Gegen die moderne Welt - Sedgwick, Mark J.
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Unbemerkt von der Öffentlichkeit entstanden um die Jahrhundertwende in konservativ-christlichen Milieus Europas esoterische und okkultistische Zirkel, die sich auf mystische Religionsformen des Fernen Ostens und des Islam bezogen und sich zum Ziel gesetzt hatten, die dekadente Moderne mit ihrem Individualismus und Materialismus zu bekämpfen. In seiner großen und packenden Studie über den "Traditionalismus" rekonstruiert Mark Sedgwick zum ersten Mal diese geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts und zeigt, wie die antidemokratischen Glaubenslehren so verschiedene Zusammenhänge wie die…mehr

Produktbeschreibung
Unbemerkt von der Öffentlichkeit entstanden um die Jahrhundertwende in konservativ-christlichen Milieus Europas esoterische und okkultistische Zirkel, die sich auf mystische Religionsformen des Fernen Ostens und des Islam bezogen und sich zum Ziel gesetzt hatten, die dekadente Moderne mit ihrem Individualismus und Materialismus zu bekämpfen.
In seiner großen und packenden Studie über den "Traditionalismus" rekonstruiert Mark Sedgwick zum ersten Mal diese geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts und zeigt, wie die antidemokratischen Glaubenslehren so verschiedene Zusammenhänge wie die Theosophie, den Thule- und Runenkult der NSDAP, das Denken Mircea Eliades und Julius Evolas Theorien des frühen italienischen Faschismus entscheidend prägten. Dabei ist Sedgwicks Detektivgeschichte in unserer Zeit von erschreckender Brisanz. Nicht nur, dass sich viele Protagonisten des Traditionalismus später zu Strömungen des Islamismus hingezogen fühlten, die von ihnen entwickelte Denkströmung ist heute aus den Hinterzimmern auf die große Weltbühne gerückt: Während der Neo-Traditionalist Alexander Dugin wichtigen Einfluss auf die antimoderne Kulturpolitik Putins hat, gilt Julius Evola als entscheidende Inspirationsquelle für Stephen Bannon und die Alt-Right.
  • Produktdetails
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin
  • Originaltitel: Against the modern world: Traditionalism and the secret intellectual history of the twentieth century
  • Seitenzahl: 549
  • Erscheinungstermin: 16. Oktober 2019
  • Deutsch
  • Abmessung: 221mm x 149mm x 53mm
  • Gewicht: 825g
  • ISBN-13: 9783957575203
  • ISBN-10: 3957575206
  • Artikelnr.: 50100073
Autorenporträt
Sedgwick, Mark J.
Mark J. Sedgwick, 1960 geboren, ist ein britischer Historiker und forscht zu Traditionalismus, Sufismus und Terrorismus. Nach Stationen in Oxford und an der American University in Kairo lehrt er heute als Professor für Arabische und Islamische Studien an der Aarhus University in Dänemark. Er betreibt den Blog www.traditionalistblog.blogspot.de.

Miller, Nadine
Nadine Miller, in New York geboren, aufgewachsen in Deutschland, übersetzt seit 1980 literarische und wissenschaftliche Texte aus dem Französischen und Englischen.
Rezensionen

Süddeutsche Zeitung - Rezension
Süddeutsche Zeitung | Besprechung von 16.11.2019

Traditionalisten werden Orientalen, um das Abendland zu retten
Der Historiker Mark Sedgwick erkundet in seiner Studie „Gegen die moderne Welt“ die spirituelle Revolte des frühen 20. Jahrhunderts
Bei „homegrown terrorists“ denkt man zuallererst an muslimische Gettoisierung in der Peripherie von Brüssel oder an Hamburg-Harburg. Wer aber weiß schon, dass die Zeitschrift „Il Djihad“ jahrelang im edlen Coppedè-Viertel in Rom von rechtsradikalen Konvertiten herausgegeben wurde, die freilich über Erfahrungen im Bombenbauen verfügten? Und dass die betreffenden Personen zwischen der sehr freimütigen Auslegung hinduistischer Klassiker und Sufi-Praktiken changierten, ja, dass es unter ihnen auch einen Sufi-Scheich gab? Trotzdem wäre es anmaßend zu sagen, der europäische Islam habe viele Gesichter, zu denen auch dieses gehöre. Richtiger liegt, wer argumentiert, die Revolte gegen die moderne Welt setze sich gelegentlich eben auch die islamische Maske auf.
Der britische, aber in Dänemark lehrende Historiker Mark Sedgwick folgt in seinem Buch „Gegen die moderne Welt“ den Fährten dieser „geheimen Geistesgeschichte“. Nichts Geringeres hat er im Sinn, als in einer Mischung aus Feldforschung und philologischer Analyse die ständigen Wechsel einer politischen Avantgarde aufzulösen, die sich als Bewahrer des Ewiggültigen versteht.
Zu diesem Zweck verwendet er eine Kategorie, die zunächst erstaunlich erscheint: die Traditionalisten (den Anhängern einer „tradition with a big T“). Von traditionell gesinnten Menschen unterscheiden sie sich dadurch, dass sie beispielsweise Religion nicht einfach in überlieferter Form ausüben. Statt dessen werten sie die Überlieferung in religiöser Weise auf: Dass ein Text, ein Ritus, eine Praxis aus der Geschichte überkommen ist, heiligt diesen Gegenstand.
Als Begründer des Traditionalismus benennt Sedgwick den französischen Esoteriker René Guénon (1886 bis 1951). Seiner Biografie ist der erste Teil des Buches gewidmet, der zweite Teil enthält gleichsam seine Wirkungsgeschichte. Guénon hatte es über katholische, freimaurerische und hinduistische Stationen schließlich in Kairo zum Sufismus verschlagen. Er bekämpfte die spiritistische Experimentalreligion seiner Tage und hatte wenig übrig für die Klopfzeichen einer demokratischen Geistergesellschaft. Stattdessen suchte er eine Elite anzuleiten, die die transzendentale Einheit des Immergleichen in der Religion in der genauen Befolgung ihrer unterschiedlichen Äußerungsformen aufspüren sollte.
Während Guénon in kargen Verhältnissen ein dem Studium und der gelehrten Korrespondenz gewidmetes Leben führte, bis als Beweis für seine hohe Geistigkeit seine Haut transparent oder lichtfarben wurde (je nach Auslegung), liefen einige seiner Anhänger zu Lehren des „New Age“ über. Der Schweizer Religionsphilosoph Frithjof Schuon (1907 bis 1998) zum Beispiel suchte ebenfalls die Initiation als Sufi, entschied aber selbst, welche islamischen Regeln er seiner Gemeinschaft zumuten konnte. Seine Gruppe zog es später in die Vereinigten Staaten, wo Schuons Nacktheitskult die Polizei auf den Plan rief. Schuon war unter den Traditionalisten mit großem „T“ der einzige, der christliche Elemente als Teil einer traditionalistischen Initiation gelten ließ, und vermutlich ist er auch derjenige, der seine eigene Autobiografie am stärksten als von Zeichen, Weisungen, versteckten Bedeutungen durchzogen sah. Seine Schriften tragen deswegen auch pietistische Züge.
Dem Pietismus völlig fremd ist allerdings der Kampf gegen die Moderne, wie ihn Guénon in seinem spiritualistischen Programm führen wollte. In den posthum herausgegeben Aufsätzen des Bandes „East and West“ (2007) brachte er gegen den „Aberglauben des Fortschritts“ die in „orientalischen Zivilisationen“ konservierte “reine Geistigkeit” in Stellung. Sie sollte vor allem die traditionellen Zivilisationen des Westens in angemessener Weise wiederherstellen. Dass Guénon dabei dem eigenen Modernismus nicht ins Auge sehen wollte – nur ein aufgeklärter Europäer mochte an die Verfügbarkeit religiöser Identitäten glauben, anstatt sie als vorgegeben anzusehen –, versteht sich beinahe von selbst.
Die Suche nach den geistigen Ursprüngen des Abendlands brachte daneben manche Schattengewächse hervor wie den dadaistischen Maler, Kulturphilosophen und Okkultisten Giulio „Julius“ Evola (1898 bis 1974). Dieser hatte Guénon voller Begeisterung gelesen und reicherte dessen Vorstellungen mit Lektüren Bachofens und Nietzsches an. Stärker als sein Vorbild polemisierte Evola gegen die Illegitimität der Neuzeit. Im Jahr 1934 veröffentlichte er das Buch „Revolte gegen die moderne Welt“, in dem er deren geistig-geistlichen Sündenfall in der angeblichen Trennung von spiritueller Autorität und Kriegerkaste gefunden zu haben meinte. Während Guénon die Wiederherstellung des Abendlands durch elitäre spirituelle Praxisgemeinschaften anvisierte, sah Evola in der gesellschaftlichen Mobilisierung einen Weg, das „absolute Individuum“ zurückzugewinnen. Sein Umweg war nicht der Orient, sondern der Faschismus.
Evolas Einfluss auf den Faschismus war geringer, als von ihm erhofft worden war. Stärker indessen war seine Wirkung auf den Neofaschismus und den italienischen Rechtsterrorismus zwischen den Sechzigern und den Achtzigern. Dieses Umfeld leuchtet Sedgwick anhand von Interviews detailliert aus. Keine Strömung, kein bedeutender Protagonist in diesen Kreisen, der nicht irgendwann zum „Meister“ in dessen heruntergekommene Einzimmerwohnung in Roms Altstadt pilgerte. Dem Abfall der modernen Welt, so Evola, konnte man nur noch die reine Tat, die Tat als leeres Zeichen entgegensetzen.
Diese Mystik der Tat, der Selbst- und Fremdopferung gehört vermutlich in das Zeitalter eines Kalten Krieges, in dem weder Traditionalisten noch die Anhänger eines rechten Kults von Souveränität eine Seite fanden, auf der sie stehen konnten. Sie verwechselten einander (und laden bis heute zur Verwechslung ein). Dazu galt in diesen letztlich sektiererisch verfassten Gruppen: der Feind meines Feindes ist mein Freund. Diese Logik bestimmte eine Reihe islamischer Konversionen, vor allem im Gefolge der iranischen Revolution von 1979. Wenngleich die Logik nicht bedeutet, es habe keine traditionalistischen Konvertiten gegeben, offenbart sie deren sprichwörtlich reaktionären Kern.
Nach der Lektüre von Sedgwicks materialreichem, dabei stets gut lesbarem Buch, wird man sich fragen, warum ausgerechnet Deutschland von solchen Strömungen ausgespart bleibt. Der französische, italienische, rumänische, ungarische, amerikanische, der identitätspolitisch folgenreiche russische Traditionalismus werden ebenso behandelt wie der Traditionalismus der vergleichenden Religionswissenschaft. Aber was ist mit dem von Evola übersetzten Ernst Jünger, der mit Mircea Eliade – einem der wichtigsten Traditionalisten – eine Zeitschrift gründete, die das zu bewahrende Europa in esoterischen Traditionen aufspürte? Und warum bleibt Martin Heidegger außen vor, für den die “Schwarzen Hefte” das esoterische Zentrum seines Denkens bildeten, wenigstens, wenn man seine Publikationspolitik ernst nimmt?
Man könnte antworten: Weil ihre intellektuelle Ausbildung nichts mit Guénon zu tun hat. Oder weil die beschworene „Wiederkehr des Gleichen unter den Zeitgewändern“ (Ernst Jünger) zu deutlich die Kriegsschuld kaschierte. Aber das wäre nur die halbe Wahrheit. Zum Traditionalismus gehört neben Meistern, Schülern und Initiationen auch eine lebensweltliche Randständigkeit, die sich aus der Unterscheidung von öffentlicher und geistiger Sphäre ergibt. Es geht gerade nicht um Authentizität als vielmehr um Unterscheidungen. Und um das Bewusstsein, nicht in der gegenwärtigen Welt aufzugehen.
ULRICH VAN LOYEN
Mark Sedgwick: Gegen die moderne Welt. Die geheime Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts. Aus dem Englischen von Nadine Miller. Berlin, Matthes & Seitz 2019. 532 Seiten, 38 Euro.
Der Esoteriker René Guénon
führte ein karges Leben, bis seine Haut lichtfarben wurde.
Foto: mauritius images / The History C
Von größtem Einfluss
auf die italienischen
Neofaschisten: Julius Evola.
Foto: imago/Leemage
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