischen Männergesellschaft vernichtende Urteil „Ty ne muschik“, du bist kein richtiger Kerl, weist er entschieden, aber nicht ganz glaubhaft die Vorwürfe zurück, er sei unentschlossen, zögerlich, schwach gewesen: Bis heute akzeptiere er nicht, „unentschieden gewesen“ zu sein: „Um die Perestroika durchzubringen, musste ich mich mal ins linke, mal ins rechte Ruder legen.“
  Das dazu erforderliche schauspielerische Talent und Verstellungsvermögen ist eine weitere wichtige Eigenschaft des Protagonisten, die nicht wenig zu seinem Erfolg beitrug und seinen Aufstieg erklärt. Zwar beteuert Gorbatschow, sich nie in „Katzbuckelei“ verstrickt zu haben. Doch auf dem Weg nach oben war er überall gefällig, richtete es der Obrigkeit und ließ es sich richten, zeigte sich ideenreich beim Plänemachen, verlor jedoch die Parteilinie nie aus den Augen. Seine gesamte Aufstiegsschilderung verdeutlicht wie ein naiver Bilderbogen, weshalb die Geronten sich am Ende, 1986, so vertrauensvoll auf den Mann aus Stawropol als neuen Generalsekretär einigen konnten: Er erschien als einer, der es allen recht machen, der immer ein bisschen fürs Neue und zugleich ein bisschen dagegen sein würde. Sie dachten wie Kurt Tucholskys älterer, leicht besoffener SPD-Wähler im Deutschland des Jahres 1930: Wenn man den wählt, hat man das beruhigende Gefühl, etwas für die Revolution zu tun, weiß aber genau: Mit dem kommt sie nicht. Wie sich rasch herausstellen sollte: ein folgenschwerer Irrtum.
  Doch das Buch, dessen russischer Originaltitel „Mit mir allein“ lautet, illustriert auch, wie sehr, wie beinahe manisch sein Autor alles von diesem Höhepunkt her definiert, alles auf ihn bezieht. An vielen Stellen wirkt es wie die Autobiografie eines Toten: Nihil nisi bene – mit oft platter Verliebtheit in die eigenen Reden und Winkelzüge von vorgestern. Aber Selbstkritik ist die Sache Michail Sergejewitschs schließlich nie gewesen. Und die späte Berihme eines alten Mannes ist noch immer weit angenehmer als der rüde Ton des Selbstherrschers Putin, der jüngst erst – voller KGB-Humor in der Tradition Iwan des Schrecklichen – öffentlich erwogen hat, „Gorbatschow die Zunge kürzen zu lassen“.
Michail Gorbatschow : Alles zu seiner Zeit. Mein Leben. Aus dem Russischen von Birgit Veit. Hoffmann und Campe, Hamburg. 608 Seiten. 24,99 Euro.
Der Journalist Jörg R. Mettke arbeitet seit 1987 als Russlandkorrespondent; er lebt teils in Moskau, teils in Berlin.
Anders als Gorbatschow schreibt,
interessierte seine Frau sich
brennend für die Staatsgeschäfte
Nicht ganz glaubhaft
weist er den Vorwurf zurück,
er sei zögerlich gewesen
Mit diesem Generalsekretär, hatten damals viele gedacht, würde ein revolutionärer Umsturz nicht kommen.
ZEICHNUNG: HADERER
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"Entstanden ist ein sehr ungewöhnliches Buch mit einer ganz eigenen Handschrift." Klaus-D. Dobat Gießner Allgemeine, 11.05.2013