Ein Sizilianer von festen Prinzipien - Sciascia, Leonardo
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Ein Sizilianer von festen Prinzipien versammelt zwei erstmals ins Deutsche übersetzte Texte Sciascias, als Hommage zu seinem 100. Geburtstag: "Tod des Inquisitors" war ihm sein liebstes, da unabgeschlossenes Werk. Der rebellische Augustinermönch Fra Diego La Matina aus Racalmuto schafft es zu Zeiten der sizilianischen Inquisition auf Sizilien, seinen Peiniger, den Inquisitor Cisneros mit eisernen Handschellen umzubringen. "Der Mann mit der Sturmmaske" schließt sich - Folter und Terror - thematisch eng an, wenn auch in den 70er Jahren des 20. Jh. in Chile spielend: Hier geht es um das…mehr

Produktbeschreibung
Ein Sizilianer von festen Prinzipien versammelt zwei erstmals ins Deutsche übersetzte Texte Sciascias, als Hommage zu seinem 100. Geburtstag: "Tod des Inquisitors" war ihm sein liebstes, da unabgeschlossenes Werk. Der rebellische Augustinermönch Fra Diego La Matina aus Racalmuto schafft es zu Zeiten der sizilianischen Inquisition auf Sizilien, seinen Peiniger, den Inquisitor Cisneros mit eisernen Handschellen umzubringen. "Der Mann mit der Sturmmaske" schließt sich - Folter und Terror - thematisch eng an, wenn auch in den 70er Jahren des 20. Jh. in Chile spielend: Hier geht es um das Schreckgespenst der totalen Willkür der Gewaltherrschaft nach dem Militärputsch von Pinochet. Die katholische Kirche und das Geständnis, die philosophische Frage nach "der" Wahrheit, die Freiheit des Individuums und die Mechanismen der Macht bleiben als Hintergrund immer präsent. Essays von Maike Albath und Santo Piazzese runden den Band ab.
  • Produktdetails
  • Verlag: Edition CONVERSO
  • Originaltitel: Morte dell'inquisitore L'uomo dal passamontagna
  • Artikelnr. des Verlages: 97639
  • Seitenzahl: 188
  • Altersempfehlung: 40 bis 100 Jahre
  • Erscheinungstermin: 8. Januar 2021
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 124mm x 20mm
  • Gewicht: 380g
  • ISBN-13: 9783981976397
  • ISBN-10: 3981976398
  • Artikelnr.: 60547114
Autorenporträt
Sciascia, Leonardo§Leonardo Sciascia wurde 1921 in Racalmuto als Sohn eines autoritären Schwefelgrubenverwalters geboren; das Gymnasium unterforderte ihn, sowohl als Schüler als auch als Lehrer. Herauskam ein großer Befreiungsschlag: einer der bedeutendsten Schriftsteller, Publizisten der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein großer europäischer Aufklärer: stets Sizilien und den Mikrokosmos Racalmuto als Metapher der Welt vor Augen.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Rezensent Thomas Steinfeld bestaunt in seiner Doppelkritik das literarische Verfahren von Leonardo Sciascia, das politische und historische Sachverhalte einwebt und den Leser zur Rekonstruierung auffordert. Auch im nun zum 100. Geburtstag des Autors auf Deutsch erschienenen Roman "Ein Sizilianer von festen Prinzipien" integriert Sciascia Originaltexte aus dem sizilianischen Staatsarchiv, wenn er von einem Mönch erzählt, der im 17. Jahrhundert von der spanischen Inquisition auf Sizilien verfolgt wird. Die Thematik der Ketzerei und der Verschränkung von politischer und religiöser Macht (auch in "Die Affäre Modo" prominent verhandelt, so Steinfeld) sei zudem im zweiten hier besprochenen Roman angelegt: In "Einmal in Sizilien" erzählt Sciascia von seinem früheren Dasein als Volksschullehrer in Sizilien 1955, und auch hier sieht Steinfeld eine ketzerische Auflehnung gegen den Schulrat und die Macht Roms. Für den Rezensenten einzigartige, machtkritische Werke, die die Lektüre sehr lohnen, schließt er.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 07.01.2021

Ähnlich sind sie sich auf Sizilien

Zum morgigen hundertsten Geburtstag von Leonardo Sciascia erscheint sein eigenes Lieblingswerk erstmals überhaupt auf Deutsch.

Der Titel meint beide, den Autor und seinen Protagonisten; Leonardo Sciascia hat ihn so nicht geschrieben, doch er hätte ihn unterschrieben: "Ein Sizilianer von festen Prinzipien" spannt zwei Texte, die formal und zeitlich auseinanderliegen, zusammen und macht auf ihre Verwandtschaft aufmerksam. Der eine, "Tod des Inquisitors", ist eine Erzählung, rund hundert Seiten stark und 1964 veröffentlicht, der andere, "Der Mann mit der Sturmmaske", ein Artikel, der 1978 im "Corriere della Sera" erschienen ist und 1985 in die Sammlung "Cronachette" (Kleine Chroniken) aufgenommen wurde.

Beide liegen nun erstmals in deutscher Übersetzung vor. Das muss verwundern. Zunächst weil von Leonardo Sciascia seit "Der Tag der Eule" (1964), dem ersten Kriminalroman über die Mafia, die meisten Bücher auch auf Deutsch herauskamen; vor allem aber weil "Tod des Inquisitors" sein Lieblingswerk war. "Diese kurze essayartige Erzählung über ein Ereignis und eine Person der sizilianischen Geschichte, die fast vergessen sind, ist mir das Teuerste von allem, was ich geschrieben habe", bekennt er im Vorwort zur Neuauflage 1967, "und das Einzige, was ich immer wieder lese und worüber ich mir den Kopf zerbreche."

Der Titel schützt auch vor einem Missverständnis, das "Tod des Inquisitors" nahegelegt und den Absatz womöglich befördert hätte: Es handelt sich nicht um einen Krimi, sondern um eine historische Untersuchung, die in die Verliese der Inquisition hinabsteigt. Und den Autor doch, wie er zwei Sätze später erklärt, auf ein Indiz warten ließ, "wie es Simenons Maigret widerfährt, wenn eine Ermittlung ihn nicht mehr loslässt". Auch der Rechercheur Sciascia entwickelt detektivischen Spürsinn, und er hat dafür, so notiert er in den Anmerkungen, "alles gelesen ..., was es in Bezug auf die Inquisition in Sizilien zu lesen gab".

"Pacienza / Pane, e tempo" (Geduld, Brot und Zeit): drei Worte, eingeritzt in eine Zellenwand des Palazzo Chiaramonte in Palermo, wo das Heilige Offizium von 1605 bis 1782 seinen Sitz hatte, sind der Ausgangspunkt. Erst 1906 hat Giuseppe Pitrè, Arzt und Begründer der Volkskunde in Sizilien, die "Kerker-Palimpseste" entziffert: "Drei Sachen, die leider unabdingbar sind, um nicht zu verzweifeln, um leben und abwarten zu können", kommentiert er. Und erinnert dann an einen, der es wagte, Rache am Tribunal zu nehmen: an den Augustinermönch Fra Diego La Matina, der wegen Häresie einsaß und, als er 1657 vor Don Juan López Cisneros, den spanischen Inquisitor im Königreich Sizilien, geführt wurde, ihm mit den eisernen Handschellen den Schädel einschlug. Es blieb der einzige gewaltsame Tod eines Inquisitors auf Sizilien. Im Jahr darauf wurde Fra Diego verbrannt.

Den Fall dieses Mannes rollt Sciascia auf, sein Leben rekonstruiert er, stellt es in die gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit und erklärt, wie leicht es angesichts der "grundsätzlichen Gleichgültigkeit der Sizilianer gegenüber der Religion" war, "Anklagen wegen Luthertums zu erheben". Welchen Vergehens sich der Diakon 1644 schuldig gemacht hat, ließ sich nicht ermitteln, doch muss es eine Tat gewesen sein, die "gleichzeitig Häresie und ein Verstoß gegen die weltlichen Gesetze war". Fra Diego wird zweimal verhaftet und wieder freigesprochen, dann mit fünf Jahren Galeerendienst bestraft, abermals vors Tribunal gebracht und gefoltert. Dass er öffentlich abschwört, bewahrt ihn vor dem Tod, er muss zurück an die Schiffsruder, landet, als andere Sträflinge sich ihm anschließen, im Kerker, bricht aus und wird wieder gefasst.

Sciascia schildert die Abscheulichkeiten der Inquisitoren, dechiffriert mit bitterer Ironie die Codes, Metaphern und Euphemismen in den Berichten der Schergen und zieht Verbindungen zu Manzonis Erzählung "Die Schandsäule" und zur Omertà, Mussolini oder Kardinal Frings, dessen Angriff auf das Heilige Offizium 1963 heftige Reaktionen auslöste. Seine subtile Interpretation, die "close reading" und Ideologiekritik verknüpft, kulminiert in der detaillierten Beschreibung des, so der öffentliche Ausrufer der "glücklichen" Stadt Palermo, "großen Schauspiels des Glaubensaktes" am 17. März 1658, "einer der grausamsten und erschütterndsten Szenen, die menschliche Intoleranz je dargeboten hat". Freigeschält aus dem Konglomerat von volkstümlichen Legenden und romanhaften Erfindungen - die Prozessakten und das von Fra Diego geschriebene Buch wurden vernichtet -, erscheint der Mönch als Verfechter von festen Prinzipien, als "Mitbürger" und, so Sciascias Schlusssatz, "Mann, der die Würde des Menschen hochhielt".

Die scharfsinnige, von vielen Belegen gestützte Argumentation ist eine anspruchsvolle Lektüre. Sciascia reflektiert mit "Tod eines Inquisitors" sein Selbstverständnis als politischer Schriftsteller, seine Unabhängigkeit, seine Standfestigkeit, seinen Moralismus. Fra Diego La Matina stammte wie er aus Racalmuto, einer kleinen Stadt im Hinterland von Agrigent, wo bis in die siebziger Jahre Schwefel abgebaut wurde. Doch nicht nur deshalb ist ihm der Freigeist nahe: In dessen fernen Kämpfen reflektiert er sein Verhältnis zur Macht, in dem Bild des Rebellen steckt ein Porträt des Autors in historischer Verfremdung. Der ihm weniger zur Seite als gegenübergestellte "Mann mit der Sturmmaske" ist nicht mehr (aber auch nicht weniger) als ein Fallbeispiel dafür, wie das System der Inquisition in die Gegenwart reicht: eine gespenstisch wendehälsige Erscheinung, Ex-Funktionär der Sozialistischen Partei, die im Nationalstadion von Santiago die eingepferchten politischen Gefangenen abschritt und mit einer Handbewegung über Leben und Tod entschied.

"Ein Sizilianer von festen Prinzipien" erscheint spät auf Deutsch, mehr als fünfzig Jahre nach "Tod des Inquisitors", und pünktlich zum hundertsten Geburtstag von Leonardo Sciascia am morgigen 8. Januar. Doch während der Wagenbach Verlag, der dem Autor lange die Treue hielt, dazu nur das Frühwerk "Le parrocchie di Regalpetra" (1956) unter neuem Titel (aus "Salz, Messer und Brot" wurde "Einmal in Sizilien") und auch noch gekürzt wieder auflegt, tritt die Edition Converso dafür ein, dass eine Stimme, die in den politischen Debatten Italiens der vergangenen dreißig Jahre wie keine andere - außer der von Pasolini - vermisst wurde, mit diesem zentralen Werk endlich auch auf Deutsch zu Wort kommt.

ANDREAS ROSSMANN

Leonardo Sciascia: "Ein Sizilianer von festen Prinzipien". Essayistische Erzählungen.

Mit Texten von Maike Albath und Santo Piazzese. Aus dem Italienischen von Monika Lustig (unter Verwendung einer Übersetzung von Michael Kraus). Edition Converso, Bad Herrenalb 2021. 192 S., geb., 23,- [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 08.01.2021

Der Chronist
Zum 100. Geburtstag von Leonardo Sciascia erscheinen zwei neue Bände
In der Altstadt von Palermo, nur ein paar Schritte entfernt von „La Cala“, dem ältesten Teil des Hafens, lag einst ein Konvent der Theatiner. Seit dem frühen 19. Jahrhundert ist das „Archivio di stato“ in den Gebäuden untergebracht, das Staatsarchiv Siziliens. Es besteht im Wesentlichen aus einer großen Halle, die von unten bis oben, von vorn bis hinten mit Akten gefüllt ist, die bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen. Diesem Archiv ist die historische Erzählung „Tod des Inquisitors“ von Leonardo Sciascia zu verdanken.
Sciascia wurde für seine Kriminalromane berühmt, weit über die Grenzen Italiens hinaus, aber er selbst schätzte seine literarischen Arbeiten zur Geschichte Siziliens, auch wenn einige von ihnen von überschaubarem Umfang sind, Parabeln, die in Aufbau und Ton dem Geist einer Chronik verpflichtet sind. Dazu gehört auch der „Tod des Inquisitors“.
Zuerst im Jahr 1963 publiziert, ist sie in diesen Tagen erstmals auf Deutsch in einem Band mit dem Titel „Ein Sizilianer von festen Prinzipien“ veröffentlicht worden, als „pensierino“, als „kleine Aufmerksamkeit“ zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers. Berichtet wird darin vom Leben und Leiden des Augustinermönchs Fra Diego La Matina, der um die Mitte des 17. Jahrhunderts von der Inquisition (Sizilien stand zu jener Zeit unter spanischer Herrschaft) verfolgt wurde, seinem Folterer mit der eisernen Handfessel den Schädel einschlug und unter großem Spektakel auf dem Scheiterhaufen endete.
Die Geschichte des Fra Diego bewegt sich in Etappen auf ihr fatales Ende zu. Der Mönch gehört selbst zur Kirche, die Inquisition muss den Häretiker in ihm erst ermitteln, und sie tut es, ihrer absoluten Legalität bewusst, mit aller Ausdauer und Brutalität, die sie aufbringen kann. Doch als sie ihrer Sache gewiss ist, wird sie unerbittlich: Fra Diego will noch abschwören, doch es hilft ihm nicht mehr.
Leonardo Sciascia entfaltet diese Geschichte, als würde er zugleich die Akten ordnen, und er tut es mit einem dreifachen Effekt: Er wahrt das Authentische der Dokumente, etwa dadurch, dass er längere Passagen zitiert. Er lässt den Leser teilhaben am Studium, sodass dieser es schließlich ist, der in letzter Instanz über Schuld und Verantwortung zu befinden hat. Und weil er das eigene Schreiben so transparent macht, verdeutlicht er auch, was sich mit Sprache anstellen lässt, um sie als Mittel der Wahrheitsfindung einzusetzen.
Die Inquisition ist bei Leonardo Sciascia mehr als eine historische Einrichtung, die auf Sizilien bis zum Jahr 1783 bestand: Sie erscheint als Figuration staatlicher Macht, die sich über alle Gesellschaftsformen hinweg erstreckt, doch stets im Bewusstsein absoluter Souveränität agiert. Weil es eine solche Souveränität aber nur geben kann, wenn alle Einschränkungen aufgehoben sind, entwickelt jeder Staat, auch der demokratische, ein Interesse daran, diese Einschränkungen zu beseitigen.
Nicht jeder Staat ist ein totaler Staat, bei Weitem nicht. Aber jeder Staat kalkuliert mit der Möglichkeit, ein solcher werden zu müssen, aus welchen Gründen auch immer. Deswegen gibt es Inlandsgeheimdienste oder vielleicht auch italienische Klöster, in denen, wie im Roman „Todo Modo“ (1976) dargestellt, klandestine Treffen zwischen den Spitzen von Kirche und Staat arrangiert werden. Von einer solchen Totalität spricht Leonardo Sciascia, wenn er die Inquisition verhandelt, und davon handelt, unter anderem, sein berühmtestes Buch: „L’affaire Moro“ („Die Affäre Moro“, 1978).
In der Mitte dieses Werkes, das im strengen Sinn weder Dokumentation noch Essay noch Roman, sondern vielmehr alles zugleich ist, stehen die Briefe, die Aldo Moro, ehemaliger Ministerpräsident Italiens, an seine Parteifreunde, an seine Familie und an den Papst schrieb, während er von den Roten Brigaden gefangen gehalten wurde. Der Politiker fürchtete den Tod, er nahm die Weigerung der regierenden Christdemokraten wie der oppositionellen Kommunisten, nicht mit den Entführern zu verhandeln, als Verrat wahr, er misstraute den Terroristen weniger als den politischen Eliten.
In seiner Verzweiflung wurde er zu einem Häretiker im Sinne Leonardo Sciascias. Gefangenschaft und Tod verwandelten sich in eine Passionsgeschichte. So gelang, was der Autor zum Programm des Buches erhoben hatte: „Ich wollte eher ein religiöses Buch schreiben als ein politisches.“ Anders gesagt: Es gibt für diesen Schriftsteller keine Macht, die nicht auch diabolisch wäre. Und wenn deswegen in den Werken Leonardo Sciascias alle Ketzer scheitern, in vielen Varianten, so steht am Ende jeder Geschichte doch die Aufforderung an den Leser, den Ablauf der Ereignisse noch einmal zu rekonstruieren, anhand der Akten, nach eigenem Sinn und Verstand.
Leonardo Sciascia starb im November 1989 in Palermo, wohin er in den späten Sechzigern gezogen war, nach einem Umweg über Rom. Racalmuto blieb indessen gegenwärtig, oft verkleidet als „Regalpetra“. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn, ebenfalls zum hundertsten Geburtstag des Schriftstellers, ein schmaler Band mit Erzählungen und Berichten erscheint, der vor allem diesem „bitteren Land“ gilt, unter dem Titel „Einmal in Sizilien“. Er enthält eine Art Chronik des Ortes, einen Bericht über das Verhältnis der Bevölkerung zum Faschismus und eine Reminiszenz an einen Winter, in dem Schnee fiel.
Vor allem findet sich in diesem Buch eine ausführliche Erinnerung an Leonardo Sciascias frühes Leben als Volksschullehrer ohne pädagogisches Talent, datiert auf das Jahr 1955. Aber vielleicht fehlte es damals gar nicht an den persönlichen Fähigkeiten, sondern an den materiellen und kulturellen Voraussetzungen für eine Schule. Nur scheinbar war der Lehrer dem Elend der Arbeiter in den Schwefelgruben enthoben, deren Kinder er zu betreuen hatte. Tatsächlich fühlte er sich beim Betreten der Klasse, als ginge es auch mit ihm geradewegs hinab in ein Bergwerk.
Die Ereignisse in der Volksschule von Racalmuto im Jahr 1955 wären in keinem Archiv erfasst, wenn Leonardo Sciascia sie nicht aufgeschrieben hätte, einem Schulrat zum Trotz, der auf dem gemeinsamen Absingen der Hymne auf Rom bestand. Ein Ketzer ging aus dieser Tat hervor. Später suchte er nach anderen Häretikern.
Daraus entstand ein literarisches Œuvre, für das es zwar Ahnen gibt, in Gestalt von Luigi Pirandello etwa, ebenso wie es Nachfolger fand, in Gestalt von Andrea Camilleri zum Beispiel, das aber in seiner Kritik der Macht und ihrer Techniken einzigartig ist. Eine lebendige Anschauung früherer sizilianischer Verhältnisse bekommt der Leser obendrein. Ein beachtlicher Teil dieses Werks ist auf Deutsch noch lieferbar, meist in schmalen Bänden: Eine Musealisierung wäre ihnen nicht angemessen, eine Lektüre dagegen sehr.
THOMAS STEINFELD
Leonardo Sciascia: Ein Sizilianer von festen Prinzipien. Essayistische Erzählungen. Aus dem Italienischen von Monika Lustig. Edition Converso, Bad Herrenalb 2021. 200 Seiten, 23 Euro.
Einmal in Sizilien. Aus dem Italienischen von Sigrid Vagt. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2021. 144 Seiten, 18 Euro.
Der Politiker fürchtete den Tod,
er misstraute den Terroristen
weniger, als den Eliten
Lässt Akten sprechen: Schriftsteller Leonardo Sciascia im Jahr 1980.
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