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Ein Mann sitzt seine lebenslängliche Strafe in der Einzelhaft ab - er hat die Tochter des "Kaffeekönigs" entführt, später dann seinen Wärter umgebracht. Er klagt nicht an, sondern beschreibt, wie das Gefängnis Tag für Tag mehr zum eigenen Körper wird: "Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm." Maurizio Torchio ist etwas Einzigartiges gelungen: Mit sparsamsten Worten macht er die absolute Gegenwart, die pulsierende Leere der Haft physisch erfahrbar. Ein Roman wie ein Faustschlag, in dem das "Gefangensein" auch eine Metapher ist für das Menschsein.…mehr

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Produktbeschreibung
Ein Mann sitzt seine lebenslängliche Strafe in der Einzelhaft ab - er hat die Tochter des "Kaffeekönigs" entführt, später dann seinen Wärter umgebracht. Er klagt nicht an, sondern beschreibt, wie das Gefängnis Tag für Tag mehr zum eigenen Körper wird: "Mir sind Nerven für das ganze Gefängnis gewachsen. Wenn einer durch den Gang unterm Hof geht, ist es, als ginge er über meinen linken Arm." Maurizio Torchio ist etwas Einzigartiges gelungen: Mit sparsamsten Worten macht er die absolute Gegenwart, die pulsierende Leere der Haft physisch erfahrbar. Ein Roman wie ein Faustschlag, in dem das "Gefangensein" auch eine Metapher ist für das Menschsein.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Zsolnay-Verlag
  • Seitenzahl: 240
  • Erscheinungstermin: 20.02.2017
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783552058507
  • Artikelnr.: 47622218
Autorenporträt
Maurizio Torchio, geboren 1970 in Turin, studierte Philosophie und Soziologie und lebt in Mailand. Das angehaltene Leben, sein zweiter Roman, wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet. Auf Deutsch ist er 2017 erschienen.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 29.06.2017

Mitteilungen aus der Hölle
Maurizio Torchios fulminanter Gefängnis-Roman „Das angehaltene Leben“
wirkt wie ein Faustschlag – kein Wort ist überflüssig
VON VOLKER BREIDECKER
Das Böse. Man kann es nicht wegsperren. Es ist da, drinnen und draußen. Also nimmt es seinen Lauf, wird geschehen. „Allen wird Böses geschehen.“ Das sagt ein Missetäter, ein Gefangener. Mit einem lateinischen Wort für beide Eigenschaften ist er ein „cattivus“, ein aus der Gesellschaft Ausgeschlossener, ein Verworfener. „Cattivi“ – Plural – ist der italienische Originaltitel dieses Romans aus der Feder des in Mailand lebenden 47-jährigen Schriftstellers und studierten Philosophen Maurizio Torchio. Das Gefängnis, von dem hier erzählt wird, das sind wir selbst, eingeschlossen in die condition humaine. Lebenslänglich.
So lange soll der namenlose Ich-Erzähler dieses Romans für seine Taten büßen, in Isolationshaft, ohne Aussicht auf Freilassung vor Ablauf der Zeit: „99/99/9999“ verzeichnet der Gefängniscomputer als Entlassungsdatum.
Drinnen: „Die Zelle ist vier Schritte lang und zwei Armlängen breit. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke.“ Draußen: Als Zwanzigjähriger hatte der Gefangene monatelang in einer finsteren Höhle mit einem weiblichen Entführungsopfer zugebracht – als deren Wächter, „Stockholmsyndrom“ inklusive. Drinnen: Zwanzig Jahre Haft hat er schon hinter sich, als er einen Gefängniswärter ermordet. Unerhört die Schilderung: „Jeder Stich war, als würde ich mich ausdehnen. Ich wurde breiter und länger unter dem Himmel, und das Messer half mir, immer weiter vorzudringen, mir mehr Raum zu verschaffen.“
Und „zwischen dem Draußen, wo die Welt lebt, und dem Drinnen“ leben die Hunde. Sie hausen in einem Zwinger, nicht anders als die Gefangenen, nicht anders als deren Wächter, auch wenn die Aufseher das Gefängnis nach Dienstschluss vorübergehend verlassen dürfen. Darüber, am Himmel: Kein Mond zu sehen, kein Sternenzelt hinter der „orangenfarbenen Milch“, in die das Gefängnisgebäude getränkt ist. Konstruktion eines Raums: „Es ist wie eine Matrjoschka. Erst die Außenmauer, dann der Zwinger, das Gefängnis, der Hof, die Wanne für die Freistunde, und in der Wanne der kleine Hof für die in Isolationshaft. Die innerste Puppe ist die kleinste. Die jüngste. Die der Zukunft.“
Dies ist das Gefängnis, ein geschlossener Kosmos, in dem die Zeit stillsteht. Der Insasse bewegt sich wie in einem Aquarium oder schwebt wie in einem Raumschiff, unendlich verlangsamt und vollkommen schwerelos. Dem Isolationshäftling wird das Gefängnis zum Explorationsfeld seiner verkümmerten Kreatur. Sie ist mit dem Raum der Einschließung identisch geworden: „Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle, berühre ich die Decke“, sagt das Erzähler-Ich auf dem Weg zum Nicht-Ich: „Es ist ein Raum nach menschlichem Maß. Nach meinem Maß.“ Freilich: „Das hier ist nicht mehr mein Körper. Es ist nicht mehr meine Hand.“
Aber der Kopf des Eingeschlossenen bleibt da. Er sammelt und hütet ein Wissen, das allein ihm zugänglich ist, „weil ich hier unten sitze und praktisch nicht existiere“. Während um ihn herum „Tonnen nutzloser Männer aufgehäuft sind, um zu verfaulen“, ragt aus solcher Biomasse die Stimme des Observanten hervor. Aus dem Stoff dessen, was ihn umgibt, mehr aber noch aus der Matrix seiner Erinnerungen formt sich ein fortdauerndes Zwiegespräch des Protagonisten mit sich selbst: „Je leerer der Ort ist, umso mehr füllt man ihn mit Wörtern.“ Und daraus entsteht hier so etwas wie eine Proustsche Recherche unter kafkaesken Bedingungen und in einer Sprache, die an Beckett denken lässt.
Die Sprache überhaupt, und die Sprache des Gefangenen. Je reduzierter seine Sinnen- und Erfahrungswelt, desto körperlicher und körpernaher gerät seine Diktion. Das Bewusstsein, dass er niemals mehr in die Welt zurückkehren wird, befördert seinen unerschrockenen Rededrang. Auf den 240 Seiten dieses dicht gestrickten Romans sitzt jeder Satz wie ein wuchtiger Faustschlag. Kein Wort ist überflüssig, es fehlen die Binde- und die Füllwörter. Auf jeder Seite herrscht eine heilige Nüchternheit der Sprache unter der bestechenden Präzision und Genauigkeit einfacher, parataktischer Sätze von dennoch höchster Kunst. Die Übersetzerin Annette Kopetzki hat das alles in ein makelloses, gut durchrhythmisiertes Deutsch übertragen.
Das Gefängnis ist nicht näher lokalisierbar, es erinnert an alle Gefängnisse dieser Welt. Italien hat eine ganze Tradition von Literatur aus Gefängnissen und Orten der Verbannung hervorgebracht, von Dante und Machiavelli über Silvio Pellico bis zu Antonio Gramsci und Carlo Levi oder zuletzt Adriano Sofri. Als eine „totale Institution“ (Ervin Goffman) im Bund sämtlicher Anstalten, die ihre Insassen von der Außenwelt trennen – Lager, Kasernen, Irrenhäuser, Altersheime, Internate – ist das Gefängnis besonders literaturaffin: Graffiti auf Zellenwänden, Tätowierungen auf der Haut der Häftlinge, der heimliche Austausch von Kassibern – die Gefängnisse sind mit Schrift gefüllt, und vielleicht wird nirgendwo mehr geschrieben als hinter Schloss und Riegel – und seien es auch nur schalldichte Korkwände oder Körper, aus denen einer nicht herauskommt.
In der gut sortierten Gefängnisbibliothek hat Torchio gewiss lange recherchiert und viel gelesen, darunter wohl Solschenizyn und Primo Levi, Foucault und Agamben. Von seinen Lektüren zeugt am Ende unter der Überschrift „Danksagung“ eine lange Liste von Namen, bekannten wie Don Carpenter, Jack London, Norman Mailer oder Manuel Puig, neben auf den ersten Blick eher unbekannten, die jedoch alle mit der Institution Gefängnis verbunden sind. Ganz oben auf der Liste steht der Amerikaner Jack Henry Abbott, der fast sein ganzes Leben im Gefängnis verbrachte und sich als Autodidakt zum Intellektuellen bildete. Norman Mailer hat ihn entdeckt, jahrelang mit ihm korrespondiert – und seine Freilassung erwirkt. Kaum draußen, erschlug Abbott einen Menschen und kehrte ins Gefängnis zurück, wo er sich am Ende das Leben nahm.
Wie Torchios namenloser Held, der erst im Gefängnis zum Mörder wird, mochte Abbott sich gesagt haben: „Ich hoffe, es gibt noch irgendwo eine Wunde, die an mich erinnert.“ Und wie im beklemmenden Monolog von Maurizio Torchios Erzählerstimme die Personalpronomina wie unentschieden zwischen „ich“, „du“, „er“, „sie“ – im Singular wie im Plural – changieren, steht da neben dem unpersönlichen Pronomen „man“ ein bedrohliches „Wir“. Hatte nicht schon Jack Henry Abbott in seinen „Mitteilungen aus dem Bauch der Hölle“ geschrieben: „Wir sind nur wenige Stufen von der Gesellschaft entfernt. Nach uns kommt ihr.“
„Je leerer der Ort ist,
umso mehr füllt
man ihn mit Wörtern.“
Maurizio Torchio, 1970 in Turin geboren, lebt in Mailand. „Das angehaltene Leben“ ist sein zweiter Roman.
Foto: privat
Maurizio Torchio: Das angehaltene Leben. Roman. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki.
Zsolnay Verlag, Wien 2017, 239 Seiten, 22 Euro.
E-Book 16,99 Euro.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über www.sz-content.de
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"Mitunter fühlt man sich an einen Roman von Kafka erinnert, denn die auf einer Insel gelegene Strafanstalt wird zur Metapher für die condition humaine". Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 01.04.17

"Von Anfang an macht die Sprache 'Das angehaltene Leben' so besonders: Karg, registrierend und präzise ist sie, aber auch erfüllt von Wärme und Mitgefühl." Martin Becker, Deutschlandradio Lesart, 19.04.17

"Auf den 240 Seiten dieses dicht gestrickten Romans sitzt jeder Satz wie ein wuchtiger Faustschlag. Kein Wort ist überflüssig, es fehlen die Binde- und die Füllwörter. Auf jeder Seite herrscht eine heilige Nüchternheit der Sprache unter der bestechenden Präzision und Genauigkeit einfacher, parataktischer Sätze von dennoch höchster Kunst." Volker Breidecker, 29.06.17 "Mitunter fühlt man sich an einen Roman von Kafka erinnert, denn die auf einer Insel gelegene Strafanstalt wird zur Metapher für die condition humaine". Andreas Wirthensohn, Wiener Zeitung, 01.04.17

"Von Anfang an macht die Sprache 'Das angehaltene Leben' so besonders: Karg, registrierend und präzise ist sie, aber auch erfüllt von Wärme und Mitgefühl." Martin Becker, Deutschlandradio Lesart, 19.04.17

"Auf den 240 Seiten dieses dicht gestrickten Romans sitzt jeder Satz wie ein wuchtiger Faustschlag. Kein Wort ist überflüssig, es fehlen die Binde- und die Füllwörter. Auf jeder Seite herrscht eine heilige Nüchternheit der Sprache unter der bestechenden Präzision und Genauigkeit einfacher, parataktischer Sätze von dennoch höchster Kunst." Volker Breidecker, 29.06.17

"Torchios Sprache ist karg, präzise, manchmal scheinbar brutal, dann wieder von einer zarten Aufmerksamkeit und gesättigt von sensibler Beobachtung. Ein atemberaubender Roman." Ulfrid Kleinert, Sächsische Zeitung, 09.12.17
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