Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss - Krasznahorkai, László
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Im Süden Kyotos, außerhalb der Stadt, liegt ein buddhistisches Kloster. Eine labyrinthische Steigung führt an diesen Ort. Hier hat jedes Ding seinen Platz: Pflanzen, Wind und Vögel, Pagoden, Höfe, Terrassen. Kleines groß werden zu lassen, Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren, das gelingt Krasznahorkai in diesem meditativen Text, der die Hinfälligkeit des Menschen und die Beharrlichkeit der Natur beschwört.…mehr

Produktbeschreibung
Im Süden Kyotos, außerhalb der Stadt, liegt ein buddhistisches Kloster. Eine labyrinthische Steigung führt an diesen Ort. Hier hat jedes Ding seinen Platz: Pflanzen, Wind und Vögel, Pagoden, Höfe, Terrassen. Kleines groß werden zu lassen, Schönheit im Alltäglichen aufzuspüren, das gelingt Krasznahorkai in diesem meditativen Text, der die Hinfälligkeit des Menschen und die Beharrlichkeit der Natur beschwört.
  • Produktdetails
  • Fischer Taschenbücher Bd.17243
  • Verlag: Fischer Taschenbuch
  • Originaltitel: Eszakrol hegy, Delrol to, Nyugatrol utak, Keletrol folyo
  • Seitenzahl: 154
  • Erscheinungstermin: 1. Juli 2007
  • Deutsch
  • Abmessung: 190mm x 121mm x 113mm
  • Gewicht: 176g
  • ISBN-13: 9783596172436
  • ISBN-10: 3596172438
  • Artikelnr.: 21477608
Autorenporträt
Krasznahorkai, László
»Jedes meiner Bücher soll die literarische Landkarte verschieben«, sagt László Krasznahorkai, dem 2015 der International Man Booker Prize verliehen wurde. 1954 in Gyula/Ungarn geboren, gilt er als einer der innovativsten Schriftsteller Europas, dessen Romane »Satanstango« und »Melancholie des Widerstands« überall auf der Welt begeistert aufgenommen werden. Die internationale Beachtung begann jedoch 1993 in Deutschland mit dem SWR-Bestenliste-Preis für »Melancholie des Widerstands«. In den letzten Jahren erschienen die Erzählbände »Seiobo auf Erden« (Brücke-Berlin-Preis und Literaturpreis Leuk 2010) sowie »Die Welt voran« (2014). Für seinen Roman »Baron Wenckheims Rückkehr« (2018) wurde er mit dem National Book Award 2019 for Translated Literature ausgezeichnet. Heute lebt László Krasznahorkai in Ungarn.

Viragh, Christina
Christina Viragh, geboren 1953 in Budapest, emigrierte 1960 nach Luzern in die Schweiz, wo sie ihre Jugend verbrachte. Sie ist Autorin, Publizistin und Übersetzerin von u.a. Péter Nádas, Sándor Márai und Imre Kertész wie auch französischsprachiger Literatur. Sie ist außerdem korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. 2003 erschien im Ammann Verlag ihr Roman Pilatus. Christina Viragh lebt und arbeitet heute in Rom.
Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 06.05.2005

Die Erkenntnis des Gartens
Zug der Zeit auf Messers Schneide: László Krasznahorkais Suchbild

Jeder Roman hat einen Anfang. Darauf vertraut auch der untrainierteste Leser. Er hat freilich nicht mit László Krasznahorkai gerechnet. Und mit seinem neuen Roman "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß". So lang der Titel, so kurz das Buch. Um so kürzer, möchte man sagen, weil ihm der Anfang fehlt. Spätestens bei der zweiten Lektüre springt einem auf Seite 7, wo der Text einsetzt, ein dickes römisches II. entgegen. Nein, es ist kein Versehen beim Druck oder beim Binden. Alles in Ordnung. Und ordentlich laufen die römisch gezählten Kapitel bis zum Schluß - bis Kapitel L.

Aber naturgemäß oder sagen wir lieber: kunstgemäß hat auch dieses Buch einen Anfang. Nämlich einen ersten Satz, der anhebt: "Der Zug lief nicht auf Schienen, sondern auf einer einzigen, immensen Messerschneide" - und dann geht dieser Satz weiter, ein langer, überaus kunstvoll gegliederter Satz, wie er für den virtuosen Stilisten Krasznahorkai typisch ist, ein Satz, in dem sich sogar das Wort "Anfang" findet, und der nach über zwei Seiten eine Exposition geliefert hat, in der ein nicht weiter bezeichneter "Er" sich außerhalb Kyotos im Labyrinth einer menschenleeren Stadtlandschaft bewegt und ans Tor einer buddhistischen Tempelanlage gelangt - auf der Suche nach etwas, das ihn innerhalb der Mauern erwarte.

Damit ist der Leser in der eigentümlichen Wirklichkeit dieses Buches angelangt - vorausgesetzt, er hat die Eingangsmetapher wirklich realisiert, daß der Zug "nicht auf Schienen, sondern auf einer einzigen, immensen Messerschneide" läuft. So nämlich läuft auch die ganze Erzählung: immer auf Messers Schneide zwischen dem absolut Phantastischen und dem absolut Realen. Zwischen Zeit und Zeitlosigkeit, zögernder Gewißheit und plötzlicher Bodenlosigkeit. Diese raffinierte Ambivalenz beginnt mit der Identität des zunächst namenlosen Protagonisten. Erst im vierten Kapitel wird sie ihm zugestanden, so abrupt wie unvermittelt: "Dem Enkel des Prinzen Genji wurde unterwegs schlecht, und er mußte erbrechen. Er war allein gekommen, ohne Begleitung, niemand konnte ihm beistehen."

Der fehlende Beistand muß ihm gewissermaßen vom Leser kommen. Der darf vom namenlosen Enkel auf den berühmten "Leuchtenden Prinzen" schließen. Man kennt ihn aus dem Roman der Hofdame Murasaki Shikibu, die in der Heian-Zeit, also um 1000, ihren Roman vom Prinzen Genji und seinen Liebesabenteuern schrieb. Der Enkel dieses Prinzen ist somit unser Protagonist. Er ist mit einem modernen Zug gekommen - auf welcher Zeitschiene auch immer.

Seine Geschichte hat, um es dürr auszudrücken, offensichtlich nichts mit unseren abendländischen Vorstellungen von Zeit zu tun. Aber natürlich kann sie auch in ihrem fernöstlichen buddhistischen Gewand nicht verleugnen, daß ein westlicher Autor ihr Verfasser ist. Eben László Krasznahorkai, dem wir einige großartige Romane verdanken. So den "Satanstango", ein Pandämonium, das um Erlösung, Opfer, Auferstehung kreist. Oder die "Melancholie des Widerstands", ein post- und antitotalitäres Werk, das jegliche Ästhetik des Widerstands und damit alle politische Utopie ad absurdum führt. Gegen allzu naheliegende politische Deutungen seiner Arbeit hat Krasznahorkai einmal gesagt, er beschäftige sich ausschließlich mit Literatur: "Es kann nur so sein, daß ich schreibe. Schreiben ist für mich Sklaverei. Nachts träume ich davon." Jetzt, in seinem neuen Buch hat er nicht bloß vom Schreiben geträumt, sondern den Traum oder doch das Traumhafte zum Vehikel seiner Produktion gemacht.

Krasznahorkais kleiner Roman gehört in die Gattung der Sucher-Romane. Sein Enkel des Prinzen Genji ist nicht bloß ein Nachkomme des Frauen suchenden Leuchtenden Prinzen aus der Heian-Zeit, er ist ein quester hero wie Parzival, Faust oder Hans Castorp - freilich einer, dem der Weg offenbar wichtiger ist als das Ziel.

Dieser Weg - um ihn schnöde zu raffen - führt ihn traumhaft, von Erschöpfungen unterbrochen durch die Ringe einer buddhistischen Tempelanlage, die sich als verlassen und völlig menschenleer erweist; führt ihn zu einem geschnitzten Buddha, der seit tausend Jahren diesen von der Welt abgekehrten traurigen Blick hat; führt ihn in die Sutren-Speicher, wo die heiligen Schriften aufbewahrt werden; führt ihn in die Mitte des Heiligtums, das eine verkleinerte Kopie seiner selbst in sich birgt; führt ihn endlich zu dem am innigsten Gesuchten, nämlich zu einem kleinen Garten, der nichts mehr ist als ein Moosteppich mit acht Hinokizypressen. Sein Anblick läßt alle Sprache verstummen. Was aber bloß für den Protagonisten gilt, nicht für den Autor, der für die sprachlos machende Wirkung des Gartens eine Seite wunderbarer Prosa findet.

Was den Enkel des Prinzen Genji angeht, so erweist er sich als ein später Vertreter der überfeinerten Heian-Zeit. Er ähnelt ein wenig dem Fürsten in Leopold von Andrians Büchlein von 1895 - nur daß er (wenn diese Verkürzung erlaubt ist) nicht den "Garten der Erkenntnis" sucht, sondern die Erkenntnis des Gartens. Und daß zwischen beiden Texten die Erfahrung eines Jahrhunderts grausamster Verbrechen liegt.

Der geschnitzte Buddha wendet seinen Blick ab, doch sein Blickfeld ist groß und allumfassend. Er weiß, was da auf drei Seiten um ihn herumliegt: "Diese miese Welt." Das ist einmal Klartext in diesem überaus künstlichen Capriccio, dem es um die Verschmelzung von Zeit und Zeitlosigkeit geht.

László Krasznahorkai hat es geschrieben, weil er selbst ein Enkel des Prinzen Genji ist. Vom Enkel sagt er nämlich, die Götter hätten dem Blick des Enkels all das eingegeben, "was der einstige weltberühmte Held vom Wesen des Schönen gewußt und so oft beweint hatte, da es immer wieder verfiel, verging, verloren war". Der Dichter ruft es wieder auf, beschwört es in seiner Abwesenheit, als Leerstelle. Als Traum, als Capriccio, geschrieben auf Messers Schneide. Und - vergessen wir es nicht - kongenial übersetzt von Christina Viragh.

Krasznahorkais Held bleibt namenlos. Er ist nur Enkel eines anderen, böseren Fin de siècle. Und da am Anfang - im Zweiten Kapitel - von Zug und Bahnhof die Rede ist, sehen wir am Schluß den Enkel des Prinzen an der Station auf den Keihan-Zug warten, "im hellblauen Kimono, reglos, in gerader Haltung". Der Zug kommt auch, "aber niemand stieg aus, niemand stieg ein", und so fährt er weiter. Und wo ist unser Held? Wir haben ihn aus den Augen verloren, aber nicht dramatisch, wie Hans Castorp im Dampf der Schlacht. Er hat bloß das Rollbild verlassen, das László Krasznahorkai so fein und zauberisch gemalt hat.

HARALD HARTUNG

László Krasznahorkai: "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluß". Roman. Aus dem Ungarischen übersetzt von Christina Viragh. Ammann Verlag, Zürich 2005. 154 S., geb., 18,90 [Euro].

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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.06.2005

Ein silbriger Teppich aus Moos
Bonsai-Epos aus Ungarn: László Krasznahorkai und der Enkel des Prinzen Genji
Der Zug der Keihan-Linie, die in den Südosten Kyotos führt, fährt „nicht auf Schienen, sondern auf einer einzigen, immensen Messerschneide”. Doch derjenige, der dieser hochmodernen, pfeilschnellen S-Bahn entsteigt, hat einen ganz anderen Rhythmus: „eine Laune, eine luftige, nicht zu dieser Welt gehörende, leichte, spielerische, mit ungewohnt eindrücklicher Improvisation arbeitende, aber unfehlbare Laune”. Das ist die eine Seite des Enkels des Prinzen Genji, eine freie, traumwandlerische Sicherheit. Aber viel öfter lässt ihm seine „Überempfindlichkeit” für die Welt keine Ruhe. Nicht, dass er auf bestimmte Ereignisse stärker reagierte als andere, „es genügte bereits die vage Möglichkeit dieses Ereignisses, die leise Chance seines Eintretens, dass sein Nervensystem in ärgste Mitleidenschaft gezogen wurde”. Wie soll man Asymmetrie oder Hundegebell überleben?
Prinz Genji, der Großvater, ist nicht irgendwer, sondern eine der wichtigsten Figuren der japanischen Literatur. Die Erzählung vom Prinzen Genji (Genji Monogatari), ein Epos von über 1500 Seiten, gilt als erster Gesellschaftsroman der Weltliteratur. Von der Hofdame Murasaki Shikibu auf der Schwelle zum elften Jahrhundert verfasst, wirkt er wie eine Mischung aus Proust und Balzac, schildert eine verfeinerte, hochadlige Welt, in der jede und jeder zu beinahe jeder Gelegenheit ein Gedicht macht, auf eher bürgerlich realistische Weise. Auch der Enkel des Prinzen Genji taucht in Murasakis Epos schon auf. Nach Genjis Tod wird er im zweiundvierzigsten von 54 Kapiteln zu einer Hauptfigur.
László Krasznahorkais Buch „Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss” hat 49 kurze Kapitel und ist ganz anders geschrieben. Nach gängigen westlichen Vorstellungen kann man es japanischer nennen als das Original. Mit Elementen von Haiku und Epos zugleich, erzählt es auf beeindruckende Weise konzentriert. Nicht 430 Figuren und ihre Beziehungen zueinander werden präsentiert, es sind Krasznahorkais gelassen-elegante Satzperioden, die den Leser in Christina Viraghs wunderbar rhythmischer Übersetzung in Atem halten. Trotz der konzentrierten Kürze hat, wie in einem Epos, alles Platz: von der Entstehung eines Erdbebens bis zur Struktur der Kristalle, von sturzbetrunkenen Europäern bis zur Kammer eines schlampigen Abts.
Der Enkel des Prinzen Genji selbst, tausend Jahre jünger als sein literarisches Original, hat sich vom Frauenhelden in einen schönen, schwachen Spätling verwandelt, der im Grunde nur ein einziges Ziel hat: den schönsten Garten der Welt zu finden, der, nur eine Bahn-Station außerhalb von Kyoto, in einem kaum bekannten Teil eines alten, weitläufigen Klosters liegt.
Was aber sucht László Krasznahorkai, der im Jahre 1954 in Gyula geboren wurde, in Kyoto? Bei ihm, der in seinem ersten Roman „Satanstango” (1985) die schmuddligen Geschehnisse in einem regengetränkten, verkommenen ungarischen Dorf als apokalyptische Farce von Weltrang inszenierte, fällt auf, dass er sein eigenes Land seit 1989 literarisch kaum mehr betreten hat. Und statt den Arbeitsemigranten nach Westen zu folgen (das hat er, ansatzweise, nur in „Krieg ist Krieg”, 1999, getan) ist Krasznahorkai schon in seinem Roman „Der Gefangene von Urga”, einer Reise nach Sibirien und China, demonstrativ in die Gegenrichtung gefahren.
Auch der zerbrechliche Buddha des Klosters wendet sich programmatisch ab, dennoch ist der ferne Osten hier keine heile Welt. Die zerfahrene Gegenwart hat ihren Weg ins Kloster gefunden: die Pilgerunterkünfte sind abgebrannt, die Häuser für die weltlichen Gäste vermodert, die Bambushaine versteigert, die Rottannen abgeholzt. Aber immer noch sichtbar ist das System der sinnvollen Anordnung der Abstände und Größen von Wohnhäusern, Gästezimmern, Küche und Bad zu einem Ganzen, das Krasznahorkai die überzeugende Dramaturgie seines Buches liefert und mit der Bestimmung des Orts beginnt: Zum Schutz im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss.
Keine Affen, keine Schildkröten
Doch was hat es mit dem Garten des Klosters auf sich? Dieser kleine, „schlichteste Garten der Welt, ... versteckt im Schutz der Bäumchen und Sträucher, war im Grunde nichts anderes als ein lückenlos bodendeckender, einheitlicher, mindestens eine Handbreit dicker, ins Silbrige spielender, massiver, sich aber unendlich weich anfühlender Moosteppich, aus dem acht ungefähr gleich alte, ungefähr fünfzigjährige Hinoki-Zypressen wuchsen, mit hocherhobenen Kronen”. Seine Besonderheit ist , dass es darin „keine verblüffenden speziellen Pflanzen gab, keinen Stein von phantastischer Form, keine Besonderheit, keine Sehenswürdigkeit, keinen Wasserfall, keinen Brunnen, keinen Affen, keine Schildkröte aus Holz, dass er also weder eine Sehenswürdigkeit noch ein Zirkus war”.
Mit „unendlich komplexen Kräften”, so der Erzähler, geht es in dem Garten um „das unendlich Einfache”, um eine nicht mehr weiter zu verdichtende Konzentration, um den Silberschein auf der Moosoberfläche und um die sich in dünnen Riemen abschälende Rindentextur. Die Kunst von Krasznahorkai beschwört jedoch diese Schönheit nicht nur, sie verwirklicht sie in den weit ausgreifenden, Jahrhunderte umfassenden Sätzen, die den Prinzen, auch wenn er immer wieder schwankt und fällt, zwischen den vielen Kommata wie einen Seiltänzer aussehen lassen.
In seinem geduldigen Einlassen auf eine fremde Perspektive gelingt Kraznahorkai das Kunststück, sein Buch zwar nicht so wirken zu lassen, als könne man die Zeit zurück drehen, aber doch einen Eindruck davon zu geben, wie eine Zeitreise aussehen könnte. Authentizität, so scheint er sagen zu wollen, kann heute nicht mehr ihre Vortäuschung meinen, sondern allenfalls ihre durchsichtig gemachte Simulation, die bescheiden Zweitrangigkeit gegenüber der Wirklichkeit gesteht, dabei aber kunstvoll ihr Eigenrecht behauptet.
Zu dieser Haltung gehört auch eine spielerische Ironie, die Anfang und Ende des Buches souverän durchdringt. Wie in „Genji Monogatari” das Kapitel vom Tod des Prinzen verloren ging, so fehlt bei Krasznahorkai das erste. Das Kunstwerk, sagt er, kommt aus dem Nichts, in das es, nach aller sinnlichen Beschwörung der Welt, wieder zurückkehrt. Als der feinsinnige Held das Kloster schließlich verlassen hat und sich noch einmal umblickt, sieht er Gebäude und Garten plötzlich nicht mehr. Und als habe der Erzähler nur darauf gewartet, entsorgt er gleich anschließend auch seinen Helden. Der Enkel des Prinzen Genji wartet auf den Zug in die Stadt, doch als dieser hält, sieht der Schaffner nur einen leeren Bahnsteig. Niemand ist ausgestiegen, niemand steigt ein. Es ist nicht anzunehmen, dass der Enkel des Prinzen Genji je existiert hat.
HANS-PETER KUNISCH
LÁSZLÓ KRASZNAHORKAI: Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss. Roman. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Ammann Verlag, Zürich 2005. 154 Seiten, 18,90 Euro.
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Perlentaucher-Notiz zur FR-Rezension

So weit wie mit diesem Roman hat sich der ungarische Autor Laszlo Krasznahorkai noch nie von Ungarn entfernt, stellt Nicole Henneberg fest. Die Geschichte spielt in Japan, wo der Enkel des Prinzen Ginji - eine überlieferte japanische Mythenfigur - sich aufmacht, um den Ort vollkommener Schönheit zu suchen. Diesen Ort findet er in einem verlassenen Kloster, das, wie in alten Büchern beschrieben, zwischen Berg, See, Weg und Fluss gelegen ist. Henneberg findet es bemerkenswert, dass es dem Autor gelingt, sich in dieser japanischen Geschichte seinen "ganz eigenen Blick" zu bewahren. Auch versuche Krasznahorkai keineswegs, das "Schöne zu vereinfachen", versichert die Rezensentin, weshalb diese "einfache Geschichte" gleichzeitig durchaus kompliziert sei. Der Autor, ein "begeisterter Asienreisender", wie Henneberg weiß, sei in diesem Roman zwar weit weg von seiner Heimat, aber dennoch "ganz bei sich".

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