Brief an einen jüdischen Freund - Romano, Sergio
20,99 €
versandkostenfrei*

inkl. MwSt.
Sofort lieferbar
10 °P sammeln
    Gebundenes Buch

Sergio Romano, ein in Italien sehr bekannter Publizist, wurde 1929 in Vicenza geboren und war u. a. von 1985 bis 1989 Botschafter in Moskau. Sein "Brief an einen jüdischen Freund" besteht aus meisterhaften Skizzen zur neueren Geschichte des Judentums. Er erschien 1998 in Italien und löste dort eine lebhafte Debatte aus. Romano fragt nach dem Ort, den der Holocaust künftig in der Menschheitsgeschichte einnehmen soll. Er sieht in dessen religiöser Überhöhung die Gefahr, daß es in Reaktion darauf zu neuem Antisemitismus, mithin zu einer neuen Bedrohung des Judentums kommen könnte.…mehr

Produktbeschreibung
Sergio Romano, ein in Italien sehr bekannter Publizist, wurde 1929 in Vicenza geboren und war u. a. von 1985 bis 1989 Botschafter in Moskau. Sein "Brief an einen jüdischen Freund" besteht aus meisterhaften Skizzen zur neueren Geschichte des Judentums. Er erschien 1998 in Italien und löste dort eine lebhafte Debatte aus. Romano fragt nach dem Ort, den der Holocaust künftig in der Menschheitsgeschichte einnehmen soll. Er sieht in dessen religiöser Überhöhung die Gefahr, daß es in Reaktion darauf zu neuem Antisemitismus, mithin zu einer neuen Bedrohung des Judentums kommen könnte.
  • Produktdetails
  • Verlag: Landt
  • Originaltitel: Lettera a un amico ebreo
  • Artikelnr. des Verlages: 076
  • 2., Aufl
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: Oktober 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 142mm x 30mm
  • Gewicht: 451g
  • ISBN-13: 9783938844076
  • ISBN-10: 3938844078
  • Artikelnr.: 20937028
Autorenporträt
Sergio Romano wurde 1929 in Vicenza geboren und trat 1954 in den diplomatischen Dienst ein. Er war Botschafter bei der NATO und zuletzt, von 1985 bis 1989, Botschafter in Moskau. Seitdem hat Sergio Romano eine durch Umfang, Qualität und Unabhängigkeit des Urteils beeindruckende publizistische Aktivität entfaltet; außerdem ist er ein gefragter politischer Ratgeber. Es erschienen in den vergangenen Jahren zahlreiche Sachbücher zur italienischen und europäischen Geschichte. Romano hat in Florenz, Sassari, Berkeley, Harvard, Pavia sowie einige Jahre an der Università Bocconi (Mailand) unterrichtet und ist Kolumnist beim "Corriere della Sera" und beim "Panorama".
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Für Gustav Falke spiegelt das Buch die Debatte zwischen Historisierungsbefürwortern und Relativierungsgegnern und verweist auf das gemeinsame Fundament, dass sich Ethik in Bezug auf den Holocaust historisch definieren lasse. Sergio Romanos bereits 1997 entstandener Text über die geistigen und sozialen Voraussetzungen des Holocaust, namentlich der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, erscheinen Falke zwar heterogen und für den italienischen Leser bestimmt, aber dennoch auch heute noch und für die deutsche Debatte relevant. Zweifel kommen dem Rezensenten angesichts von Romanos Ausführungen jenseits ethischer Argumentation, als teleologisches Problem, "als habe der Antisemitismus doch etwas Zwingendes". Ebenso in puncto Erinnerung. Hier versteht Falke den Autor dahingehend, als handele es sich um ein Naturereignis und nicht um eine kulturelle Leistung. Obgleich er Romano "in keiner Weise" misstraut, was dessen Einschätzung der Bedeutung des Holocaust angeht, so gibt er doch zu bedenken, dass Romanos Warnung vor einem forcierten Gedenken als Ursache für einen neuen Antisemitismus genau in diesem Determinismus gründet.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 23.06.2008

Erinnerung ist kein Naturgeschehen

Der Blick, der hier Befreiung verspricht, erweist sich als ein frivol befangener: Sergio Romanos Brief an einen jüdischen Freund betreibt Geschichtspolitik nach dem Motto, eine freizügige Frau dürfe sich nicht wundern.

Sergio Romano möchte den Völkermord an den Juden historisieren, und seine Gegner werfen ihm vor, ihn damit relativieren zu wollen. Historisierungsversuch versus Relativierungsverdacht, das scheint ein unüberbrückbarer Gegensatz angesichts von Fragen, die man als die ernstesten ansehen kann. Und doch haben die Gegner ein gemeinsames und ganz und gar nicht selbstverständliches Fundament, nämlich dass sich die ethischen Fragen nach dem Umgang mit Antisemitismus und Judenvernichtung als historische klären ließen.

So kommt es nicht nur dazu, dass die ethischen Fragen erstaunlich oft gar nicht gestellt oder als bereits beantwortet behandelt werden. Vor allem werden - ein wenig wie in einem Ehestreit, in dem beide Seiten sich darauf versteifen, nur die Tatsachen auszusprechen - die historischen Feststellungen, eben weil mit ihnen etwas ganz anderes gesagt werden soll, in einer Weise ethisch aufgeladen, die weder der historischen noch der ethischen Klarheit guttut.

Romanos 1997 erschienener "Brief an einen jüdischen Freund" vereint Zeitungsbeiträge zur Vor- und Nachgeschichte des Holocaust, die naturgemäß heterogen und auf den italienischen Leser bezogen sind, indes von einem klaren Grundgedanken gehalten werden, der auch für die deutsche Debatte und auch zehn Jahre später von Interesse ist. "Wenn das Böse solche Ausmaße annimmt, müssen wir uns fragen, welches geschichtliche Klima und welche besonderen Umstände das möglich gemacht haben."

Die besondere Situation, in deren Zusammenhang der Antisemitismus gestellt wird, ist das Ende des Ersten Weltkrieges. Bereits in der Gründerzeit hatten Intellektuelle, "um die Massen in den modernen Staat zu integrieren und die mit der industriellen Revolution aufkommenden Klassenkonflikte zu entschärfen, den Begriff einer organischen Gemeinschaft" mit einem kollektiven Ethos konzipiert. "In diesem Konzept von Nation nehmen sich die Juden mit ihren wirtschaftlichen Aktivitäten und ihrer religiösen Abgeschiedenheit unweigerlich fremd aus." Während sich aber am Vorabend des Ersten Weltkrieges die Überzeugung durchgesetzt hatte, dass der wirtschaftliche Fortschritt die sozialen, ethnischen und religiösen Probleme lösen werde, gebar die "Summe der im Niedergang Europas entstandenen Enttäuschungen und Ressentiments zwei Typen von Revolution". Und jede Revolution macht einen Feind aus, als Ursache der Missstände und als Hemmnis ihrer Veränderung. "Die Feinde, die ihren Part offenbar am besten spielen, sind zweifellos die Juden. Ihre starke Präsenz auf den Rängen der Revolution macht sie den bürgerlichen Klassen suspekt, ihr Reichtum und ihre Finanzkraft den Linken, ihr Kosmopolitismus den Nationalisten, ihre Abgesondertheit allen zugleich."

Was das Amt des Historikers ist

"Es gibt kein ungeschichtlicheres Argument, als dass der Antisemitismus das Ziel einer linearen Entwicklung gewesen sei." Energisch scheidet Romano den Antisemitismus vom Antijudaismus, regt er sich auf über die Unterstellung, dass der Antisemitismus als ein wesentlicher Bestandteil zum Christentum gehöre, dass der Völkermord nur die reifste Frucht einer Saat sei, die seit jeher in der christlichen Kultur schlummert, dass unter bestimmten Umständen ein Großteil der Christenheit sich mit dieser Schuld beflecken könne. "Voraussetzung der religiös motivierten Feindschaft ist der Glaubensunterschied. Im Prinzip hört diese Feindschaft auf, wenn der Jude sich bekehrt."

Schon gar nichts habe der Antisemitismus mit dem gewöhnlichen Misstrauen zu tun, wie es in den Beziehungen zwischen Völkern vorkommt, mit den unvermeidlichen Verallgemeinerungen, deren wir uns alle bedienen. Wer derart den Völkermord als gemeinsame Schuld ganzer Nationen und Religionen behandelt, interpretiere ihn metahistorisch.

Aber ist es nicht die Aufgabe des Historikers, Handlungen von ihren Voraussetzungen her zu verstehen? Und zu den Voraussetzungen einer Handlung gehört nicht weniger als die bestimmte soziale Situation der Schatz an tradierten Deutungsmustern, auf den die Handelnden in ihrem Selbstverständnis zurückgreifen können. Romano historisiert nicht etwas Metahistorisches, relativiert kein Absolutes, sondern lenkt den Blick von den fernen auf die nahen, von den geistigen auf die sozialen Voraussetzungen.

Was er eigentlich kritisieren müsste, ist, dass eine historische Betrachtung, die den Völkermord teleologisch von sagen wir Paulus oder Herder her deutet, nicht mehr von Schuld reden kann. Und zwar weder bei den Vorläufern noch bei den Ausführenden. Wohl kaum lässt sich jemand für Konsequenzen verantwortlich machen, die weit jenseits dessen lagen, was er absehen konnte. Voraussetzung ist er nur für den Nachfolgenden. Doch auch den trifft umso weniger Schuld, je zwingender die Entwicklung ist. Von Schuld könnte erst reden, wer am Ende der Analyse der Voraussetzungen auf das Unableitbare, Inkommensurable einer Handlung kommt. Die Kette einer und sei es noch so linearen Entwicklung wird von lauter Individuen gebildet, denen es immer wieder freisteht, einen Einfluss wirken zu lassen oder nicht. Verantwortlich sind wir, insofern wir uns dazu bestimmen, uns bestimmen zu lassen.

Eine solche ethische Perspektive bleibt indes Romano gerade fremd. Ausführlich handelt er vom Verhältnis der Juden zur Linken. Und "wenn man bereit ist, die Kollision der Juden mit dem Kommunismus aus ihren Erfahrungen abzuleiten, dann will mir nicht einleuchten, warum man nicht ebenso die Befürchtungen der Feinde der Moderne vor der bolschewistischen Machtergreifung zu erklären versucht." Ein wenig klingt das, natürlich nicht, als wären die Juden am Antisemitismus schuld, aber als habe der Antisemitismus doch etwas Zwingendes.

Wo Rassismus beginnt

Der Historisierung der Ursachen steht bei Romano eine Historisierung des Nachlebens zur Seite. Die Regel, wonach alle historischen Fakten früher oder später in den Hintergrund treten, kenne nur genau eine Ausnahme. Während die Erinnerung an die anderen Grausamkeiten des Jahrhunderts allmählich verblasse, sei der Holocaust zum mythischen Zentrum der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts geworden, wobei die induzierte Erinnerung - Geschichtspädagogik, Holocaust-Museen, Gedenktage, öffentliche Reuebekundungen - die Lücke füllen müsse, die das Verblassen einer als "direkt" und "natürlich" empfundenen Erinnerung hinterlassen hat.

Gegen eine solche als "Entzeitlichung" apostrophierte Erinnerung wendet Romano pragmatisch ein, dass der alte Antisemitismus und Antijudaismus ihr Dasein mittlerweile am äußersten Rand der öffentlichen Meinung Europas fristen. Auch habe der Staat Israel schon sein fünfzigjähriges Jubiläum gefeiert, und die "Judenfrage" könne eigentlich als gelöst gelten. Zugleich empört er sich, dass nach und nach Länder und Menschen vor ein "Antisemitismustribunal" gezerrt werden. "Es stellt sich die Frage, ob dies historische Ereignis immer noch zu Recht als wichtigster Maßstab gelten soll für die Beurteilung von Personen, Firmen, Institutionen, die keinerlei direkte Verantwortung tragen, aber jederzeit Rechenschaft über ihre diesbezügliche Meinung ablegen müssen." "Ganze Länder und Institutionen werden danach beurteilt, welche Rolle sie im Zusammenhang dieser Ereignisse gespielt haben, und meistens landen sie früher oder später auf der Anklagebank." "Nach und nach wird jeder große Schriftsteller einer Art Antisemitismustest unterzogen."

Allerdings spricht Romano dem Holocaust in keiner Weise seine Bedeutung ab, und es gibt keinen Grund, ihm diesbezüglich zu misstrauen. Das Problem ist vielmehr, dass er überhaupt nicht ethisch argumentiert. Erinnerung erscheint hier als Naturgeschehen statt als Produkt kultureller Steuerung: Alle Begründungsaufgabe wird der Natur der Erinnerung überantwortet, mit der Zeit zu verblassen. Wir bewegen uns bei ihm in einem Reich der Determinationen. So kann im forcierten Gedenken die Gefahr eines neuen Antisemitismus erblickt werden.

"Rassismus beginnt dort, wo jemand behauptet, die Verantwortung für ein bestimmtes Ereignis laste auf den Schultern eines ganzen Volkes. Und früher oder später ruft jede Verallgemeinerung eine nicht minder radikale und ausschließliche Gegenreaktion hervor." "Ich frage mich, ob die eilfertigen Reaktionen auf den Vorwurf des Antisemitismus in der Öffentlichkeit langfristig nicht gerade jenes Ressentiment provozieren, das man verhindern will."

Das klingt ein wenig, wie wenn jemand einer freizügigen Frau vorwirft, dass sie sich nicht wundern dürfe. Wessen wir gedenken, ist eine Frage dessen, wer wir sein wollen. Historisch ist diese Frage nicht zu beantworten.

GUSTAV FALKE

Sergio Romano: "Brief an einen jüdischen Freund". Aus dem Italienischen von Martina Kempter. Mit einem Beitrag von Jens Petersen. Landtverlag, Berlin 2007. 239 S., geb., 29,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
…mehr