Rückkehr nach Haifa - Kanafani, Ghassan
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1948 ergreifen während gewaltsamer Auseinandersetzungen in Haifa Tausende Palästinenser die Flucht. Ein Ehepaar wird durch unglückliche Umstände von ihrem fünf Monate alten Sohn getrennt. Sie versuchen erfolglos, zu ihrem Haus und dem Kind zurückzukehren, und bald wird die Grenze zum neu ausgerufenen Staat Israel geschlossen. Erst zwanzig Jahre später betreten sie Haifa wieder. Ihr Sohn Chaled lebt noch in ihrem Haus, doch er trägt eine israelische Uniform und heißt Dov. Er wurde von jüdischen Einwanderern adoptiert. Eine Rückkehr zu seinen leiblichen Eltern lehnt er ab, da er sich seinen…mehr

Produktbeschreibung
1948 ergreifen während gewaltsamer Auseinandersetzungen in Haifa Tausende Palästinenser die Flucht. Ein Ehepaar wird durch unglückliche Umstände von ihrem fünf Monate alten Sohn getrennt. Sie versuchen erfolglos, zu ihrem Haus und dem Kind zurückzukehren, und bald wird die Grenze zum neu ausgerufenen Staat Israel geschlossen. Erst zwanzig Jahre später betreten sie Haifa wieder. Ihr Sohn Chaled lebt noch in ihrem Haus, doch er trägt eine israelische Uniform und heißt Dov. Er wurde von jüdischen Einwanderern adoptiert. Eine Rückkehr zu seinen leiblichen Eltern lehnt er ab, da er sich seinen Adoptiveltern und Israel mehr verpflichtet fühlt als Blutsbanden.
Ghassan Kanafani wirft existentielle Fragen auf: Hat die Abstammung oder die Erziehung größere Bedeutung? Was bedeutet Heimat? Ähnlich wie in Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" geht es darum, wem das Kind gehört. Und nicht zuletzt zeigt er beide Seiten als Betrogene und Opfer der israelischen und der internationalen Politik.
  • Produktdetails
  • Lenos Pocket .200
  • Verlag: Lenos
  • 2. Aufl.
  • Seitenzahl: 96
  • Erscheinungstermin: August 2018
  • Deutsch
  • Abmessung: 187mm x 116mm x 14mm
  • Gewicht: 100g
  • ISBN-13: 9783857878008
  • ISBN-10: 3857878002
  • Artikelnr.: 52507368
Autorenporträt
Ghassan Kanafani, geboren 1936 in Akka. 1948 wurde seine Familie durch die Besetzung der Israelis vertrieben. Als Flüchtling lebte Kanafani zunächst im Libanon, später während längerer Zeit in Damaskus. 1956 ging er als Sport- und Zeichenlehrer nach Kuwait. 1960 zog er nach Beirut, wo er in der Folgezeit bei mehreren Zeitungen arbeitete und schließlich Sprecher von George Habaschs Volksfront für die Befreiung Palästinas war. 1972 wurde er in Beirut durch eine Bombe getötet, die an seinem Wagen angebracht war.
Rezensionen
Besprechung von 23.04.2019
„Plötzlich kam die Vergangenheit – scharf wie ein Messer“
Von Kampf und Heimat: Der Roman „Rückkehr nach Haifa“ des palästinensischen Autors Ghassan Kanafani neu aufgelegt
Das Werk Ghassan Kanafanis kreist um ein zentrales Ereignis: die Nakba, jene für die Palästinenser bis heute fortwirkende Katastrophe der Vertreibung. Der Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1948 kurz nach der Staatsgründung Israels bedeutete für Hunderttausende Araber die Flucht aus Palästina. Kanafani war damals zwölf. Zusammen mit seiner Familie gelangte er über Libanon in die syrische Hauptstadt Damaskus, wo er Lehrer wurde und palästinensische Kinder in Flüchtlingscamps unterrichtete. Später folgte er zweien seiner Geschwister nach Kuwait, begann zu schreiben und sich im kommunistischen Untergrund zu engagieren. Kanafani stand der Bewegung der Arabischen Nationalisten nahe, bewunderte den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der sich für die panarabische Einheit einsetzte und dem eine ganze Generation hoffnungsvoll zujubelte.
Seine Erzählungen und Kurzromane sprechen von diesem Kampf der Araber; er verstand sich als engagierter Autor – Kanafanis Agitprop-Texte, Bücher und Zeitungsartikel sollten aufrütteln, die palästinensische Sache voranbringen. 1960 ging er nach Beirut, wo er als Journalist arbeitete. Nach der Niederlage der arabischen Armeen im Sechstagekrieg 1967 schloss sich Kanafani der „Volksfront zur Befreiung Palästinas“ an und arbeitete als Chefredakteur für deren Parteizeitung. 1972 fiel er einem Attentat zum Opfer, das vermutlich vom Mossad in Auftrag gegeben worden war. Er wurde 36 Jahre alt.
Kanafani gilt noch heute als einer der bedeutendsten Autoren Palästinas – das hatte durchaus mit seiner politischen Unbedingtheit zu tun, vor allem aber mit seiner die arabische Literatur erneuernden, modernen Sprache. Zu seinen Vorbildern gehörte William Faulkner, und in seinen Büchern arbeitete er mit Rückblenden und Perspektivwechseln, ausgefeilten Motivverknüpfungen und einer direkten Sprache. Der Erzählungsband „Das Land der traurigen Orangen“ machte ihn bekannt.
Seine Werke liegen in blendenden Übersetzungen von Hartmut Fähndrich vor, der zu den umtriebigen und kenntnisreichen Vermittlern arabischer Literatur im deutschsprachigen Raum gehört. Kanafanis vielleicht eindrücklichster Roman „Rückkehr nach Haifa“, zuletzt 1992 im Lenos-Verlag erschienen, ist nun neu aufgelegt worden – knapp fünfzig Jahre nach seiner Entstehung. Das bis heute fortdauernde Dilemma des Nahostkonflikts ist hier in die biblische Geschichte des salomonischen Urteils gebettet. Kanafani hat „Rückkehr nach Haifa“ als intimes Drama angelegt, das die Zerrissenheit und die Wut des palästinensischen Volkes rückhaltlos darstellt und zugleich auf erstaunliche Weise die Komplexität des Geschehenen kenntlich macht.
„Plötzlich kam die Vergangenheit – scharf wie ein Messer“, heißt es auf den ersten Seiten dieses Buches. Zwei Jahrzehnte nach ihrer Flucht aus Haifa dürfen Said und seine Frau Safija als Besucher in ihre Heimatstadt zurückkehren. Es ist das Jahr 1967, der Sechstagekrieg ist eben zu Ende gegangen, Israel hat die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen und das Westjordanland mit der historischen Altstadt von Jerusalem und die Golanhöhen unter seine Kontrolle gebracht. Gleich nach Abschluss der Besetzung werden die Grenzen geöffnet, und Said hat eine Erklärung dafür: „Das ist ein Teil des Krieges. Sie sagen uns: Bitte sehr, schaut her, wir sind besser und fortschrittlicher als ihr. Ihr müsst es akzeptieren, unsere Diener und Bewunderer zu sein …“
Die Fahrt zurück in die Vergangenheit lässt alte Wunden aufbrechen. Said und Safija mussten seinerzeit nicht nur ihre Wohnung zurücklassen, sondern wurden auch von ihrem kleinen Sohn Chaldun getrennt. Wie sie erst jetzt erfahren, hatten sich damals zwei jüdische Holocaust-Überlebende des Kindes angenommen. Mirjam und ihr Mann haben das Leben Saids und Safijas in deren Wohnung weitergeführt, haben den Jungen adoptiert, jüdisch erzogen und ihm den Namen Dov gegeben.
Die Spannung der Situation, die Ausweglosigkeit bekommt so ein Symbol. Durch Chaldun/Dov laufen mehrere Geschichten; er bewegt sich zwischen den Fronten, trägt die Erfahrungen zweier Völker in sich. Zumindest könnte man das annehmen. In Wahrheit hat er sich längst entschieden. Der jetzt erwachsene junge Mann trägt, als er seine leiblichen Eltern zum ersten Mal in deren alter Wohnung wiedersieht, die Uniform der israelischen Armee. Und so kommt noch ein anderer biblischer Mythos ins Spiel, der von Kain und Abel. Chaldun wird vielleicht irgendwann mit der Waffe in der Hand seinem jüngeren Bruder Chaled gegenüberstehen. Der, im Exil geboren, möchte sich den Fedajin anschließen und gegen die israelischen Besatzer in den Kampf ziehen.
Es ist eindeutig, welche Position Kanafani in diesem die Familie und ein ganzes Land zerreißenden Konflikt einnimmt. Und doch schildert er mit einer für die damalige palästinensische Literatur ungewöhnlichen Anteilnahme das Leid und Schicksal der Jüdin Mirjam und ihres Mannes. Er lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass ein Unrecht ein anderes Unrecht nicht rechtfertigt, dass es eine Verständigung, ein Zusammenleben nicht geben wird: Chaldun/Dov muss wählen, auf welcher Seite er steht. Er bekennt sich nicht zu seinem „Fleisch und Blut“, wie es die vom Leben hart gemachten Said und Safiya erhoffen; Chaldun/Dov wendet sich nicht von der jüdischen Welt ab, in der er aufgewachsen ist. Kanafani betont damit die politische, die soziale Seite der Auseinandersetzung – Palästinenser ist man durch die Erfahrung der Unterdrückung, nicht durch Herkunft.
Die Kommunikation zwischen Vater und Sohn misslingt auf bestürzende Weise. Weder Verständnis noch Versöhnung liegen hier in der Luft dieses kleinen, von Geschichte und Geschichten ganz stickig erscheinenden Raums der Wiederbegegnung. „Sie haben ihn gestohlen“, stellt Said ohne Empathie für die Lage seines Sohnes fest, nur die Vergangenheit biete noch Heimat.
Wer begreifen möchte, wie unwahrscheinlich eine Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern, wie utopisch eine Zwei-Staaten-Lösung ist, der kann in diesem schmalen Roman eine Ahnung davon bekommen. „Rückkehr nach Haifa“ ist ein Buch der Heimatlosigkeit und Unversöhnlichkeit, das allerdings beiden Seiten Aufmerksamkeit schenkt, ohne dass dies zu einer Annäherung führt. „Dov ist unsere Schande“, sagt Said, „Chaled dagegen ist unsere bleibende Ehre … Habe ich dir nicht von Anfang an gesagt, dass wir nicht hätten gehen sollen … und dass es hierfür eines Krieges bedarf?“ Said hat leider recht behalten. Ein Frieden ist heute so fern wie damals.
ULRICH RÜDENAUER
Weder Verständnis
noch Versöhnung liegen
hier in der Luft
Ghassan Kanafani:
Rückkehr nach Haifa. Roman aus Palästina.
Aus dem Arabischen
von Hartmut Fähndrich. Lenos Verlag, Basel 2018. 96 Seiten, 9,90 Euro.
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