Zweierlei Holocaust - Zuckermann, Moshe
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Unzweifelhaft hat der Holocaust das kollektive Bewu¿sein der westlichen Welt - "nach Auschwitz" - nachhaltig gepr¿, in ganz besonderem Ma¿die ¿fentlichkeit in Israel und Deutschland. Der israelische Historiker Moshe Zuckermann befa¿ sich mit dem Einflu¿des Holocaust auf die politischen Kulturen beider L¿er. Die dabei zutage tretenden Dimensionen einer unter verschiedenen Vorzeichen betriebenen Instrumentalisierung und Fetischisierung des Holocaust unterzieht er einer ideologiekritischen Betrachtung. Der Titel "Zweierlei Holocaust" verweist zum einen auf die unterschiedlichen…mehr

Produktbeschreibung
Unzweifelhaft hat der Holocaust das kollektive Bewu¿sein der westlichen Welt - "nach Auschwitz" - nachhaltig gepr¿, in ganz besonderem Ma¿die ¿fentlichkeit in Israel und Deutschland. Der israelische Historiker Moshe Zuckermann befa¿ sich mit dem Einflu¿des Holocaust auf die politischen Kulturen beider L¿er. Die dabei zutage tretenden Dimensionen einer unter verschiedenen Vorzeichen betriebenen Instrumentalisierung und Fetischisierung des Holocaust unterzieht er einer ideologiekritischen Betrachtung. Der Titel "Zweierlei Holocaust" verweist zum einen auf die unterschiedlichen Bedeutungsfunktionen, die das geschichtliche Ereignis in den politischen Kulturen Israel und Deutschland erf¿llt. Zum anderen bezieht er sich auf die in beiden L¿ern nachweisbare Diskrepanz zwischen dem Wesen des Holocaust und seiner kulturindustriell verformten Rezeption.
  • Produktdetails
  • Verlag: Wallstein / Wallstein Verlag GmbH
  • 3. A
  • Seitenzahl: 181
  • Erscheinungstermin: Dezember 2004
  • Deutsch
  • Abmessung: 223mm x 146mm x 17mm
  • Gewicht: 279g
  • ISBN-13: 9783892443636
  • ISBN-10: 3892443637
  • Artikelnr.: 07311842
Autorenporträt
Moshe Zuckermann wurde 1949 in Tel Aviv geboren. Zwischen 1960 und 1970 lebte er in Frankfurt am Main. Nach seiner Rückkehr nach Israel studierte er Soziologie, Politologie und Geschichte in Tel Aviv. Er promovierte 1987 in deutscher Geschichte. Seit 1990 lehrt Zuckermann an der Universität Tel Aviv Geschichte und Philosophie der Geistes- und Sozialwissenschaften. Seit 2000 leitet er das Institut für deutsche Geschichte in Tel Aviv.
Rezensionen
Besprechung von 23.10.1998
Dem Andenken halberinnerter Erinnerungen
Zweierlei Vergangenheit: Deutsche und israelische Ansichten vom Holocaust nach Moshe Zuckermann

Vor einigen Monaten haben verschiedene Menschen ganz unterschiedlicher Kulturen feiernd und trauernd den fünfzigsten Jahrestag des Staates Israel begangen. Das ist nichts Ungewöhnliches. Jeder Jahrestag eines jeden Ereignisses hat zu verschiedenen Zeiten und für verschiedene Menschen eine andere Bedeutung. Erinnerungen werden von Ereignissen geformt und diese Ereignisse wiederum durch das Erinnern. In letzter Zeit haben israelische Geschichtswissenschaftler damit begonnen, zu untersuchen, wie eine Reihe von Geschichten die Herausbildung der israelischen Identität geprägt hat. So reagierte der junge Staat Israel zum Beispiel auf die Schmähung, daß europäische Juden wie Schafe in die Gaskammern gewandert seien, mit der Deutung des Massakers von Masada als Selbstmord der kampfbereiten jüdischen Zeloten. Parallel zu dieser jüdischen Mythenbildung, der Rekonstruktion von Geschichte als Erinnerung, verlief in den folgenden Jahrzehnten die Herausbildung der palästinensischen Identität.

Moshe Zuckermann, der am Cohn-Institut für Wissenschaftsgeschichte und Philosophie an der Universität von Tel Aviv lehrt, hat nun einen wichtigen Beitrag zur Funktion der Erinnerung an den Holocaust in Deutschland und Israel vorgelegt. In Anlehnung an einige seiner Arbeiten aus seinem auf Hebräisch erschienenen Buch über die israelische Presse im Golfkrieg zeigt Zuckermann, wie kompliziert sich die Verarbeitung des Holocaust bei diesen zwei Völkern vollzieht. Beide definieren sich aus demselben Moment in der Geschichte. Der Holocaust hat jedoch für Deutsche und Israelis radikal verschiedene Bedeutungen. Das versteht sich, und doch ist Zuckermanns Konzept verschiedener Auffassungen vom Holocaust - einer deutschen und einer israelischen - viel zu einfach.

Shoah in Israel

Haben die sephardischen Juden aus Nordafrika und ihre Nachfahren nicht ein vollkommen anderes Verständnis vom Holocaust als die Nachfahren polnischer und russischer Juden heutzutage in Israel? Ist nicht das Bild vom "Jecke", dem prototypischen deutschen Juden (und seinen Nachfahren) in Israel, verbunden mit dem Mythos, daß diese nicht ganz jüdisch gewesen seien - genauso wie die Deutschen sie nicht ganz als Deutsche betrachteten? Gibt es da nicht noch größere Unterschiede? Verbinden Christen, Araber und die Drusen in Israel (nicht zu reden von den Palästinensern im Westjordanland) nicht ganz Unterschiedliches mit dem Holocaust?

Von den Deutschen zu sprechen ist auch problematisch. Die DDR vernachlässigt Zuckermann ausdrücklich in seiner Untersuchung. Er konzentriert sich auf die Bundesrepublik vor und nach 1989. Wie er selbst zeigt, hatte der Holocaust jedoch ganz verschiedene Bedeutungen für zum Beispiel Hans Magnus Enzensberger und Günther Grass. Enzensberger bezeichnet Saddam Hussein als Hitler, und Grass sieht ihn als Saladin. Verschiedene Mythen für verschiedene Menschen. Zuckermann schließt auch Ignatz Bubis in das Spektrum von Deutschen ein. Er betrachtet einerseits die Juden in Deutschland, die sich an der Mythenbildung der deutschen Rezeption des Holocaust beteiligen, und andererseits die Juden in Israel und deren spezifisch israelische Rezeption. Dies ist ein eine überzeugende Unterscheidung, die hervorhebt, wie der historische und geographische Kontext die Bedeutung bestimmt, welche dem Holocaust zugeschrieben wird.

Zuckermanns Auffassung, daß für uns Erinnerungen lebensnotwendig seien und daß wir diese stets neu und so, wie wir sie benötigen, deuteten, trägt zu diesem unterschiedlichen Verständnis des Holocaust bei. Eine zentrale Rolle in der Konstruktion von Erinnerungen an den Holocaust für die Juden in den Vereinigten Staaten sowie für die gegenwärtige deutsche Kultur weist Zuckermann Daniel Jonah Goldhagens Buch zu. Die Verkaufszahlen und Buchbesprechungen zeigen, daß "Hitlers willige Vollstrecker" in Deutschland seit seiner Veröffentlichung im Herbst 1996 überraschend positiv aufgenommen wurde.

Begrüßt wurde das Buch vor allem von jüngeren Lesern, die es als Geschichtsbuch auffaßten. Daran zeigt sich, daß der Holocaust in der deutschen Wahrnehmung zum geschichtlichen Ereignis geworden ist. Denn nach 1989 ist eine neue Vergangenheit entstanden: die der DDR. Seitdem können die Westdeutschen, wie zuvor die Alliierten, den Platz der "Guten" einnehmen; der Stasi und der SED wurde die Rolle des klar identifizierbaren "Bösen" zugewiesen.

Ältere Wissenschaftler, wie zum Beispiel Hans Mommsen, mit dessen Reaktion auf Goldhagens Buch sich Zuckermann beschäftigt, kamen da nicht ganz mit. Für sie gehörte das "Dritte Reich" zur unmittelbaren Vergangenheit und nicht zur Geschichte. Die Tatsache, daß es von Goldhagen in eine weiter zurückliegende Vergangenheit, in eine ältere Welt des deutschen Antisemitismus versetzt und damit für die gegenwärtige Bundesrepublik irrelevant wurde, verwirrte die älteren Wissenschaftler. Manche ihrer Stellungnahmen lasen sich, als wäre Goldhagen für sie der nachtragende, unversöhnliche Jude, der aus dem Impetus des persönlichen Grolls und aus ideologischen Motiven schlechte Geschichtsschreibung betrieb.

Die Perspektive der Kritiker ist charakteristisch für eine bestimmte Generation. Die historische Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland hat bewiesen, daß sich die deutsche Forschung aus dem ideologischen Morast der nationalsozialistischen Geschichtswissenschaftler befreit hat. Goldhagens Buch repräsentiert indes, was man als eine neue Form von Geschichtsschreibung bezeichnen könnte: Diese stark emotionalisierte Historiographie hat den Holocaust den Händen der objektiven Geschichtswissenschaftler entwunden. Er hat tatsächlich unterschiedliche Bedeutungen für Goldhagen und Historiker wie Hans Mommsen oder auch Hans-Ulrich Wehler.

Brandopfer in Oklahoma City

Moshe Zuckermann schreibt klug über den Holocaust. Der Begriff wurde aus der christlichen Lehre vom Martyrium entlehnt, er bedeutet "Brandopfer". In den Vereinigten Staaten, von wo aus sich der Ausdruck (nach der Ausstrahlung der gleichnamigen Fernsehserie 1979) verbreitet hat, wird "Holocaust" allmählich durch "Shoah" ersetzt. Viele jüdische Kommentatoren meinen, daß der Begriff "Holocaust" nunmehr für alle Katastrophen verwendet werde. Und tatsächlich: In Detroit gibt es ein Museum, das dem "Schwarzen Holocaust", der Sklaverei, gewidmet ist. Und die Bombardierung des Bundesgebäudes in Oklahoma City wurde 1996 in der Presse als "Holocaust" bezeichnet. Während wir die Vergangenheit neu interpretieren, wird die Gegenwart durch halberinnerte "Erinnerungen" und deren Verwendungen geprägt.

Zuckermann illustriert dies gewandt und einfühlsam in einem Buch, das bald zu einem Klassiker werden wird, nicht nur als Überblick über die literarische Verarbeitung des Holocaust. Das Buch zeigt, daß keine Erinnerung in die Welt tritt, die nicht sogleich für andere Lebenszwecke wirksam gemacht wird. SANDER GILMAN

Moshe Zuckermann: "Zweierlei Holocaust". Der Holocaust in den politischen Kulturen Israels und Deutschlands. Wallstein Verlag, Göttingen 1998. 181 S., br., 38,- DM.

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