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Professionell scheitern: Wenn Verwaltung zum Desaster wird
Bürgerinnen und Bürger demokratischer Rechtsstaaten vertrauen darauf, dass der Staat Gefahren für Leib und Leben rechtzeitig erkennt und abwendet. Versagen Staat und Verwaltung vor dieser Aufgabe, kommt es auf rigorose Ursachenanalyse und die Abschätzung allgemeiner Risikofaktoren an. Dem widmet sich dieses Buch am Beispiel von vier spektakulären Fällen. Es geht um den Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall 2006, die Loveparade- Katastrophe in Duisburg 2010, das Versagen der Hamburger Jugendbehörden bei der tödlichen…mehr

Produktbeschreibung
Professionell scheitern: Wenn Verwaltung zum Desaster wird

Bürgerinnen und Bürger demokratischer Rechtsstaaten vertrauen darauf, dass der Staat Gefahren für Leib und Leben rechtzeitig erkennt und abwendet. Versagen Staat und Verwaltung vor dieser Aufgabe, kommt es auf rigorose Ursachenanalyse und die Abschätzung allgemeiner Risikofaktoren an. Dem widmet sich dieses Buch am Beispiel von vier spektakulären Fällen. Es geht um den Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall 2006, die Loveparade- Katastrophe in Duisburg 2010, das Versagen der Hamburger Jugendbehörden bei der tödlichen Misshandlung eines Kindes 2013 und das Unvermögen der Polizei bei der Fahndung nach den NSU-Mördern in den Jahren 2000 bis 2007. Keine dieser Tragödien, so die Autoren, war unabwendbar, alle beruhten auf Fehleinschätzungen erkennbarer Risiken, die aufgrund von Kosteneinsparungen, Konfliktvermeidung, geringer Widerstandsfähigkeit möglicher Betroffener oder der Politisierung von Fachfragen vernachlässigt wurden. Das Buch verbindet diese Fallanalysen mit einem Plädoyer für eine neue Verantwortungsethik in der Verwaltung.
  • Produktdetails
  • Verlag: Campus Verlag
  • Seitenzahl: 320
  • Erscheinungstermin: 8. Dezember 2017
  • Deutsch
  • Abmessung: 213mm x 142mm x 22mm
  • Gewicht: 396g
  • ISBN-13: 9783593507873
  • ISBN-10: 3593507870
  • Artikelnr.: 48123354
Autorenporträt
Wolfgang Seibel (Abb.) ist Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz und Adjunct Professor an der Hertie School of Governance, Berlin. Kevin Klamann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Konstanz. Hannah Treis studiert an der Hertie School of Governance, Berlin.
Inhaltsangabe
Inhalt Vorwort7 Einleitung: Behördenversagen mit Todesfolge9 Die Loveparade
Katastrophe vom 24. Juli 201023 1Charakteristik des Falles23 2Gang der Ereignisse29 3Fallanalyse82 3.1Wendepunkte und kritische Weggabelungen84 3.2Notwendige Bedingungen der behördlichen Fehlentscheidungen88 3.3Kausale Mechanismen98 4Zusammenfassung und Schlussfolgerungen108 Der Einsturz der Eislaufhalle in Bad Reichenhall am 2. Januar 2006113 1Charakteristik des Falles113 2Gang der Ereignisse116 3Fallanalyse133 3.1Wendepunkte und kritische Weggabelungen133 3.2Notwendige und hinreichende Bedingungen135 3.3Kausale Mechanismen146 4Zusammenfassung und Schlussfolgerungen155 Vernachlässigung der Kindeswohlsicherung: Der Tod der kleinen Yagmur159 1Charakteristik des Falles159 2Gang der Ereignisse160 3Fallanalyse194 3.1Wendepunkte und kritische Weggabelungen195 3.2Notwendige und hinreichende Bedingungen200 3.3Kausale Mechanismen206 4Zusammenfassung und Schlussfolgerungen215 Der Fehlschlag der polizeilichen Ermittlungen bei der Aufklärung der NSU
Morde219 1Charakteristik des Falles219 2Gang der Ereignisse222 3Fallanalyse246 3.1Wendepunkte und kritische Weggabelungen, notwendige und hinreichende Bedingungen250 3.2Kausale Mechanismen254 4Zusammenfassung und Schlussfolgerungen265 Ein vorläufiges Resümee: Verhandelbare Sicherheit und Prävention275 Anhang Abkürzungen304 Abbildungsverzeichnis306 Literatur308 Internet
und Medienquellen314 Amtliche Dokumente315 Dokumentenverzeichnis Loveparade317
Rezensionen
Besprechung von 17.04.2018
Aus Fehlern lernen
Wenn der Staat versagt

Die Klagen über engstirnige, penible öffentliche Verwaltungsangestellte gehört zu den beliebtesten Gesprächsthemen, hat doch nahezu jeder hierzu eine Geschichte zu erzählen. Das Buch von Wolfgang Seibel, Kevin Klamann und Hannah Treis zeigt dagegen, wie wichtig eine gewissenhafte öffentliche Verwaltung ist. Abweichungen von der Norm bürokratisch-rechtsstaatlicher Organisation, so ihre zentrale These, erhöhen das Risiko von Fehlleistungen mit möglicherweise katastrophalen Folgen.

Vier spektakuläre Fälle von Verwaltungsversagen stehen im Mittelpunkt der Untersuchung. Zunächst geht es um das Desaster der Loveparade in Duisburg am 24. Juli 2010, bei dem es 21 Todesopfer und 652 Verletzte gab. Im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr wollte der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland, dass das Massenspektakel der Pop-Musik, das eine hohe mediale Aufmerksamkeit versprach, auf einem stillgelegten Bahngelände in Duisburg stattfand. Schon in der frühen Planungsphase hatten die Experten der Stadtverwaltung darauf hingewiesen, dass das ausgewählte Gelände für die erwarteten Besucherströme viel zu klein sei, zudem gebe es keine geeigneten Zugänge. Der Oberbürgermeister und leitende Beamte der Stadtverwaltung allerdings setzten sich unter politischem Druck über diese Bedenken hinweg und genehmigten die Veranstaltung. Die Sicherheitsvorschriften der Sonderbauverordnung von Nordrhein-Westfalen wurden hierbei bewusst ignoriert.

Strukturell ähnlich waren die Ursachen des Einsturzes der Eislaufhalle in Bad Reichenhall am 2. Januar 2006, bei dem 15 Menschen getötet und 34 verletzt wurden. Die schon lange notwendige und auch vom Rat der Stadt beschlossene Sanierung des Daches der Halle war von Verwaltungsbeamten und dem Bürgermeister angesichts der zu erwartenden hohen Kosten verzögert worden. Hätte die Verwaltung nach Recht und Gesetz gehandelt, wäre der Einsturz der Halle verhindert worden.

Erschütternd ist der Fall des Hamburger Mädchens Yagmur, das am 18. Dezember 2013 im Alter von drei Jahren an den Verletzungen starb, die ihm in der Wohnung seiner Eltern zugefügt worden waren. Vorangegangen waren Fehlbeurteilungen von Standardrisiken und mangelnde Aufmerksamkeit der Jugendbehörden in Hamburg. Im Unterschied zu den Fällen in Bad Reichenhall und Duisburg war es hier allerdings nicht politischer Druck, der dazu führte, dass sich Teile der Verwaltung über Vorschriften und geltendes Recht hinwegsetzten. Vielmehr führen die Autoren die Katastrophe auf mangelndes Verantwortungsbewusstsein der Amtsleitung zurück, die den Fall des Mädchens nicht mit der notwendigen Sorgfalt behandelt habe.

Schließlich werden auch die Morde der "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) genannten Terrorgruppe an Einwanderern und einer Polizistin zwischen 2000 und 2007 untersucht. Auch hier sehen die Autoren primär politische Gründe für das Verwaltungsversagen. Das föderale System der Bundesrepublik mit der Teilung von Polizeikompetenzen auf Länder- und Bundesebene und die hieraus entstehenden Rivalitäten hätten sich als schädlich erwiesen. Die Polizeiexperten auf Landes- und Bundesebene hatten bei den politisch Verantwortlichen darauf gedrungen, die Ermittlungen zusammenzuführen, insbesondere der bayerische Polizeipräsident und der Präsident des Bundeskriminalamtes hatten dies aber zu verschiedenen Zeitpunkten verhindert. So wurden die vorhandenen Ermittlungsergebnisse nicht zusammengeführt und die Zusammenhänge zwischen den Mordanschlägen in verschiedenen Bundesländern lange nicht erkannt.

Die vier Fallstudien beeindrucken durch die empirische Exaktheit und nüchterne Analyse. Es geht den Autoren ausdrücklich nicht darum, strafrechtliche Ermittlungen zu ersetzen oder spektakuläre Fälle von Behördenversagen anzuprangern. Im Zentrum des Buches steht das Interesse der Verwaltungswissenschaftler nach Ursachenforschung für die Fehler der Verwaltung und das Bemühen, aus diesen Fehlern zu lernen. Gleichzeitig gelingt es ihnen, Verständnis für das für Außenstehende bisweilen umständliche Handeln von Verwaltung und den Akteuren in den Ämtern zu wecken.

GUIDO TIEMEYER

Wolfgang Seibel/ Kevin Klamann/ Hannah Treis: Verwaltungsdesaster. Von der Loveparade bis zu den NSU-Ermittlungen. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2017. 320 S., 29,95 [Euro].

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