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Zwischen Repression und Freiheit: Die Geschichte der Homosexualität in Deutschland
Homosexualität ist eine deutsche Erfindung - zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt Robert Beachy in seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland. In seinem Buch erzählt er von den Pionieren der Sexualwissenschaft, den Debatten um gesellschaftliche Anerkennung im Kaiserreich sowie vom schwulen Eldorado Berlins in der Weimarer Zeit und holt damit ein in Vergessenheit geratenes Kapitel deutscher Geschichte ans Tageslicht.
Welche einzigartigen Bedingungen im Deutschland des späten 19. und frühen 20.
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Produktbeschreibung
Zwischen Repression und Freiheit: Die Geschichte der Homosexualität in Deutschland

Homosexualität ist eine deutsche Erfindung - zu dieser überraschenden Erkenntnis kommt Robert Beachy in seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland. In seinem Buch erzählt er von den Pionieren der Sexualwissenschaft, den Debatten um gesellschaftliche Anerkennung im Kaiserreich sowie vom schwulen Eldorado Berlins in der Weimarer Zeit und holt damit ein in Vergessenheit geratenes Kapitel deutscher Geschichte ans Tageslicht.

Welche einzigartigen Bedingungen im Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts herrschten, die es zum Zentrum der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der menschlichen Sexualität machten, zeigt der Historiker Robert Beachy anhand einer Fülle an Figuren und Episoden. Vor allem Berlin mit seinem berühmten Nachtleben entwickelte sich in dieser Zeit zum Magneten für eine lebendige, internationale schwule Szene und zog Künstler wie Christopher Isherwood und W.H. Auden an, die der Zeit in ihren Werken ein Denkmal setzten. Mit seiner Geschichte der Homosexualität in Deutschland verändert Robert Beachy das Bild von Kaiserzeit und Weimarer Republik und fügt unserem Verständnis dieser Epoche eine wichtige Facette hinzu.
  • Produktdetails
  • Verlag: Siedler
  • Seitenzahl: 462
  • Erscheinungstermin: 22. Juni 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 218mm x 144mm x 45mm
  • Gewicht: 745g
  • ISBN-13: 9783827500663
  • ISBN-10: 3827500664
  • Artikelnr.: 42503588
Autorenporträt
Beachy, Robert
Robert Beachy, geboren 1965 in Aibonito, Puerto Rico, lehrt Geschichte an der Yonsei University in Seoul. Er ist Autor und Herausgeber mehrerer Bücher zur deutschen und amerikanischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, für seine Forschung erhielt er Förderungen u.a. von der John S. Guggenheim Memorial Foundation und vom Max-Planck-Institut für Geschichte.
Rezensionen
Die Entstehung und Entwicklung dieses "anderen" Berlins, seiner schwulen Kultur [...], hat Robert Beachy in einer ebenso unterhaltsamen wie instruktiven Geschichte nachgezeichnet.
Besprechung von 04.08.2015
In der Stadt ohne Jungfrauen
Homosexualität sei eine deutsche Erfindung, behauptet der Historiker Robert Beachy. Seine Geschichte
des „anderen Berlin“ erzählt von Aktivisten, Medizinern, Polizisten und einer quicklebendigen Subkultur
VON JENS BISKY
Die berühmte Dekadenz der Stadt sei wohl hauptsächlich ein Reklamespruch gewesen, hat Christopher Isherwood im Rückblick auf seine Jahre als Sextourist in Kreuz- und Schönebergvermutet. Da Paris nun einmal den „heterosexuellen Mädchenmarkt“ beherrschte, habe Berlin seine Besucher am besten mit „einem Mummenschanz der Perversionen“ locken können. Ganz falsch lag er mit dieser sarkastischen Bemerkung nicht. Schon unter Wilhelm II. waren Kostümbälle, auf denen Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzten, waren einschlägige Bierkeller, Restaurants und kleine Lokale auch Touristenattraktionen. Die schwule Subkultur gedieh. Engländer bezeichneten gleichgeschlechtlichen Verkehr mit dem Ausdruck „german custom“; „Berlinese“ war im Italienischen ein Synonym für „homosexuell“.
  Dass Homosexualität überhaupt eine deutsche Erfindung sei, behauptet der Historiker Robert Beachy in seiner kulturgeschichtlichen Studie „Das andere Berlin“. Will man das glauben? Selbstverständlich hat es, so weit wir wissen, zu allen Zeiten und in allen Kulturen Männer gegeben, die Männer liebten. Aber als eine „moderne Identität“, eine Daseinsform eigenen Rechts, existiert Homosexualität erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Vorstellung einer angeborenen, nicht willkürlich zu verändernden sexuellen Orientierung entsteht in den Protesten gegen die Kriminalisierung des gleichgeschlechtlichen Akts, seit 1872 als Paragraf 175 im Reichsstrafgesetzbuch festgeschrieben. Wie dennoch in Berlin eine schwule Subkultur sich entfalten und die erste moderne schwule Emanzipationsbewegung aufkommen konnte, davon handelt dieses Buch.
  Es beginnt im August 1867 mit dem unglaublich mutigen Auftritt des Juristen Karl Heinrich Ulrichs auf dem deutschen Juristentag in München. Der damals 42-Jährige warb für eine Strafrechtsänderung für all jene, die sich zu Angehörigen des eigenen Geschlechts hingezogen fühlten. Gebrüll und Spott hinderten ihn, seine Rede zu beenden, seine Forderung wurde nicht berücksichtigt. Doch das öffentliche Bekenntnis eines Schwulen, der stolze Augenblick, hatte langfristige Folgen. Üblicherweise nahm man an, Masturbation oder sexuelle Ausschweifung würden das Laster der „Sodomie“ hervorrufen. Ulrichs dagegen sprach vom Wirken der „räthselhaft waltenden schaffenden Natur“. Mediziner kamen zu ähnlichen Ergebnissen.
  Beinahe noch wichtiger war, dass Ulrichs in einer Reihe von Broschüren eine „neue Sprache der sexuellen Orientierung und Identität“ erfand. In Anlehnung an den griechischen Gott Uranus, von dem es in Platons „Gastmahl“ heißt, er habe mutterlos Aphrodite gezeugt, schlug Ulrichs vor, männerliebende Männer „Urninge“ zu nennen. Viele erfuhren erst aus den Schriften des tapferen Karl Heinz Ulrichs, dass sie mit ihrem Triebschicksal nicht allein waren. Das half ebenso wie die öffentliche Kampagne gegen Sodomiegesetze, ein Gemeinschaftsgefühl zu wecken. Zwei Jahre nach Ulrichs’ Tod, 1897, wurde in der Berliner Wohnung des jungen Arztes Magnus Hirschfeld das „Wissenschaftlich-humanitäre Komitee“ gegründet. Das Motto: „Per scientiam a justitiam“ verriet die Hoffnung, Forschung und Aufklärung würden die Anerkennung der Homosexuellen befördern und schließlich Gesetzesänderungen herbeiführen.
  Karl Heinz Ulrichs und Magnus Hirschfeld, die Pioniere der schwulen Emanzipation, sind gut bekannt. Aber nur Fachleuten dürfte der Name Leopold von Meerscheidt-Hüllesem etwas sagen. 1885 gründete der Polizeidirektor das Homosexuellen-Dezernat der Berliner Polizei und leitete es. Er stellte ein eigenes „Päderastenalbum“ zusammen, das 1895 etwa 300 Aufnahmen enthielt, Bilder männlicher Prostituierter oder von Männern, die wegen Verstoßes gegen den Paragrafen 175 festgenommen worden waren.
  Angesichts der rasant wachsenden Großstadt, die polizeilich zu überwachen schwer möglich war, entschloss sich Meerscheidt-Hüllemsen zu einer „Politik der bedingten Tolerierung“, wie Beachy dies nennt. „Homosexuelle Fraternisierung“ wurde in gewissen Grenzen toleriert. Mehr noch: Der Polizeidirektor organisierte für Journalisten, Schriftseller, Ärzte Touren zu Treffpunkten der Homosexuellen. Sie wurden dadurch sichtbar, ein Studienobjekt. Der Dramatiker August Strindberg etwa gelangte 1893, eingeladen von einem Polizeileutnant, auf einen Berliner Kostümball: „Es war das abscheulichste, was ich je gesehen hatte.“
  Ausführlich schildert Beachy die Stricherszene und die mit der Prostitution unter dem Paragrafen 175 notwendig einhergehende Kultur der Erpressung. Der Sexskandal um den Freund des Kaisers, Philipp zu Eulenburg, den der Journalist Maximilian Harden 1907 outete und dessen Leben in einer Folge von Verleumdungs- und Meineidsprozessen ruiniert wurde, bestätigte alle, die in Berlin ein modernes Sodom sehen wollten. Man wird Robert Beachy nicht widersprechen wollen, dass dank der Eulenburg-Affäre das Wort Homosexualität ein in Deutschland geläufiger Begriff geworden war. Aber um welchen Preis! Die „Erfindung der Homosexualität“ im Wechselspiel von Gesetzgebung, Aktivismus und Medizin geht einher mit ungezählten zerstörten oder dauerhaft vergifteten Lebensläufen. 
  Immerhin konkurrierten schon vor dem Ersten Weltkrieg verschiedene Vorstellungen davon, was es eigentlich heiße, homosexuell zu sein. Neben das Paradigma der enthusiastischen Freundschaft, neben Hirschfelds Idee der „sexuellen Zwischenstufen“ trat mit dem Wandervogel Hans Blüher das Konzept des homoerotischen Männerbundes, nationalistisch und meist antisemitisch.
  Robert Beachy, der in Seoul lehrt, erzählt farbig, er hat einen Blick für interessante Szenen, bewegende Schicksale und nutzt für seine große Synthese die Ergebnisse vieler Einzelstudien, konzentriert sich allerdings bewusst auf Männer. Die Kultur der lesbischen Frauen spielt nur sehr am Rande eine Rolle. Schwach ist das Buch, wenn es um Geistesgeschichte geht. So kommt der Pionier der Kunstgeschichte Johann Joachim Winckelmann zwar vor, doch seine wesentliche These – höchste Schönheit sei Jünglingschönheit – wird nicht einmal erwähnt, und wenn schon das merkwürdige Sexualleben Friedrichs des Großen angeführt wird, wären ein paar Worte zum heftigen gelehrten Streit darüber angebracht gewesen. Noch mehr vermisst man Beobachtungen über das Sittenleben im Ersten Weltkrieg.
  Die letzten drei Kapitel sind dem Berlin der Weimarer Republik gewidmet, Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, dem Sextourismus und der männlichen Prostitution sowie dem noch immer notwendigen Kampf um die Strafrechtsreform. Im Oktober 1929 gab es im Strafrechtsausschuss des Reichstags eine Mehrheit für die Abschaffung des Paragrafen 175. Die Krise der Demokratie verhinderte die überfällige Reform. Die Nationalsozialisten zerstörten schon in den ersten Monaten ihrer Herrschaft die schwule Subkultur, die blühende homosexuelle Medienlandschaft und die Infrastruktur der Emanzipationsbewegung.
  Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ihr Erbe angetreten wurde. Es liege, schreibt Beachy, eine Ironie darin, dass die Schwulenparaden in der Stadt heute unter dem Namen „Christopher Street Day“ firmieren, in Erinnerung an den Widerstand der New Yorker Schwulen gegen die Polizei. Und das obwohl, wie dieses große kulturgeschichtliche Panorama zeigt, Berlin über eine stolze eigene Tradition schwulen Lebens verfügt, ja, in der Tat als Geburtsort der Schwulenbewegung gelten kann.
  Bis heute ist die Erinnerung daran schwach, geht selten über ein paar Zitate und Koketterie mit der Verruchtheit der Zwanzigerjahre hinaus, als Isherwoods Freund W.H. Auden behauptete, Berlin sei eine „Stadt ohne Jungfrauen. Nicht einmal die Kätzchen und die Hündchen sind jungfräulich“. Die Geschichte des „anderen Berlin“ erinnert auch daran, wie rasch es mit all der Liberalität und einer quicklebendigen Subkultur vorbei sein kann.   
        
Robert Beachy: Das andere Berlin. Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933. Aus dem Englischen von Hans Freundl und Thomas Pfeiffer. Siedler Verlag, München 2015. 464 Seiten, 24,99 Euro. E-Book 19,99 Euro.
Schon im Jahr 1867 warb ein
mutiger Jurist für die Abschaffung
der Sodomiegesetze
Die Rolle Berlins als Geburtsort
der Schwulenbewegung ist nur in
allzu schwacher Erinnerung
Bildpostkarte des Lokals „Silhouette“, das Ende
der Zwanziger populär war. Es wurde im März 1933 geschlossen.
Foto: Schwules Museum, Berlin
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Steffen Siegel findet die scheinbare Schlichtheit an Robert Beachys These bestechend, derzufolge Homosexualität eine deutsche Erfindung ist. Das "andere" Berliner Panorama vom Beginn des Kaiserreichs bis zum Ende der Weimarer Republik, das Beachy entwirft, überzeugt den Rezensenten durch erzählerischen Glanz und interessante Details, etwa über die Rolle Magnus Hirschfelds für die wissenschaftliche Erforschung der Homosexualität oder die Nähe des Staates zur homosexuellen Subkultur. Die vom Autor aufgezeigten mentalitätsgeschichtlichen Linien zeigen Siegel Liberalität als fragiles Gut, das mal in der Presse, mal im Parlament verhandelt wurde.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 26.09.2015
Des Kaiserreichs konträres Erbe
Berlin ist anders: Robert Beachy über die deutsche Erfindung der Homosexualität

Es lohnt sich, die Lektüre von Robert Beachys "Das andere Berlin" mit dem letzten Absatz zu beginnen. In einem melancholisch gestimmten Schlusswort erinnert der amerikanische Autor daran, dass der Christopher Street Day mit einigem Recht auch nach einer Berliner Straße hätte benannt werden können. Gewiss war folgenreich, was im New Yorker Greenwich Village als "Stonewall riots" im Juni 1969 seinen Ausgang nahm. Wer jedoch nach älteren Wurzeln der homosexuellen Emanzipationsbewegung sucht, für den hält Beachy einen Vorschlag bereit: Homosexualität ist eine deutsche Erfindung, die seit der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts vor allem von Berlin aus in die Welt kam. "Conträre Sexualempfindung" (so formulierte der Brockhaus seinerzeit) also als ein Exportschlager des noch jungen Kaiserreichs?

Es mag in solcher Zuspitzung unterkomplex klingen. Doch besticht Beachy gerade mit der scheinbaren Schlichtheit seiner These. In insgesamt acht Kapiteln entwirft er das Panorama eines "anderen Berlins". Der in Seoul lehrende Historiker beweist sich dabei als glänzender Erzähler einer komplizierten Geschichte. Manches, was Beachy anspricht, ist bereits gut erforscht, die Harden-Eulenburg-Affäre etwa oder auch die zentrale, weit über Berlin hinausreichende Rolle Magnus Hirschfelds für die wissenschaftliche Erforschung der Homosexualität. Doch erscheinen sie nun im Zusammenhang einer wechselvollen, von der Gründung des Kaiserreichs bis zum Ende der Weimarer Republik reichenden Epoche der Emanzipation. Dieser Entwurf eines großen Ganzen ist es, der Beachys Studie überaus lesenswert macht. Seine Synthese wirft insbesondere auf die wilhelminische Ära ein neues Licht. Aufgezeigt werden hierbei mentalitätsgeschichtliche Linien, die auch nicht durch die Zäsur eines Weltkriegs unterbrochen worden sind.

Liberalität tritt in einer solchen Erzählung als fragiles Gut in Erscheinung. Fortlaufend berichtet Beachy von irritierenden Nachbarschaften und von einer überraschenden Nähe des Staates zur homosexuellen Subkultur. Als etwa die Berliner Polizei im Februar 1885 das "Seegersche Lokal" in der Jägerstraße stürmte, verhaftete sie zwar zwölf Männer, die "sich geküsst, geliebkost, auf das Gesäß geklopft, einander auf den Schoß gesetzt, sich fast alle mit Mädchennamen genannt, an die Geschlechtsteile gegriffen" hatten. Doch während diese Worte eines Zivilbeamten noch zu Protokoll genommen wurden, eröffneten in der Nachbarschaft bereits fünf neue Szenebars. Das von der Berliner Polizeibehörde auf solche Erfahrungen hin eingerichtete "Homosexuellen-Dezernat" verfolgte subtilere Methoden. Tolerierung wurde nun durch Kontrolle aus der Halbdistanz gerahmt.

Bald schon, so jedenfalls legt es Beachy nahe, nahm die Idee staatlicher Kontrolle der homosexuellen Subkultur den Charakter eines Kuriositätenkabinetts an. Der Gründer und langjährige Leiter des Dezernats, Leopold von Meerscheidt-Hüllessem, führte höchstpersönlich sein internationales Publikum durch die einschlägigen Lokale, um ihnen deviante Studienobjekte zu präsentieren. Mit den Mitteln staatlicher Überwachung und dem ganzen Repertoire von Aufzeichnungsmethoden wurde aber zugleich seit den achtziger Jahren mehr und mehr festgeschrieben, wofür zwei Jahrzehnte zuvor Karl Heinrich Ulrichs vor dem Deutschen Juristentag von seinen Kollegen noch niedergeschrien wurde: die Anerkennung der Homosexualität als einer eigenen Form des Zusammenlebens, die Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe hierbei übrigens eingeschlossen.

Berlin entwickelte sich jedoch nicht allein zu einem "Labor für sexuelle Abweichungen". Das von Meerscheidt-Hüllessem geführte Dezernat wurde 1896 umbenannt und war fortan für "Homosexuelle und Erpresser" zuständig. Magnus Hirschfeld schätzte, dass jeder dritte Berliner Homosexuelle im Lauf seines Lebens Opfer einer Erpressung wurde. Doch wussten nicht allein Stricher, die offenbar besonders häufig auf diese Weise ihren Freiern zusetzten, um eine solche Möglichkeit, den bürgerlichen Tod als perfide Waffe einzusetzen. 1907 wurde Homosexualität zum Gegenstand der Presse, der Gerichte und schließlich sogar des Parlaments. Zur Debatte stand eine heikle Frage: War, wissentlich oder auch nicht, Wilhelm II. von einem Kreis homosexueller Ratgeber umgeben? War Wilhelms "Liebenberger Tafelrunde", der hochrangige Diplomaten, Militärs und Politiker angehörten, nichts anderes als eine Gruppe homosexueller Freunde, die die Geschicke des Kaiserreichs in ihrem Sinne zu beeinflussen suchten?

Die von Maximilian Harden losgetretene Kampagne mündete nicht allein in Verleumdungsklagen und Prozessen. Der preußische Staat sah sich in Gestalt seines Kriegsministers Karl von Einem dazu veranlasst, vor dem Reichstag ganz offiziell das Verhältnis des Staates zur Homosexualität klarzustellen. Konnte es sein, dass es auch in den Reihen des deutschen Offizierskorps Homosexuelle gab? Im schrillen Tonfall gab der Minister Auskunft: "Ein solcher Mann darf nie und nimmer Offizier sein. Ein solcher Mann kommt in die Lage, sich gegen seinen Eid zu vergehen . . . Ein solcher Mann untergräbt die Disziplin." Für die Schlussworte seiner Rede vermerkt das Protokoll der Reichstagssitzung fortgesetzten lebhaften Beifall: "Wo ein solcher Mann mit solchen Gefühlen in der Armee weilen sollte, da möchte ich ihm zurufen: Nimm deinen Abschied, entferne dich, denn du gehörst nicht in unsere Reihen! Wird er aber gefaßt, meine Herren, wer es auch sei, und mag er stehen, an welchem Ort es auch ist, so muß er vernichtet werden." Ein Vierteljahrhundert später folgten, nicht allein in Berlin, solchen Worten die Taten. Diese Zeit genauer in den Blick zu nehmen, hat Robert Beachy für einen zweiten Band in Aussicht gestellt.

STEFFEN SIEGEL.

Robert Beachy: "Das andere Berlin". Die Erfindung der Homosexualität. Eine deutsche Geschichte 1867-1933.

Aus dem Englischen von Hans Freundl. Siedler Verlag, Berlin 2015. 464 S., geb., 24,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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