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Wie Adorno auf dem Vesuv seine Philosophie fand Bizarre Tuffsteingebilde, buntes Menschengewimmel, Meer und Hafen, ein eigentümliches Aquarium - all das nimmt Adorno 1925 auf seiner Reise nach Capri, Positano und Neapel in sich auf und verwandelt es in eines der erfolgreichsten und folgenreichsten Werke der jüngeren Philosophiegeschichte. So hat man von Philosophie noch nicht gelesen, schon gar nicht von der Adornos. In den 1920er Jahren wird der Golf von Neapel von einer Vielzahl illustrer Gäste bevölkert. Unter den Revolutionären, Künstlern und Sinnsuchern sind auch vier Geistesarbeiter, die…mehr

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Produktbeschreibung
Wie Adorno auf dem Vesuv seine Philosophie fand Bizarre Tuffsteingebilde, buntes Menschengewimmel, Meer und Hafen, ein eigentümliches Aquarium - all das nimmt Adorno 1925 auf seiner Reise nach Capri, Positano und Neapel in sich auf und verwandelt es in eines der erfolgreichsten und folgenreichsten Werke der jüngeren Philosophiegeschichte. So hat man von Philosophie noch nicht gelesen, schon gar nicht von der Adornos. In den 1920er Jahren wird der Golf von Neapel von einer Vielzahl illustrer Gäste bevölkert. Unter den Revolutionären, Künstlern und Sinnsuchern sind auch vier Geistesarbeiter, die sich allesamt an sensiblen Momenten ihrer intellektuellen Biographie befinden: Benjamin, Adorno, Kracauer und Sohn-Rethel. Die Spektakel des Golfes machen, auf ganz unterschiedliche Weise, in ihrem Denken Epoche. Der jüngste unter ihnen, Theodor W. Adorno, verwandelt Neapel auf eigenwilligste Art und Weise: Er macht daraus eine Theorie, in deren Zentrum eine Katastrophe steht, von der diese Sehnsuchtslandschaft noch nichts wissen kann. »Adorno in Neapel«, das ist eine Einladung, den berühmten, aber auch als Theorie-Ikone entschärften Adorno gänzlich neu zu entdecken. Seiner so hermetisch, streng und schwer scheinenden Philosophie wird der Ort zurückgegeben, von dem sie herkommt: vom orientalisch anmutenden Alltagsspektakel, vom lockeren Tuffstein, vom Rauschen des Wassers an den Sirenenfelsen, aber auch vom düsteren, vorweltlichen Positano und den unheimlichen Wassermonstern aus dem berühmten Neapolitaner Aquarium.

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  • Produktdetails
  • Verlag: Random House ebook
  • Seitenzahl: 304
  • Erscheinungstermin: 26.08.2013
  • Deutsch
  • ISBN-13: 9783641109134
  • Artikelnr.: 39330425
Autorenporträt
Martin Mittelmeier, geboren 1971, arbeitete viele Jahre in renommierten deutschen Literaturverlagen und ist seit 2014 als freier Lektor und Autor tätig. Der promovierte Komparatist hat vielfach zu Themen der Philologie und Philosophie publiziert, unter anderem gab er »Ungeschriebene Werke. Wozu Goethe, Flaubert, Jandl und all die anderen nicht gekommen sind« (München 2006) heraus. Bei Siedler erschien zuletzt: "Adorno in Neapel. Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt" (2013).
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur Süddeutsche Zeitung-Rezension

Den der These, dass Adorno seine Philosophie beim Anblick des Vesus entwickelte, entspringenden Verrenkungen des Autors möchte Jörg Später nur ungern folgen. Allzu "originell" erscheint ihm die Engführung von Landschaft und negativer Dialektik. Und zu unbegründet. Mehr als bloße Behauptung hingegen wäre ihm eine offenere Deutung des Verhältnisses von Porosität (Neapels) und philosophischem Denken bzw. einer neuen Form der Wirklichkeitsaneignung gewesen. Oder die Beschäftigung mit der sozialen Konstellation der Neapel-Reise und ihrer Auswirkung auf Marxismus und Kulturkritik. Darüber erfährt der findige Rezensent immerhin etwas, wenn auch nur am Rand von Martin Mittelmeiers Argumentation.

© Perlentaucher Medien GmbH
"Mittelmeier fügt [...] der seminarbibliothekgroßen Literatur über die Kritische Theorie ein originelles und persönliches Buch hinzu." Frankfurter Allgemeine Zeitung, Stephan Wackwitz

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 05.10.2013

Sein schönstes Ferienerlebnis

So also kommt die Philosophie in die Welt: Martin Mittelmeier zeigt mit "Adorno in Neapel", welche Rolle Gruppendynamik und die italienische Großstadt für die Kritische Theorie spielten.

Von Stephan Wackwitz

Reisen bildet. Der Aufenthalt im Süden hatte schon im inneren Leben Johann Joachim Winckelmanns, Goethes und Karl Philipp Moritz' Lockerungen bewirkt, die ihre Werke und ihre Zeit lange beschäftigen würden. Martin Mittelmeier rekonstruiert nun in einem zugleich skurrilen und philologisch völlig gediegenen Buch, wie der Golf von Neapel Mitte der zwanziger Jahre einen Sommer lang zu einem Brennpunkt intellektueller Beschleunigung und zu einem geheimen Quellcodegenerator deutscher Philosophie und Literatur geworden ist.

Sein Buch ist ein mediterranes Gruppenbild mit Theodor W. Adorno. Der in Wahrheit gar nicht unbedingt der Mittelpunkt der intensiv, ambivalent und produktiv miteinander befreundeten Intellektuellen gewesen ist, die sich Mitte der zwanziger Jahre in Süditalien trafen. Wohl aber das jüngste, langlebigste und deshalb heute noch prominenteste Mitglied dieser Gruppe.

Der Golf von Neapel war der Monte Ascona marxistisch inspirierter Intelligenz schon vor dem Ersten Weltkrieg gewesen. Lenin und Brecht hatten auf Capri Urlaub gemacht. Maxim Gorki hatte eine marxistische Parteischule auf der Insel gegründet. Und im April 1924 ging Walter Benjamin nach Neapel und Capri, um an seinem Trauerspielbuch zu arbeiten. Er traf dort auf Ernst Bloch und Alfred Sohn-Rethel, der vor den unternehmerischen Zumutungen seiner Familie nach Italien geflohen war. Vor allem aber lernte Benjamin auf Capri Asja Lacis kennen, die lettische Kommunistin, die zu seinem erotischen Dämon werden sollte und zu der "Ingenieurin", die in den folgenden Jahren die "Einbahnstraße", sein schönstes und folgenreichstes Buch, im Innern des Autors (wie es in der Widmung heißt) "durchbrechen" würde. 1925 reiste Theodor W. Adorno mit seinem unglücklich in ihn verliebten Mentor Siegfried Kracauer nach Süditalien, und im September trafen sich die beiden mit Sohn-Rethel und Benjamin in Neapel zu Gesprächen, die Adorno in einem Brief an seinen Kompositionslehrer Alban Berg als "philosophische Schlacht" bezeichnet hat.

In einer mikrogeisteshistorischen Analyse rekonstruiert Martin Mittelmeier - er verantwortet nach langen Jahren als Luchterhand-Lektor nun das Programm des Eichborn Verlags - diese "philosophische Schlacht" und ihren geistesgeschichtlichen, landschaftlichen, architektonischen, ikonographischen und gruppendynamischen Schauplatz: touristisch aufgelockerte Grübeleien, Ausflüge, Landschaftserlebnisse, Eindrücke, Stadtspaziergänge, Gespräche und Kneipenabende einer Gruppe philosophischer Sommerfrischler.

"Adorno in Neapel" orientiert sich dabei einerseits an Carlo Ginzburgs historisch-philosophischen Detektivgeschichten, andererseits an Dieter Henrichs Untersuchungen der Frühromantik und des deutschen Idealismus, in denen das gemeinsame Denken ganz ähnlicher Freundesgruppen wie der neapolitanischen von 1925 sozusagen von Tag zu Tag nachvollzogen wird. Wobei Mittelmeier auch die visuellen Überreste und Perspektiven des denkwürdigen Sommeraufenthalts mit einer genauen ikonographischen Lektüre für seine Beweisführung nutzt.

Es geht um das "dialektische Bild". In verschiedenen Ausprägungen würde diese in Neapel von Benjamin und Adorno, Sohn-Rethel und Kracauer erarbeitete kategoriale Schöpfung das Werk der Intellektuellen im Umkreis des "Instituts für Sozialforschung" prägen. Das "dialektische Bild" ist ein seltsames Gebilde aus philosophischem Begriff, avantgardistisch-künstlerischer Methode, idiosynkratischer Erleuchtung und purer Spinnerei. Seine Erfinder verstanden sehr Unterschiedliches unter dem Zentralbegriff ihrer philosophischen Privatsprache. Je ernsthafter man das mit diesem Terminus bezeichnete innere Erlebnis allerdings in Begriffe zu fassen unternimmt, desto tiefer zieht es sich in Nebel und Schwurbel zurück. "Wo das Denken in einer von Spannungen gesättigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild", schreibt Benjamin im Passagen-Werk. Was zwar beileibe keine irgendwie greifbare Bestimmung seiner Zentralkategorie ist, aber zumindest den psychologischen Ort ihres flüchtigen Vorkommens lokalisiert.

Mittelmeiers Rekonstruktion des "dialektischen Bildes" nimmt ihren Ausgang von dem Begriff der Verdinglichung, den Georg Lukács' 1925 in "Geschichte und Klassenbewusstsein" marxistisch formulierte. Dabei präzisierte er in soziologischer Begriffssprache eine moderne Leitbefindlichkeit, die in seiner "Theorie des Romans" metaphorisch als "Schädelstätte vermoderter Innerlichkeiten" erscheint. Den "entfremdeten" Betrachter der kapitalistischen Welt umgeben angeblich nur noch "erstarrte" und "fremdgewordene" Dinge.

Walter Benjamin und Asja Lacis wenden Lukács' Verdinglichungskategorie in ihrem Aufsatz über Neapel positiv. Die von ihnen beschriebene"Porosität" des neapolitanischen Stadtbilds und Lebens zeigt, dass die angeblich so fremd gewordene kapitalistische Welt, unbekümmert um ihre Verdinglichung, in der südlichen Stadt einen fröhlich-postmodernen Karneval des Kaputten feiert. "Nichts ist festgefügt, alles darf sich in improvisierten und überraschenden Wendungen vermischen, Drinnen und Draußen, die Jugend und das Alter, die Perversion und die Heiligkeit."

Der Begriff der Porosität wird dann durch Benjamin und Adorno zu dem der "Konstellation" weiterentwickelt, der Vorstellung einer porösen Ansammlung von Gegenständen, die durch die Verdinglichung zwar so sinnentleert und tot sind wie die Elemente der barocken Allegorie, in die Sinn aber gleichsam "eingelegt" wird wie Hölzer in eine Intarsienarbeit. Worauf durch eine blitzartig-intuitive Zusammenschau eine anders nicht zu gewinnende Einsicht über den modernen Weltzustand epiphanisch hervorspringt.

Martin Mittelmeiers Buchs verfolgt subtil und einleuchtend die theoretischen Triebschicksale dieser seltsamen Begriffskonstruktion - sie ist gleichzeitig erkenntnisleitende Methode, erleuchtungsinduzierendes Exerzitium und schriftstellerisches Darstellungsprinzip - in Kracauers Aufsätzen, Sohn-Rethels Notaten, in Benjamins Trauerspielbuch und seinem "Passagenwerk".

Vor allem aber im Werk Adornos, in dem es durchgehend und prominent zu erkennen ist. Noch in seinen letzten Lebensjahren, über der Arbeit an der unvollendeten Ästhetik, beschäftigen ihn die Anregungen aus der "philosophischen Schlacht" vom September 1925 in Neapel: "Das Buch muß gleichsam konzentrisch in gleichgewichtigen, parataktischen Teilen geschrieben werden, die um einen Mittelpunkt angeordnet sind, den sie durch ihre Konstellation ausdrücken."

Adornos Werk ermüdet seine Leser erfahrungsgemäß durch den irgendwann übermächtig werdenden Eindruck, dass er auf hochgescheite und stilistisch perfekte Weise immerfort dasselbe sagt. Seit "Adorno in Neapel" kann man wissen, dass das auch daran liegt, dass er - wie Proust in der "Recherche" den Kindheitsgeschmack der in Lindenblütentee getauchten Madeleine - über fast ein halbes Jahrhundert eine gruppendynamisch, intellektuell und erotisch hoch aufgeladene Ferienerinnerung theoretisch umkreist.

Mittelmeier fügt damit nicht nur der seminarbibliothekgroßen Literatur über die Kritische Theorie ein originelles und persönliches Buch hinzu. Seine Monographie über "die Verwandlung von Landschaft in Theorie" ist auch eine Studie über die individual- und gruppenpsychologischen Entstehungsbedingungen theoretischer Leistungen, die wahrscheinlich viel idiosynkratischer sin, als ihr vordergründig erhobener Anspruch auf Objektivität vermuten lässt.

Sie hängen an ihrem innersten Enstehungsort ab von Freundschaften, Rivalitäten, Obsessionen, Gruppenstimmungen, zufälligen Eindrücken, Wetterlagen. Von einem Ferienort, der sich, wenn man Glück hat, manchmal in Philosophie verwandelt.

Martin Mittelmeier: "Adorno in Neapel". Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt.

Siedler Verlag, München 2013. 304 S., Abb., geb., 22,99 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 23.09.2013

Philosophie
aus Katastrophen
Was Adorno und die ästhetische Linke zum Vesuv zog
Mitte der 1920er Jahre war der Golf von Neapel ein beliebtes Reiseziel von Revolutionären, Nonkonformisten und Projektemachern aller Couleur. Für manche war die Gegend ein sonnenbeschienener Sehnsuchtsort, ein Gegenentwurf zur kalten nordischen Zivilisation; andere kamen dort einfach finanziell besser über die Runden als im inflationsgeschüttelten Deutschland; und für einige war das Reisen eine Lebensform, um durch das Er-Fahren von Ländern Erfahrung zu sammeln. Neapel, Capri und die Amalfiküste zogen vor allem die Weimarer Kulturlinke an, die sich mittels Freund- und Feindschaften entwickelt hatte.
  Ernst Bloch war dort, der Berufsreisende aus Neigung, der die Länder bereits vor 1933 wechselte wie andere ihre Hemden. Walter Benjamin war dort und Bertolt Brecht, über den Benjamin Asja Lacis kennenlernte, die lettische bolschewistische Schauspielerin, in die er sich verliebte und von der er sich fragen lassen musste, wozu seine Studien über barocke Dinge eigentlich gut seien. Alfred Sohn-Rethel, der Industriellensohn, hatte sich gar auf Capri niedergelassen, um seine Marx-Studien zu betreiben. Und im Frühherbst 1925 bereiste der junge Theodor Wiesengrund mit seinem Mentor Siegfried Kracauer die Region, ein Paar in der Krise, das sich ebenso sehr mit sich selbst beschäftigen musste wie mit den landschaftlichen Eindrücken und den vielen Büchern, die zweifellos zum Reisegepäck gehörten.
  „Adorno in Neapel“, so heißt ein neues Buch von Martin Mittelmeier – Lektor erst bei Luchterhand, inzwischen bei Eichborn – auf den Spuren dieser Reisegesellschaft, insbesondere denen des jungen Wiesengrund. Wozu ein weiteres Buch über Adorno, fragt er zu Beginn – noch dazu eines über Neapel, das in Adornos Vita eine eher periphere Rolle zu spielen scheint. Man könnte weiterfragen: Warum über Adorno, und nicht über Bloch, Benjamin (mit Lacis) und Kracauer in Neapel, die ihre Reiseerfahrungen wenigstens in Texten münden ließen? Mittelmeier legitimiert sein Buch mit der These, dass Adorno am Vesuv seine Philosophie fand: Die Landschaft habe sich in seinem theoretischen Nervensystem ausgebreitet, eine Landschaft habe sich somit in Philosophie verwandelt.
  Das wäre nicht nötig gewesen. Die Neapolitaner Erfahrungen sind in der Tat bedeutend genug, dass es einer solch originellen Interpretation nicht bedurft hätte. Zumal wenn es, wie man es von einem Büchermacher auch erwarten darf, konzentriert und wohl komponiert geschrieben ist. Aber der Autor macht es leider nicht unterhalb der Entdeckung des Südpols in Adornos Philosophie. Den macht er im Begriff der Konstellation aus, „das Sich-Fügen von kaputten, porösen Dingen zu etwas erstaunlich Neuem“, und zwar in einer dialektischen Weise. Den Begriff der Porosität finde man in Benjamins (zusammen mit Lacis) und Blochs Neapeltexten. Die Neapolitaner Konstellation sei dann in der kulturpessimistischen „Dialektik der Aufklärung“ (1943) usurpiert worden und verloren gegangen, was in Kracauers mythischer Phantasmagorie von Positano, dem Felsenort an der Amalfiküste, schon während der Reise durchgespielt worden sei. Aber nach 1945 habe sie Adorno dann wiedergefunden und zur Matrix seiner negativen Dialektik gemacht.
  Die Beweisführung ist freilich eher gezwungen. Der Link zwischen Benjamins und Blochs Porosität und Adornos Konstellation wird nur behauptet, nicht begründet. In Kracauers Positanotext wird zwar ein Weiterleben des Mythos trotz aller und inmitten der Zivilisation ausgemalt, aber kein dialektisches Verhältnis herausgestellt. Und Adornos Philosophie hat zwar in der Tat einen antisystematischen Impuls, der in systematischer Philosophie verloren gehen wird, aber dieses Schicksal wurde nicht am Vesuv orakelt.
  Das Verhältnis von Naturerlebnis und Kulturprodukt wirkt oft eigentümlich. „Wir wohnen bei: der allmählichen Modellierung einer Theorie, in deren Zentrum eine Katastrophe steht, von der die Landschaft, aus der diese Theorie kommt, noch nichts wissen kann.“ Nein, der Vesuv kann noch nichts von Auschwitz wissen. Aber es hätte durchaus Sinn ergeben, Neapels Porosität oder die Unheimlichkeit von Positano nicht etwa als Ursprünge von Philosophie zu deuten, also als Transformationen von Natur in Denkstile, sondern das Verhältnis offener, in jedem Fall aber vorsichtiger zu betrachten. Die Philosophen sehen auf ihrer Reise das, was sie denken. Daraus entstehen Allegorien, Denkbilder, Fantasien, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das kann man beleuchten. Die Frage nach Ursprünglichkeit oder Kausalität geht an der Sache vorbei und führt zu bemühten Beweisführungen. Das Einlegen von toten Tieren in der Präparationskunst soll dann in das Einlegen von Intentionen in tote Dinge im dialektischen Bild münden. Adornos Vesuv-Positano-Philosophie verbildlicht Mittelbauer als eine poröse Fläche mit einem Loch in der Mitte, das als Wahrheit umspielt und am Ende gesprengt wird – ein rätselhaftes Resultat allegorischer Verrenkungen.
  Viel bedeutender als Tuff- und Kalkstein für Adornos philosophischen Begriff der Konstellation war die soziale Konstellation der Reise. Und darüber erfährt man in dem Buch schließlich eine ganze Menge. Am Wegrand von Mittelmeiers Argumentation finden sich zahlreiche Schätze und Stilblüten. Die Reisen an den Golf von Neapel waren wichtige Etappen in der Geschichte von westlichem Marxismus und Kulturkritik. Mitte der 1920er Jahre wird der Marxismus philosophisch und Philosophen werden marxistisch. Und die finden einen neuen Stil der Wirklichkeitsaneignung, den Benjamin Denk-Bild genannt hat und der in den Texten über Neapel und Positano glänzend zu studieren ist. Auf Capri haben sich die Freunde Benjamin, Sohn-Rethel, Kracauer und Wiesengrund zur „philosophischen Schlacht“ (so Wiesengrund in einem Brief an Alban Berg) getroffen. Leider wissen wir nicht viel über sie. Aber wie Mittelmeier treffend festhält: Niemand verlässt Neapel unverändert. Benjamin zieht es in Richtung Kommunismus und „Einbahnstraße“, Kracauer beginnt, die Gesellschaft entlang ihrer oberflächlichen Manifestationen zu studieren, und Wiesengrund findet einen neuen Schreibstil und reibt sich am bürgerlichen Existenzialisten Kierkegaard.
  Am Ende gilt für diese Kohorte von Intellektuellen, was Bloch über das Reisen schrieb: „Ein Mensch nimmt sich mit, wenn er wandert . . . Schlecht wandern, das heißt, als Mensch dabei unverändert bleiben . . . Je bedürftiger aber ein Mensch ist, sich erfahrend zu bestimmen, desto tiefer wird er auch durch äußeres Erfahren berichtigt werden.“
JÖRG SPÄTER
Martin Mittelmeier: Adorno in Neapel. Wie sich eine Sehnsuchtslandschaft in Philosophie verwandelt. Siedler, München 2013. 304 S., 22,99 Euro.
In Neapel erlebt: „das Sich-Fügen
von kaputten, porösen Dingen zu
etwas erstaunlich Neuem“
Theodor Wiesengrund Adorno, eine Aufnahme aus dem Jahr 1928
(Foto Verlag). Wie seine Freunde und Kollegen Siegfried Kracauer, Walter Benjamin, Ernst Bloch hat er Neapel gesehen – und sein Denken völlig neu gestaltet.
DIZdigital: Alle Rechte vorbehalten – Süddeutsche Zeitung GmbH, München
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