Die Italiener an der Ostfront 1942/43 - Schlemmer, Thomas (Hrsg.)

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Nur wenigen Deutschen ist bewusst, dass auch die italienische Armee am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt war. In Italien ist die Erinnerung an Mussolinis blutiges Abenteuer an der Ostfront hingegen bis heute lebendig geblieben. Allerdings blendet diese Erinnerung unbequeme Themen weitgehend aus und lässt die Soldaten des königlichen Heeres als unschuldige Opfer erscheinen, die nicht zuletzt von ihren deutschen Verbündeten im Stich gelassen worden seien. Dass die Realität bei weitem komplexer war, zeigen nicht nur Dokumente aus deutschen und italienischen Archiven: Der Band ordnet die…mehr

Produktbeschreibung
Nur wenigen Deutschen ist bewusst, dass auch die italienische Armee am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligt war. In Italien ist die Erinnerung an Mussolinis blutiges Abenteuer an der Ostfront hingegen bis heute lebendig geblieben. Allerdings blendet diese Erinnerung unbequeme Themen weitgehend aus und lässt die Soldaten des königlichen Heeres als unschuldige Opfer erscheinen, die nicht zuletzt von ihren deutschen Verbündeten im Stich gelassen worden seien. Dass die Realität bei weitem komplexer war, zeigen nicht nur Dokumente aus deutschen und italienischen Archiven: Der Band ordnet die Campagna italiana di Russia in diegrößeren Zusammenhänge ein, thematisiert Kriegführung, Besatzungspraxis sowie Mentalität der italienischen Armee an der Ostfront und hinterfragt das Verhältnis der Bündnispartner.
  • Produktdetails
  • Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte Bd.91
  • Verlag: Oldenbourg
  • Seitenzahl: 304
  • 2005
  • Ausstattung/Bilder: 2005. VI, 291 S. 12 b/w ill.
  • Deutsch
  • Abmessung: 241mm x 162mm x 22mm
  • Gewicht: 486g
  • ISBN-13: 9783486578478
  • ISBN-10: 3486578472
  • Artikelnr.: 14725905
Autorenporträt
Thomas Schlemmer, geboren 1967, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin, von 2001- 2005 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Rom.
Rezensionen
Besprechung von 07.04.2006
Von Vorbildern und Nachbildern
Gab es doch mehr als nur partielle Gemeinsamkeiten zwischen Faschismus und Nationalsozialismus?

Auch wer - anders als die Autorinnen und Autoren des von Sven Reichardt und Armin Nolzen herausgegebenen Bandes - der Meinung bleibt, daß sich der Nationalsozialismus durch seinen eliminatorischen Rassismus und seinen täglichen Terror vom Faschismus erheblich unterschieden hat, kann nicht bestreiten, daß Mussolini und dessen Regime in Italien Hitler und der NSDAP als Vorbild gedient haben. Das gilt für Führerprinzip und Einheitspartei, für Propaganda und Sozialpolitik mit dem Zweck der Disziplinierung. Es gab daher Rezeptionen und Transfers - lange mehr von Italien nach Deutschland, seit der späten Annäherung Mussolinis an Hitler 1936/37 aber auch in umgekehrter Richtung. Darüber erfährt man in dem Sammelband manches Neue.

Daniela Liebscher und Petra Terhoeven können in ihren Aufsätzen über die faschistische "Opera Nazionale Dopolavoro" als Modell für "Kraft durch Freude" und über Spendenkampagnen auf eigene Monographien zurückgreifen. Frau Liebscher analysiert unter anderem die sozialpolitische "Achse" der Jahre 1937 bis 1940, welche die Freizeitgestaltung in die Leistungskraft der Nation einordnete. Waltraud Sennebogen vergleicht Werbestrategien und Werbepraxis, führt damit über die bloß nationale Perspektive der älteren Propagandaforschung hinaus und analysiert auch die damals neuartigen Zusammenhänge zwischen Propaganda und Werbung. Aber signifikante Differenzen ergaben sich aus dem positiveren Verhältnis des Faschismus zur modernen Kunst.

Amedeo Osti Guerrazzi und Costantino Di Sante insistieren auf dem Repressivcharakter des Faschismus und berichten von den zirka fünfzig meist kleinen "Konzentrationslagern" in Italien, die aber erst im Krieg eingerichtet worden sind, vor allem zur Internierung ausländischer Flüchtlinge, mehrheitlich Juden. Gemäß einem neueren Topos wird das größte dieser Lager, Ferramonti in Kalabrien, als "berüchtigt" bezeichnet, dann aber zugegeben, daß die Behandlung im allgemeinen menschlich war, vom Roten Kreuz kontrolliert und vom Vatikan verbessert werden konnte. Ein Umschlag ins Totalitäre ist erst unter dem bestimmenden Einfluß der Deutschen ab 1943 in der Repubblica Sociale erfolgt.

Thomas Schlemmer beschreibt die von Mussolini wohl mehr aus politischen als aus den hier herausgestellten ideologischen Gründen gewollte Teilnahme einer italienischen Armee am Rußland-Krieg, die mit deren Zerschlagung durch die Rote Armee (Dezember 1942/Januar 1943) katastrophal geendet hat. Die italienische Besatzungspolitik wird in die Nähe der deutschen gerückt, aber die Problematik des Partisanenkriegs, welcher die harten Repressalien provozierte, zuwenig erörtert. Eine erweiterte Fassung dieses Beitrags hat Schlemmer separat unter dem Titel "Die Italiener an der Ostfront 1942/43" publiziert - angereichert mit fünfzehn deutschen und vierzehn italienischen Dokumenten.

Die Herausgeber des Faschismus-Bandes geben sich mit dem Nachweis partieller oder später Gemeinsamkeiten nicht zufrieden. Sie behaupten, daß erst die jüngere Forschung den Faschismus als Prozeß und als sowohl politikgeschichtliches wie kulturgeschichtliches Phänomen analysiert und die rassistische Gemeinsamkeit der Regime in Italien und Deutschland erwiesen hätte. Dabei findet keine Auseinandersetzung mit den Forschungsergebnissen von Renzo De Felice, Karl Dietrich Bracher, Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand statt. Erwähnt wird weder De Felices grundlegendes Werk über die Geschichte der Juden unter dem Faschismus (1961) noch ein Buch von Ester Capuzzo (2004), das ähnlich wie De Felice in der Zuwendung vieler Juden zum Zionismus und nicht im Rassismus einen Hauptgrund für Mussolinis Bruch mit ihnen sieht. Daß der "Duce" fünfzehn Jahre lang die Juden eher förderte, 1930/31 die Rechtsstellung ihrer Gemeinden erheblich verbesserte und sie während des Krieges in den von Italien besetzten Gebieten schützen ließ, wird einfach unterschlagen. Statt dessen wird aus italienischen Kriegsverbrechen in Afrika und auf dem Balkan auf durchgängigen Rassismus geschlossen, doch müssen die Herausgeber Reichardt und Nolzen immerhin zugeben, daß die Initiative zum Holocaust nur vom nationalsozialistischen Deutschland ausgegangen ist.

Der 1996 verstorbene De Felice ersetzte die Verurteilung des Faschismus durch eine differenzierende und jene Unterschiede zum Nationalsozialismus betonende historische Analyse; über Jahrzehnte hinweg sollten ihn wissenschaftliche Kontrahenten des linken Spektrums dafür des "Revisionismus" beschuldigen. Eine gewisse Tendenz, das OEuvre De Felices abzuwerten, spricht auch aus dem an sich höchst lesenswerten Aufsatz von Wolfgang Schieder über Giuseppe Renzetti (1891 bis 1953). Dieser war von 1924 bis 1941 der effizienteste Propagandist des Faschismus in Deutschland und seit den späten zwanziger Jahren der wichtigste Vermittler zwischen der deutschen Rechten - dann speziell der NSDAP - und den Faschisten, auch direkt zwischen Hermann Göring, Hitler und Mussolini.

Renzettis Wirken wird umfassend nachgezeichnet - auch auf Grund von neu erschlossenen Quellen. Schieder teilt zwar mit, daß schon De Felice Berichte Renzettis veröffentlicht habe, aber er verschweigt, daß der italienische Historiker die Berliner Aktionen Renzettis für die entscheidenden Jahre 1930 bis 1933 detailliert darstellte - und zwar sowohl in einem speziellen Buch über die geheimen Beziehungen Mussolinis und Hitlers als auch in der großen Mussolini-Biographie. Zu erinnern ist zudem daran, daß gerade De Felice eine Edition der Hitler-Mussolini-Korrespondenz samt den Berichten Renzettis anregte und deren Anfänge sehr förderte. Daß diese Edition bis heute nicht vorliegt, steht auf einem anderen Blatt.

Damnatio memoriae? Da hat Italiens Linke mehr hinzugelernt, denn Roms postkommunistischer Oberbürgermeister Veltroni läßt soeben eine Straße nach De Felice benennen - und abgesehen von alt gewordenen Dogmatikern stimmen dieser Ehrung sogar die früheren Gegner zu.

RUDOLF LILL

Sven Reichardt/Armin Nolzen (Herausgeber): Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 283 S., 20,- [Euro].

Thomas Schlemmer (Herausgeber): Die Italiener an der Ostfront 1942/43. Dokumente zu Mussolinis Krieg gegen die Sowjetunion. Oldenbourg Verlag, München 2005. 291 S., 34,80 [Euro].

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Perlentaucher-Notiz zur F.A.Z.-Rezension

Nicht ganz einverstanden zeigt sich Rudolf Lill mit Thomas Schlemmers Band über Italiens Beteiligung am Krieg gegen die Sowjetunion, der fünfzehn deutsche und vierzehn italienischen Dokumente versammelt. Die Teilnahme einer italienischen Armee am Russland-Krieg, die mit deren Zerschlagung durch die Rote Armee (Dezember 1942/Januar 1943) katastrophal endete, hatte nach Ansicht Lills vor allem politische Gründe und nicht, wie Schlemmer meint, ideologische. Lill unterstreicht, dass der Autor die italienische Besatzungspolitik in die Nähe der deutschen rückt. Dabei hält er Schlemmer vor, die Problematik des Partisanenkriegs zuwenig zu erörtern.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Die Studie eröffnet wertvolle und weiterführende Einblicke in die Geschichte der italienischen Variante vom Stalingrad-Trauma`." Kerstin v. Lingen, Historisch-Politisches Buch, 2007, Heft 1 "Insgesamt beleuchtet die ausgezeichnete Quellenedition, aber nicht zuletzt auch die instruktive Einführung, ein düsteres Kapitel der deutsch-italienischen Beziehungen." Michael Thöndl, MGZ, 66 (2007)