Rudolf Borchardt - Sprengel, Peter
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Rudolf Borchardt war nicht nur ein virtuoser Sprachkünstler, dem tiefsinnige Gedichte, brillante Essays, ironisch-satirische Erzählungen und Reden von sensationeller Wirkung gelangen. Er war auch ein zutiefst politisch empfindender Mensch, der aus dem "Untergang der deutschen Nation" persönliche Konsequenzen zog und - mit der großen Ausnahme des Ersten Weltkriegs - schon früh aus dem Vaterland ausstieg.
Als Mieter alter Toskana-Villen erprobte der Emigrant und Monarchist - bis zur gewaltsamen Rückführung in das Deutsche Reich 1944 - den Anschluss an althergebrachte aristokratische
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Produktbeschreibung
Rudolf Borchardt war nicht nur ein virtuoser Sprachkünstler, dem tiefsinnige Gedichte, brillante Essays, ironisch-satirische Erzählungen und Reden von sensationeller Wirkung gelangen. Er war auch ein zutiefst politisch empfindender Mensch, der aus dem "Untergang der deutschen Nation" persönliche Konsequenzen zog und - mit der großen Ausnahme des Ersten Weltkriegs - schon früh aus dem Vaterland ausstieg.

Als Mieter alter Toskana-Villen erprobte der Emigrant und Monarchist - bis zur gewaltsamen Rückführung in das Deutsche Reich 1944 - den Anschluss an althergebrachte aristokratische Lebensformen. Gleichzeitig war er als Übersetzer (vor allem Dantes) um die Rettung des kulturellen Erbes Alteuropas bemüht. Seine Beschreibungen italienischer Städte geben das Bild einer imaginären Geschichte, einer Geschichte der unrealisierten Möglichkeiten, in der die Verlierer zu Siegern werden. Die hier vorgelegte Biographie kann auf Hunderte von Briefen zurückgreifen, die in den letzten zwei Jahrzehnten erstmals herausgegeben wurden, und nutzt darüber hinaus unveröffentlichte Materialien. Auf dieser Grundlage gelingen überraschende Entdeckungen wie die einer monströsen Fälschung Borchardts. Hier lernen wir nicht nur den Dichter und Publizisten gleichsam von innen, sondern auch den 'verlorenen Sohn', Ehemann und Familienvater, vor allem aber und immer wieder den Liebhaber Borchardt kennen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 504
  • Erscheinungstermin: 11. September 2015
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 151mm x 37mm
  • Gewicht: 722g
  • ISBN-13: 9783406682070
  • ISBN-10: 3406682073
  • Artikelnr.: 42607348
Autorenporträt
Peter Sprengel ist Professor für Neuere deutsche Literatur an der Freien Universität Berlin.
Inhaltsangabe
Mit fremder Stimme

I. Das goldene Lineal 1877-1895

II. Zwischen Philologie und Dichtung 1895-1900

III. Bad Nassau und Wien 1901/02

IV. Verlobungen - Villa 1903-1906

V. Insel - Intermezzo 1907-1911

VI. Der Mann und der Krieg 1912-1917

VII. Untergang und Familiengründung 1918-1923

VIII. Kulturkampf gegen die Republik 1924-1932

IX. Unfreiwilliges Exil 1933-1944

X. Anabasis 1944/45

Nachwort

Anhang

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Abbildungsnachweis

Personenregister

Werkregister 501
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Mit gemischten Gefühlen hat Kai Kauffmann Peter Sprengels Rudolf-Borchardt-Biografie gelesen. Der Literaturwissenschaftler vermag dank eingehender Recherche durchaus manche Lücke in Borchardts Lebensgeschichte zu schließen, betont der Kritiker, der das Buch wie einen spannenden "Abenteuerroman" voller sensationeller Enthüllungen und satirischer Zuspitzungen liest. Leider muss der Rezensent aber während der fesselnden Lektüre auch feststellen, dass es Sprengel nicht gelingt, Borchardts narzisstische Persönlichkeitsstruktur mit seinen imaginationsreichen und wortgewaltigen Werken zu verbinden. Über den Schriftsteller Borchardt und seine "phantasmagorische" Gedankenwelt hat Kauffmann hier deshalb nur wenig erfahren.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 16.11.2015
Unter dem Gebot
der Höchstleistung
Peter Sprengel schildert das Leben des einzigartigen
Dichters Rudolf Borchardt. Von Martin Mosebach
Schlechtere Karten als Rudolf Borchardt kann ein Schriftsteller in der gegenwärtigen öffentlichen Atmosphäre kaum haben. Wo jeder zahme Zweifel an der inzwischen erreichten besten aller möglichen Welten unter den Generalverdacht menschenverachtender Rückwärtsgewandtheit gerät, kann der bekennende Monarchist, der elitäre Ästhet, der schneidend sarkastische Feind der Weimarer Demokratie noch von Glück sagen, wenn er in der Nische der Sonderlinge Platz nehmen darf und nicht als Reaktionär und „gefährlicher Bürger“ von vornherein von der Geistesrepublik exkommuniziert wird. Um Ehrenrettung – wie grotesk klingt dies Wort bei einem bis zur Narretei ehrbewussten Mann – kann es bei einer Beschäftigung mit Borchardt dabei niemals gehen – er war all das, was seine Feinde ihm nachsagten, freilich in einem Ausmaß, das sich die kühnsten unter ihnen nicht vorstellen konnten. Wenn man unter den jüdischen Autoren seiner Zeit nach Geistesverwandten Ausschau hält, die mit ihm keineswegs in Verbindung standen, dann müsste man die radikalen Exzentriker Karl Kraus, Otto Weininger und die geniale Simone Weil nennen, die sich der europäischen Kultur mit einer kämpferischen Originalität bemächtigt hatten, als seien sie deren einzige und letzte Verteidiger.
  So auch Borchardt. Sein Patriotismus war leidenschaftlich und verließ ihn in den düstersten Stunden der Verfolgung nicht. Aber er unterschied sich denkbar prinzipiell vom Nationalismus des deutschen neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts: Sein Deutschland war jenes Germanien, das zur Fortführung des römischen Reiches berufen war, überall dort zu bejahen, wo es sich der historischen Pflicht zur weiteren Entfaltung des römischen Erbes beugte – schärfstens zu kritisieren, wo es dieser Pflicht in eine täppische Imitation der anderen europäischen Nationalstaaten zu entkommen suchte. Im Januar 1945 starb dieser Mann, so lang ist das nicht her, und dennoch scheint sein Traum heute so unendlich fern zu sein– irreal war er schon für seine Zeitgenossen, beinahe unverständlich ist er für die unseren. Warum sollte man sich heute mit diesem Autor beschäftigen?
  Da ist es auffällig, dass nun schon die zweite Borchardt-Biografie erscheint, nach Alexander Kisslers großer Monografie (2003) nun „Rudolf Borchardt – Der Herr der Worte“ von Peter Sprengel, Literaturwissenschaftler und Gräzist in Berlin, der erstmals Hunderte Briefe des besessenen Briefschreibers Borchardt sichten konnte und einen Begriff von den hundert Sackgassen, Hindernissen und Abenteuern dieses einzigartigen Schriftstellerlebens verschafft. Eine Biografie enthebt bekanntlich nicht der Biografie des beschriebenen Autors; es gibt Autoren, deren Stolz darin bestand, gänzlich hinter ihrem Werk zurückzutreten. Bei Rudolf Borchardt liegt der Fall etwas schwieriger: dass er seine Person als wichtiges Element seiner literarischen Wirkung einsetzte, wird einem Redner, der vor vollen Sälen stundenlang freisprechend in Prachtperioden sein Publikum faszinierte, nicht abzusprechen sein – dass ihm die Ausbreitung seiner tragischen, an Streit, Liebesaffären, Geldnot und mannigfachen Vergeblichkeiten reichen Lebens angenehm gewesen wäre, mag man angesichts seines Stolzes bezweifeln. Aber dies Leben, von Sprengel mit einer Fülle von Details zur Besichtigung freigegeben, schlägt auch den Leser in Bann, der das Werk nicht kennt.
  Der Sohn einer wohlhabenden Bankiersfamilie, wegen skandalöser Amouren aus der Familie quasi ausgestoßen und enterbt – oder besser, von den Geschwistern um das Erbe betrogen –, einer der letzten Repräsentanten der kaiserzeitlichen Universität und zugleich an der Promotion scheiternd, der georgianische Stefan-George-Feind, der romantische Klassizist, als Dichter aber eher in der Tradition Schillers als der Goethes stehend, der bettelarme Bohemien, dem es gelingt, lange Zeit in den schönsten Villen der Lucchesia zu wohnen, der geächtete Jude, der sich weigert, sein Leben in Italien als Emigration zu betrachten, der seine Frau heiß liebende, vielfach treulose Ehemann, der Präzeptor der Vollendung, der unzählige Fragmente hinterlässt, der herrische Don Quijote, der den treu ergebenen Freund Rudolf Alexander Schröder geradezu zu seinem Sancho Pansa macht, der elitäre Eremit, der stets bereit ist, sich in wüste literarische Fehden zu stürzen, der im Provisorium aushaltende Verteidiger der longue durée, das ergreifende und dramatische Lebensende mit der Deportation aus dem vor der amerikanischen Eroberung stehenden Italien und der wundersamen Befreiung – das alles bietet den reichlichsten Erzählstoff.
  Was sich hinter dem Begriff „Lebenskampf“ verbergen kann, lässt sich an dieser bei allen grotesken und moralisch bedenklichen Zügen geradezu herakleischen Tapferkeit, dem tragischen Glanz dieser Existenz erfahren. „Le monstre sacré – das heilige Ungeheuer“, selten ist dieser Titel mit mehr Lebenswirklichkeit gefüllt worden. Peter Sprengels besonderes Verdienst ist es, dem Leser mit vielen Zitaten aus dem schier unerschöpflichen Brief-Corpus eine Ahnung der beispiellosen Intensität Borchardts zu vermitteln. Dieser unablässig schreibende und redende Mann hat sich nicht gestattet, eine einzige triviale Zeile zu Papier zu bringen; jeder Brief steht unter dem Gebot der Höchstleistung – der Hohepriester der Konvention schraubt jede Mitteilung ins Überkonventionelle. Es spricht vom Format der zweiten Ehefrau Marie Luise Voigt, Nichte des Lebensfreundes und Protektors der mittellosen Borchardt-Familie Rudolf Alexander Schröder, sich von der bis zur Luftlosigkeit komprimierten Korrespondenz – ein bestimmter Rechtfertigungsbrief hatte achtzig Seiten – nicht imponieren, geschweige denn einschüchtern zu lassen.
  Der frühe Tod Borchardts mit achtundfünfzig Jahren, Wochen nach der verblüffenden Rettung der Familie, hängt ohne Zweifel mit den Aufregungen und Strapazen der bedrohlichen Fahrt über die Alpen nach Österreich zusammen – aber man kann sich der Vermutung nicht verschließen, dass er in gleichem Maß die Folge einer lebenslangen Überanstrengung war.
  Dass es bei der kritischen Rekonstruktion dieser Biografie nicht ausbleibt, die eigentlichen Werke Borchardts keineswegs vernachlässigt, aber doch in einer Flut der vergeblichen und abgebrochenen Arbeiten, der gescheiterten Projekte, der unausgeführten Pläne beinahe ertrinken zu sehen, ist wahrscheinlich unvermeidlich gewesen. So sei an dieser Stelle noch einmal rekapituliert, in welchen Werken Borchardt eine Vollendung erreichte, an der ihn die Überfruchtbarkeit seiner Schöpferkraft sonst so vielfältig behindert hat.
  So dreist die Fälschungen und Hochstapeleien, die Sprengel den jungen Borchardt überführt, auch waren, sie sind nicht der Grund, warum man ihn lesen oder nicht lesen sollte, sondern bilden einen geradezu komischen Kontrast zum Pathos, das dem Autor wie keinem Zweiten zu Gebote stand. Sich die Wirklichkeit, gerade auch die historische, zu Willen zu machen, gehört zu den Motiven seiner schönsten geschichtlichen Visionen: „Villa“, „Pisa“ und „Volterra“ – diese berühmten Essays gehören ebenso wie die Jugenderinnerungen mit ihrer Imagination eines weltbürgerlichen Königsberg zu den Schöpfungen einer „schöpferischen Restauration“; dies war sein Prinzip im Umgang mit den ihm in reichem Maß bekannten historischen und philologischen Fakten; er ließ seine Imagination von ihnen entzünden und brachte unvergessliche Bilder aus sich hervor – wie die Vergangenheit hätte aussehen müssen, wenn sie ihrer Entelechie treu gewesen wäre.
  In seinem Nebenwerk „Der leidenschaftliche Gärtner“ gelingt ihm im Geist Ruskins der Brückenschlag zwischen Naturwüchsigkeit und europäischem Stil und Geschmack; seine Dante-Übertragung in ein erfundenes Mittelhochdeutsch mit alemannisch-dialektalen Einsprengseln wird gern kopfschüttelnd betrachtet – man vergisst aber, dass auch Ezra Pound zur gleichen Zeit das Okzitanisch der Troubadoure als die einzige Sprache deklarierte, in die man Homer übersetzen könne – Borchardt befand sich mit seiner grandiosen Neuschöpfung, die gegen den von ihm als katastrophal angesehenen Eingriff Luthers in die deutsche Sprache gerichtet war, an der Spitze einer polyglotten Avantgarde. Die „Iamben“ schließlich, der heute noch durch seine Hassenskraft schockierende Gedichtzyklus gegen den Nationalsozialismus, ein Zopf aus Hohn und Pathos, wie einst die Iamben des Archilochos zum Töten bestimmt, stehen in der deutschen Dichtung des 20. Jahrhunderts vollends einzig da.
Peter Sprengel: Der Herr der Worte. Rudolf Borchardt. Eine Biographie. Verlag C.H. Beck, München 2015. 504 Seiten, 29,95 Euro. E-Book: 24,99 Euro.
VonMartin Mosebach erschien zuletzt der Roman „Das Blutbuchenfest“ im Hanser Verlag.
Dieses Leben schlägt auch
den Leser in Bann,
der das Werk nicht kennt
„Schöpferische Restauration“
war sein Prinzip im Umgang
mit den historischen Fakten
Der leidenschaftliche Patriot Rudolf Borchardt (1877-1945).
Foto: picture-alliance/dpa
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Besprechung von 09.02.2016
Windiger Hochstapler und wendiger Liebhaber?
Eine interessante Verbindung von Philologie und Pikanterie: Rudolf Borchardts Leben, erzählt von Peter Sprengel

Um 2000 hieß es im Feuilleton einer führenden deutschen Tageszeitung über Rudolf Borchardt: "Der Aufstieg dieses Schriftstellers aus völliger Vergessenheit zu einem Dichter mit Gemeinde gehört zu den wunderlichsten Ereignissen der Geistesgeschichte in den vergangenen Jahren." Der Hype ging so weit, dass an anderer Stelle die Ablösung der von den "Linken" lange verehrten Geistesheroen Adorno und Benjamin durch, ja doch, Borchardt ausgerufen wurde. Während die gerade erst durch die umfassende Edition seines Brief-Werks und einige größere Studien in Gang gekommene Forschung weiterlief, ließ jedoch das kulturpolitisch motivierte Interesse in der intellektuellen Öffentlichkeit schlagartig wieder nach. Man glaubte wohl selbst nicht recht an die Eignung Borchardts als Vordenker einer kulturkonservativen Zeitenwende.

Der 1877 in Königsberg geborene, 1945 in Trins/Tirol gestorbene Schriftsteller schien erneut in Vergessenheit zu geraten. Aus dieser möchte ihn nun der Berliner Literaturwissenschaftler Peter Sprengel mit seiner Biographie, der ersten überhaupt, befreien. Und tatsächlich beginnt das Buch mit einem Aufmerksamkeit erregenden Trompetenstoß: Sprengel entlarvt einen angeblich von Friedrich Leo an Rudolf Borchardt, seinen aus Göttingen nach Wien entlaufenen Doktoranden, geschriebenen Brief, der sowohl die moralisch bedenklichen Liebes- und Duellaffären als auch die geistige Potenz dieses ebenso leidenschaftlichen wie hinreißenden jungen Mannes mit beeindruckendem Wortreichtum schildert, als eine Fälschung von Borchardts Hand, die sich eigentlich an den Wiener Gastgeber Hugo von Hofmannsthal richtete (F.A.Z. vom 9. September 2015). Diese Entdeckung und die Art, wie sie dem Leser zu Beginn mitgeteilt wird, charakterisieren den Biographen und seine Darstellung. Ausgehend von einer souveränen Kenntnis des Textmaterials und Forschungsstands, schließt Sprengel durch eigene Recherchen zahlreiche Lücken unseres Wissens über Borchardt und korrigiert dabei manche Fehler. Sogar über die Lebensphase zwischen 1902 und 1906, eine Zeit unsteter Wanderungen in Italien, bekommt man endlich genauere Daten und einen besseren Überblick. Zum anderen weiß er Borchardts Lebensgeschichte wie einen spannenden Abenteuerroman zu erzählen, mit einem ausgeprägten Sinn für sensationelle Enthüllungen und satirische Zuspitzungen. Eine interessante Verbindung von Philologie und Pikanterie! Man wird dieses Buch nicht nur wegen der Fülle von verlässlichen Informationen lesen, sondern auch, weil es Borchardt immer wieder als windigen Hochstapler und wendigen Liebhaber vorführt, der andere Menschen belügt und betrügt, benutzt und beschädigt, sich damit aber - wie der Biograph nicht ohne schadenfrohen Unterton mitteilt - letztlich selbst um Vertrauen und Erfolg bringt.

Hier zeichnet sich das eigentliche Problem des Buches ab. Es bestätigt die bekannten Vorurteile und berechtigten Vorbehalte gegenüber der narzisstisch geprägten Persönlichkeit Borchardts, die schon von Zeitgenossen vielfach beschrieben wurde. Umgekehrt gelingt es Sprengel kaum, dem Leser die mit der Persönlichkeitsstruktur des Autors durchaus in Zusammenhang stehende Wortgewalt und Imaginationskraft seiner Reden und Schriften nahezubringen. Der im Untertitel der Biographie angekündigte "Herr der Worte" erscheint zu einseitig unter dem negativen Vorzeichen des von Walter Benjamin an Rudolf Borchardt bemerkten "Willens zur Lüge". Zwar kommt Sprengel im Laufe seiner Erzählung auf eine Vielzahl von Borchardts Werken zu sprechen, doch tut er wenig, um ihre faszinierenden Züge herauszuarbeiten. Die vergleichsweise häufigen Zitate aus Gedichten deuten darauf hin, dass er die bereits von Theodor W. Adorno gerühmte Lyrik besonders schätzt, und gegen Ende der Biographie scheint eine gewisse Bewunderung für den großen, 1932 entstandenen Pisa-Essay und das bis 1945 geschriebene Homer-Fragment durch. An solchen Stellen hätte es sich gelohnt, den Pfad der biographischen Erzählung für mehr als ein paar referierende Sätze zu verlassen und tiefer in die phantasmagorischen Gedankenreiche und Sprachwelten Borchardts einzudringen, die fast immer mit seiner Person und seinem Leben in einer direkten oder indirekten Beziehung stehen und gerade daraus ihre ungeheure Dramatik und Intensität beziehen. Das gilt schon für den gefälschten Friedrich-Leo-Brief, ein "Portrait of the Artist as a Young Man", mit dem die lange Reihe der grandiosen Selbstdarstellungen beginnt, und gilt noch für den kurz vor dem Lebensende begonnenen Essay über den Göttinger Doktorvater, der gleichfalls eine verkappte Autobiographie ist, freilich im Rahmen einer weitgespannten Kulturgeschichte der deutschen Altphilologie. Sprengels Biographie ist ein wichtiges Buch, auch wenn es über den Menschen Borchardt wenig Angenehmes berichtet. Aber so, wie es geschrieben ist, wird der Weg zu dem Schriftsteller und seiner Redekunst möglicherweise eher verstellt als gebahnt.

KAI KAUFFMANN.

Peter Sprengel: "Rudolf Borchardt - Der Herr der Worte". Biographie.

Verlag C. H. Beck, München 2015. 512 S., geb., 29,95 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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"Dies Leben, von Sprengel mit einer Fülle von Details zur Besichtigung freigegeben, schlägt auch den Leser in Bann, der das Werk nicht kennt."
Martin Mosebach, Süddeutsche Zeitung, 16. November 2015

"Packend: Peter Sprengel zeigt in der ersten Biographie des großen Schriftstellers Rudolf Borchardt, wie eng Dichtung und Wahn verschwistert sein müssen."
Alexander Kissler, Cicero, Oktober 2015