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Island einmal anders. Keine Geysire, keine Elfen. Kristof Magnusson erzählt eine wilde Großstadtgeschichte, spannend, mit subtilem Humor und hinreißenden Dialogen.

Produktbeschreibung
Island einmal anders. Keine Geysire, keine Elfen. Kristof Magnusson erzählt eine wilde Großstadtgeschichte, spannend, mit subtilem Humor und hinreißenden Dialogen.
  • Produktdetails
  • Verlag: Verlag Antje Kunstmann
  • Erscheinungstermin: August 2005
  • Deutsch
  • Abmessung: 216mm x 143mm x 30mm
  • Gewicht: 500g
  • ISBN-13: 9783888974021
  • ISBN-10: 388897402X
  • Artikelnr.: 14170730
Autorenporträt
Kristof Magnusson, geb. 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und der Universität Reykjavik. Seine Komödien "Der totale Kick" und "Männerhort" wurden in Berlin, Dresden, Köln und Bonn mit Erfolg aufgeführt. "Männerhort" läuft ab November 2005 in der Komödie am Kurfürstendamm. Er wurde mit dem Literaturförderpreis der Freien und Hansestadt Hamburg ausgezeichnet und für seine Theaterstücke vom Deutschen Literaturfond gefördert. Kristof Magnusson lebt in Berlin. "Zuhause" ist sein erster Roman. Er ist damit zum Ingeborg Bachmann Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen.
Rezensionen
Besprechung von 31.08.2005
Der innere Geysir
Isländische Wurzelbehandlung: Kristof Magnussons Romandebüt

Dies gleich vorweg: Ich war noch nie in Island. Oder sagt man: "auf Island"? Da fängt es schon an. Island war eben einfach nie ein Thema. Nicht in privater Hinsicht und auch nicht in der deutschen Gegenwartsliteratur. Rom ja, Florenz, ah, oder gleich griechische Inseln, Orient oder auch Kuba, der ganze warme südliche Wallungsraum eben. Um nach Reykjavík zu fahren, muß man schon besondere Gründe haben. Jaroslawa etwa ist Vulkanologin. In ihrer Heimat, der Slowakei, gibt es keine Vulkane. Deswegen ist sie hier. Raphael wiederum, der sich "dj différance" nennt, schätzt den Sinn fürs Experiment. In seiner Heimat, Frankreich, gibt es kein Publikum: "Die Leute in Paris wollen immer nur etwas, wozu man sich so bummbumm an Frauen reiben kann." Deswegen ist er hier.

Lárus aus Hamburg ist hier, weil er hier geboren ist, was vielleicht der dämlichste Grund ist, um in Island zu sein. Denn eigentlich müßte ja jeder junge Mensch froh sein, wenn er dort rauskommt (oder sagt man: "von dort runter"?). Der Dokumentarfilmer, der mit neun Jahren nach dem Tod seiner Mutter mit dem Vater nach Norddeutschland zog, wollte eigentlich nach Island fahren, um mit seinem Lebensgefährten Milan, seiner Sandkastenfreundin Matilda und deren Freund Weihnachten zu feiern. Doch schrumpft das Quartett gewissermaßen über Nacht zu einem recht disharmonischen Duo: Matilda hat ihre Beziehung beendet - sehr zu Lárus' Ärger, der sich aus alter Verbundenheit als ihr Berater in Liebesdingen sieht; Lárus selbst, waidwund vor Liebeskummer, wurde gerade von seinem Freund verlassen. Seine Reise trägt den Charakter einer Flucht.

Der 1976 in Hamburg geborene Kristof Magnusson wählte für seinen Debütroman einen geschickt beiläufigen Einstieg, der den Leser in das Alltags- und Nachtleben eines Landes einweist, dessen Mischung aus Weltläufigkeit und verschrobener Provinzialität gewisse Reize hat - auch wenn Lárus seiner Freundin einmal vorrechnet, daß er als Homosexueller bei einer Gesamtzahl von knapp 140 000 isländischen Männern rein statistisch keine Chance hat, einen passenden Partner zu finden. Da Lárus sein Elend im Exzeß ertränken will, erscheint der Roman zunächst wie eine ins Nordmeer verlegte Variante von Benjamin von Stuckrad-Barres "Soloalbum" - jedenfalls in seiner durch sympathische Selbstironie und Sarkasmus überspielten Melancholie. Auch dies ist ein Buch für Verlassene und seine beträchtliche Komik keine selbstzweckhafte Witzelei auf Kosten eines wehrlosen Randvölkchens, sondern eher ein ähnlich preisgünstiger Trostspender wie der Alkohol, den man hier neben Ikea im staatlichen Geschäft kartonweise kauft.

Es wäre jedoch ein Mißverständnis, Magnussons Buch wegen der zahlreichen popkulturellen Referenzen - der Erzähler hat ständig (englische oder finnische) Liedzeilen im Ohr - als exotisch camouflierten Poproman einzusortieren. Ungefähr bis zur Hälfte ist es vor allem die Geschichte einer gescheiterten Liebe - die Homosexualität des Erzählers ist dabei so selbstverständlich, daß sie gar nicht thematisiert werden muß. Lárus betreibt selbst literarische Trauerarbeit, indem er seine Erinnerungen an glücklichere Tage niederschreibt, um sie einer in Zürich ansässigen "Gesellschaft für Liebeskranke" zu übersenden. Gleichzeitig, quasi zur Ablenkung, beginnt er eine Affäre mit seinem alten Schulkameraden Dagur, der als schwarzes Schaf eines mächtigen Industriellenclans zum steineschleudernden Globalisierungsgegner geworden ist. So cool manche Leute im Club auch daherkommen, in ihrem Innern brodelt nicht selten ein Geysir.

An dieser Stelle nimmt die Geschichte eine unerwartete - und insgesamt auch unbekömmliche - Wendung: Dagur nämlich ist besessen von der Geschichte seiner Familie, die ihre Geschichte bis in die Zeit der norwegischen Landnahme Ende des ersten Jahrtausends zurückverfolgen kann. Eine zentrale Rolle in dieser mythischen Genealogie spielt die berühmte altisländische Saga von Egil Skallagrímsson, die die Familie als Ahnengeschichte vereinnahmt, um ihre nationale Vorrangstellung historisch zu legitimieren. Dagur, psychisch hochgradig labil und von Selbsthaß zerfressen, glaubt, einem sorgsam gehüteten Familiengeheimnis auf die Spur gekommen zu sein. Das problematische Verhältnis mit Lárus eskaliert; doch als Dagur schließlich mit seinem Auto in den Tod rast, beginnt der nun doppelt Trauernde, sich ernsthaft mit Dagurs Verschwörungstheorien zu befassen und eigene Nachforschungen über das Familienimperium anzustellen - bis hin zum Einbruch in die Industriellenvilla.

In dem Maße, in dem sich der Roman zu einem Krimi mit genretypischen Elementen verengt, weitet er sich zu einer allegorischen Abrechnung mit der isländischen Abstammungsmanie und damit verbundenen nationalen Mythen. Die zunächst leichtfüßige und ironische Geschichte lädt sich damit Gewichte auf, die ihre Konstruktion kaum tragen kann: Wenn am Ende Lárus' Suche nach den eigenen Wurzeln mit der Recherche nach häßlichen Flecken der Familienlegende zusammenfällt, wird die Chronik einer Lebenskrise doch sehr in das Prokrustesbett des Plots gepreßt - und außerdem beträchtlich in die Länge gezogen, denn der dramatische Höhepunkt der Handlung ist bereits in der Mitte des Buchs erreicht. Beiläufige Details, die man anfangs fast überlas, entpuppen sich im weiteren Fortgang als Teilchen eines großen isländischen Epenpuzzles, in dem keine Lücken bleiben. Zufälle muß man in diesem Land offenbar mindestens so lange suchen wie den passenden Lebensgefährten. Dieses insgesamt bemerkenswerte Debüt hält so leider am Ende nicht ganz, was es am Anfang gerade durch sein Understatement verspricht.

RICHARD KÄMMERLINGS

Kristof Magnusson: "Zuhause". Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2005. 320 S., geb., 19,90 [Euro].

Alle Rechte vorbehalten. © F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
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Perlentaucher-Notiz zur TAZ-Rezension

Der Halbisländer Kristof Magnusson ist lange schon in Deutschland zuhause. Er hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert, zwei sehr erfolgreiche Theaterstücke vorgelegt und nun seinen ersten Roman. Dessen Ich-Erzähler mit Namen Larus ist ein Isländer, der lange schon in Deutschland zuhause ist. Ein Heimatroman, und zwar ein isländischer, ist es, findet die Rezensentin Anne Kraume, dennoch geworden. Das Island, das man kennenlernt, habe freilich mit den Klischees wenig zu tun: keine blubbernden Geysire, keine Elfen und Björk kommt auch nicht vor. Vielmehr geht es um Liebesgeschichten, die enden, um Landrover, die in Geschäfte fahren und zwischendurch geht es fast kriminalromanartig zu, erfahren wir. Und am Ende lässt sich Larus vom "Familienfimmel" eines Freundes anstecken. Da droht der Plot, meint Kraume, ein wenig aus dem Gleis zu geraten. Aber Magnusson bleibe doch souverän, vor allem, weil er eines eben wirklich kann: tolle Dialoge schreiben.

© Perlentaucher Medien GmbH
Besprechung von 13.02.2006
Der Punk-Retrolook der Reiherente
Kristof Magnussons Island-Roman „Zuhause” gewinnt an Fahrt
Das Problem mit Island, sagt Lárus, der es wissen muss, ist, „dass inzwischen aus ganz Europa die Bekloppten hierher kommen.” Wegen der Elfen, Trolle und Feen, deretwegen isländische Straßenbauer schon mal eine Extra-Unterführung einplanen. Wegen der geringen Hemmschwelle alkoholisierter Jungbürger, die jede Nacht auf der sagenhaften Reykjaviker Kneipenzeile zum Tage machen. Und natürlich wegen der Isländer als solcher, diesem kinder- und erfolgreichen Menschenschlag, der sich als Erster genetisch kartographieren ließ und mit Stolz ein Erbgut bewirtschaftet, aus dem die vitalen Antriebe der alten Sagas noch nicht verschwunden sind. Wie schreibt man einen Roman über Island, ohne solchen Populärmythen auf den Leim zu gehen und ohne andererseits den falschen Eindruck zu erwecken, Island und das Islandbild der bekloppten Europäer seien in Wahrheit etwas ganz anderes?
Kristof Magnusson, 1976 in Hamburg geboren, kennt Island sowohl als Isländer wie als Gast vom Kontinent. Sein Island-Roman mit dem Gemütlichkeit vortäuschenden Titel „Zuhause” erzählt weder von zu Hause noch von der Fremde, sondern von einem dritten Zustand, der sich einstellt, wenn sich hinter der Fassade des Vertrauten (Familienbande, Sagas, wirtschaftlicher Erfolg) mit einem Mal ein kratergroßer Abgrund von Bosheit, Grausamkeit und, nun ja, Pragmatismus auftut. Dann kommt es letztlich nicht mehr darauf an, ob man zu Hause oder in der Fremde ist. Man möchte nur noch weg, aber nicht, ohne vorher Rache genommen zu haben. Was als nettes, schwules, melancholisch verhangenes Vorweihnachtsidyll anfängt, verwandelt sich nach und nach (und unterstützt von anfeuernder Rockmusik) in ein Reality-Armageddon, bei dem beinahe kein Körperteil des jungen Helden unversehrt bleibt; von den Opfern auf der gegnerischen Seite einmal zu schweigen.
Die Augen des Psychopathen
Die ersten hundertfünfzig Seiten von „Zuhause” liest man - nicht ahnend, dass dies nur das Vorspiel ist - nicht eben mit angehaltenem Atem. Ein Händchen fürs Atmosphärische (schwarze Lavabrocken, Drive-in-Supermärkte und „Joy Division” gleich auf der ersten Seite) ist Magnusson nicht abzusprechen, aber seine Prosa kommt einem aus zahllosen anderen Prosaübungen junger deutscher Autoren längst bekannt vor; so unauffällig, so kunstfern und wirklichkeitsnah, eine Schreibe viel eher als ein Stil. Da wird unablässig Kaffee und Stärkeres getrunken, irgendwer legt eine Platte auf, man schweigt sich an und denkt über verflossene Liebschaften nach. Und draußen ist Island. Halb entspannt in der WG-Küche sitzen und rauchen, wenn es eh immer dunkel ist, daran ist nichts falsch, nur kommt davon kein Roman in Gang.
Aber Lárus ist nun mal eher ein Beobachter als der Täter, zu dem er später nolens volens wird. Dokumentarfilmer ist er, genauer Tierfilmer, den allerdings auch noch das Kopfgefieder der Reiherenten an den Punk-Retrolook von Achtzigerjahre-Punkfrisuren erinnert. Und die Mittelsäger haben „Psychopathenaugen”, wie überhaupt die Naturbeobachtung des Jungfilmers aufs Pathologische zielt, dem er auch in der isländischen Menschenwelt auf Schritt und Tritt begegnet. Dass man ihm in der Videothek keinen Film verleihen wollte, weil er laut isländischem Einwohnerregister tot gemeldet ist, passt so gesehen nur ins Bild. Dass diese Totmeldung freilich Teil eines größeren, ja beinahe gesamtisländischen Verschwörungsplanes gegen Lárus Lúdvigsson ist, kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen.
Eigentlich wollte sich Lárus in der Vorweihnacht ein wenig vom Liebeskummer mit seinem deutschen Freund Milan erholen, aber dann tritt Dagur in sein Leben und das Liebesunheil nimmt seinen Lauf. Was im Einzelnen passiert, bevor und nachdem Dagur seinen vollbetankten Land Rover vorsätzlich oder nicht in den Pizza Hut von Bústadavegur gelenkt hat, darf hier nicht verraten werden. Verraten werden kann, dass die Handlung des Romans spätestens von hier an mächtig Fahrt gewinnt - fortan als Hardcore-Kontrafaktur der isländischen Familiensagas gelesen werden kann.
Viel hält sich Dagurs wirtschaftlich erfolgreiche Familie auf ihren uralten Stammbaum und auf ihre Abstammung von Snorri Sturlusons Saga-Protagonisten zugute. Was immer Dagurs Vater, der Familien- und Firmenpatriarch, von sich gibt, es ist ein Loblied auf die isländischen „Family values” und auf die Gleichursprünglichkeit von Familie, Firma und Erfolg. Alles Lüge, wie sich im Lauf der Handlung allzu deutlich herausstellt. Im Safe der Familienvilla liegen Dokumente, die nicht nur den mythischen Familienroman als Schwindel enttarnen, sondern obendrein Kunde geben von ganz konkreten Straftaten mit Todesfolge zwecks Verringerung der erbschaftsberechtigten Familienmitglieder. Und Lárus ist mittendrin im Geschehen. Schwer versehrt wie ein Sagaheld, doch unbesiegt und zudem im Besitz einer geheimen Handschrift, verlässt er auf einem russischen Frachter das grimme Eiland, dem anderen Zuhause an der Elbe entgegen. „Depeche Mode” klingt über das Riesenrad am Hamburger Dom und wir sind erleichtert, Lárus wieder unter uns zu wissen, den Trollen, Elfen und Familienverbrechern gerade noch einmal entronnen. CHRISTOPH BARTMANN
KRISTOF MAGNUSSON: Zuhause. Roman. Verlag Antje Kunstmann, München 2005. 318 Seiten, 19,90 Euro.
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