Spiegelland - Drawert, Kurt
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Kurt Drawerts «Spiegelland» ist ein zentraler und furios-schöner Roman über die persönliche und politische Zäsur des Endes der DDR und eine hoch belastete Vater-Sohn-Beziehung, über die Formen der Zurichtung von Geist und Körper und deutsche Unterdrückungsgeschichte. Poetisch, radikal, erschütternd, komisch und ein Fanal des Widerstands der Literatur.
Unmittelbar nach dem Ende der DDR schrieb Kurt Drawert den Roman «Spiegelland», der eines der eindrucksvollsten und bedeutendsten Zeugnisse über die historischen und biografischen Brüche ist, die diese dramatische Zäsur in unserer Geschichte
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Produktbeschreibung
Kurt Drawerts «Spiegelland» ist ein zentraler und furios-schöner Roman über die persönliche und politische Zäsur des Endes der DDR und eine hoch belastete Vater-Sohn-Beziehung, über die Formen der Zurichtung von Geist und Körper und deutsche Unterdrückungsgeschichte. Poetisch, radikal, erschütternd, komisch und ein Fanal des Widerstands der Literatur.

Unmittelbar nach dem Ende der DDR schrieb Kurt Drawert den Roman «Spiegelland», der eines der eindrucksvollsten und bedeutendsten Zeugnisse über die historischen und biografischen Brüche ist, die diese dramatische Zäsur in unserer Geschichte zugleich hervorgerufen und sichtbar gemacht hat.
Mit einem eigenwilligen poetischen Furor, der einen mitunter an Thomas Bernhard denken lässt, schreibt Drawert in diesem radikalen und ergreifenden Text, der vor allem auch die Geschichte einer scheiternden Vater-Sohn-Beziehung ist, gleichzeitig über die Mechanismen der Repression in der DDR, hinter denen eine lange deutsche Unterdrückungshistorie steckt. In der Beschreibung des Vaters und damit auch des «Autoritären Charakters» wird ein deutsches Trauma kenntlich, auch wie die Sprache der Zurichtung funktioniert und wie sich die poetische Sprache ihr widersetzt. Wie schreiben sich Lebenszerstörung und -verarmung über sprachliche Formeln, Schweigen, Gesten, Züchtigung und Versagung in Geist und Körper ein? Und inwieweit ist große Literatur wie dieser Roman auch ein Akt des Widerstands und der Befreiung?
Mit dieser Ausgabe wird «Spiegelland», ein Text, der sich seine Frische und Wucht unverändert bewahrt hat, wieder zugänglich, ergänzt um einen Essay.
  • Produktdetails
  • Verlag: Beck
  • Seitenzahl: 159
  • Erscheinungstermin: 27. August 2020
  • Deutsch
  • Abmessung: 207mm x 129mm x 15mm
  • Gewicht: 192g
  • ISBN-13: 9783406755408
  • ISBN-10: 3406755402
  • Artikelnr.: 59220373
Autorenporträt
Kurt Drawert, geboren 1956 in Hennigsdorf bei Berlin, lebt als Autor von Lyrik, Prosa, Dramatik und Essays in Darmstadt, wo er auch das Zentrum für junge Literatur leitet. Bei C.H.Beck erschienen der Roman «Ich hielt meinen Schatten für einen anderen und grüßte» (2008), die gesammelten Gedichte «Idylle, rückwärts» (2011), «Schreiben. Vom Leben der Texte» (2012), «Was gewesen sein wird. Essays 2004-2014» (2015) und das Langgedicht «Der Körper meiner Zeit» (2016). Für seine Prosa wurde Drawert ausgezeichnet u. a. mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung, dem Uwe-Johnson-Preis, dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Werner-Bergengruen-Preis, für seine Lyrik u. a. mit dem Leonce-und-Lena-Preis, dem Lyrikpreis Meran, dem Nikolaus-Lenau-Preis, dem Rainer-Malkowski-Preis, zuletzt mit dem Robert- Gernhardt-Preis 2014. 2017 erhielt er den Lessingpreis des Freistaates Sachsen und war 2018 Dresdner Stadtschreiber.
Rezensionen

Perlentaucher-Notiz zur NZZ-Rezension

Auch Kurt Drawerts Roman "Spiegelland" hat Rezensent Michael Braun beeindruckt. Denn für den Kritiker ist Drawert der einzige namhafte deutsche Schriftsteller, der die Ideen der französischen (Post-)Strukturalisten Lacan, Foucault, Deleuze und Barthes in eine zusammenhängende ästhetische Theorie übertragen habe. Außerdem seien Drawerts Essays auch stilistisch von den Meisterdenkern geprägt, in ihrer Rätselhaftigkeit und "Verweigerung der geschmeidigen Meinungsfreude". Wie  Sprache mit Gewalterfahrung zusammenhänge, zeige Drawert in seinem neu aufgelegten essayistischen Roman "Spiegelland", so Braun. Es geht hier um die Traumata, die Kindheit und Jugend des Autors prägten: Wie der Autor vom Vater in den dunklen Keller gesperrt wurde und dort die Alphabetisierung als Schrecken erlebt habe, liest der Rezensent gleichermaßen mit Schaudern und Interesse.

© Perlentaucher Medien GmbH

Frankfurter Allgemeine Zeitung - Rezension
Frankfurter Allgemeine Zeitung | Besprechung von 02.02.2016

Schon wieder von der Geschichte betrogen
Kurt Drawerts neue Essays und sein Wenderoman "Spiegelland"

"Wie wurde aus dem wütend besessenen Schreiber, der die Texte um die Spirale seiner Befindlichkeit dreht und sie damit an sich und seine Privatwelt bindet, der Künstler, der seine Stoffe so weit von sich fernhalten kann, dass er dahinter als Künstler verschwindet und etwas besonderes Allgemeines schafft?" Fragen wie diesen geht der 1956 geborene Kurt Drawert im Essay "Emma - Ein Weg" nach. Diese Frankreich-Reise auf den Spuren von Flaubert und dessen "Madame Bovary" eröffnet "Was gewesen sein wird", eine Sammlung von Drawerts Essays, Reden, Interpretationen und Reisenotizen aus den Jahren 2004 bis 2014.

Wer Drawerts poetologische Studie "Schreiben - Vom Leben der Texte" (2012) gelesen hat, begegnet in den neuen Essays abermals diesem psychoanalytisch geprägten Blick auf Literatur und Gesellschaft. Dazu gehören die Annahmen einer engen Verzahntheit von Text, Körper und Sprache und dass Literatur dort ihren Ort finde, wo sie sich durch die Sprache an etwas dauerhaft Abwesendes anzunähern versucht. Drawerts Flaubert-Essay fördert auf dieser Grundlage erstaunliche Einsichten zutage und ist ein guter Einstieg auch für diejenigen, die das Werk des Franzosen entdecken wollen. Auch Aufsätze wie "Diktatur der Sprache, Sprache der Diktatur - Elf Versuche zu Viktor Klemperer" oder "Kafka lesen" zeigen Drawert als präzisen Analytiker, der Zusammenhänge zwischen einer bestimmten Weise literarischen Sprechens und einer speziellen gesellschaftlichen Verfasstheit offenlegt.

Die anhand der Person Flauberts diskutierte Frage nach der Genese des Künstlers kann aber auch als Leitfrage beim Blick auf Drawerts eigenes Schreiben dienen. Seinen autobiographisch grundierten Romanerstling "Spiegelland", erstmals 1991 bei Suhrkamp erschienen, hat nun der Wiesbadener Luxbooks-Verlags in durchgesehener, erweiterter Form und ergänzt um einen Apparat neu herausgebracht.

Der ursprünglich gewählte Untertitel "Ein deutscher Monolog" bezeichnet, was zugleich Problem und Faszinosum von "Spiegelland" ist, das die Geschichte einer Dichterwerdung erzählt: Der monologische Text, dessen Titel auf Lacan, Lewis Carroll, das Märchen von Schneewittchen und den Narzissmus anspielt, rechnet voller Wut mit dem Vater und dem Großvater als Mitläufer in DDR-Sozialismus und Nationalsozialismus ab. Er schwankt zwischen beschreibendem und reflektierendem Sprechen. Mal ergänzen sich Episodisches und Thesenhaftes, dann wieder scheinen sie sich gegenseitig zu verdrängen. Der Erzähler, der seine Sozialisation in der DDR schildert, will in seinem Monolog die Zeitläufte reflexiv durchdringen, die er als Ergebnis gesellschaftlicher Diskurse begreift. Er will sich hinausschreiben aus einem erstarrten sprachlichen System, das eine menschenverachtende Ideologie weiterträgt.

Der Wunsch des Erzählers, "die Dinge zu verlassen, die man um sich herum aufgebaut hat, das Bild zu verlassen, das sich die anderen von einem machen und dem man aus Gewohnheit entspricht", ist zunächst trotzige Rebellion in Form von wütendem Schweigen. Die Sprache, die das Kind von den Eltern gelernt hat, entlarvt der sensible Junge als unbrauchbar. Und seine Erinnerungen an die Versuche der Eltern, ihn durch Sprache zu disziplinieren, haben nicht selten etwas Tragikomisches: "Diese Schwierigkeit mit den Worten. Ich war aber auch ein zu blödes Kind. Der Nachbar schloss seinen Geräteschuppen auf, drehte sich zur am Gartenzaun jätenden Mutter. Ist es denn mit dem Lesen und Schreiben schon etwas besser geworden? Naja, stöhnte sie, wir üben gerade hundertmal ,Arbeiter- und Bauernstaat' und ,Revolution'."

Im Versuch des Erzählers, schreibend zu einer Sprache zu finden, die falsche Ideologien überwindet, bewegt sich der Roman weit aus konventionellen Erzählmustern hinaus. Einsamkeit und Ausgesetztheit des Erzählers gehen auf den Leser über. Bisweilen stellen sie hohe Anforderungen an dessen Einfühlungs- und Vorstellungsvermögen. In der ihm von Drawert zugedachten Rolle als "Ohr des Vaters" bleibt im Leser "die Antwort auf die Frage des Schreibenden begraben. Aber sie ist, was der Schreibende nicht weiß, auch wieder nur eine Frage."

Es ist nicht leicht, dieser komplexen Wucht des Sprechens lesend beizukommen, die befremdlich und plausibel zugleich ist, indem sie dem Leser genau das abverlangt, was der Erzähler von sich selbst fordert. Drawerts Text postuliert, dass die Revolution in Ostdeutschland keine echte Wende mit sich bringen konnte, sondern eine von Anfang an zum Scheitern verurteilte gewesen ist, da sie "die Sprache des Systems nicht verließ und lediglich versuchte, sie umzukehren, so dass das System kein gestürztes System, sondern ein lediglich umgekehrtes System geworden ist".

Das Verkehrte, so zeigt "Spiegelland", bleibt verkehrt, wenn man seine Ursachen nicht ergründet, selbst wenn man es vom Kopf auf die Füße stellt: "Der gute Politiker war nun mehr der schlechte Politiker, der Revolutionär der Oppositionelle, die stolzen Väter wurden gebrochene Väter wie die gebrochenen Söhne stolz ihre Väter verließen, und der Entnazifizierung folgte die Entstalinisierung, die Begriffe lösten einander ab nach einer Mechanik, die gleich blieb, für eine Generation bekommt das Leben einen Bruch, für eine ältere Generation einen doppelten Bruch, die einen fühlen sich zum ersten Mal von der Geschichte und ihren Führern betrogen und die anderen werden abermals von der Geschichte und ihren Führern betrogen werden."

Dem Autor aber geht es angesichts dieser Situation zweifellos darum, schreibend die Sprache des Landes in eine Sprache der freier Denkenden und Sprechenden zu wandeln. Oder, in den Worten des Erzählers: "Die Sprache ist das einzige Medium, durch das sich Erfahrungen machen und Erkenntnisse finden lassen können. Nur durch sie entgehen wir der rohen Natur und ihrer gnadenlosen Linearität."

BEATE TRÖGER

Kurt Drawert: "Was gewesen sein wird". Essays 2004 bis 2014.

Verlag C. H. Beck, München 2015. 295 S., geb., 22,95 [Euro].

Kurt Drawert: "Spiegelland". Roman.

Prosa und Material.

Luxbooks, Wiesbaden 2015. 600 S., br., 24,80 [Euro].

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