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  • Format: ePub


Hinrich, dem ein »e« zum eleganteren Heinrich fehlt, findet an einem sonnigen Maitag einen Brief mit schwarzem Rand in seinem Briefkasten. Wer mag da gestorben sein? Hinrich wagt nicht, den Umschlag zu öffnen. Seit seine Frau vor neun Jahren bei einem Sturz aus 43 Metern Höhe ums Leben gekommen ist, lebt er allein. Seine Zeit als Kulturkorrespondent bei einer großen Frankfurter Zeitung liegt hinter ihm. Und so gehören seine Tage den Erinnerungen an Irene, der geliebten Mutter seiner Tochter Naomi, der Übersetzerin anspruchsvoller italienischer Literatur. Da gab es die gemeinsamen Sommer in…mehr

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Produktbeschreibung
Hinrich, dem ein »e« zum eleganteren Heinrich fehlt, findet an einem sonnigen Maitag einen Brief mit schwarzem Rand in seinem Briefkasten. Wer mag da gestorben sein? Hinrich wagt nicht, den Umschlag zu öffnen. Seit seine Frau vor neun Jahren bei einem Sturz aus 43 Metern Höhe ums Leben gekommen ist, lebt er allein. Seine Zeit als Kulturkorrespondent bei einer großen Frankfurter Zeitung liegt hinter ihm. Und so gehören seine Tage den Erinnerungen an Irene, der geliebten Mutter seiner Tochter Naomi, der Übersetzerin anspruchsvoller italienischer Literatur. Da gab es die gemeinsamen Sommer in Italien, ihre Reisen nach Rom und Pompeji, wo sie vor den berühmten Fresken der Villa dei Misteri stundenlang stehen bleiben konnten, um deren Bedeutung zu enträtseln. Und da gab es ihre Liebe zum Kino; sie mochten das Schwermütige der Schwarzweißbilder, aber ließen sich auch verführen von etwas Leichtem. Doch was geschah wirklich vor neun Jahren, vor ihrem Sturz? Und was steht in diesem Brief mit dem schwarzen Rand? Aufklärung bringt erst eine Reise nach Warschau, wo Hinrich sowohl das Leben mit Irene als auch die Zeit mit einer früheren Geliebten in einer Weise einholt, die alles auf den Kopf stellt, woran er geglaubt hat. »Verlangen und Melancholie«, der neue große Roman von Bodo Kirchhoff, ist ein mit einer hintergründigen Spannung geladener Roman, der den Leser mitnimmt auf eine Spurensuche, bei der langsam, aber unerbittlich die Aufdeckung des großen »Warum« geschieht und der Held die Wahrheit über den Tod seiner Frau erkennt. Bodo Kirchhoff erzählt dabei auch von einem Älterwerden, ohne dass die Wünsche mitaltern, von einem ewig jungen Verlangen und einer letztlich hilfreichen Melancholie.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
  • Seitenzahl: 448
  • Erscheinungstermin: 01.09.2014
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783627022174
  • Artikelnr.: 41406335
Autorenporträt
Bodo Kirchhoff, geboren 1948, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Zuletzt erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt seine von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeierten Romane »Die Liebe in groben Zügen« (2012) und »Verlangen und Melancholie« (2014). Im Herbst 2016 wurde Kirchhoff für seine Novelle »Widerfahrnis« mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Das Gesamtwerk Bodo Kirchhoffs erscheint in der Frankfurter Verlagsanstalt.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Aus einem Guss und stimmig bis ins kleinste Motiv scheint Bodo Kirchhoffs Roman dem Rezensenten Hubert Spiegel. Dass der Autor auf der Höhe seiner Kunst operiert, ist für Spiegel zweifellos. Und doch bleibt da für Spiegel die Frage, ob sich dem Thema Liebe mit derartiger Perfektion zu nähern sei. Mitnichten, meint er und freut sich, dass der Autor das offenbar ähnlich sieht. Unter der glatten Oberfläche des Textes nämlich entdeckt Spiegel scharfe Kontraste und harsche Brüche, einen "Riss in den Seelen" der Figuren, nicht zuletzt in derjenigen der Hauptfigur, die sich nach dem Selbstmord der Partnerin selbst nicht mehr erkennen kann und für die Liebe, wie sich für Spiegel zeigt, eine "einsame Sache" ist.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 03.09.2014
Unermessliche Umarmungen
Die Liebe hat ein Lieblingsthema: sich selbst. Das gilt in Bodo Kirchhoffs neuem Roman
„Verlangen und Melancholie“ erst recht nach dem Selbstmord der Geliebten
VON ANDREAS ZIELCKE
Eine verzweifelt liebende, zwischen zwei Männern zerrissene Frau setzt ihrem Leben ein Ende. Um der Pointe willen könnte es auch heißen, sie setzt ihrem Doppelleben ein Ende. Doch Pointen auf Kosten seiner Frau sind das Letzte, wonach dem zurückbleibenden Ehemann zumute ist. Er ist der Icherzähler, wir hören keine Silbe, keine Intonation, die nicht durch seine idealisierende oder quälende Erinnerung geformt und gefärbt wäre. Und wie es mit wehmütigen Erinnerungen so ist, sie kommen in attackierenden Schüben, wie feindliche Übernahmen, die sich der Gedanken bemächtigen, obwohl die Tragödie bereits vor neun Jahren geschah.
  Welche Auskünfte erteilen solche intimen Erinnerungen uns Dritten? Sicher keine verlässlichen, aber doch sehr eindringliche. Ein Mann stellt sich dar, dessen Herz und Verstand seit jenem Tage auf der Stelle treten. Sein Leben steht nurmehr im Banne des rückwärtsgewandten Blicks. Die Folge ist ein Roman, der seine Lizenz zur melancholischen Befangenheit voll ausschöpft: überwach oder traumverloren oder sich quälend um das schwarze Loch des Verlustes drehend. Pathos, Selbstentblößung und Rechenschaft, gefühlige Erotikbeichte und scharfsichtige Beobachtung wechseln sich ab und strapazieren oder berühren den Leser je auf ihre Weise.
  Der Verdacht, dass seine Frau einen Geliebten hatte, drängt sich dem Erzähler erst lange nach ihrem Tod auf, tief in der zweiten Romanhälfte. Und selbst da würde er ihr nie das Doppelleben vorhalten. Schon deshalb, weil er selbst eines geführt hat. Vor allem aber, weil Liebe und Verlangen ein Universum jenseits der Moral besiedeln. Kirchhoff bringt das Kunststück fertig, ein Buch über Liebesverrat zu schreiben, ohne dass Betrug und Untreue auch nur als solche benannt, geschweige denn als Geschütz aufgefahren werden. Es geht um Verlust, reziproke Einsamkeit und Versagen, nicht um Bezichtigung. Als der Mann sein zweites, heimliches Leben aus Rücksicht auf seine Frau aufgab und sich von seiner Geliebten trennte, war das Unheil schon nicht mehr aufzuhalten. Seine Frau entzog sich ihrem vom Ehemann und vom Liebhaber doppelt ruinierten Liebesleben durch den Sprung in die Tiefe.
  Trotzdem versumpft das Buch nicht in Tränen und Tristesse. Wie viele Romane der Literaturgeschichte verherrlichen nicht das Leben, aber die Liebe nach dem Tode? Auch Kirchhoff tut es und lässt den Erzähler wieder und wieder in den großen Liebesmomenten schwelgen, deren Unvergesslichkeit ihn so widerstandslos macht. Zauber und Kolorit finden diese Augenblicke, wie oft in Kirchhoffs Romanen, vor allem in dem hierzulande bestens vertrauten Gelände betörender italienischer Urlaubsszenerien mit ihren lustvollen Gerüchen, traumhaften Meeresblicken, südlichen Lichtflimmern und sommerlichen Wärmeschauern. Es ist ein Nachguss der verheißungsreichen Mediterranromantik der Fünfzigerjahre, aber das passt, weil der Protagonist seine Sehnsucht ohnehin nurmehr in Rückblenden auslebt.
  Und weil das neue Buch im Unterschied zu Kirchhoffs letztem Roman über „Die Liebe in groben Zügen“ nicht davon handelt, wie sich die sexuelle Anziehung in den Mühen der ehelichen Ebene zermürbt, sondern davon, wie gefühlsecht die Rückschau das damalige Verlangen und Glück noch einmal heranholt, feiert es inmitten der Trauer und des Schmerzes in der Tat nichts Geringeres als die Liebe selbst.
  Das ist der eine Clou des Romans, auf den anderen, verstörenderen kommen wir gleich. „Liebe“ und „Liebe machen“ gehen bei Kirchhoff, der seit je seiner Obsession für das Fleischliche und Sinnenfreudige literarisch Zucker gibt, auch hier ineinander über. Mag die trauernde Erinnerung den Liebesrausch noch so weichzeichnen, so gibt sie ihm doch die bewegendste Aura.
  Das ist mehr als nur eine unvermeidliche Paradoxie. Denn es trifft zugleich den Kern des modernen Liebesverständnisses. Wer sich nicht von der besonders bei diesem Stoff sehr spröden Sprache der Soziologie abschrecken lässt, sollte sich nicht entgehen lassen, parallel zu Kirchhoffs Buch wenigstens ein, zwei Blicke in Niklas Luhmanns Fibel „Liebe – eine Übung“ zu werfen, die er als kleine Vorstudie zu seinem berühmten Theorie über die „Liebe als Passion“ verfasst hat.
  Spätestens seit der Romantik hat sich die Liebesidee nicht nur von Konvention und Tradition gelöst und damit ihrer äußeren Fesseln entledigt. Vielmehr will die Liebe, die doch so spontan, wortlos und unmittelbar allein in Gefühlen und Trieben zu Hause zu sein scheint, sich seither selbst wahrnehmen und an sich selbst erfreuen. Erst so lebt das moderne Liebesleben auf, die Verliebten lieben nicht nur ihren Geliebten, sie lieben die Liebe, und je mehr sie die Liebe lieben, lieben sie den anderen, weil der in sie verliebt ist. Die Liebe ist ihr eigenes Lieblingsthema.
  So schaukelt sie sich hoch zur Spirale von Wort und Wortlosigkeit, Gefühl und Reden über das schöne Gefühl. Und dieser ständige Selbstbezug lässt sie, auch wenn sie vermeintlich nur die unsagbaren Worte des Herzens kennt, nach verbalen (oder musikalischen) Worten ringen, nach Gesten ihres wiederholbaren Ausdrucks, ihrer neuesten Kapriole, ihrer stets prekären Selbstversicherung, ihrer Träume.
  Gerade Kirchhoffs Romane sind zugleich Dokumente dafür, wie die Liebe, auch als rasende Leidenschaft, reflexiv im Medium ihrer Sprache lebt und hochlebt, mag diese Sprache noch so vertraulich und nur von den Verliebten geteilt sein. Sie ist eine Kette kleiner und feiner Botschaften, als Flüstern, Brieflein oder SMS, egal, sie muss nur senden und empfangen und sich selbst bestätigen. Ob Liebe Schwäche ist oder nicht umgekehrt Stärke oder beides, das will sie artikuliert sehen, selbst wenn sie es in den heißesten Momenten wieder vergessen will oder ganz anders sieht.
  Nur die verstummen, die sich nicht mehr lieben. Kirchhoffs Erzähler kommt, eben weil er sich die Liebe zu seiner Frau nur noch über die bewusste Erinnerung vergegenwärtigen kann, nicht umhin, die Idee der Liebe als Sprache auf die Spitze zu treiben. Der über den Selbstmord der Frau fassungslos gewordene Mann sucht die geteilte Liebe in Worte und Sätze zu fassen.
  Jeder Roman, der sich das vornimmt, stößt allerdings unweigerlich auch an seine Grenzen. Die Sprache der Liebe richtet sich jetzt an uns, nicht mehr an die, die sie allein anging, die Frau. Dann kommen Sätze heraus wie: „Irene atmete nur tief ein und aus, sie deutet das Immense an, das Unermessliche unserer Umarmungen, die Weite und das Joch der Lust“, vieldeutig gelungen und misslungen, letztlich unerklärlich. Für den Protagonisten aber, der im Schatten des Traumas die Erinnerung an seine Frau kultiviert, deutet sich hier die Magie an, aber auch die Liebesgewalt, die das Paar einte.
  Das führt zur anderen, verwirrenden Seite des Buches, dem Verhältnis von Liebe und Tod. Der Tod ist in dem Roman fast allgegenwärtig, nicht nur, weil mit dem Selbstmord die Liebestrauer über den Anti-Helden hereinbricht. Mit seiner heimlichen Geliebten zeugt der Protagonist einen Sohn, ohne dass er es mitbekommt. Erst als das Kind durch einen Verkehrsunfall stirbt, erhält er mit der Todesanzeige Kenntnis von dessen Existenz. Dennoch ist seine Unfähigkeit, über den Tod seines Kindes zu trauern, frappierend. Der Tod sortiert die Mitgefühle unbarmherzig.
  Umso stärker springt die Faszination ins Auge, die der Erzähler und seine Frau für die erotischen Bilder und Skulpturen Pompejis empfinden. Die Erinnerung kann gar nicht oft genug auf ihre gemeinsamen Reisen zu dieser Stätte zurückkommen. Bedeutsam ist das nicht, weil auch hier Kirchhoffs sexuelle Lieblingsmotive in reicher Zahl zu sehen und zu beschreiben wären, sondern weil in Pompeji Erotik und Sexualität ein für alle Mal im Moment ihres Untergangs erfasst sind. Historisch bricht die Lava des Vulkans natürlich aus heiterem Himmel herein, aber der Erzähler und erst recht seine Frau wollen in den Sexualakten auf den Wänden und Vasen Pompejis partout das bevorstehende Ende hineinsehen, den Abschied, den Tod. Als verschaffte erst der nahe Tod dem Liebesakt und Liebesspiel menschliche Tiefe.
  Doch damit nicht genug. Der Roman nimmt gegen Ende noch eine eigentümliche Wendung, indem er die Wirren des ehelichen Liebesverrats schließlich auch vor die Kulisse der jüngsten Geschichte stellt, der Deportation und Ermordung der Juden. Wie dem Erzähler erst nach und nach klar wird, auch wenn er es sich nicht ein einziges Mal offen eingesteht, war der damalige Liebhaber seiner Frau der polnisch-jüdische Freund des Ehepaares.
  Ihn sucht er in Warschau auf, man redet ausführlich um den heißen Brei herum, jeder weiß, dass der andere es weiß, aber der Verrat bleibt unausgesprochen. Dass die Liebe eine Sprache hat, nicht aber ihr Verrat, wäre schon für sich genommen einen Roman wert. Doch vor dem Hintergrund der lokalen Monumente des Schreckens wie des Warschauer Gettos oder des noch heute so benannten „Umschlagplatzes“ für die Deportationen, durch die der jüdische Freund den Erzähler unnachgiebig führt, bekommt die Tatsache des Liebesverhältnisses zwischen dem Polen und seiner Frau eine extreme Note. Nun ist nicht nur der Tod, sondern das Töten als Massenverbrechen präsent. Was heißt das für die Liebe?
  Mag sie für sich ihre Sprache finden, für diesen Zusammenhang findet sie keine, schon gar keine der Seligkeit. Man denkt an „Hiroshima, mon amour“, aber der Film hatte sich des Themas frontal angenommen, nicht nur als die Liebestragik zusätzlich belastender Nebeneffekt.
  Von der imaginierten Todesstimmung Pompejis zum realen Selbstmord der Frau bis zur überdimensionalen Erinnerungsmacht des Holocaust – das ist viel für den existenziellen Grund der Liebe, viel zu viel. Um der Liebe eine Stimme zu geben, die am Ende nicht untergeht, weil sie nun mal unsterblich sein will, wäre weniger mehr gewesen.
Bodo Kirchhoff: Verlangen und Melancholie. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt. Frankfurt am Main 2014. 448 S., 24,90 Euro. E-Book 14,99 Euro.
„Liebe“ und „Liebe machen“
gehen hier, wie oft bei Kirchhoff,
ineinander über
Dass die Liebe eine Sprache hat,
nicht aber ihr Verrat, wäre schon
für sich einen Roman wert
Die Vulkanisierung der Liebe: Immer wieder kehren die Figuren in Bodo Kirchhoffs neuem Roman zu den Wandbildern in Pompeji zurück. Sie sind fasziniert von Bildern der Liebe, die von einer Katastrophe überschattet werden.
Foto: reuters
  
    
Bodo Kirchhoff , geboren 1948 in Hamburg, lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee. Neben zahlreichen Romanen hat er auch Drehbücher für den „Tatort“ verfasst.
Foto: Laura J Gerlach
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Besprechung von 27.12.2014
Der Mann, dem immer etwas fehlte

Blind mit fremden Augen: Bodos Kirchhoffs großer, meisterlicher Roman "Verlangen und Melancholie" führt in die Abgründe zwischen Mann und Frau.

Dieser Roman ist aus einem Guss, der sorgfältig komponierte Wurf eines großen Erzählers. Hier stimmt nahezu alles: kein Bogen, und sei er noch so groß, der sich am Ende nicht runden würde, kein Erzählfädchen, das auf der Strecke von 450 Seiten verlorenginge, kein Motiv, das sich nicht gehorsam an jener Stelle in die Kette einfügte, die der Erzähler dafür vorgesehen hatte. Bodo Kirchhoff ist auf der Höhe seiner Kunst angelangt, ein souveräner Meister in der Beherrschung seiner Mittel. Das ist es, was man gemeinhin als Virtuosität bezeichnet.

Aber fehlt da nicht etwas? Lässt es sich überhaupt virtuos und makellos über die Liebe und den Tod, über Verlangen und Sehnsucht, Eros und Erinnerung schreiben, ohne dass sich ein leises Unbehagen einschliche, weil Perfektion nur um den Preis der Leblosigkeit zu haben ist? "Verlangen und Melancholie" ist ein glänzend geschriebenes Buch, aber seine Kraft und seine Wirkung bezieht dieser Roman vor allem aus seinen scharfen Kontrasten und brutalen Brüchen. Die geschlossen wirkende Oberfläche täuscht. Hier regiert der Riss in den Seelen. Bodo Kirchhoff blickt liebevoll auf seine Figuren, auf die Liebe und die Liebenden. Verzückt schaut er ihnen zu, begeistert und gerührt, sentimental und mitleidig. Aber nie vergisst er, wie unbarmherzig und rücksichtslos es unter ihnen zugehen kann. Man könnte sagen, dass Kirchhoff der Liebe huldigt, wie man eine Göttin preist, deren unverhüllte Gegenwart den Tod bedeutet.

Irene hat sich umgebracht. Als der Roman einsetzt, liegt ihr Sprung in die Tiefe neun Jahre zurück. Wir sehen Kirchhoffs Ich-Erzähler, den ehemaligen Kulturredakteur einer großen Frankfurter Tageszeitung, als Pensionär und Witwer: einen Mann mit mehr Zeit, als er brauchen kann, und mehr Erinnerungen, als sich ertragen ließen. Alles, was im Folgenden geschieht, ist unauflöslich verknüpft mit Irenes Tod und den Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben. Hinrich lebt in zwei Zeitzonen zugleich: Nie findet er sich vollständig in der Gegenwart, immer ist ein Teil von ihm bei Irene und mit ihr beschäftigt. Er zermartert sich das Hirn bei der Suche nach den Gründen für ihren Todessprung und weiß dabei nicht einmal, wie sehr er des Rätsels Lösung fürchtet. Er rekonstruiert unablässig die zärtlichsten, wildesten, leidenschaftlichsten und bedeutungsvollsten Momente ihrer gemeinsamen Zeit und erschafft so das Bild seiner Frau und seiner Ehe, ohne dass wir wissen könnten, was wir ihm glauben dürfen und was nicht. Hinrich ist klug, aber er macht einen gewichtigen Fehler: Nicht jede Erinnerung darf schon allein deshalb als authentisch gelten, weil sie schmerzt.

Jede Ablenkung ist dem Trauernden willkommen: Das gilt für die nächtlichen Tierfilme im Fernsehen und die schöne Polin Zusan an der Kasse bei Woolworth, für den Nachhilfeunterricht, den Enkel Malte fürs Abitur in Sachen Ethik und Romantik dringend braucht, und für den Ausflug in die Schweiz, wo Großvater und Enkel ererbtes Schwarzgeld am Zoll vorbei nach Deutschland schmuggeln wollen.

Die Zürich-Episode ist eine witzige Räuberpistole mit gerollten Banknoten in Ketchupflaschen. Ein banaler Vorgang wie die Schließung der Woolworth-Filiale in Frankfurt-Sachsenhausen gerät Kirchhoff zur atmosphärisch dichten Großstadtstudie, die ihresgleichen suchen muss. Mit Zusan entwickelt sich eine Affäre, die schließlich zu einem wichtigen Abstecher nach Warschau führt, während die Zürich-Episode in die Wiederbegegnung mit einer Jugendliebe mündet: Almuth Bürkle ist die Frau, die den jungen Hinrich "zum Mann" gemacht hat, wie es ein ums andere Mal heißt.

Denn was den Mann zum Mann und die Frau zur Frau macht, davon haben Bodo Kirchhoff und sein Erzähler Vorstellungen, die auf eine nicht ganz zeitgemäße Weise klar und deutlich sind. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass hier ein Geschlechterbild gepflegt wird, das ein wenig statisch anmutet. Freundlicher formuliert: überzeitlich. Deshalb kann Irene sich mühelos sogar in den Liebenden in Pompeji wiedererkennen, die vom Vulkanausbruch überrascht wurden. In Hinrichs Worten: "Die Frauen lagen auf dem Rücken, noch im Sterben ergeben." Dass er selbst aber keineswegs dem klassischen Klischeebild des Mannes entspricht, scheint Hinrich nicht zu bemerken. Im Grunde hat er gar keine Vorstellung von sich. Der Mann, den einst seine zupackende Jugendliebe zum Mann gemacht hatte, hat sich zeitlebens nur mit den Augen seiner Frauen gesehen. Das ist der brutalste Bruch der Erzählperspektive, die dieses Buch bestimmt: Seit Irenes Tod, der alles in Frage gestellt hat, weiß Hinrich nicht mehr, was er von sich halten soll. Er ist mit fremden Augen blind.

Auch deshalb ist Kirchhoffs Ich-Erzähler ein vom Verlust Besessener. Er ist der Mann, dem immer etwas fehlt: zum viel würdevoller klingenden Namen Heinrich das e und zur erfüllten Berufskarriere der Sprung vom Umlandressort in den großen überregionalen Kulturteil, der ihm jedoch verwehrt blieb. Hinrich spürt den Stachel des Ungenügens an sich selbst, aber er leidet nicht darunter. Das unterscheidet ihn von seiner Frau. Hinrich ist einer, der erträgt, Irene ist eine, die verlangt. Aber weil ihr Verlangen namenlos bleibt, muss es in Verzweiflung münden. Ihr Name endet mit jenem Buchstaben, der Hinrich von einem Heinrich von Kleist unterscheidet. Ihr Leben endet, weil ihr auf Erden nicht zu helfen war.

Bodo Kirchhoff versagt sich diese berühmte Formel. Er deutet nur einmal beiläufig an, dass Irenes Leid einer bipolaren Störung geschuldet sein könnte, und charakterisiert sie lieber anhand ihrer Vorlieben und Lektüren: Im Kino wie im Leben bevorzugt sie das Schwere, lässt sich aber vom Leichten verführen. Kleist und Pasolini sind ihre Gewährsmänner, Camillo Boitos Novelle "Senso" ist der Text, an dem die perfektionistische Übersetzerin Irene scheiterte.

Hinrich studiert ihre Aufzeichnungen und Notizen, weil er hofft, dass die Stelle, an der Irene ihr Übersetzungsprojekt verzweifelt aufgab, einen Hinweis auf die Gründe für ihren Selbstmord enthält. Dabei muss man "Senso", von Luchino Visconti 1956 verfilmt, nicht übersetzen, um wissen zu können, dass die Geschichte von einer Frau handelt, die den Mann, den sie liebt, in den Tod schickt, weil sie sich von ihm verraten und gedemütigt fühlte. Kirchhoff schwelgt in kleinen Frankfurt-Beobachtungen und großen Italien-Panoramen. Es geht nicht nur nach Zürich, sondern auch nach Neapel und Pompeji, weil Tochter Naomi eine Ausstellung über "Eros in Pompeji" kuratiert und Hinrich sich als Museumsaufsicht beworben hat. Schauplatz der wichtigsten und heikelsten Szenen dieses Romans ist jedoch Warschau.

Hier findet das einzige ausführliche Zwiegespräch in diesem Roman über Männer und Frauen statt. Geführt wird es von zwei Männern, und es gilt einer toten Frau. Dass Jerzy Tannenbaum, mehr Kollege als Freund Hinrichs, ein polnischer Jude ist, dessen Eltern von den Nazis deportiert wurden, kann zunächst irritieren, denn was sollte der Holocaust mit Irenes Selbstmord zu tun haben? Doch auch Tannenbaum dient der indirekten Charakterisierung Irenes. Zu Anfang des Romans hatte Hinrich eine Traueranzeige erreicht, die er nicht zu öffnen wagte. Immer wieder hat Kirchhoff den Blick des Lesers auf den Umschlag mit dem schwarzen Rand gerichtet. Jetzt zeigt sich: Er enthält die Nachricht vom Verlust eines Menschen, nach dem Hinrich sich immer gesehnt hatte, ohne zu wissen, dass es ihn tatsächlich gab. Die Liebe bei Bodo Kirchhoff ist eine einsame Sache.

HUBERT SPIEGEL

Bodo Kirchhoff: "Verlangen und Melancholie". Roman.

Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2014. 445 S., geb., 24,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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