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Er war einer der ersten sowjetisch-jiddischen Dichter überhaupt, die sich die Zeit der großen sozialen Umbrüche in Russland vornahmen: Moyshe Kulbak mit "Montog. Eyn kleyner roman" von 1926. Er erzählt von den Revolutionen 1917 und deren Bedeutung für das jüdische Leben. Es ist die Geschichte von Mordkhe Markus, einem einfachen Hebräischlehrer: ein Schwankender und Zerrissener zwischen den Welten, der einige seiner Ideale ja in den Ideen der Revolution findet - aber Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ...?…mehr

Produktbeschreibung
Er war einer der ersten sowjetisch-jiddischen Dichter überhaupt, die sich die
Zeit der großen sozialen Umbrüche in Russland vornahmen: Moyshe Kulbak
mit "Montog. Eyn kleyner roman" von 1926. Er erzählt von den Revolutionen
1917 und deren Bedeutung für das jüdische Leben. Es ist die Geschichte von
Mordkhe Markus, einem einfachen Hebräischlehrer: ein Schwankender und
Zerrissener zwischen den Welten, der einige seiner Ideale ja in den Ideen der
Revolution findet - aber Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ...?
  • Produktdetails
  • Verlag: Edition Fototapeta
  • Seitenzahl: 111
  • Erscheinungstermin: 15. März 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 128mm x 15mm
  • Gewicht: 179g
  • ISBN-13: 9783940524614
  • ISBN-10: 3940524611
  • Artikelnr.: 47121135
Autorenporträt
Kulbak, Moyshe
Geboren 1896 in Smorgon (unweit von Vilnius, seinerzeit Russisches Kaiserreich), gestorben 1937 in Minsk. Erfolgreicher Dichter, Schriftsteller, Theaterautor in jid- discher Sprache, arbeitete auch als Lehrer und Übersetzer. Lebte in Minsk, Vilnius und Berlin. Zeitweilig Vorsitzender des PEN-Zentrums für jiddische Literatur. Wird im September 1937 verhaftet und kurze Zeit später nach einem stalinistischen Schauprozess hingerichtet.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 29.03.2017

Wilnas literarische Welt
Unter den vielen Neuerscheinungen übersetzter litauischer Literatur spielen jiddische Texte eine Sonderrolle

Im jüdischen Osteuropa gab es keine Stadt, die es mit dem Zauber Wilnas aufnehmen konnte. Gewiss, Warschau war kosmopolitischer, Odessa witziger, St. Petersburg vornehmer, Berditschew spiritueller und die Exklave Berlin immer avantgardistischer, vor allem während der Weimarer Republik. Aber jüdischen Zauber, eine Mischung aus steinaltem Geist und junger Seele, gab es nur in Wilna, Vilnius oder Vilne, wie die Stadt bei den Juden hieß. "Vilne", schrieb der jiddische Lyriker Moyshe Kulbak 1926 in einem der schönsten Gedichte über diese Stadt, "du bist a tilim oysgeleygt in leym un ayzn / a tfile iz ayeder shteyn, a nign yede vant" - du bist ein Psalter, ausgelegt in Lehm und Eisen / ein Gebet ist jeder Stein, eine Melodie ist jede Wand.

Das Wort "auslegen" ist auch im Jiddischen mehrdeutig. Man kann Karten, Geld und einen Text auslegen. Damit spielt Kulbak in dem Gedicht. Er, der erst 1919 als Fünfundzwanzigjähriger nach Wilna kam, nimmt einerseits wahr, wie sehr die hardware der Stadt (Häuser, Straßenzüge, Synagogen, Friedhöfe) von der intellektuellen und spirituellen Geschichte der Juden geprägt wurde: von der Präsenz ihrer Rabbiner, Kantoren, Gelehrten, chassidischen Meister, Schriftsteller und Verlage. Und er nimmt gleichzeitig die Kehrseite wahr: das Erstarren des lebendigen Gedankenflusses in Papier und Stein. Wilna ist die steingewordene "Auslegung" ihrer Geistesgeschichte, durch die reifizierte Menschen wie Opfer eines bösen Zaubers wandeln: "un dayne oyseyes valgern, blondzshen opgekrokhene: / yiden shtayfe, vi di heltser, vayber, vi di leblekh broyt" - deine Letter wandern, irren blass umher: / stocksteife Juden, Frauen wie Laibe Brot.

Es ist eine zweischneidige Ode, die Kulbak 1926 in der New Yorker Zeitschrift "Tsukunft" veröffentlichte. Sie gehört heute zu den wichtigsten Texten der avantgardistischen jiddischen Literatur über den Umgang mit der Last der jüdischen Tradition. Leider fehlt sie in dem neuen Buch über Wilna, dessen Untertitel die heutige Hinterlassenschaft der Stadt gut erfasst: "Eine jüdische Topografie zwischen Mythos und Moderne". Von Hinterlassenschaft muss man sprechen, denn von den vierzigtausend Juden Wilnas, die am 6. September 1941 in zwei Gettos getrieben wurden, überlebten nur einige hundert. Wie das vor sich ging, wird von Christoph Dieckmanns Aufsatz des Bandes, "Die Zerstörung des Gettos in Vilnius im September 1943", aus der Perspektive der deutschen Besatzer mit illusionsvernichtender Klarheit beschrieben. Auch sieben Jahrzehnten später löst die kaltblütige Brutalität der vieltausendfachen, hautnahen Morde, eine Betroffenheit aus, aus der heraus sich auch diese Aufsatzsammlung erklärt. Sie versammelt Vorträge deutscher und litauischer Historiker und Literaturwissenschaftler, die versuchen zu erfassen, was heute vom jüdischen Wilna noch erfahrbar ist. Das ist eben im Wesentlichen die hardware: die Steine und die ohne Leser versteinerten Bücher.

Es überrascht nicht, dass die lebendigsten Aufsätze von drei Autoren stammen, deren Kenntnisse der jiddischen Sprache die Steine zum Sprechen bringen: Gudrun Schroeder legt uns die Tagebücher vor, die im Getto entstanden. Sandra Studer führt in die Werke von Chaim Grade und Abraham Karpinovitsh ein, zwei jiddische Erzähler, die nach dem Krieg unterschiedliche Vilner Milieus in ihrer Prosa rekonstruierten. Von Chaim Grade, der zu den besten jiddischen Erzählern gehört, gibt es noch nichts auf Deutsch. Besser erging es dem Dichter und Widerstandskämpfer Abraham Sutzkever. Er wird von seinem litauischen Übersetzer Mindaugas Kvietkauskas vorgestellt. Sutzkever, der als Häftling bei der Plünderung der bedeutenden Strashun-Bibliothek eingesetzt wurde, versteckte wichtige Bücher und Dokumente im Getto, floh kurz vor dessen Liquidierung durch die Kanalisation, kämpfte mit den Partisanen, wurde 1944 aufgrund seines Gedichts "Kol Nidre" von den Sowjets aus den Sümpfen geholt und nach Moskau geflogen, trat 1946 im Nürnberger Prozess als Zeuge für die Vernichtung der Juden Wilnas auf und starb 2010 in Jerusalem. Seine Gedichte und sein Tagebuch "Wilner Getto 1941-1944" liegen auch auf Deutsch vor.

Schicht um Schicht legen die Aufsätze das vergangene jüdische Leben in Wilna frei. Was nach dem Krieg verblieb, beschrieb Grigori Kanowitsch/Kanovich (vorgestellt von Ruth Leiserowitz) in seinem Roman "Park der Juden", der 1997 in russischer Sprache in New York erschien und noch nicht übersetzt wurde. Dafür ist sein ebenfalls auf Russisch geschriebener etwas schnulziger Schtetl-Untergangsroman "Mestetschkownii romants" (Schtetl-Romanze) über die zwanziger und dreißiger Jahre im jüdischen Litauen seit 2015 unter dem Titel "Kaddisch für mein Schtetl" auf Deutsch greifbar. Realistischer ist sein Roman "Die Freuden des Teufels" über die Auswirkung von Gewalt in einem Städtchen, der in diesen Tagen bei Corso erscheint, erstklassig übersetzt von Franziska Zwerg. Kanovich, der 1929 in der Nähe von Kaunas geboren wurde, gehört zu den wenigen Überlebenden, die gerade noch, um ein Bild Kafkas zu bemühen, einen Zipfel des davonfliegenden Vilner Gebetsmantels erhascht haben.

Wer in Vilnes literarische Hochkultur einsteigen will, sollte sich an Moyshe Kulbak halten, dessen Kurzroman "Montag" (1926) in der präzisen Übersetzung von Sophie Lichtenstein vorliegt. Kulbak ist einer der subtilsten jiddischen Lyriker der Moderne. Er verbrachte die Jahre 1920 bis 1923 in bitterster Armut in Berlin, weil er Goethe, Schiller, die Romantiker, Schopenhauer und Nietzsche lesen wollte. Drei seiner Gedichtbände erschienen in dieser Zeit in Wilna, Warschau und Berlin. Ein Jahr nach seiner Rückkehr nach Wilna publizierte er seinen visionären Prosatext "Der Messias vom Stamme Efraim" (1924), dessen Themen Kulbak in "Montag" wieder aufnimmt.

Darin geht es um den in seiner Dachkammer auf Erlösungswege sinnenden Kabbalisten Mordkhe Markus. Die Stadt ist in Aufruhr, die Bürgerkrieg vorbei. Die Rote Armee ist eingezogen, die Bolschewisten errichten ihre Herrschaft. Doch Mordkhe hat andere, jüdische Ideen, wie die Armen zu erlösen seien. Er wird verhaftet, an die Wand gestellt, doch von der Kugel nur verletzt, so dass ihm noch Zeit bleibt, das Widui (Bekenntnis) zu sprechen. Dieses "Glück" hatte Kulbak nicht. Er zog 1929 nach Minks, schrieb dort die große Satire "Die Selmenianer", wurde 1937 verhaftet und exekutiert. Uns bleiben seine Werke. "Ich bin die Stadt", schrieb er 1926, "die tausend schmalen Tore in die Welt / die schwarze Flamme . . . , die im schneidend-scharfen Auge der Litwaken in der Fremde glüht, / . . . ich bin die Stadt." Zwei sehr gute Bücher, die Versteinerung lösen.

SUSANNE KLINGENSTEIN

Moyshe Kulbak: "Montag". Ein kleiner Roman.

Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein. Edition Fototapeta, Berlin 2017. 120 S., br., 12,80 [Euro].

"Vilne - Wilna - Wilno - Vilnius". Eine jüdische Topografie zwischen Mythos und Moderne.

Hrsg. von Elke-Vera Kotowski und Julius H. Schoeps. Verlag Hentrich und Hentrich, Berlin 2017. 202 S., Abb., br., 22,- [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

Rezensent Oleg Jurjew freut sich über die Wiederentdeckung des jiddischsprachigen Schriftstellers Moische Kulbak, den er  als Lyriker ebenso wie als Romancier schätzt. Entsprechend begeistert nimmt der Kritiker gleich vier Wiederveröffentlichungen der Werke Kulbaks zur Hand: Während er in Kulbaks Gedichten vor allem die Musikalität der Volkslieder der Juden Weißrusslands und Litauens bewundert, lernt er in dessen Prosa das Leben der Juden Osteuropas kennen. Besonders bemerkenswert findet Jurjew Sophie Lichtensteins Übersetzungen der in der Edition Foto-Tapeta erschienenen Bände "Childe Harold aus Disna" und "Montag". Von den jeweiligen Nachworten hätte sich der Rezensent allerdings mehr Genauigkeit gewünscht.

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